Umdeutung: Kulturkritik wird zum Rassismus

Der Rechtsruck des Bürgertums scheint nicht aufzuhalten. Gefährliche Machenschaften rechtspopulistischer Kreise verführen es zu immer radikaleren Positionen. Wer es nicht glauben mochte, dem wurde es dieser Tage in – wie könnte es anders sein – Köln bewiesen: Der iranische Cembalist Mahan Esfahani spielt ein modernes Stück, wird ausgebuht, kann das Stück nicht zu Ende bringen. Und als er das Publikum fragt, wieso es so reagiert, ruft man ihm zu, er solle „gefälligst deutsch“ sprechen – so berichten zumindest einige Medien. Das passiert, wenn das Bürgertum entfesselt wird. Grauenhaft. Die Rezeption des Vorfalls in der Kölner Philharmonie lässt mich an Bruno Labbadia denken: Muss man wirklich alles „hochsterilisieren“?

Zu Beginn wird der Vorfall recht neutral beschrieben. Das Stück von Steve Reich beginnt – nun wirklich nicht Inbegriff zeitgenössischer Musik: Es wird weder geröchelt, noch gestöhnt, noch das Instrument präpariert. Geradezu altmodisch könnte man es nennen. Raunen geht durch den Saal, Menschen stehen auf und gehen, es kommt zu Buhrufen, schließlich zu tumultartigem Lärm. Na und? Offensichtlich noch nicht angekommen im Zeitalter der Polarisierung, verstehe ich nicht einmal das Problem. Auf Deutschlands Bühnen werden Stücke bis zur Unkenntlichkeit massakriert, um Buhrufe zu provozieren. Man wirft mit Fäkalien und jeglichen denkbaren Körperflüssigkeiten um sich, um wenigstens ein Skandälchen hervorzurufen – mehr ist heute nicht mehr drin, denn es hat eben alles schon einmal gegeben. Ja, mein erster Gedanke ist sogar „Ach, ich hätte gar nicht gedacht, dass man in Deutschland zu südländischem Temperament fähig ist“. Völlig naiv in Zeiten von AfD und Co., wird man mir zurufen, und das zu Recht.

Man soll meinen, die Fratze des Rechtspopulismus zeige sich

Denn von Tag zu Tag wird die Berichterstattung dramatischer. Zu guter Letzt heißt es, man habe dem Cembalisten „Sprich gefälligst deutsch!“ zugerufen, als er eine kurze englische Einführung zu dem Stück gegeben habe. Diese Version ist etwa in der Welt nachzulesen. Und da haben wir’s. Die Pegidisierung des Bürgertums in Reinkultur. Im heiligen biedermeierlichen sonntäglichen Konzert zeigt sich die Fratze des Rechtspopulismus in der Diffamierung eines Künstlers. Und wir erinnern uns natürlich an 1933, 1936, 1938, oder was auch immer, Hauptsache etwas mit „Dreißig“ – oder was ist mit „ungute Erinnerungen“ gemeint?

Bloß – Esfahani berichtet keineswegs über irgendeine rassistische Konnotation. Vielmehr scheint er, zumindest kurz nach dem Konzert, meine naive Ansicht zu teilen. Auf Facebook lässt er verlauten: „I should say that this was one of the most thrilling experiences of recent life for me. And it’s exactly what I want for this instrument, to get rid of this idea that music is just an objective lovely thing after morning coffee. I’m pretty sure this is the first time a harpsichord concert has occasioned riot-like conditions. Awesome.“ – „Ich muss sagen, dass das eine der aufregendsten Erfahrungen meines Lebens war in der letzten Zeit. Und es ist genau das, was ich für dieses Instrument will, dass man sich von der Einstellung löst, dass Musik einfach nur eine nette Sache nach dem Kaffeetrinken ist.“ Nun, das hat er erreicht.

Natürlich nutzte er die Gelegenheit, um die Menschen daran zu erinnern, dass er aus einem Land stammt, in dem sehr viel weniger Freiheit herrscht als in Deutschland, im Leben wie in der Kunst. Das sollte man als Deutscher tatsächlich zu schätzen wissen und ich nehme an, viele Künstler hätten dem Publikum Ähnliches zu vermitteln versucht.

