„Unwort“: Warum „Unwort“ ein Unwort ist

Wer ein „Unwort“ kürt, pflegt nicht weniger als einen totalitären Anspruch und behindert den Meinungsaustausch.

Vermutlich bin ich nicht der erste mit einer solchen Pointe, aber mein Favorit für das Unwort des Jahres 2016 ist schon jetzt das Wort „Unwort“. Begründung: Mit der Bezeichnung als „Unwort“ werden Begriffe aus dem politischen oder gesellschaftlichen Sprachgebraucht diskreditiert, die sich in ihrem Gebrauch manifestiert haben und dabei oft eine Pointierung zum Ziel haben. Diese Diskreditierung ist der Versuch, die Nutzung von Wörtern gänzlich oder in bestimmten Kontexten zu unterbinden bzw. die Nutzung der Begriffe unter der Verdacht des Extremismus oder der Inhumanität zu stellen.

Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung von „Unwörtern“, deren Benutzung er eher ungern sieht. Mir fällt da direkt der Begriff der „Herdprämie“ ein, der sachlich unkorrekt eine Unterstützungsleistung für selbst erziehende Eltern an den Pranger stellt. Umgekehrt macht die Nutzung dieses Wortes aber auch deutlich, wes Geistes Kind der Sprecher eigentlich ist. Wer also den Begriff der Herdprämie in einem bestimmten Kontext benutzt, drückt damit eine Geisteshaltung aus, die man – so identifiziert – auch kritisieren kann. Die Benutzung des Wortes an sich – und nicht die dahinter stehende Gesinnung – an den gesellschaftlichen Pranger zu stellen, erscheint mir daher eher unglücklich.

Verboten sind die Begriffe nicht, aber …

Nun stellt das Küren eines Wortes als „Unwort des Jahres“ kein Verbot seiner Nutzung dar – so weit sind wir zum Glück in Deutschland (noch) nicht. Andererseits lässt die Begründung der Jury aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten (auf ihrer Webseite sprechen die Initiatoren übrigens von „SprachwissenschaftlerInnen“, was mir irgendwie paradox erscheint …) aufhorchen:

„Das Wort „Gutmensch“ ist zwar bereits seit langem im Gebrauch und wurde auch 2011 schon einmal von der Jury als ein zweites Unwort gewählt, doch ist es im Zusammenhang mit dem Flüchtlingsthema im letzten Jahr besonders prominent geworden. Als „Gutmenschen“ wurden 2015 insbesondere auch diejenigen beschimpft, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren oder die sich gegen Angriffe auf Flüchtlingsheime stellen. Mit dem Vorwurf „Gutmensch“, „Gutbürger“ oder „Gutmenschentum“ werden Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm oder weltfremdes Helfersyndrom diffamiert. Der Ausdruck „Gutmensch“ floriert dabei nicht mehr nur im rechtspopulistischen Lager als Kampfbegriff, sondern wird auch hier und dort auch schon von Journalisten in Leitmedien verwendet. Die Verwendung dieses Ausdrucks verhindert somit einen demokratischen Austausch von Sachargumenten. Im gleichen Zusammenhang sind auch die ebenfalls eingesandten Wörter „Gesinnungsterror“ und „Empörungs-Industrie“ zu kritisieren.“
(Hervorhebungen durch den Autor)

Dahinter steht zunächst mal eine krasse Fehleinschätzung des Begriffes, um nicht zu sagen eine glatte Lüge: Vielleicht bewege ich mich in anderer Gesellschaft als die Juroren des „Unwortes“ aber der Begriff des Gutmenschen ist mir für die beschriebene Helfergruppe noch nicht untergekommen. Im Gegenteil sehen gerade diejenigen, die den Begriff im Munde führen einen deutlichen Unterschied zwischen „Gutmenschen“ und ehrenamtlichen Helfern, die den Menschen zur Seite stehen, die nun mal aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland gekommen sind. Als Gutmenschen werden diejenigen bezeichnet, die aus der relativ bequemen Position als Politiker oder Medienschaffender Forderungen nach Öffnung von Grenzen oder nach Unterstützung von Flüchtlingen stellen, für die sie selbst nicht aufkommen müssen.

Gutmenschen würden gerne die Realität „verschleiern“

Gutmenschen könnte man zum Beispiel Politiker nennen, die einerseits behaupten, die Zuwanderer würden den deutschen Arbeitsmarkt bereichnern, auf der anderen Seite aber das (an sich unsinnige) Instrument des Mindestlohnes für diese Personengruppe aushebeln wollen, damit den Neid gerade niedrig qualifizierter Inländer schüren, über den sie sich dann auch noch wortreich mokieren. Gutmenschen sind solche, die kulturelle Unterschiede der Einwanderer und Flüchtlinge nicht transparent gemacht sehen wollen, um dann die Zustände der Silvesternacht in Köln und anderen Großstädten als spezifisch männliches Problem deklarieren zu können. Gutmenschen sind solche, die – wie letztens erst bei Plasbergs „hart aber fair“ gehört – das Tatmotiv des „Ehrenmordes“ nicht statistisch erfasst sehen wollen, weil das keinem separaten Straftatbestand entspricht, um dann zu behaupten, dass derartige Arten von Verbrechen gar keine Relevanz hätten und Polizisten, die etwas anderes behaupten, als Rassisten bezeichnen. DAS sind Gutmenschen!

Das alles hat, wie leicht zu sehen ist, mit der falschen Definition des Begriffes durch die Sprachjury nicht viel gemein. Das Verdikt „Unwort“ führt nun aber dazu, dass derjenige, der den Begriff verwenden möchte, sich zunächst mal erklären muss, was bislang nicht notwendig gewesen ist, und sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen muss, zum „rechtspopulistischen Lager“ zu gehören. Das führt am Ende dazu, dass der Begriff natürlich nicht verboten wird, sich seine Verwendung aber dennoch verbietet, will man nicht in die falsche politische Ecke gestellt werden. Das ist im Zweifel viel subtiler und effektiver als ein gesetzliches Verbot eines Begriffs. Die Gesinnungskontrolleure haben dann in Zukunft leichtes Spiel, jemanden als „Rechtsextremen“ oder „Neurechten“ zu diffamieren, nur weil er einen Begriff benutzt, der von einer kleinen Jury als „Unwort“ gekürt wurde.

Ein totalitätrer Anspruch

Mir geht es hier – das ist mir wichtig – nicht um das einzelne Wort „Gutmensch“, es geht um die dahinter stehende Attitüde, anhand von Begriffen direkt Denkrichtungen identifizieren und dann diskreditieren zu wollen. Worte und Wortschöpfungen aus dem Sprachgebrauch ausschließen zu wollen – und sei es nur durch die Bezeichnung als „Unwort“ – ist ein totalitärer Anspruch, gegen den sich jeder wehren sollte, dem auch nur ein Fünkchen an freier Meinungsäußerung liegt. Das „Unwort“ ist selbst ein Unwort!

Autor: Felix Honekamp

Zur Debatte:

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