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Der Weg des Erwachsenwerdens

Einfühlsam hat der Schriftsteller und Journalist Stefan Meetschen seine Romanfigur Mattes durch eine aufregende Zeit begleitet. Sie bringt Neues hervor und lässt Altes
sterben. Beides ist schwer und voller Möglichkeiten zugleich. Diese Initiation, nämlich Loslassen und Ergreifen, ist im Roman sensibel, aber spannend beschrieben..

Initiation Stefan Meetschen, Das Mädchen in Blau. Roman einer Initiation
Stefan Meetschen, Das Mädchen in Blau. Roman einer Initiation – Foto: Peter Winnemöller

Mit seinem neuen Roman „Das Mädchen in Blau“ hat Stefan Meetschen die Geschichte einer Initiation komponiert. Es ist ein sensibler und einfühlsamer Roman, der den Leser fast vierzig Jahre in die Vergangenheit entführt. Mattes hat im Jahr 1988 gerade Abitur gemacht und erlebt den für jeden auf andere Art zauberhaften Sommer nach dem Abitur. Vor dem Urlaub in Südfrankreich, den er mit seinem Freund Alex geplant hat, steht ein lausiger Job in einer Getränkefabrik. Stefan Meetschen zeichnet auch hier ein realistisches Bild, wie in dieser Zeit der Weg in die Freiheit aussah. Vor dem Vergnügen stand die Arbeit.

Es ist ein bürgerliches Milieu in der deutschen Provinz, dem Mattes entstammt und dem er zu entfliehen sucht. Auch das trifft in geradezu zauberhafter Weise die Stimmung der Zeit. Der junge Mann träumt von einem Studium der Theaterwissenschaft und einer Zukunft als Schriftsteller. Nicht nur da schimmern autobiografische Züge des Schriftstellers durch.

Immer auch die Liebe

Es wäre kein Initiationsroman, käme nicht die Liebe vor. Sie zeigt sich, stets einfühlsam geschildert, in ihrer romantischen wie auch lustvollen Art, am Ende nimmt sie auch noch die abenteuerliche Gestalt an, in der sie auch auftreten kann. Romantisch ist es mit der jungen Holländerin Novelle, der ersten großen Liebe, die Mattes in Antibes am Strand kennenlernt. Es ist die Zeit, in der Europa wirklich beginnt zusammenzuwachsen und Grenzen nach und nach ihre Bedeutung verlieren. Nur vier Jahrzehnte vorher wäre eine romantische Begegnung der beiden geradezu undenkbar gewesen. In dieser Romanze, aber auch in zahlreichen anderen Facetten, trifft Stefan Meetschen die Stimmung der Zeit.

Dazu gehörte auch, sich mit dem Thema Wehrpflicht zu befassen. Mattes geht nach dem Urlaub in Holland und einem Aufenthalt in England zur Bundeswehr. Axel, der nach dem gemeinsamen Urlaub nur an einer Schlüsselstelle des Romans noch einmal auftaucht, experimentiert mit Drogen und entscheidet sich für den Zivildienst. Der Weg nach England führt Mattes auf die Fähre von Hoek van Holland über den Kanal. Als junger Mensch reiste man zu der Zeit so, mit dem Zug, mit der Fähre und mit dem Bus. Es ging langsamer, doch der Weg war dafür von mehr Eindrücken erfüllt.

Konfrontation mit Gott

Der Held des Romans begegnet hier einem Christen, einem Pater, der ihm einen Rosenkranz schenkt. Auch die Religion gehört zur Initiation eines Menschen, denn an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht die Sinnfrage. Stefan Meetschen führt seinen Protagonisten immer wieder an religiöse Erfahrungen heran. Die Frage nach Gott bleibt für Mattes offen, aber im ganzen Roman präsent. Der Glaube wird nicht romantisiert, sondern in der Gestalt einer Anfrage an den Menschen gezeigt. Auch hier bleibt der Roman einfühlsam in der Wirklichkeit menschlichen Lebens.

Es folgt ein Auf und Ab der Höhen und Tiefen, die menschliches Leben ausmachen. Mattes erlebt Aufbruch, Verlust und Tod. Er lernt Menschen kennen, die ihn voran bringen, wie einen Feldwebel, der sich als Christ outet und ihm beim Bund einen Job verschafft, der ihn mit dem Dienst versöhnt. Ihm geht mit Hilfe einer früheren Lehrerin auf, dass er begabt ist und er bewirbt sich um ein Stipendium. Es ist dies Erkennen, wozu man fähig ist und welche Begabungen einem gegeben sind, das auch zur Initiation gehört. Das Kind tut, was es tun soll. Der Erwachsene lotet seine Chancen und Grenzen aus. Mattes stolpert förmlich in die Entfaltung seiner Möglichkeiten hinein und bekommt ein Stipendium, was ihn dann auch der wirtschaftlichen Sorgen entbindet. Der Weg ins Studium ist frei.

Berlin und der Fall der Mauer

Die letzte Station des Romans führt Mattes ins Studium nach Berlin in der Zeit unmittelbar um die Wende. Die Studienwahl ist abenteuerlich und wird dem Charakter des Protagonisten gerecht. Die Nacht des Mauerfalls wird auch für Mattes persönlich zu einer Nacht, in der für ihn eine Mauer fällt. Der morgen danach beendet den Roman. Das Licht des Tages beleuchtet den Beginn des Weges nach der Initiation. Nicht, dass es nun weniger abenteuerlich würde, doch hier zwingt uns der Autor Mattes zu verlassen. Und dies Verlassen ist nicht selten ein Nachdenken, wann bei einem selbst eigentlich diese Mauer zwischen Kindheit und Erwachsensein gefallen ist.

Das Mädchen in Blau trägt in sich die Geschichte einer Zeit, die unsere Gegenwart maßgeblich geprägt hat. Es ist auch eine Initiation für ein Land, das in einer Nacht eine unüberwindliche Mauer überwand. Stefan Meetschen hat Figuren geschaffen, die einen an die Hand nehmen und an ihrem Weg teilhaben lassen. Dabei bleibt in jeder Situation ein kleiner Schleier, der den Protagonisten schützt und dem Leser seine Freiheit lässt. Man könnte es auch Diskretion nennen. Da wo es zu intim würde, setzt er eine Blende ohne deshalb prüde zu werden.

Ein bewegtes Bild

Am Ende des Romans, der auf jeder Seite spannend bleibt, trägt der Leser ein Gemälde in seinem Kopf, das wohl für jeden anders aussieht, wie es bei einer guten Geschichte sein soll. Doch gerade die Generation, die in ähnlichem Alter wie Mattes diese Zeit erlebt hat, findet im Roman auch eigene Gefühle und eigene Erinnerungen wieder. Das Déjà-vu wird zart angestupst und darf aus sich selbst heraus klingen. Aber mehr noch, man möchte das Buch jedem Abiturienten unserer Zeit in die Hand geben. Nicht weil früher alles besser war, sondern kennenlernen des Fremden beim Verstehen hilft. In der Sanftheit seiner Erzählweise kann dieser Roman einer jungen Generation den Weg in die Köpfe ihrer Eltern öffnen.

Stefan Meetschen
Das Mädchen in Blau.
Roman einer Initiation
Ruland Verlag
978-3-88509-192-9

Erschienen am 5. Juni 2026