Nach drei Tagen fällt dem Musiker eine Fremdenfeindliche Komponente auf

Auch offenbart, dass es sich um die Ablehnung der Musik (warum auch immer) gehandelt hat.
Doch eine Meinung kann sich ändern – einige Tage später, im Interview mit dem NDR, fällt Esfahani plötzlich die fremdenfeindliche Komponente auf. Das ist nicht besonders glaubwürdig, wenn man die Facebookreaktion und das ausführliche Interview mit Slipped Disc vom 29. Februar liest. Als Mensch, der selbst häufig genug mit Rassismus zu tun hat, weiß ich, dass Rassismus sofort verletzt. Nicht erst drei Tage später. Ein weiteres Argument dagegen ist, dass es bei rassistisch motivierter Ablehnung wohl auch die barocken Stücke getroffen hätte – vor dem Stück von Reich sei die Stimmung aber gut gewesen, bemerkt u.a. der Geschäftsführer von concerto Köln. Doch ein iranischer Cembalist, der wegen seiner Herkunft ausgebuht wird, ist medienwirksamer als einer, der wegen Steve Reich ausgebuht wird. Das ist mir klar, und das wird auch Herrn Esfahani klar sein. Die Interviews, die einen Richtungswechsel in der Bewertung zeigen, datieren vom 2. März – genug Zeit, um festzustellen, dass die deutschen Medien empört reagiert haben und dass in den sozialen Netzwerken ein alarmistisches Statement nach dem anderen erscheint. Da ist der eher euphorische Ton des Facebookposts schnell ersetzt durch reflektiertes Opfertum.

Auch beim Konzert anwesende Musiker verwahren sich gegen eine Darstellung, die Esfahani als Opfer einer fremdenfeindlichen Attacke sieht. Zwar sei ein sehr hoher, störender Geräuschpegel wahrnehmbar gewesen, lautes Murmeln, und zweimal sei Klatschen losgebrochen – sie betonen aber, der Satz „Sprich deutsch“ sei nicht an Esfahani gerichtet gewesen, sondern an den Zuschauer, der den Konzertmeister um das Mikrophon gebeten habe um sich zu entschuldigen. Also eine saloppe Art, zu sagen, dass man den Mann ob seiner Undeutlichkeit nicht verstehe. Fast alle Berichte verlegen aber diese Episode (die Esfahani in seinen ersten Äußerungen gar nicht erwähnt!) bereits auf Esfahanis Einführung in das Stück, so dass sich dann eindeutig eine fremdenfeindliche Komponente ergibt. Selbst was den heroischen Bürger angeht, der das Mikrophon ergriff, kocht die Welt ihr eigenes, mit seltsamen Gewürzen abgeschmecktes Süppchen: Anstatt den für einen Deutschen nun wirklich beherzten Widerstand gegen Borniertheit zu würdigen, nach einem Konzert in einem großen Saal das Mikrophon zu erbitten um sich zu entschuldigen, kommentiert Manuel Brug: „Hinterher freilich ergriff ein Hamburger Besucher das Mikro und entschuldigte sich so wortreich wie beifällig für die Rüpelei.“ Blasiert-süffisanter geht es wohl kaum.

Publikum war auch schon vor „PEGIDA“ zuweilen ein Monster

Natürlich müssen wir diskutieren über „Neue“ Musik, über Hörgewohnheiten und Hörbequemlichkeiten. Natürlich müssen wir immer wieder austarieren, wie viel Entertainment in die Musik gehört und wie viel Provokation. Ich möchte nicht behaupten, dass die lautstarke Ablehnung von minimal music für die Expertise des Publikums spricht. Abgesehen von der Respektlosigkeit, die Darbietung lautstark zu stören. Allerdings war das Publikum auch in Zeiten vor Pegida zuweilen ein Monster – Horrorgeschichten über ausgepfiffene Diven an italienischen Opernhäusern sind Legion, ebenso vernichtende Kritiken über Stücke, die wir heute als Inbegriff der Schönheit und Erhabenheit empfinden, und nicht zu vergessen die legendären Prügeleien angesichts der Uraufführung des „Sacre du Printemps“: Kunst polarisiert und nicht wenige Künstler gehen an ihre Grenzen, um dem domestizierten Publikum von heute Reaktionen zu entringen.

Aber nur eine aufgescheuchte, paranoide Presse kann aus solch einem Vorfall den Untergang des Abendlandes durch sein Bürgertum konstruieren. Eine solche Überreaktion etwa lässt sich im Cicero nachlesen. Auch hier wird fremdenfeindliches Verhalten mit kulturfeindlichem gleichgesetzt und mündet doch allen Ernstes in einen Lobpreis des deutschen Kulturbetriebs: „Es erfordert Mut und Beharrlichkeit seitens der Intendanten und künstlerischen Leiter, diesem Publikum moderne Komponisten, die tradierte Hörgewohnheiten radikal in Frage stellen, oder historische Außenseiter wie Arnold Schönberg „zuzumuten“.“

Nein. Das erfordert keinen Mut, jedenfalls nicht in Deutschland. Die Intendanten und künstlerischen Leiter sind gut subventioniert und fallen nach oben, wenn ihr Versuch, das Publikum zu anarchischen, antiautoritären Alleshörern umzuerziehen, misslingt; wobei sie sich die moralische Rechtschaffenheit ihrer Positionen selbstredend vorbehalten – schließlich bewahrt nur ihr konzertierter Einsatz von Kakophonie und Exkrementen Deutschland vor dem Abgleiten in die Barbarei.

Autor: Anna Diouf

Posted in Feuilleton, Gesellschaft, Politik.