Religion und Ideologie. Und das Christentum

Ich bin immer dankbar für Anregungen der Art „Dazu können Sie doch auch mal etwas schreiben!“. Nicht immer kann ich diese Anregungen umsetzen. Manchmal aber schon – wie in diesem Fall.

Kürzlich wies mich eine Leserin auf einen ihrer Ansicht nach ärgerlichen Text hin, in dem Religion und Ideologie hinsichtlich ihrer Wirkung auf Politik und Gesellschaft gleichgesetzt wurden. In der Tat: Ein sehr ärgerlicher Text. Es ist zunächst schwer, einen Zugang zu der darin vorgetragenen Argumentation zu bekommen. Der Verfasser überdehnt den Ideologiebegriff derart („Wir sind alle Ideologen!“), dass tatsächlich auch „die“ Religionen darunter fallen. Der Text ist also zunächst konzeptionell problematisch. Zudem lässt der Autor im Verlauf seiner Darlegung den Wahrheitsbegriff m.A.n. unterbestimmt, v.a. mit Blick auf das Christentum. Ich will hier nur kurz andeuten, was ich damit meine.

Religion und Ideologie werden gleichgesetzt

Die Rede von „den“ Religionen ist unzulässig. Es gibt etwa 5000 Religionen, die höchst unterschiedlich sind. Das interessiert den Autor aber nicht, weil er sie alle durch den Wahrheitsanspruch in Fragen der Lebensführung verbunden sieht. Er müsste also eigentlich sagen: „Gemeinschaften von Menschen, die für richtig halten, was sie tun“. So etwas meint er nämlich, wenn er Religion und Ideologie in dieser Hinsicht gleichsetzt.

Damit handelt er sich ein riesiges Problem ein: Derart aufgeweicht lässt sich alles unter „Ideologie“ fassen. Wenn alles, was Ideen zu Mensch und Gesellschaft beinhaltet, die überhaupt einen Geltungsanspruch erheben, eine Ideologie ist (so scheint es der Autor ja zu sehen), dann ist natürlich auch die katholische Soziallehre eine Ideologie und jede Form politischer Einflussnahme, seien es die Vorschläge der AfD oder das Engagement von Greenpeace oder das Wirken von DGB oder DFB oder des Bauernverbands. Und natürlich auch die Beteiligung der Katholischen Kirche und anderer Religionsgemeinschaften an öffentlichen Debatten.

Sprachliche Aufweitung eines Begriffs bis zur Unkenntlichkeit

Das merkt der Autor und sagt es auch („Wir sind alle Ideologen!“). Der Autor versucht den Ideologiebegriff zu neutralisieren und depotenziert ihn damit – in einem Diskurs, in dem Religion als Ideologie zum Kampfbegriff wurde (Islamdebatte). Das ist einerseits sehr löblich (gegen überzogene und undifferenzierte Islamkritik), andererseits gefährlich, weil er damit zu weit vom allgemeinen Sprachgebrauch abweicht. Jedes öffentliche Argumentieren der Kirche als Ausdruck von Ideologie misszuverstehen – vom Lebensschutz bis zur Energiepolitik – verfängt eben nur bei Aufweitung des Begriffs – bei Aufweitung bis zur Unbrauchbarkeit.

Der Autor sieht sich selbst in Opposition zum gesellschaftlichen Konsens, nach dem Religion gerade keine Ideologie sei, ja, bewusst vom Ideologieverdacht ausgenommen werde. Das mag als rhetorisches Motiv im Raum stehen bleiben, deckt sich aber nicht mit meiner Erfahrung. Im Gegenteil: Mir begegnen fast nur Menschen, die die Position des Verfassers teilen. Der Vorwurf, den man dem Verfasser dabei machen kann, geht v.a. in die Richtung, dass er Ideologien verharmlost, um dann um so heftiger auf den Wahrheitsbegriff einzuschlagen und „die“ Religionen zu treffen. Lassen wir uns einmal darauf ein.

Eine Person ist im Christentum die Wahrheit

Der Autor stellt also den Wahrheitsbegriff unter Generalverdacht, ohne zu sehen, was „Wahrheit“ (in den einzelnen Religionen und Ideologien) bedeutet und wie sie konkret gelebt wird. Das könnte man sich ja mal für das Christentum im Detail anschauen. Christen glauben ja, dass die Wahrheit eine Person ist – Jesus Christus. Daraus erwächst aber gerade keine (für Ideologien typische) Intoleranz, sondern die Achtung vor dem Gebot der Liebe, die selbst den Feind einschließt. Das ist derart unideologisch, weniger Ideologie geht nicht (es sei denn, man sieht die Liebe als Idee an und folgt dem bis zur Unkenntlichkeit überdehnten Ideologiekonzept des Autors).

