Nazi-Kabbala: Jetzt spinnen alle

In der guten alten Zeit waren es noch eindeutig: Die spinnen, die Römer. Offenbar haben diese, als sie Germanien eroberten, einen Gutteil ihrer psychischen Konstitution mitgebracht, jedenfalls kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass im Augenblick einfach alle spinnen.
Eigentlich hatte ich gedacht, dass das unkontrollierte Nazihysterie mittlerweile der Vergangenheit angehören müsste: Seit Filmen wie Mein Führer und Büchern wie Er ist wieder da darf man selbst in Deutschland über Hitler lachen – fantastisch und beinahe unglaublich. Die deutsche Mentalität so richtig aufgespießt hat Petra Lüschow in ihrem Kurzfilm „Der kleine Nazi“. Wer hätte es gedacht, dass Pegida-Populismus und der Aufstieg der AfD dafür sorgen, dass diese zarten Pflänzchen der Gelassenheit so schnell wieder eingehen würden?

Hysterisch wird am Rad gedreht

Der Feind ist die Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler, kurz EDEKA. Kolonialwaren? Da sollten beim aufmerksamen Leser bereits die Alarmglocken schrillen. Kolonialwaren, Kolonialherren, Völkermord. Hätte man sich als erfolgreiches Unternehmen nicht einen anderen Namen wählen sollen? Oder man hätte es auf die russische Art lösen können, und dem Kürzel einen neuen Sinn geben müssen, oder nicht? Wer in den 80ern nach Moskau fuhr, der durfte im GUM, dem Staatlichen Warenhaus, einkaufen, kaum war der Sozialismus vorbei, war es einfach das Hauptwarenhaus, gleiches Kürzel, anderer Sinn. Mag es bei den Russen schlicht Pragmatismus gewesen sein, das Warenhaus war nun einmal nicht mehr staatlich, und „staatlich“ und „Haupt“ beginnen im Russischen vorteilhafterweise nun einmal mit „g“, für die EDEKA wäre es Pflicht, kann man doch den Deutschen nicht zumuten, und ihren Opfern erst, stets an das dunkle Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte zu denken, bloß weil sie noch ein paar Bananen kaufen, oder so.

Was hat EDEKA, Name hin oder her, nun falsch gemacht? Seit Jahren ist der Lebensmittelhändler bekannt für wirklich innovative Werbespots, mit einer Hintersinnigkeit und einem Witz, den man deutschen Filmen wünschen würde, und die man sonst im deutschen Werbesektor kaum noch findet. Das Highlight sollte, wie im vorangegangenen Jahr, der Weihnachtsspot werden. Eine Sängerin singt melancholisch zu den Bildern von großen, sehnsuchtsvollen Kinderaugen von dem, was bei uns falsch läuft in der Weihnachtszeit: Man MUSS so vieles! Kinder wollen spielen, oder backen, oder vorgelesen bekommen, aber nein, Papa MUSS dieses und das tun, Mama MUSS dieses und jenes erledigen: Keine Zeit. Und das, während uns das „Fest der Liebe“ doch sagt, dass wir nur eines müssen: Füreinander da sein. Ehrlich gesagt: Man würde den deutschen Bistümern einen Spot wünschen, der nur halb so gut wäre. Das Wesen der Weihnachtszeit wird wunderbar erfasst und in schönen, schlichten Bildern dargestellt. Ein bisschen bürgerlich vielleicht, aber die meisten Menschen in Deutschland sind ja nun einmal bürgerlich. Nun hat die Werbeagentur, wirklich genial, das Kernwort des Tracks, „MUSS“, genommen, und als MU SS 420 auf das Nummernschild auf den Wagen der Eltern der Werbespotfamilie gepackt. So etwas nennt man „Anspielung“, und es ist in einer Welt, in der zwischen Zeilen nicht mehr gelesen wird, allein deshalb lobenswert, weil sich da jemand wirklich Gedanken um jedes Detail gemacht hat. Diese Sorgfalt macht die Wirkung dieser Werbefilme aus.

