„Unwort“: Jetzt darf es wieder benutzt werden …

Ab sofort darf man wieder „Gutmensch“ sagen. „Gutmensch“ ist nämlich das Unwort des Jahres 2016. Zwar hat das Jahr 2016 noch nicht ganz angefangen, aber ein Unwort haben wir schon mal. Püh! Geschafft! Wie könnten wir nur reden, wenn wir nicht regelmäßig Unworte brandmarken würden.
Doch, es ist wie ein Brandzeichen, das auf dem Wort „Gutmensch“ jetzt haftet. Mit Brief und Siegel, zwar ohne jegliche Legitimation dafür mit der Autorität der sicher geglaubten moralischen Überlegenheit, wird es Jahr für Jahr kreiert.

Machen wir uns nichts vor, das Kompositum aus „gut“ und „Mensch“, ein Wort, welches es in der deutschen Sprache im Grunde gar nicht gibt, taucht als Neologismus seit einigen Jahren vor allem in gesellschaftspolitischen Diskussionen auf. Wikipedia weiß ferner, daß „in der politischen Rhetorik Konservativer und Rechter […] Gutmensch als Kampfbegriff verwendet“ wird. Und natürlich ist das Wort an sich ein Wortunhold. Der Wortwitz liegt in der Konstruktin des Kompositums, welches unmißverständlich das Gegenteil von dem bedeutet, was im eigentlichen Sinne ein guter Mensch ist.

Kampfrhetorik „Konservativer und Rechter“

Da liegt es doch nahe, ein solche Wortungetüm, zumal es auch noch der politischen Kampfrhetorik der „Konservativen und Rechten“ entstammt, endlich einmal aus dem Verkehr zu ziehen. Nichts anderes nämlich soll mit diesen Jahresunworten geschehen. Sie sollen als Begriffe eliminiert werden. So macht Macht Sprache. Schon andere im Grunde sinnvolle Begriffe sind über den Weg der Verunwortung sprach verunmöglicht worden. „Abgehängtes Prekariat“ war auch so ein Wort, das man nicht mehr wollte. Statt nun politisch alles nur denkbare zu tun, denjenigen, die dieser fürchterliche Begriff zu Recht so beschreibt aus ihrer Situation der Hoffnungslosigkeit heraus zu führen, hat man einfach das Wort eliminiert. Die Menschen, die in zweiter oder dritter Generation (fast) ausschließlich von Sozialtransferleistungen leben und zudem zu einem großen Teil „bildungsfern“ (Na, wäre das nicht auch ein Unwortkandidat?) sind, bleiben in ihrer teilweise wirklich aussichts- und hoffnungslosen Situation. Die Hartz IV – Gesetzgebung hat die Lage eher verschlimmert. Doch das Wort, das die Situation klar und deutlich, ohne Schnörkel und Schleifchen beschreiben kann, das Wort ist weg. Damit ist auch der Sachverhalt weg. Aus dem Bewußtsein der Bevölkerung ist tatsächlich dieser Sachverhalt weitestgehend verschwunden. Macht über die Sprache ist Macht über die Wirklichkeit der Menschen.

Wer also Worte ausmerzt, dekonstruiert Wirklichkeiten. Wer wollte bestreiten, daß es das Phänomen des „Gutmenschen“ wirklich gibt. Sich moralisch überlegen dünkende linksgrüne Spießer mit ökologisch-politisch-genderkorrekter Sprache und gleichem Duktus im Auftritt. Man kennt sie und man schätzt sie, machen sie öffentlich den Mund auf, möchte man schreiend davon laufen. Während der gute Mensch ohne zu fragen und zu zögern anfaßt, ergeht sich der Gutmensch in sinnleerem moralinsaurem Gelaber. Während der gute Mensch entschieden bestreiten würde, gut zu sein, läßt der Gutmenschen seine Gutheit in Pressemeldungen, Statements und Interviews vor sich her posaunen. In Säälen und auf Plätzen wollen sie in den vorderen Reihen stehen oder sitzen, auf Podien und Bühnen wollen sie sicher feiern lassen. Gute Menschen weichen dem eher aus und treten nur mit Widerwillen ins Rampenlicht.

Das Unwort bildet Realität ab

Man sieht sehr schnell, wir brauchen das Wortungeheuer „Gutmensch“ unbedingt, denn es bildet einen Sachverhalt in der Wirklichkeit ab. Wir brauchen eine ganze Menge Wortungeheuer, um ungeheure Dinge und Sachverhalte angemessen zu beschreiben. Wir machen die Welt nicht besser damit. Wir machen sie aber erst recht nicht besser, wenn wir die Worte ausmerzen. Wir verändern das Bewußtsein der Menschen, wenn wir die Sprache mutwillig verändern. Das ist ein Faktum, denn Macht über die Sprache bedeutet, Macht über die Menschen zu haben. Eine Sprache ist eine natürlich in einem Volk gewachsene Form der Kommunikation mit dem Ziel, die Wirklichkeit so exakt wie eben möglich in Worten abzubilden. Freie Sprache ist ebenso wie freie Rede ein Ausdruck der Freiheit selbst. Sprachmanipulationen dagegen sind autoritäre Akte gegen die Freiheit.

Die Gutmenschen der Unwortkommission zwingen unsere Sprache durch Negieren von Bösworten in ein Gutsprech hinein. Das ist sehr ähnlich dem Neusprech in Orwells Roman 1984. So soll es gar nicht mehr möglich sein, negative Dinge zunächst ausdrücken und dann schlußendlich überhaupt noch denken zu können. Die Sprachpolizei, die heute Unworte kreiert, wird dann auch Ungedanken kreieren. Überwacht wird das von der Gedankenpolizei. Wir sind nahe dran, dank all dieser unsäglichen Gutmenschen, die uns das freie Denken und Reden madig machen wollen. Gegen diese Versuche hilft nur, ein jetzt erst recht. Nie war das Unwort Gutmensch so wertvoll wie heute.

Autor: Peter Winnemöller

Zurn Debatte:

http://disputata.de/unwort-warum-unwort-ein-unwort-ist

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