Tauber: „Tandem bona causa triumphat.“

Manche nennen ihn schon ironisch Peter „A…loch“ Tauber. Dabei ist der Verbalausbruch nicht mal das größte Problem.

Ein CDU-Generalsekretär, der einen Kritiker öffentlich, online, als „A…loch“ bezeichnet? Da kann man schon mal die Luft anhalten. Man darf nicht übersehen: Die meisten Menschen wollen durchaus Politiker mit Ecken und Kanten, maschinengleiche Polit-Roboter – wie die Kanzlerin – sind wohl der Mehrheit zuwider. Da stellt sich dann die Frage, wie kantig es denn sein darf? Wem hat nicht schon mal die Formulierung auf der Zunge gelegen, wenn die Argumente in einem Streit allzu hanebüchen wurden? Und der Bundeskanzlerin eine Geisteskrankheit zu unterstellen, wie es der so Bezeichnete getan hat, gehört sicher nicht zu den intellektuellen Höchstleistungen auf Facebook – ist da nicht zumindest der Gedanke, dass es sich bei dem sich so Äußernden um ein A…loch handeln könnte, naheliegend? Und in Zeiten der Social Media ist der Weg zwischen Denken und Tastatur leider nicht allzu weit. Es gibt einen Grund, warum viele Foren streng mit der sogenannten Netiquette umgehen, um Eskalationen zu vermeiden.

Digitale Medien verleiten zur Skandalisierung

Schnell ist also so ein Wort in der Welt, in Zeiten von professionellen „Screenshottern“ hilft da auch kein Löschen mehr. Und abgesehen davon, ob die Formulierung strafrechtlich relevant sein könnte, mag dem einen oder anderen Peter Tauber durch diesen Ausbruch auch menschlicher erscheinen lassen. Noch vor Jahren hätte so eine Formulierung auch das Potenzial gehabt, in die Medien zu kommen wie weiland Joschka Fischers „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein A…loch!“ (wobei es solche Verbalinjurien mehr unter Politikern als zwischen Politikern und Bürgern gegeben hätte). Ein Skandal wäre das aber nicht geworden, denn beide Seiten hätten das anschließend auf sich beruhen lassen. Diese Möglichkeit gibt es anscheinend unter den neuen medialen Bedingungen nicht, da wird dann schnell der Angegriffene als „Opfer“ stilisiert, das von einem von „denen da oben“ ungerecht angegriffen wird. Da stellt sich wiederum die Frage, wie damit umzugehen ist. Und auch, wenn es als „old school“ erscheint, wäre ein Vergleich mit früheren Zeiten auch nicht der schlechteste. Hat man da jemanden im Affekt beleidigt, hat man sich anschließend – vielleicht durchaus augenzwinkernd – entschuldigt, ist zusammen ein Bier trinken gegangen und war anschließend besser befreundet als vorher.

Das digitale Analogon hierzu wäre eine öffentliche Entschuldigung gewesen: „Tut mir leid, ich hätte das nicht schreiben dürfen. Die Formulierung bezüglich des Gesundheitszustandes der Kanzlerin entbehrt jeder zivilisierten Umgangsform, aber auf dieses Niveau hätte ich mich nicht herablassen dürfen. Ich nehme die Formulierung zurück – mit Bedauern.“ Auf die Art und Weise wäre die Situation wieder bereinigt gewesen, ohne Gesichtsverlust für beide Seiten, aber unter Wahrung der Einschätzung, wer das „A…loch“ in einem solchen Disput ist. So könnte man das machen … oder man formuliert eine Rechtfertigung wie sie Tauber auf Facebook veröffentlich hat:

