Terrorangst – eine Frage der Statistik?

Die zunehmende Destabilisierung Europas ist die Zeit der Experten und der Statistiker. Wo den Beschwichtigungsversuchen der Politiker nicht mehr vertraut wird, wo man auf tendenziöse Berichterstattung nicht mehr wirklich setzt, da wird das letzte As aus dem Ärmel gezogen: Der Soziologe. Ortwin Renn erklärt uns in der Zeit online, dass man gar keine Angst zu haben brauche, im Gegensatz zu vielen islamischen Ländern sei Terror nämlich in Europa gar kein Alltag. Fleißig wird erhoben, wie wenig Terroropfer es in Europa gibt (schlappe 420 gegenüber über 100.000 im Rest der Welt). Dass jeder einzelne Tote eine menschliche Tragödie ist, egal wo, dass da Vater, Mutter, Ehepartner, Kinder, Freunde sind, die jemanden verloren haben, dass da ein Leben ausgelöscht wurde – äh, darf man anfragen, wo das in der Statistik auftaucht? Nun, Herr Soziologe, vielleicht fürchten sich die Menschen u.a. davor, dass es Alltag werden könnte? Ab wann darf ich mich denn dann fürchten? Wenn sich am Alex alle drei Wochen jemand in die Luft sprengt?

Wer betroffen ist, wird durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen nicht getröstet

Ich habe panische Angst vor Haien. Als Großstadtkinder waren wir auf Tierdokumentationen angewiesen, wenn wir unserer Tierliebe frönen wollten, und nachdem uns eines dieser jugendgefährdenden Machwerke darüber aufgeklärt hatte, dass weiße Haie durchaus auch das Mittelmeer frequentieren, wurde aus einer Abneigung eine Psychose. Mein Bruder, ganz Mann, ganz rational, kommentiert die Phobie gerne mit statistischen Gemeinplätzen: Sowohl durch herabfallende Kokosnüsse als auch durch Blitzschläge stürben deutlich mehr Menschen als durch Hainangriffe. Was damit ausgedrückt werden soll? Man müsse sich keine Sorgen machen.

Demgegenüber steht der berühmteste Ausspruch des intelligentesten Professors meiner Studienzeit, der eines Morgens um 8:23 Uhr lapidar bemerkte:

„Wenn ich morgens aus dem Haus gehe und neben mir explodiert ein Auto – das steht dann in keiner Statistik, aber passiert ist es trotzdem.“

Ich würde den Experten, die sich in der Medienlandschaft tummeln, mehr von diesem subversiven Denkansatz wünschen. Soll heißen: Wenn dein Kind gerade bei einem Konzert abgeknallt wird, wenn dein Partner bei einem Fußballspiel in die Luft gesprengt wird, wenn du von einem Lastwagen in der feiernden Menge niedergemäht oder bei der Heimreise im Regionalzug mit einer Axt zerstückelt wirst, dann wird es dir so etwas von wurscht sein, ob das jetzt statistisch gesehen unwahrscheinlich war. Genauso wenig wird diese Tatsache dich trösten, wie sie den Taucher tröstet, der im Mittelmeer vom Weißen Hai gebissen wird, obwohl das statistisch ja so unglaublich unwahrscheinlich war!

Man sollte das Schicksal nicht herausfordern

Langsam greift Angst auch in Deutschland um sich, und das ist berechtigt. Ich kann verhindern, mich unter eine Kokospalme zu legen. Ich kann verhindern, während eines Gewitters auf einer Wiese spazieren zu gehen, oder allein auf einem unbewaldeten Hügel auszuharren, um das Schicksal herauszufordern. Ich muss nicht im Mittelmeer baden. Aber ich kann nicht verhindern, an Orten zu sein, an denen Terroristen ihr Unwesen treiben. Könnte man unsere Ängste nun bitte ernst nehmen?

Gastautor: Hermine-Aglaia Hinze

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