Statistik und ihre Tücken

Ablehnung tut weh. Eine übliche Bewältigungsstrategie ist es, den der uns abgewiesen hat, nachträglich zu diskreditieren – die Arbeitsstelle war gar nicht so erstrebenswert, dieses oder jenes, das man haben wollte, ist überhaupt nicht so wichtig wie zuerst gedacht, und der Mensch, mit dem man anbandeln wollte ist gar nicht so schön und begehrenswert, wenn man es recht bedenkt. Diese Methode zur Aufarbeitung von Ablehnung scheinen nun EU-Bürger gegenüber Großbritannien anzuwenden. Offenbar sind die Briten so unintelligent, dass es uns nicht weiter stören muss, wenn sie sich in ihrer Dummheit aus unserem gemeinsamen Erfolgsprojekt verabschieden. Mit Eifer haben sich Medien landauf landab die Schlagzeile der Washington Post zu eigen gemacht, die aufgrund eines Google-Tweets mit der Meldung auftrumpfte, die Briten hätten nach dem Brexit schlagartig angefangen, zu googeln, was die EU überhaupt sei. Was als Schlagzeile begann lässt sich wunderbar via Memes verbreiten und so kann man sich auf seinem Social-Media-Account vor Anspielungen auf die unwissenden Briten kaum retten, so man das zweifelhafte Privileg hat, einen linksdominierten Freundeskreis zu haben. Mehr Arroganz geht nicht.

Die Behauptung ist selbstverständlich unwahr. Obwohl die Frage „Was passiert, wenn wir die EU verlassen“ tatsächlich nach dem Brexit häufiger angefragt wurde, sind die absoluten Zahlen diesbezüglich schlicht unbedeutend, weil verschwindend gering. Die gigantisch klingenden „250%“ Anstieg laut Google ergeben in absoluten Zahlen nicht einmal 1000 Anfragen. Ganz abgesehen davon, dass es, selbst wenn man sich vor dem Referendum informiert hat, wohl nachvollziehbar ist, wenn man nach der Bekanntgabe des Ergebnisses online auf die Suche nach Äußerungen dazu geht.
Wie man es dreht und wendet, man kann den Briten nicht unterstellen, sie hätten sich keine Gedanken gemacht, nur, weil das Ergebnis, zu dem sie gekommen sind, nicht das ist, zu dem der durchschnittliche von German Angst geplagte Deutsche gekommen wäre. Ganz unabhängig davon, ob der Brexit die richtige Entscheidung war (was man seriöserweise schlicht und einfach nicht weiß), er ist eine mutige Entscheidung. Es ist es zweifelhaft, ob Deutsche überhaupt noch das Rückgrat hätten, gegen massive Einflussnahme der Wirtschaft und gegen das Votum ihrer Führer*innengestalten eine eigene Meinung zu vertreten, die von dem abweicht, was von oben vorgegeben wird. Zwar werden die Stammtischgespräche beim Hefeweizen nicht weniger EU-kritisch ausfallen, als die beim Ale, aber ob man hier den Mumm dazu hätte, wider Mutti Merkel einfach mal einen anderen Weg auszuprobieren, wenn mehr vom bekannten Rezept keine Lösungen verspricht, scheint unwahrscheinlich. Da ist es tröstlich, statt der eigenen phlegmatischen Feigheit und Resignation die angebliche Dummheit des anderen zu verspotten.

Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen

Der billige Versuch, das Selbstbestimmungsrecht und die demokratische Verfasstheit Großbritanniens ins Lächerliche zu ziehen, spricht Bände über den Zustand der Demokratie in Rest-Europa. Ebenso deutlich sprechen die düsteren Untergangsfantasien, die man am Horizont heraufdräuen sieht, bevor es genauere Informationen zum Ablauf des Ausstiegs gibt und lange bevor man belastbare Aussagen zu Wohl und Wehe des Landes machen kann. Natürlich wird das Pfund ins Bodenlose fallen, und weil es eine Wirtschaftskrise war, in der das Land steckte, bevor es in die EU eintrat, wird es natürlich zwangsläufig wieder in eine Wirtschaftkrise zurückfallen – die Sternstunde der Logik, nicht wahr? Ausländer werden um ihr Leben fürchten müssen, Europa wird Großbritannien wirtschaftlich abstrafen (davor hat das die Begründerin des Commonwealth und das Mutterland der unangefochtenen Welt- und Wirtschaftssprache Nr. 1 sicherlich entsetzliche Angst…), usw. Meine Damen und Herren, schauen Sie sich die Schweiz an. Dort gibt es nur Kühe, Ovomaltine und Berge (und Schwarzgeldkonten), und trotzdem geht es den Menschen prächtig. Aber nein. Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen, weshalb wir die negativen Folgen auch nicht primär den Briten, sondern den Kontinentaleuropäern möglichst plastisch deutlich machen, damit sie sich nicht etwa animiert fühlen von soviel Souveränität und Initiative.

