Verschobene Maßstäbe: Jubel über Unsinn

Jammern auf hohem Niveau – das sind wir in Deutschland gewohnt. Die Jammernden selbst bestreiten das meist, doch die vielen Zuwanderer beweisen: Was uns oft schlecht oder zu wenig erscheint, ist anderen Anreiz genug, die Heimat zu verlassen. Man mag in der Flüchtlingsfrage stehen, wo man eben steht: Allein die Tatsache, dass man sich Sorgen um etwas im Lande macht, zeigt, dass es hier etwas gibt, das man behalten möchte. Jeder setzt da einen anderen Schwerpunkt, doch eines haben wir alle gemeinsam: Nach Syrien auswandern wollen wir nicht. Manche Diskussion wäre milder und menschlicher, würden sich die Teilnehmer vorher den Unterschied klar machen, der zwischen dem Leben hier und dem Leben in einem Kriegsgebiet besteht.
Nun liegt das Problem nicht darin, dass wir versuchen, die Dinge hier zu verbessern, wenn wir Fehler oder Schwächen entdecken. Vielmehr liegt es darin, dass wir darüber vergessen, dass vieles bereits sehr gut ist. Das kostet uns im Inneren Freude und nach außen hin Glaubwürdigkeit. Zudem werden wir systemblind: Verschieben sich die Relationen gegenüber den Tatsachen, beginnt man, Unsinn zu reden. Man schätzt die Lage falsch ein und entscheidet falsch.

Anders herum funktioniert es geradeso

Umgekehrt geht es genauso: Man kann den Gesamtzusammenhang auch über vermeintlich Gutes vergessen. Dann ist es kein Jammern auf hohem Niveau, sondern Feiern auf niedrigem. Die Folgen sind die gleichen: Unsinnige Schlüsse werden gezogen. Genau das passiert in diesen Tagen beim Betrachten der Bevölkerungsentwicklung. Die Geburtenrate steigt seit Jahren, wird gefeiert. Nie war sie seit der Wiedervereinigung so hoch wie heute! Die Maßnahmen greifen, weiter so! Jedoch: die Kinderzahlen, die hier gefeiert werden, liegen nach wie vor sehr sehr weit unter denen, die wir bräuchten, um unser zügiges Aussterben zu verhindern: „1,47 Kinder durchschnittlich pro gebärfähiger Frau“. (Anm.: Meiner Meinung nach sollte man weder Kinder noch gebärfähige Frauen als „durchschnittlich“ ansehen, doch auf dieser Ebene wird das Problem behandelt: ins Unmenschliche hinein abstrahiert und damit falsch.)
Das heißt im Klartext: Von 4 Paaren bleiben in der nächsten Generation noch knapp 3, und so geht es weiter. Faktisch eine Katastrophe. Diesen Zustand als Erfolg zu feiern ist absurd. Oder feiert man es, wenn ein ertrinkendes Kind satt 50 Meter nur noch 48 Meter vom rettenden Ufer entfernt ist und jeder sehen kann, dass es keine 10 mehr schwimmen kann? Feiert man die guten Bremsen eines Autos, das anstatt mit Hundert „nur“ mit Fünfundneunzig vor die Wand fährt? Wenn man verschobene Maßstäbe hat, dann tut man das. Denn dann schaut man nicht auf das Ganze, sondern auf den Einzelpunkt. Das Kind kommt näher, das Auto wird langsamer und die Geburtenrate steigt – für solche Erfolge kann man wiedergewählt werden, wenn man ein guter Verkäufer ist.

Leider ist das unser Alltag

Die Liste dieser falschen Freuden ist lang: Wir exportieren etwas weniger Waffen in Krisengebiete, beuten andere Länder und natürliche Ressourcen etwas weniger aus. Man könnte tausende Einzelpunkte nennen, alles als Erfolg verkauftes Übel. Es geht sogar bis ins Mathematisch Absurde: der Anteil der sprachgestörten Kinder steigt langsamer. Da würde man den Autofahrer mit Kurs auf die Wand sogar dafür loben, dass er nur noch wenig beschleunigt.

Diese ganzen Dinge sind im Grunde unglaublich dumm. Genauso dumm sind wir, lassen wir uns darauf ein, auf dieser Basis zu diskutieren. Was ist vom Intellekt derer zu halten, die aufgrund solcher Entwicklungen messerscharf schließen, KiTas seien ein Erfolgsmodell?

Autor: Bastian Volkamer

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