Mit dem Terror leben lernen? Niemals!

Wir lassen uns unsere Lebensart nicht nehmen, hallt es derzeit durch Medien und soziale Netzwerke, und zwar aus allen erdenklichen politischen Richtungen. Das sei die adäquate Antwort auf den Terror.

Etwas an dieser Aussage ist kolossal falsch und lächerlich surreal. Offenbar ist Klarheit über das Wesen islamistischen Terrors noch nicht bis ins Bewusstsein der Menschen gedrungen. Das endgültige Ziel der Islamisten ist nicht, Terror zu verbreiten, Menschen in Schockstarre zu versetzen, Grauen hervorzurufen. Das mögen Etappenziele sein. Das Endziel ist, uns zu töten. Sie, mich, uns alle. Oder uns zu unterwerfen. Was auf lange Sicht dasselbe bedeutet. Wer sagt, er lasse sich seine Lebensart nicht nehmen und sich Weihnachten nicht verderben, der wischt damit nicht dem Djihadisten eins aus, er vermeidet es, aktiv zu werden. Und er verklärt das zur Heldentat, was alle Menschen ohnehin schon immer getan haben – weitermachen. Schließlich ist es nichts Neues, dass Menschen in jeder Situation irgendwie weitermachen, wenn sie noch irgendeinen Funken Lebenswillen in sich verspüren.

Wir müssen den Hass erkennen

Wir haben die totale Entmenschlichung, den totalen Hass, der diese Menschen treibt, noch nicht begriffen. Wir werden sie nicht beeindrucken, indem wir „keine Angst“ haben. Also können wir uns das auch sparen, und lieber das tun, was Islamisten beeindruckt und uns schützt.

Wenn wir den Islamisten eins auswischen wollen, dann müssen wir verhindern, dass sie uns töten, anstatt uns der Illusion hinzugeben, wir seien Märtyrer der Freiheit, wenn wir uns erhobenen Hauptes, den Glühwein in der Hand, lachend in die Luft sprengen lassen – weil, sie können uns ja nichts, diese Islamisten, töten ja, aber nicht vom Feiern abhalten, und das ist doch, was eigentlich zählt. Ernsthaft? Woher der plötzliche heroisch-pathetische Leidenswille in einer werteberaubten Gesellschaft? Nur ein Bruchteil derer, die in sozialen Netzwerken den dem Leben gegenüber indifferenten Helden spielen, würde seinen eigenen Posts gerecht werden, wenn der Henker mit dem Schwert hinter ihm stünde. Zumal ein Mensch selten nur für sich verantwortlich ist. Man mag für sich entscheiden, dass man „jetzt erst recht“ feiern will, aber würde man auch seine Kinder, Eltern oder Freunde auf dem Altar der „Wir-machen-weiter-als-wäre-nichts“-Mentalität opfern? Hier geht es schließlich am Ende nicht um eine Gesellschaft, die abstrakt bleibt, es geht um Familienväter, die Weihnachten nie wieder nach Hause kommen werden, um Kinder, die fehlen, um Mütter, die nicht mehr da sind. Fragen Sie die Hinterbliebenen der Opfer von Berlin, ob sie „jetzt erst recht“ einfach weitermachen. So geht Solidarität nicht! Ein Volk, dem so etwas widerfährt, muss Schmerz darüber empfinden, gemeinsam trauern, gemeinsam handeln.

Ein Schrei nach Vernunft

Nicht von ungefähr hält sich ein Teil der sozialen Netzwerke gerade wie an einem letzten Strohhalm an einem Fernsehmitschnitt fest, der Helmut Schmidts Reaktion auf den Terror dokumentiert. Mannhafte, starke, entschlossene Worte, über ein Volk, das zusammenhält. Dass dieser Ausschnitt vermehrt geteilt wird, ist kein Ruf nach dem starken Führer in der Not, sondern der Schrei nach ein wenig Vernunft und kühler Entschlossenheit in einer Gemengelage, in der immer nur der emotionale Overkill regiert – in alle Richtungen. Schmidt hat unmissverständlich deutlich gemacht, dass sich das Deutsche Volk seiner Tage nicht an den Terror gewöhnen werde, dass es eben nicht weitermacht, als sei nichts gewesen, auch nicht im Sinne eines Martyriums für die freiheitliche Gesellschaft. Hier wird davon gesprochen, dass man sich dem Terror entschlossen entgegenstellt, auch, wenn das das Leben verändern sollte.

Das impliziert für uns Dinge, die wir nicht mögen, in unserem Schrebergärten-Deutschland, aber dieses Deutschland war gewissen Politikern ohnehin ein Dorn im Auge. Mehr Misstrauen gegen bestimmte ethnische und religiöse Gruppen, Angst vor Menschenansammlungen und vergessenen Rucksäcken, weniger Vertrauen untereinander. Das ist nicht schön. Aber wenn die Realität unschön ist, sollten wir sie zur Kenntnis nehmen. Das wird Leben retten.

Autor: Anna Diouf

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