Aufklärung seitens einer unterbeschäftigten „Expert*in“

Aber kein Werbemanager kann sich ausdenken, was nun geschieht: Offenbar unterbeschäftige Extremismusexperten haben das MUSS auf dem Nummernschild entdeckt, haben aber nicht genug Grips, um es mit dem Liedtext des Spots in Verbindung zu bringen. Daher gibt es nur eine Möglichkeit: Hier sind eindeutig Nazicodes verarbeitet worden. Denn SS ist ja auf deutschen Nummernschildern eben darum verboten, weil es eine Abkürzung für die berüchtigte Schutzstaffel ist. 4/20 ist eine angelsächsische Variante von 20/4, also dem Datum des Grauens, Hitlers Geburtstag. Und das zweite Nummernschild im Werbespot: SO LL 3849 könnte natürlich auch nicht vielleicht etwas mit der Aussage des Videos zu tun haben, nein, hier handelt es sich um eine ganz gewitzte Chiffrierung, aber nicht gewitzt genug für Expert*innen: Die 84 steht für Heil Deutschland. Achter und vierter Buchstabe des Alphabets. Klar wie Kloßbrühe. Dass es sich vielleicht auch um eine grüßende Geste an die Alt-Right-Bewegung handeln könnte, die „Heil Donald“ bedeuten soll, oder vielleicht einfach nur Teil einer zufällig gewählten Nummernkombination? Dass die Verantwortlichen von heute wahrscheinlich keine 68er mehr sind, sondern junge Leute, zwischen zwanzig und vierzig, die schlicht nicht in jedem Atemzug eines Deutschen die Beleidigung eines Opfers von Völkermord sehen?

Nun, keine Spekulation, bleiben wir bei den Fakten! Und die Fakten sagen: 3 und 9 stehen für Christian Identity (ich muss sagen, da ist das Alphabet sozusagen prophetisch, schließlich steht 3 nicht nur für C, sondern auch für die Dreifaltigkeit, und 9 als dreifache Dreifaltigkeit ist eine der wichtigen christlichen Symbolzahlen). Nun könnte man das ja durchaus schließen, wenn die Kombination 8439 gewesen wäre. So aber rahmt die christliche Identität (ach ja, ich vergaß zu fragen, was an christlicher Identität schlimm ist?) gekonnt das Bekenntnis zum Nationalsozialismus ein. Aber wieso 9 als 3×3 nicht doch eher das Jahr der Machtergreifung symbolisieren soll? Nun, ich bin ja kein Experte, was weiß ich. Ich hinterfrage nun nicht die Geschichtskenntnis der Spatzenhirne, die tatsächlich meinen, Nationalsozialismus und Christentum gingen irgendwie überein, aber solch eine Herleitung ist schon ein starkes Stück. Zumal die weiteren Indizien drückend sind: Blonde Kinder, eine heile Familie und ein altmodisches Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel, das die kleinen Arierengelchen spielen.

