Nach der Empörung

Die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zitiert AfD-Vize Alexander Gauland mit den Worten: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Gemeint ist Jérôme Boateng aus Berlin, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Er spielt beim FC Bayern München und gilt bei Kennern des Fußballsports seit Jahren als einer der besten Innenverteidiger der Welt.

Nun ist die Empörung groß: Gauland habe Boateng beleidigt. Ich bin zwar eher der Meinung, Gauland habe mit seiner Aussage vielmehr „die Leute“ beleidigt, indem er ihnen kollektive Fremdenfeindlichkeit unterstellt (soweit ein in Berliner geborener und in der Bundesliga tätiger deutscher Nationalspieler überhaupt als Beispiel für „Fremdheit“ taugt), aber was soll’s. Deutschland ist sich einig, so einig wie selten zuvor: Gauland hat Boateng beleidigt. Und: Deutschland empört sich.

Ketzerische Frage

Man könnte – nachdem man sich 30 Minuten empört hat – eine ketzerische Frage stellen: Hat Gauland Recht? Also dann, wenn man die Aussage so versteht, dass er meinte, es gäbe in Deutschland Menschen, die einen dunkelhäutigen jungen Mann nicht gerne in ihrer Umgebung haben wollten, wenn sie denn die Wahl hätten.

Solche Fragen („Hätten Sie diese Menschen gerne als Nachbarn?“ – Gezeigt werden Bilder von Schwarzafrikanern, orthodoxen Juden, Frauen mit Kopftuch etc.) stellen normalerweise Soziologen, die zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit forschen. Im Rahmen einer Allensbach-Studie (2008) wollten Feldforscher genau dies wissen: „Hätten Sie Menschen mit anderer Hautfarbe gerne als Nachbarn?“

Das Ergebnis zeigt zweierlei: Ja, es gibt Menschen, die lieber keine dunkelhäutigen Nachbarn hätten. Und: Es gibt dabei einen großen Unterschied zwischen Kirchgängern und Nicht-Kirchgängern (es handelte sich um eine religionssoziologische Studie). Während bei den Nicht-Kirchgängern sechs von 100 „Leuten“ sagten, „einen Boateng“ hätten sie nicht gerne als Nachbarn, war es bei den Kirchgängern nur einer von 100.

Rund fünf Prozent der Deutschen sind klar fremdenfeindlich

Wenn wir nun unterstellen, dass die Zahl der praktizierenden Christen in Deutschland vielleicht bei sieben Prozent der Bevölkerung liegt, kommt man insgesamt auf ein Potenzial an Fremdenfeindlichkeit von mindestens fünf Prozent. Das bedeutet: Für mindestens vier Millionen Deutsche gilt, was Gauland sagt: „Sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“.

Wäre nun Alexander Gauland nicht bei der AfD, sondern bei den Grünen, lobte man ihn heute morgen bundesweit dafür, das Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit so deutlich angesprochen zu haben. Und, Gegenprobe: Hätte Alexander Gauland gesagt, es gäbe in Deutschland niemanden, der etwas gegen „einen Boateng“ als Nachbarn auszusetzen habe, hagelte es heute morgen wohl Kritik seitens jener Soziologen, die es besser wissen. Von der politischen Konkurrenz würde ihm rasch die Verharmlosung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen. Diesmal übrigens völlig zu Recht.

Man kann sich über die AfD empören – vielleicht soll oder muss man es sogar. Aber nicht aus den falschen Gründen und an der falschen Stelle. Das fällt irgendwann auf.

Autor: Josef Bordat

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