Westliche Hybris

Wie können wir den Terrorismus stoppen? Diese Frage treibt Politik und Gesellschaft um, doch sie ist falsch gestellt.
Den Terrorismus stoppen können nur die Terroristen. Tun sie es nicht, können wir nur die Terroristen stoppen. Wenn sie uns angreifen, dürfen wir uns selbstverständlich verteidigen. Das moralisch infrage zu stellen, ist schlicht Unsinn. Die große Frage ist: wie?

Zum einen können wir sie bekämpfen. Das können wir hier vor Ort und dort, wo sie herkommen. Keiner wünscht sich das, doch jeder würde einen Angreifer, der ihn oder seinen Bruder töten will, ohne Zögern niederstrecken. Mit Recht. Ihn danach zu verarzten, wenn das noch geht, und ihm einen fairen Prozess zu machen, ist ein Gebot der Nächstenliebe und Gott sei Dank auch eines unserer westlichen Verfassungen. Gut so.
Zum anderen können (und müssen!) wir versuchen, zu verhindern, dass Menschen zu Terroristen werden. Das ist gut für uns und gut für diese Menschen. Und wieder die Frage: wie?

Wir sind schuld! Sind wir schuld?

Als Antwort wird nach den Gründen gesucht, aus denen jemand zum Terroristen wird. Diese Suche geht mit einer Art politischer Demutsübung einher: Offen für eigene Fehler suchen wir die Schuld bei uns selbst, da es unmoralisch ist, andere für irgendetwas zu beschuldigen. Doch diese Denkweise ist in Wahrheit alles andere als demütig und offen: Wenn ich ernsthaft glaube, der Fehler, den ein ausländischer Selbstmordattentäter begeht, liege letztlich bei mir begründet, muss ich mich für den Nabel der Welt und den Rest der Menschheit für meine Marionetten halten. In jeder anderen Logik erscheint diese Idee absurd, doch genauso denken große Teile unserer Gesellschaft.

Ich kann der Meinung sein, die westliche Präsenz, sei sie wirtschaftlich oder militärisch, zerstöre andere Kulturen und bringe Terroristen hervor. Genauso gut kann ich sagen, noch viel mehr Intervention in den Herkunftsländern der Terroristen sei notwendig. Gleich welcher Argumentation ich folge: die Lösung des Problems, davon sind wir alle überzeugt, liegt bei uns. Wie könnte es anders sein? Sind wir doch daran gewöhnt, die Probleme der Welt zu lösen. Eines steht doch fest: die Welt wird nur gut, wenn sie ist, wie wir sind: demokratisch, tolerant und offen für alles. Alles und jedes darf bekämpft werden, nur wir und unsere Vorstellungen nicht. Wir sind Ursache und Grund für alles. Und so benehmen wir uns auch. Deswegen exportieren wir erst unsere „Werte“ und dann Waffen zu ihrer Verteidigung. Das ist geistiger Kolonialismus.

Kein vernünftiger Mensch will so werden wie wir sind

Was auch immer geeignete Maßnahmen sind: der Westen muss als erstes seinen falschen Hochmut aufgeben. Er muss erkennen: unsere vermeintliche Überlegenheit ist Einbildung. Kein (vernünftig denkender) Mensch vom „Rest der Welt“ will sein, wie wir: Wer außer uns betrachtet kaputte Familien, die für den Arbeitsmarkt geschleift wurden, als Errungenschaft? Wer den Verlust der eigenen Identität bis hin zur Geschlechtslosigkeit? Oder radikalen Individualismus von Individuen, die jedes für sich ganz individuell politisch korrekt, trendy und gleich sind? Wer vertraut jemandem, der seine Konsumgüter billig im Ausland produzieren lässt, auch wenn die Menschen dort dann hungern? Oder jemandem, der seine Entwicklungshilfe an die Übernahme von Ideologien wie Gender koppelt? „Übernimm meine Meinung, oder du musst leider verhungern!“ sagt der Westen heute, und wendet sich zugleich vollmundig gegen jede Unfreiheit in der Welt. Kein Mensch will sein, wie wir. Nicht einmal wir selbst, wie die Auflösungserscheinungen unserer Kultur zeigen.

Wenn wir uns für den Heilsbringer halten, der das Wertesystem schlechthin notfalls mit üblem Druck vertritt, aber zugleich nicht wissen, ob wir uns selbst überhaupt verteidigen dürfen, sind wir für Terroristen leicht zu provozieren und zu erschüttern, doch für den Rest der Welt nicht berechenbar. Jede militärische Option kann so zum Selbstmordkommando werden, denn sie steht auf einer Basis, die keine ist. Sie zeigt Stärke, wo nichts dahintersteht. Ihre einzige Rechtfertigung ist, dass es noch gefährlicher erscheint, nichts zu tun. Armer Westen!

So wie bisher, kann es nicht weitergehen

Niemand weiß, was passiert, wenn der Westen in sich geht. Wenn er Bündnisse mit Diktaturen beendet, Knebelverträge stoppt und auf so manchen Billigimport verzichtet. Niemand weiß, was innenpolitisch passiert, wenn sich die demokratischen Staaten auf ihre Wurzeln besinnen, anstatt mit dem Fundamentalismus gleich die eigenen Fundamente zu bekämpfen. Doch jeder kann sehen, was passiert, wenn wir weitermachen, wie bisher: Instabilität, Flüchtlingsströme und Terrorismus sind erst der Anfang. Nicht weil wir der Grund für all das sind, sondern weil wir zum Ziel werden. In einer Welt, die uns zum eigenen Schutz immer stärker ausgrenzt, doch unser Geld noch gut gebrauchen kann, bevor wir uns selbst auflösen. Mitleid ist nicht angebracht, denn wenn wir die Kurve nicht mehr kriegen, werden wir überzeugt sein, unsere Auflösung sei der Gipfel der Werte.

Autor: Bastian Volkamer

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