München – eine Anfrage

Man kann über das Pistolenattentat in München immer noch nicht viel sagen, zumindest nicht viel zu den Ursachen, nicht viel, das diesbezüglich Substanz hätte. Vielleicht nur folgendes: Nicht alle, die eine dissoziale oder phobische Persönlichkeitsstörung haben, spielen Ballerspiele und laufen Amok, und nicht alle, die Ballerspiele spielen, tun dies aufgrund einer Persönlichkeitsstörung und werden bald darauf zu Amokläufern, aber Amokläufer haben auffällig oft schwere Persönlichkeitsstörungen und spielten in der Zeit vor der Tat ausnahmslos dauerhaft und intensiv Ballerspiele. Das ist der Befund.

An welchem Ende man nun sinnvollerweise ansetzen kann, um künftige Taten solchen Ausmaßes zu verhindern oder zumindest weniger wahrscheinlich zu machen, ist nun die Frage. Mir scheint es rechtlich und praktisch eher möglich, die Zugänglichkeit zu Computerspielen, die nichts anders beinhalten als die spielerische Durchführung einer Tat wie jener von München, drastisch einzuschränken, als sozial auffällige Jugendliche einer psychiatrischen Zwangsbehandlung zuzuführen. Es gibt kein Recht auf uneingeschränkten Zugang zu Ballerspielen, wohl aber eines auf eingeschränkte Fremdbestimmung im Bereich der eigenen Seele.

Interessieren wir uns noch füreinander?

Das heißt wiederum nicht, dass man einem Menschen, bei dem man feststellt, dass er außer Ballerspiele kaum noch Beschäftigung findet, nicht dringend zu therapeutischen Schritten raten sollte. Hier müssen Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter und – vor allem und zunächst – die Eltern aufmerksam sein. Denn dass ein Schüler sich ein ganzes Jahr lang intensiv auf seine Bluttat vorbereiten kann, ohne dass dies einer erwachsenen Bezugsperson auffällt, spricht für sich und gibt dem ohnehin grauenvollen Geschehen noch einmal eine fürchterliche Wendung. Wenn man mitten in Deutschland Amok planen kann, dann ist das nicht nur paradox, sondern auch eine Anfrage an unsere Gesellschaft: Interessieren wir uns eigentlich noch füreinander?

Autor: Josef Bordat

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