Es geht im Christentum eben gerade nicht nur um eine Transzendierung des „ideologischen Wahrheitsanspruchs“ (das machte die Sache am Ende nur noch schlimmer, so dass dann derart missbrauchte Religionen tatsächlich „Superideologien“ werden können), sondern um eine konkrete Person, die Wahrheit ist und dies in ihrer Lehre und ihrem Leben erkennbar wird. Diese Wahrheit in Christo führt nicht zur Intoleranz einer politischen Ideologie, auch wenn sie den Anspruch erhebt, gesellschaftlich wirksam zu werden.

Intoleranz ist die Grundlage der Ideologie

Dass Christen in der Geschichte der Kirche auch intolerant handelten (was niemand bestreiten wird) und ihren religiösen Glauben zur allgemein verbindlichen Denkweise und Lebensform (vulgo: zur Ideologie) erhoben, ist kein Beleg für die Religion ist Ideologie-These, sondern ganz im Gegenteil ein Hinweis darauf, was passiert, wenn Christen von der Wahrheit in Christo abweichen (also: von der Liebe) und statt dessen ihrer eigenen Wahrheit (die dann tatsächlich ideologisch wirken kann) folgen: Religion wird zur Ideologie. Das muss sie aber eben erst werden, das ist sie nicht schon!

Wenn Religion ohnehin und immer Ideologie wäre (und damit alle Religionen – „unterschiedslos“, wie der Verfasser betont), dann würde das auch für das Christentum gelten – insoweit es eine Religion ist. Dann gäbe es aber keine zwei ganz unterschiedlichen Umgangsformen mit Häresie in der Kirchengeschichte, und zwar von Beginn der Christenheit an – eine unideologische (Duldung – argumentative Auseinandersetzung) und eine ideologische (Verfolgung – gewaltsame Bekämpfung). Woher sollte jene kommen, wenn nicht aus der christlichen Religion selbst? Aus der kulturellen und sozialen Umgebung der Antike werden die Impulse sicher nicht gekommen sein.

Der Versuch Ideologie mit Ideologie zu entschärfn

Nun (umgekehrt) die Sache zu retten, indem man sagt, alles sei Ideologie, dürfe es aber nicht sein, sondern müsse sich dem Grundgesetz unterstellen (oder einer anderen zivilreligiösen, i.e. dann wohl auch „ideologischen“ Normativität), würde ja das Grundgesetz zur absoluten Wahrheit machen (und damit die demokratisch-freiheitliche Ordnung zur „Ideologie“). Hier zeigt sich die Schwäche des vom Autor postulierten Relativismus‘: Er führt in den Widerspruch, wenn man ihn auf sich selbst anwendet (Motto: „Alles ist relativ!“ – Gegenfrage: „Alles?“).

Absolute Wahrheit braucht aber das Absolute (also: Gott) und – damit sie nicht ideologisch missbraucht wird – einen Grund in einer Verbindlichkeit, die über Konventionen hinausgeht. Im Christentum ist diese Verbindlichkeit gegeben, weil Wahrheit kein Konzept, sondern eine Person ist, die sehr konkret handelt und uns damit zeigt, was wahr ist.

Unredliche Argumentation

Die (in der Tat: ideologischen!) konkreten Konsequenzen (etwa die Schwächung der Religionsfreiheit) sind fatal. Gerade die Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit ist die Keimzelle jeglicher Freiheit und damit die Basis dessen, was unser Grundgesetz ausmacht. Bürgerliche Grundrechte gegen das fundamentale Menschenrecht Gewissens-, Glaubens- und Religionsfreiheit (und als solches sahen sie so unterschiedliche Denker wie Jellinek oder Bloch) auszuspielen, ist absurd.

In Sachen Ethik argumentiert der Verfasser schließlich derart unredlich, dass man ihm raten möchte, er möge den Ideologievorwurf auch mal probeweise auf sich selbst anwenden. So macht er geschickterweise gleich die Ideologieform (sic!) der Moral zum Gegenstand, so als gäbe es keine Moral ohne Moralismus. Klar: Moralismus ist niemals ideologiefrei (so, wie eine versalzene Suppe immer salzhaltig ist – aber wer sagt, dass eine Suppe versalzen sein muss?!). Religion hingegen kann – als Moralsystem – moralismusfrei sein, nämlich dann, wenn sie sich von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes bestimmen lässt, gerade so, wie sich jene Gerechtigkeit und diese Barmherzigkeit aus Offenbarung (Bibel) und Tradition (Lehramt) von außen her darbieten und wie sie sich dem Menschen in seinem Gewissen und vor seiner Vernunft als wahr zu erkennen geben und dadurch sein Handeln von innen her motivieren. So, wie im Christentum. Zugegeben: Das ist ein Ideal. Aber damit noch lange keine Ideologie.

Alles in allem liegt die Leserin goldrichtig: Ein sehr ärgerlicher Text.

Autor: Josef Bordat

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