„Auf Facebook tummeln sich so viele dumme Menschen, die andere wegen ihrer Meinung, die rechtsradikalen Dreck und antisemitische Hetze verbreiten. Ich finde, man sollte solche Kommentare nicht löschen oder gar verbieten. Das bringt nichts. Diese Menschen denken mit ihren kranken Hirnen ja leider weiter so einen Mist. Man muss Ihnen sagen was sie sind: Nazis, Antidemokraten und mancher von denen ist schlichtweg ein Arschloch. So wie dieser Typ, dem ich das auf meiner Seite – also hier – gesagt habe. Ich finde, wir sollten alle dieses Jahr dem Streit mit diesen Leuten nicht aus dem Weg gehen, sondern ihn annehmen. „Wenn die Guten nicht kämpfen, werden die Schlechten siegen!“ hat schon Plato gesagt. Ich nehme für mich und die meisten auf Facebook in Anspruch, dass wir hier tolle Texte, gute Ideen und schöne Bilder teilen wollen. Wir wollen diskutieren und unterschiedliche Meinungen hören und zulassen. Aber wir wollen das mit Respekt tun. Menschen, wie der Typ, dem ich mal die Meinung gesagt habe, haben keinen Respekt. Mir ist egal warum, sie pöbeln. Und ich stelle mich gerne vor alle vernünftigen und normalen Facebook-Nutzer und sagen diesen ganzen Idioten und Trollen die Meinung. Gerne auch auf deutsch, damit sie es verstehen. Diese Leute sollen wissen, dass es uns gibt und wir gewinnen werden. Tandem bona causa triumphat.“
(Hervorhebungen durch den Autor)

Wo bleibt da der Respekt

Sachlich ist natürlich richtig, dass der politische Streit mit Respekt vor dem anderen zu erfolgen hat. Der von Peter Tauber angegriffene Facebooknutzer hat diesen Respekt vermissen lassen. Aber ist es dann legitim, jemanden als „A…loch“ zu bezeichnen, nur weil man der Meinung ist, dass er eines sei, selbst dann, wenn es objektive Kriterien für so etwas gäbe (die es nicht gibt) oder die Mehrheit diese Einschätzung teilen würde (was man angesichts des dümmlichen Kommentars annehmen könnte)? Ist es legitim, als Politiker einen Bürger und Steuerzahler, der sich aus welchen Gründen auch immer, auf Pöbeleien festgelegt hat, als dummen Menschen zu bezeichnen, ihm ein krankes Hirn zu bescheinigen? Und kann man, wenn man diese Fragen mit „ja“ beantworten sollte, noch für sich in Anspruch nehmen, mit Respekt diskutieren zu wollen?

Die von Peter Tauber damit angestoßene Diskussion trägt bereits Früchte: Schon denken einige darüber nach, ob man Peter Tauber denn nun – ohne rechliche Konsequenzen fürchten zu müssen – als Peter „Arschloch“ Tauber bezeichnen darf? Andere schlagen vor, der angegriffene Facebooknutzer möge Herrn Tauber verklagen, um festzustellen, ob die Bezeichnung als „A…loch“ und die Zuschreibung eines „kranken Hirns“ einer Hassrede gemäß den Vorstellungen des Justizministers entsprechen könnte. Und wenn nicht? Dann hat man die Legitimation, alle und jeden als „A…loch“ zu bezeichnen, dessen politische Einstellung man als unhaltbar betrachtet. A…löcher einfach mal A…löcher nennen? Bei solchen Vorsätzen kann das ein munteres Jahr werden – allerdings keines, auf das später mal Loblieder über den respektvollen Umgang miteinander gesungen wird.

Härte in der Sache rechtfertigt keine Respektlosigkeit

Von mir aus kann man mir vorwerfen, man könne es mir auch nicht recht machen: Ich mag Politiker mit Ecken und Kanten! Aber ich mag vor allem Politiker, die bei aller Härte in der Sache, auch bei legitimer Polemik, den Respekt vor dem politischen Gegner genau so wenig vermissen lassen wie vor dem kritischen Bürger, und sei der auch ausfällig geworden. Ein Politiker, der argumentiert, es sei mit dem Respekt vor der politischen Diskussion vereinbar, einen Bürger – egal welche politische Einstellung er hat – als A…loch zu bezeichnen, und das mit dem Schlusssatz krönt, endlich triumphiere die gute Sache, gehört nicht zu der beschriebenen Kategorie.

Autor: Felix Honekamp

Posted in Gesellschaft, Politik.