Selbst Medien berichten

Landauf, landab berichten nun Zeitungen und Radiosender über die angeblichen Nazi-Codes im EDEKA-Spot. Ich wünsche den Verantwortlichen Durchhaltevermögen und Augenmaß. Keine Entschuldigung! Bitte! Das hier ist ein Präzedenzfall, der darüber entscheidet, ob der Wahnsinn regieren darf oder nicht: Jeder einzelne Buchstabe des deutschen Alphabets (pardon: Des lateinischen, keine Nazi-Geschichtsklitterung hier!) wurde von den Nazis missbraucht. An jedem Tag des Jahres kann man den Geburtstag irgendeines Nazis feiern, wenn man will. Jede deutsche Speise, jedes deutsche Lied, das hundert Jahre alt ist oder älter, ist wahrscheinlich schon einmal von einem Nazi gesungen worden. Das bringt uns in schwerwiegende Gewissensnöte: MU-SS (Verzeihung) ich Heines „Lorelay“ in der Silcherfassung singen, weil der Text von einem Juden stammt, oder DARF (Deutsche-alle-rühmt-Führer) ich sie nicht zitieren, weil die Nazis ihn als Autor unterschlagen und das Lied mit Wonne gesungen haben? Darf ich Klöße essen, wenn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Nazis Klöße gegessen haben? Darf ich mir die Haare blond färben? Darf ich meine schwedischen Freunde zum 88. Geburtstag meines Großvaters einladen, wenn sie blonde Haare haben? Und wie vermittle ich ihnen, dass sie sich die Haare zwar färben dürfen, aber keinesfalls braun, denn braun ist ebenfalls eine Nazifarbe, und auch nicht schwarz, weil die „schwarzen“, also konservativen Parteien, Hitler damals „einrahmen“ wollten und ihm somit zur Macht verholfen haben? Und wie kann ich das ausdrücken, ohne tatsächlich Schwarze zu beleidigen? Ich übertreibe?

Man erinnere sich bitte an die hanebüchene und peinliche Anschuldigung gegen den Moderator des ZDF-Morgenmagazins, Jochen Breyer, dessen olivfarbenes Hemd im Fernsehen so braun aussah, dass das ZDF sich nach einem Shitstorm offiziell entschuldigte. Liebe Leute, das ist nicht witzig! Wir befinden uns in der bedrängenden Situation, dass wir umgeben sind von Nazisprech, Nazicodes und Nazisymbolen. Nicht wenige von uns sind gar Nachfahren von Nazis! Vielleicht sollte man einen großen Scheiterhaufen aufbauen, und sämtliche Bücher und Menschen, die irgendwie mit Nazis in Verbindung gebracht werden könnten, ein für alle Mal von der Erde tilgen?! Zuerst müsste die Bibel dran glauben, schließlich steht da ziemlich oft „Heiland“, und was ist das anderes als ein Chiffre für den Wunsch nach einem für alle Ewigkeit nationalsozialistisch regierten Deutschland?

Die untergründige Bedrohung der Gesellschaft

Indem wir es dulden, dass blonde Kinder öffentlich Mensch-Ärgere-Dich-Nicht spielen, oder heile Familien gezeigt werden, erhöhen wir die Akzeptanz für Nazigedanken in der Öffentlichkeit. Dem Ganzen liegt eine böse Verschwörung zugrunde, die mit der Rechtschreibreform begann. Damals war sie niemandem aufgefallen, die schleichende Nationalsozialisierung des Landes. Ganz unschuldig wirkte es, als man begann, Fluß und daß mit ss zu schreiben. Ja, das ss war ein Maulwurf, denn oberflächlich betrachtet verwies man lediglich das exklusiv deutsche, nachgerade völkische ß in seine Schranken. Heute wissen wir: Hitlers Häscher hocken, ausgestattet mit Millionen von Goldbarren, in den Schweizer Alpen (da, wo es immer nur ss gab) und warten auf den günstigen Augenblick, um Deutschland erneut mit Terror und Völkermord zu überziehen. Wer weiß, ob dieser Werbespot nicht das Signal für den Angriff sein sollte? Heute mag es der Werbespot sein, in dem Plätzchen für die nahende Ankunft des Führers gebacken werden, und morgen wachst du auf, und dein Nachbar hat die Hakenkreuzflagge gehisst statt gehißt! Und dann musst du dir von deinen Enkeln die Frage stellen lassen: Wieso hast du nichts getan? Jedem ein Aluhut!

Wie wäre es, wenn wir vorweihnachtliche Panik-Kabbala unterließen? Kauft bei EDEKA!

Autor: Anna Diouf

Posted in Gesellschaft, Politik.