NIZZA

Redet man noch über Nizza? Ja, natürlich. Aber manchmal hilft es, mit dem eigenen Kommentar zu warten, bis sich die aufgeregten Medien, Kommentierer und Blogger ein wenig aneinander abgearbeitet haben. Zudem wurde Nizza geradezu überrollt vom türkischen Putsch, von weiteren toten Polizisten in den USA, und nun auch von einem Regionalzug bei Würzburg. Manchmal möchte man das Internet abschalten, Fernsehen und Radio sowieso, und die ganzen feuerroten „Breaking news“-Balken in eine Welt „da draußen“ verbannen, mit der man, wenigstens für eine Weile, nichts zu tun hat.

Tausendfach breitgetreten

Kann man denn überhaupt noch etwas schreiben, das nicht schon bei diesem und allen vorangegangenen Anschlägen gefühlt tausendfach breitgetreten wurde? Ein Blogger legte kurz nach dem Anschlag noch eine Kelle drauf, indem er titelte, er wolle einmal nicht schreiben, was man immer so schreibt – um dann doch nichts anderes zu tun: Ablehnung der ewigen Phrase, das habe nichts mit dem Islam zu tun, eine anklagende Frage an Frau Merkel, die Frage, ob Putins Luftangriffe auf IS-Stellungen nicht doch die bessere Antwort seien, Erwähnung der ewigen Platitüden der Politiker, und ein herzhaftes Raus! mit den Gefährdern aus Deutschland und Europa. Oh, und ganz wichtig natürlich die Information, man selber kenne viele Muslime, die nett usw….

Nicht das, was man so immer schreibt? Püh. Besser hätte man getitelt „ein Streifzug durch das, was alle sagen“.

Schweigen?

Phrasen? Platitüden? Ja, klar, isso. Vielleicht ist es vergleichbar mit einer Beerdigung: was außer Phrasen und Platitüden können wir der trauernden Familie am offenen Grab denn anbieten? Schweigen, und einen mitfühlenden Händedruck vielleicht. Also: einfach mal die Klappe halten?

Oder doch nicht?

Die Antwort liegt wohl irgendwo „dazwischen“. Wenn einem nichts anderes einfällt, als die Äußerungen der anderen abzutun bzw. sich den schon ungezählt gehörten Stimmen anzuschließen, sollte man es vielleicht wirklich lassen. So schwer es auch fallen mag, denn ich verstehe durchaus – auch aus eigener Erfahrung – wie sehr der immer wieder gleich angerührte und aufgewärmte Wortbrei auf die Palme treiben kann.

Aber was bleibt denn? Ich frage ernsthaft.

Was uns eint

Und mir wird auf einmal klar: Unsere Phrasen und Platitüden, unsere Entrüstung und Wut, unsere Trauerkerzen im Internet, und ja, auch unser Schweigen, sie sind in Wirklichkeit vielfältige Ausdrucksweisen des gleichen Grundgefühls: Hilflosigkeit.

Wir mögen toben, wir mögen nach Verantwortlichen suchen, wir mögen fordern und diskutieren, nach Erklärungen suchen und Schuldige finden – letztendlich stehen wir hilflos vor einer Situation, die uns hoffnungslos überfordert.

Wir sind umgeben von einem Hass auf unsere Welt, auf unsere Werte und Freiheiten, und auf unsere christliche Religion (ganz gleich, wie sehr wir sie nun noch leben oder eben nicht), der sich in so vielfältigen Spielarten der Gewalt und Grausamkeit entlädt, und der in immer schnellerer Abfolge neue Anhänger gebiert, dass es uns fassungslos macht, ratlos und, ja, eben hilflos.

Ratlos vor dem Abgrund

Da können wir „Mutti“ die Schuld geben, oder uns den mea-culpa-Rufen zur Kolonialgeschichte anschließen, die Kreuzzüge wieder und wieder aus der Schublade holen, oder von verfehlter Integration jammern. Fakt bleibt jedoch: Wir sehen in einen Abgrund des Bösen, der noch vor einigen Jahren unvorstellbar war.

Ich habe keine Antworten, wie wir dem begegnen sollen. Noch einmal: Wir können uns noch so matialisch geben, und nach Schuldigen und Verantwortlichkeiten rufen, aber letztlich ist es doch nur das berühmte Pfeifen im Wald.

Vielleicht müssen wir uns diese Hilflosigkeit einmal eingestehen. Vielleicht können wir erst dann anfangen, nach neuen Lösungen zu suchen, nach neuen Wegen, einem wahnsinnig gewordenen Teil der islamischen Welt zu begegnen.

Ich weiß es nicht. Aber ich gebe es wenigstens zu.

Autor: Heike Sander

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