Schlicht böse Menschen

Alice Schwarzer nimmt Stellung zu den Kölner Vorfällen. Endlich hat sich auch eine Feministin zu Wort gemeldet und trifft mit ihrer Analyse prompt daneben.
Eine kurze Situationsbeschreibung: Arabisch hätten die Täter ausgesehen, sagen die Opfer. Viele Flüchtlinge sehen arabisch aus. Die dürfen natürlich nicht alle verdächtigt werden, sagt der gesunde Menschenverstand. Nicht ganz einfach, wie es scheint: Wasser auf die Mühlen von Pegida und Rechtsradikalen, Fakten für den Ausländerhass?

Das darf nicht sein. Was für eine Antwort wird also verlangt? Eine, die die Aussagen der Opfer berücksichtigt, ohne die Flüchtlinge zu verdächtigen. Die den Menschen klar macht, wo die wirklichen Ursachen liegen. Genauso eine Antwort liefert Frau Schwarzer:
„Unter ihnen werden die Flüchtlinge von heute in einer extremen Minderheit gewesen sein, wenn überhaupt. Die Mehrheit sind Flüchtlinge von gestern bzw. Migranten und ihre Söhne.“ Nach Einschätzung Schwarzers sind diese „das triste Produkt einer gescheiterten, ja nie auch nur wirklich angestrebten Integration. Sie sind das Produkt einer falschen Toleranz.“ (Focus online).

So geht es nicht

Eine kluge Antwort, die Frau Schwarzer da gibt? Nein, sondern gleich mehrfach falsch.
Einmal grundsätzlich: gebraucht werden keine Erklärungen, die den Erfordernissen entsprechen, sondern Aufklärung und Konsequenzen.
Dann behauptet Frau Schwarzer, sie wisse, woher die Täter kamen. Es gibt zwar Vermutungen, doch weiß das bisher niemand wirklich. Wüsste man es, wären die ganzen Verdächtigungen vom Tisch. Dieser Teil ihrer Aussage ist schlicht erfunden und erhebt nebenbei eine neue allgemeine Beschuldigung gegen ältere Migranten und ihre Söhne, die um nichts leichter wiegt, als ein Generalverdacht gegen neue Flüchtlinge.
Doch was soll diese Anschuldigung? Nun, sie bietet die Grundlage, die Tat zu relativieren. Denn die „Flüchtlinge von gestern“ waren schon lange hier – man kann diesen Aufenthalt zum Schuldigen machen. Denn wer würde bestreiten, dass es bei der Integration noch hapert?

Die Basis ist falsch

Doch der größte Fehler in der Erklärung Frau Schwarzers ist ein erschreckendes Menschenbild, das sich hier zeigt. Die Täter sind nicht „das triste Produkt einer gescheiterten Integration“. Wer so denkt, macht Migranten zu Marionetten, die Politik aber zu Meinungs- und Menschenproduzenten. Die Täter sind keine Produkte, sondern sie selbst. Sie können sich hinter keiner Mentalität verstecken, die nicht integriert wurde (wer wollte so etwas auch integrieren?!): wer in Gruppen Frauen nötigt, vergewaltigt und beraubt, war zumindest in diesem Moment schlicht ein böser Mensch. Das ist überall auf der Welt und in jedem Volk so. Es mag im Einzelfall schuldmindernde Faktoren geben, doch die Schuld liegt nicht in irgendwelchen fehlenden Maßnahmen, sondern einfach bei den Tätern.

Jeder Versuch, das wegzureden, verkennt oder verdrängt die banalsten Grundlagen eines jeden vernünftigen Urteils.
Genauso verdreht ist die Ansicht, jeder Muslim sein per se ein potentieller Vergewaltiger: auch hier wird die Freiheit des Einzelnen geleugnet, nur anders herum. Beiden Ansichten ist ein völlig überhöhter Glaube an die Macht des Systems zu eigen, des Systems, der Mentalität oder wie auch immer man es nennen mag. Entsprechend wird dann die Schuld bei den Systemen gesucht, wie Frau Schwarzer es demonstriert. Irgendwann, so steht zu befürchten, siegt das stärkere System und die Menschen des anderen müssen es ausbaden. Es wäre tragisch, sollte sich dieses Denken wirklich durchsetzen.

Die Geschichte ist alt

Abraham, auf den sich Muslims wie Christen beziehen, handelt mit Gott, der Sodom vernichten will, weil es dort so viele böse Menschen gibt. Er erreicht, dass die ganze Stadt nur um 10 Gerechter willen verschont bleiben soll. Sie finden sich nicht, doch alle Gerechten werden gerettet. Dies ist die Basis für den Umgang mit solchen Dingen: Bosheit hat Konsequenzen, doch niemand wird aufgrund der Bosheit anderer bestraft. So wäre zu handeln. So wäre auch zu denken.

Autor: Bastian Volkamer

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