Reue sieht anders aus

Jeder Mensch macht Fehler. Das kommt in den besten Familien vor. Auch bei Journalisten.
(Die Welt; N24; KNA; domradio)

Wenn der Fehler, den man begangen hat, einem anderen Menschen schadet, so ist der einzig richtige Weg die Bitte um Nachsicht und Verzeihung und der Versuch, den Schaden so weit möglich wieder gutzumachen, indem man eine Richtigstellung veröffentlicht, in der man deutlich macht, dass man dem jeweiligen Menschen Unrecht getan hat.

Erfundene Zitate sollen die Lüge belegen

Nun ist ein spanischer Erzbischof das Opfer einer Falschmeldung geworden. Während er in einer Predigt Gewalt an Frauen eindeutig verurteilte und auf die soziologischen, aber auch auf noch tiefer liegende, geistliche Ursachen, hinwies (wie es wohl von jemandem, dessen Aufgabe es ist, Gläubige über geistliche Dinge zu unterrichten, erwartet werden darf), wurde ihm das glatte Gegenteil unterstellt – und zwar nicht nur, wie ja durchaus üblich, durch geschicktes Weglassen von Sätzen, die einen Kontext herstellen, sondern durch verzerrende  und falsche indirekte und frei erfundene wörtliche Zitate.

Da die betreffende Predigt in ganzer Länge im Netz abrufbar ist, lässt sich der Irrtum leicht feststellen. Wenn nun also eine Stellungnahme des Bischofs Verwunderung angesichts der Kritik äußert, so ist das nicht weiter seltsam: Natürlich ist es verwunderlich, wenn jemand sagt, dass Mord an Frauen aus Mangel an Respekt und aus Machismo resultiert, und er am nächsten Tag in der Zeitung lesen muss, er habe gesagt, Frauen seien selbst schuld, wenn sie geschlagen würden.

Trotz eindeutiger Quellenlage wird weiterhin so getan, als hätte etwas Skandalöses passiert sein können

Wenn nun eine derartige Falschdarstellung derart leicht nachzuvollziehen und einzusehen ist, scheint doch der Weg zur Bitte um Verzeihen für den begangenen Fehler nicht weit.

Aber nein, irgendetwas muss er doch falsch gemacht haben, der Herr Erzbischof. Er ist schließlich ein katholischer Würdenträger. Also schreiben wir als neue Schlagzeile einfach mal „Spanischer Erzbischof weist Machismo-Vorwürfe zurück.“ Äh – Moment. Der Erzbischof beklagt in seiner Predigt den Machismo. Wie kann dieser ihm nun vorgeworfen werden? Eine Dialektik, die mir fremd ist.

Selbst Wortwahl und Formulierung der vermeintlichen Korrektur belieben unterstellend

Zur scheinbaren Rettung der Situation, wird nun wenigstens einmal wörtlich zitiert (unter Auslassungen), was der Erzbischof tatsächlich gesagt hat. Allerdings wird dieses Zitat durch eine weitere Frechheit eingeleitet: „Laut dem vom Erzbistum verbreiteten Predigttext hatte der Erzbischof stattdessen unter anderem Folgendes gesagt: (…)“ . Auch dieser Artikel basiert nach Angaben von „Die Welt“ unter anderem auf einer Meldung der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA). Sämtliche Predigten des Bischofs stehen in einem Archiv der Erzdiözese online zum Nachlesen bereit. Vielleicht ist es nur das Anfangsstadium von Paranoia meinerseits, aber zweifeln Sie an der Glaubwürdigkeit der „vom Erzbistum verbreiteten“ Fassung? Wer sonst sollte denn Ihrer Meinung nach diese Predigt im Original verbreiten, wenn nicht der Verfasser?

Es folgt, wenig galant und wenig geschickt: „Daraus entstanden Berichte, in denen es hieß, der Kirchenmann habe behauptet, spanische Frauen, die von ihren (Ex-)Männern getötet werden, seien selbst daran schuld, weil sie den Gehorsam verweigert oder die Scheidung eingereicht hätten. Diese Interpretation (Hervorhebung von mir) wiederum hatte in Spanien und anderen Ländern scharfe Kritik unter anderem in den sozialen Netzwerken ausgelöst.“

Leser werden für dumm verkauft

Nein, nein, und nochmals nein. Halten Sie Ihre Leser eigentlich für dumm? So etwas ist keine „Interpretation“. Es ist eine bewusst falsche Wiedergabe. Zur Interpretation lassen die Worte des Erzbischofs zu diesem spezifischen Thema nämlich wenig Raum. Wie man in seinen Aussagen etwas Frauenfeindliches oder Gewalt Rechtfertigendes finden kann, wird ein Geheimnis bleiben, aber man ist es ja gewöhnt, dass katholische Glaubensaussagen grundsätzlich so verstanden werden, dass man der Kirche etwas vorwerfen kann.

Plumper geht es wirklich kaum noch. Obwohl hinreichend belegt ist, dass die in den Medien kolportierten Aussagen schlicht jeder Grundlage entbehren, werden lediglich die Worte der Stellungnahme des Erzbistums wiedergegeben – so, als müsste dieser sich rechtfertigen! Das ist unter allen Gipfeln der Frechheit die Zugspitze, das Matterhorn, der Mont Blanc.

Es fehlen Reife zur Einsicht und Größe zum Fehlerbekenntnis

Liebe Medien, die diese Meldung weiterverbreiten; eine kleine Anmerkung zur deutschen Grammatik: Wer eine Lüge im Indikativ verbreitet, sollte bei Klarstellungen nicht in den Konjunktiv fallen. Sparen Sie sich doch diese grammatische Höchstleistung und geben Sie zu, dass Sie die Angaben, die Sie gemacht haben,  gründlicher hätten prüfen müssen. Haben Sie keine Skrupel, einen Menschen zu verleumden? Nicht ein Fitzelchen Respekt?  Egal, ob Fritz Müller oder Braulio Rodríguez, niemand sollte auf diese Art und Weise behandelt werden.

Glauben Sie wirklich, dass Sie durch solche Winkelzüge Vertrauen generieren? Oder ist Ihnen selbst das Vertrauen der Menschen gleichgültig, und geht es Ihnen nur um Ihren Stolz? Jeder hätte höchsten Respekt davor, wenn Sie, gerade in der jetzigen Zeit, mit gutem Beispiel vorangehen  und Ihre Fehler eingestehen würden. Wenn Sie weiter auf Ihrer Falschmeldung beharren, machen Sie sich nur zur Lachnummer. Mir fehlen langsam die Worte, um ein derartiges Verhalten zu beschreiben. Infam wäre das letzte, das mir einfällt. Aber vielleicht nehmen wir auch einfach „unreif“? Wer so uneinsichtig darauf beharrt, andere in den Dreck zu ziehen, der verdient nicht, ernst genommen zu werden.

Autor: Anna Diouf

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