Die Diskreditierung der Entscheidung der Briten findet also auf allen Ebenen statt. Die unrühmlichste weil dämlichste ließ sich ebenfalls vor allem im Netz beobachten, allerdings konnte man auch ihre Demaskierung genüsslich mitverfolgen: Um auch dem letzten EU-Kritiker deutlich zu machen, wohin der Weg führt, nämlich ganz gleich ob in die Glückseligkeit oder ins Verderben, keinesfalls raus aus der EU, wurde kolportiert, der Brexit sei gegen die Stimmen der Jungen durchgesetzt worden. Das Motto: Die verbitterten, ewiggestrigen Alten haben der Jugend die Zukunft verbaut. Die zweifache Hybris dieser Aussage lässt einen dann doch sprachlos zurück: Zum einen ghören wirklich Chuzpe und ein gehöriges Maß an Realitätsverweigerung dazu, wenn man behaupten will, die Zukunft liege zwangsläufig und einzig in der EU. Das kommt auf sehr viel mehr Faktoren an als auf eine rückwärtsgewandte EU-Romantik, die aus 70 Jahren Frieden einen alleinigen Verdienst der EU macht, während es rings um sie herum knallt, und zwar durchaus nicht zu knapp mit Hilfe von Waffen, die Mitgliedstaaten dieser EU an die Kombattanten liefern. Der zweite Punkt ist nicht nur größenwahnsinnig, sondern auch unanständig, undankbar und idiotisch: Seit wann ist die Entscheidung der Alten zwangsläufig schlecht? Kann es nicht zumindest theoretisch sein, dass sich bei Entscheidungen, die Weitblick erfordern, am Ende die Perspektive des Alters und der Erfahrung als hilfreich und rettend erweist? Was macht die Generationen derer, die keinen Krieg und keine Nachkriegszeit erlebt haben, die keine verwüsteten Städte aufgebaut oder ihren Müttern dabei zugeschaut haben, so verdammt sicher, dass sie es besser wissen? Allein schon diese Selbstgewissheit lässt einen davor schaudern, dass diese Generation politische Verantwortung übernehmen soll.

Unlautere Manipulationen

Abgesehen davon erwies sich die „Anschuldigung“ spätestens dann als hanebüchen, als sich herausstellte, dass die Wahlbeteiligung der Jungen signifikant unter der der älteren Briten lag. Im Klartext: Die angeblich in ihrem Glück (EU-Mitgliedschaft) von sozialneidischen Grannies blockierte Generation hat sich für das Referendum schlicht nicht genügend interessiert, um überhaupt zu den Wahlurnen zu gehen.

Dies ist der klassische Fall von „Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“. Zahlen allein reichen nicht, man sollte sie auch zu deuten wissen. All diese unlauteren Manipulationen sind letztlich der hilflose Versuch, sich die Welt so zu bauen, wie sie einem gefällt. Am Ende zählt die Realität. So ungewohnt und ungeheuerlich es klingt, irgendwann werden die konkreten Zahlen zu wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung tatsächlich vorliegen. Wobei selbst diese Zahlen die Realität nur unvollkommen wiedergeben werden. Keiner der medialen Versuche, Großbritanniens Entscheidung als falsch zu geißeln, kann derzeit seriös sein. Man sollte jetzt erst einmal akzeptieren, dass die Briten sich auf einem anderen Weg wissen wollen, als ihn die EU unter Juncker und Merkel beschritten hat. Das ist ihr gutes Recht. Wer hier Häme zeigt oder meint, die Briten für dumm erklären zu müssen, um mit diesem Verlust klarzukommen, der offenbart lediglich einen europäischen Minderwertigkeitskomplex, der nicht gerade für die Resilienz und die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Union spricht.

Autor: Anna Diouf

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