Zombiealarm in Berlin

Die Zombies sind auferstanden – aus Ruinen. Im Grunde hielt man so etwas einfach gar nicht mehr für möglich. Da wird in Berlin ganz öffentlich auf einer Bühne dazu aufgerufen, Menschen „mitten ins Gesicht zu schießen“. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Glaubten wir doch allen Ernstes, diese Zeit sei überwunden.

Wir schießen heute in unsrem Land niemandem mehr ins Gesicht. Wir schießen auch niemandem mehr in den Rücken, der unser Land verlassen möchte. Selbst der übelste Schurke und der grausamste Mörder können in diesem Land darauf vertrauen, daß man ihre Menschenrechte achtet. Ja, der Staat bestraft Mörder und Schurken. Das ist nicht nur sein Recht, das ist seine Pflicht, will er sich selber erhalten und nicht in Anarchie untergehen. Aber ihnen wird nicht ins Gesicht geschossen. Definitiv! Und das ist richtig so.

Freiheit wird im Namen der Freiheit missbraucht

Wir haben viel erreicht und große Freiheiten errungen. Auch Kunst und Meinung sind frei. Niemand muß eine Zensurbehörde fürchten, die seine Werke und letztendlich seine berufliche Existenz in staatlichem Auftrag vernichten kann. Doch es ist ein Risiko der Freiheit, daß es immer diejenigen gibt, die diese Freiheit im Namen der Freiheit übel mißbrauchen. Dann wollen sie Menschen, die anders denken als sie selber „mitten ins Gesicht schießen“.

Welch eine erbärmliche Ansammlung aus Minderwertigkeitskomplexen und Gewaltphantasien sich darin ausdrückt, ist erschreckend. Der politische Gegner wird dann unter dem Vorwand „Kultur“ schaffen zu wollen zum Zombie erklärt, der untot, wie er nun mal ist, ins Reich der Toten zurück geschickt werden muß. Die das tun sind selber Zombies, aus rot-braunen Gräbern haben sie ihren stinkenden Torso gequält und geistern durch ein Land, das längst hoffte solches vergessen zu dürfen. Welch ein dramatischer Fehler!

Gewaltaufruf als sogenannte Kunst

Wer auf solche Art Kultur schafft, kann sich stunden- und tagelang die Hände im gleichen Wasser waschen, wie es einst Pilatus tat. Ein Aufruf zur Gewalt ist auch unter dem Vorzeichen, „Kultur“ schaffen zu wollen, ein Aufruf zur Gewalt. Und nur zu schnell finden sich die, die diesem Aufruf nur zu willig folgen. Wie blind muß man sein, wenn man das nicht sieht? Es wird ganz und gar absurd, wenn ein Gericht in einem Land mit einschlägiger Vorgeschichte solcherart „Kultur“ sich zu schützen berufen fühlt. Wenn ein Landgericht in Deutschland es wirklich als schützenswerte Kultur ansieht, von der Theaterbühne aufzurufen, „Menschen mitten ins Gesicht zu schießen“, dann schießen wir womöglich den Menschen bald wirklich wieder ins Gesicht oder in den Rücken, wenn sie die falsche politische Meinung vertreten oder einfach nur (wo)anders leben wollen.

Falk Richter wird sein Stück weiter zeigen dürfen. Er darf weiter die Fahndungsfotos derer zeigen, denen er ins Gesicht schießen lassen will. Der Hype um Falk Richters Theaterstück „Fear“ ist im Grunde völlig überzogen. Kein Kritiker mit wirklichem Kulturverständnis wird dem Stück eines Zombies aus dunkelsten Zeiten deutscher Geschichte irgendetwas abgewinnen können. Es ist keine Sünde schlechtes Theater zu machen. Das hat es zu allen Zeiten gegeben. Niemandem wird übrigens deswegen „mitten ins Gesicht geschossen“. Doch es ist ein Unding, die Bretter, die die Welt bedeuten, dazu zu verwenden,  Mordaufrufe kulturell zu verbrämt in die Welt zu schleudern.

Richter produziert vorterroristisches Schmierentheater

Was Falk Richter in Berlin auf die Schaubühne gebracht hat, ist vorterroristisches Schmierentheater. Nicht mehr und nicht weniger. Jeder Mensch, der einen Hauch von  Anstand und demokratischer Kultur im Leibe hat, wendet sich von solchem Tun mit Grausen ab. Eine Gesellschaft, der Kultur etwas bedeutet, kann nur kulturell darauf antworten. Und nicht anders! Eine Gesellschaft mit hedonistischer Skandalsucht, wird der Schaubühne die Karten nur so aus den Händen reißen. Welche Art Gesellschaft sind wir geworden? Eine Gesellschaft mit politischer Kultur oder eine Gesellschaft, in der man „Menschen mitten ins Gesicht schießt“?

Wir müssen uns entscheiden.

Autor: Peter Winnemöller

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