Weihnachten: Überstanden?

Für die meisten ist Weihnachten vorbei, noch ehe es überhaupt begonnen hat. Kein Wunder, dass das keinen Spaß macht.

Den Satz, der sich für mich über die Jahre zur unpassendsten Weihnachtsfrage gemausert hat, haben Sie bestimmt auch schon in diesen Tagen gehört, vielleicht haben Sie ihn sogar benutzt (ich selbst kann mich auch nicht davon frei sprechen, dass er mir zumindest in den Sinn kam). Unter Kollegen, Freunden, Familienangehörigen hört man ihn an den Tagen nach Weihnachten und jetzt auch nach Neujahr immer wieder, und wenn ich ihn höre, frage ich mich unwillkürlich, was eigentlich schief gegangen ist, dass diese Frage so normal erscheint. Und das bei einem Fest, bei dem wir die Menschwerdung Gottes feiern, der uns dadurch erlöst hat. Die Frage lautet: „Und, alles gut überstanden?“

Wie kann man das Geburtsfest Christi wie einen Unfall „überstehen“?

„Überstehen“, davon spricht man sonst eher bei Krankheiten oder Unfällen, wenn es um glückliche Umstände geht noch bei einer Geburt: Mutter und Kind haben die Geburt gut überstanden, und auch der Vater ist wohlauf! Eher aber kennt man die Formulierung aus Zusammenhängen wie: Nach seinen schweren Verletzungen hat das Opfer auch die dritte Operation gut überstanden. Wenn es überhaupt um Festivitäten geht, dann sind es eher die ungewollten, die man so – mit einem Augenzwinkern – beschreibt: Na, den 80. Geburtstag von Tante Trude gut überstanden? Aber die Feier der Geburt Jesu? Wie kann es sein, dass diese Feier bei vielen – durchaus auch bei Christen – in die gleiche Kategorie fällt wie ein Unfall oder ein ungeliebter Verwandtenbesuch?

Es mag damit zu tun haben, wann für die meisten die Weihnachtszeit anfängt: Der Einzelhandel bereitet ab spätestens 1. November, also nach „Halloween“ das Fest vor: Weihnachtsschmuck, Lebkuchen, weihnachtliche Stimmungsmusik. Mit dem 1. Advent starten spätestens die Weihnachtsmärkte, dann können sich auch die letzten nicht mehr dem Weihnachtstrubel entziehen. Das soll keine Gesellschaftskritik sein, die Welt ist so, wie sie ist, und wer sich darauf einlässt, tut das auch freiwillig. Das, was allerdings mal eine adventliche Fastenzeit war, wohl auch eine Zeit der Vorfreude auf Weihnachten, wird heute schon als Weihnachtszeit betrachtet, die aber eigentlich erst mit dem 25.12. beginnt.

Es mag auch mit den Vorstellungen davon zu tun haben, wie Weihnachten zu sein hat. Wer hat nicht selbst wunderbare Erinnerungen an Weihnachtsfeste seiner Kindheit im Hinterkopf: Weiße Weihnachten, Kindermesse und Krippenspiel, Wir warten auf’s Christkind, das Haus riecht nach Nüssen und Gebäck, Omas und Opas sind besonders feierlich gekleidet und orakeln etwas vom Christkind, das durch ein leises Klingeln aus dem Wohnzimmer seine Geschenke ankündigt. Diese Vorstellung von Weihnachten hat wiederum nur beschränkt etwas mit dem eigentlichen Weihnachtsereignis zu tun, aber schöne Erinnerungen sind es dennoch. Das Problem ist nur: Erstens sah die Welt für die vorbereitenden Erwachsenen unserer Kindheit auch schon ganz anders aus, und außerdem haben diese verklärten Erinnerungen auch nur entfernt etwas mit der damaligen Realität zu tun. Man jagt also einer Kindheitserinnerung hinterher, die es in der Realität so gar nicht gegeben hat. Kein Wunder, dass sie auch heute nicht zur Realität wird, und sich anschließend ein Gefühl der Enttäuschung und – vor allem – Erschöpfung einstellt, nach all den Anstrengungen der Vorbereitung, die doch nicht das gewünschte Ergebnis gebracht haben.

Wer Weihnachten liturgisch korrekt begeht, wirkt aus der Zeit gefallen

Und jetzt ist eben Weihnachten für die meisten vorbei, wo es doch – aus Sicht des Kirchenfestes – gerade erst begonnen hat. Aber die Auslagen der Supermärkte mussten schon direkt am 28.12. für Silvesterangebote Platz machen und selbst die werden jetzt durch Karnevalsartikel ersetzt. Aus der Zeit gefallen erscheinen da fast die Kirchen, in denen die Weihnachtsbäume erst in der Nacht zum 25.12. illuminiert wurden, und in denen die Bäume und Krippen nun auch noch mindestens bis zur Taufe des Herrn am 10.01. stehen bleiben. Die Weihnachtsbeleuchtung in den Einkaufszonen sind dann schon lange wieder abgeschaltet, Lebkuchen werden Sie nur noch in irgendwelchen Restposten zu kaufen bekommen … aber die liturgische Weihnachtszeit geht tatsächlich noch bis zum nächsten Sonntag! Früher ging diese Zeit gar bis Maria Lichtmess, oder „Darstellung des Herrn“, was sicher auch heute keine schlechte Idee wäre, um Weihnachten tatsächlich voll auszukosten. Lichtmess ist aber zum Beispiel 2016 am 02. Februar, während am 08. Februar bereits Rosenmontag ist – wer will denn in den paar Tagen alle Karnevalsvorbereitungen treffen?

Also muss sich Weihnachten, mitsamt all den Vorstellungen, die wir davon haben, in ein enges Zeitraster von Feiertagen und gesellschaftlichen Gelegenheiten fügen, reduziert sich auf die gesetzlichen Feiertage, die arbeitsfreien Tage. 2016 gibt es darum eigentlich – weltlich betrachtet – nur einen einzigen Tag Weihnachten: Montag, den 26.12., der Rest sind „normale“ Arbeitstage. Das verspricht, noch ein bisschen hektischer zu werden, wenn man da alle Verwandten- und Freundesbesuche unterbringen muss, und am Ende wird man sich wieder erschöpft fragen: Na, Weihnachten gut überstanden?

Christen sollten weiterfeiern

Nein, man muss sich nicht völlig entweltlichen. Es gehört für einen Christen dazu, in der Welt, wenn auch nicht von der Welt, zu sein. Aber gerade Feiertage wie Weihnachten bieten auch eine Gelegenheit des Zeugnisses: Feiern wir also Weihnachten einfach noch ein bisschen weiter. Lassen wir den Baum einfach noch stehen, auch wenn er schon heftig nadelt und die örtliche Müllabfuhr den Abholtermin schon auf die erste oder zweite Januarwoche gelegt haben sollte. Lassen wir vor allem die Krippe noch stehen, um das Kind im Stall betrachten zu können. Und gewöhnen wir uns die Frage ab, ob jemand Weihnachten gut überstanden hat. Es gibt so viel schönere Fragen, die man stellen kann, mit denen man den Blick vielleicht auch auf das eigentliche Weihnachtsgeschehen lenken kann: Feiert Ihr auch noch Weihnachten? Oder: Habt Ihr auch so ein schönes Weihnachtsfest gefeiert? Man riskiert, eine leicht genervte oder geseufzte Antwort zu erhalten, aber vielleicht kann man anschließend die Frage beantworten, warum man selbst so ein schönes Fest gefeiert hat … und immer noch feiert!

Autor: Felix Honekamp

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