Meinungsbildung und Filterbubble-Autismus

Ich habe die US-Wahl wunderbar überstanden. Ausschlaggebend dafür war Medien- und Timelinefasten. Wenn jemand einen Artikel über Trump oder Clinton oder Wahlprognosen ins Netz stellte, oder wenn ich darüber stolperte: Augen zu und keep going. So war es für mich auch keine Überraschung, dass Trump gewählt wurde – ich hatte schlicht nicht mitbekommen, dass „alle“ nach Kräften die Unmöglichkeit oder Unwahrscheinlichkeit dessen behauptet hatten. Es war für mich von Anfang bis Ende eine demokratische Wahl, bei der jeder der beiden Favoriten die realistische Chance hatte, gewählt zu werden.

Nun lehrt mich der Blick in meine sozialen Netzwerke verschiedene, in höchstem Maße beunruhigende Dinge: Es gibt eine sich als Elite verstehende Gruppe von Menschen, vorrangig aus den Kreisen der Akademiker und der Kulturschaffenden, die sich, obwohl ihr Bildungshorizont sie eines Besseren belehren sollte, schlicht nicht vorstellen können, dass Menschen ein anderes Weltbild als das ihre vertreten, und zwar ernsthaft.

Doch – es gibt andere Weltbilder

Sicher habe ich ein festgefügtes, klares, entschiedenes Weltbild – aber ich kann mir doch zumindest vorstellen, was für ein Weltbild ein IS-Kämpfer oder ein schwedischer Sozialist hat; oder eben ein Arbeitsloser im Mittleren Westen oder ein Predigersohn im Bible Belt. Zahlreiche „Intellektuelle“ scheinen sich eben dies aber nicht vorstellen zu können. Wie Marie-Antoinette aus Trianon herausschaut und sich wundert, dass Dreck auf der Straße liegt und Menschen hungern, gucken sie durch ein Guckloch ihrer sozialen Netzwerke hinaus und entdecken, dass andere wirklich ganz anders denken als sie, ganz andere Dinge für möglich, machbar oder gar erstrebenswert halten.

Dieses Phänomen ist äußerst schädlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, denn während es immer Menschen und Schichten gibt, die sich aufgrund ihrer Fähigkeiten, ihrer Bildung, ihrer Lebensumstände oder ganz einfach ihres Interesses nicht mit anderen auseinandersetzen, ist es eigentlich immer die kulturelle Elite eines Landes, die Klammern setzt, den Dialog anstrebt und Inhalte so aufbereitet, dass Kontroversen entstehen und Konflikte ausdiskutiert werden können. Nun hat genau diese gesellschaftliche Gruppe in Westeuropa, und offenbar auch in den USA, die inhaltliche Ebene dieser Aufgabe vernachlässigt. Man widmet sich nur noch der Hülse der Provokation, ohne darauf zu achten, ob man noch den Zeichen der Zeit entsprechend erfasst, wo man eigentlich heute hinterfragen und kritisieren muss.

Anachronistische und verlogene Feindbilder

Der Kampf David gegen Goliath ist der Urmythos, durch den man sich der eigenen moralischen Autorität und Überlegenheit versichert, ob die Inhalte aber zu diesem Empfinden passen, wird nicht überprüft: So unterhält man Feindbilder und stereotype Konstruktionen, die schon lange nicht mehr der Realität entsprechen – als Beispiel mag an dieser Stelle ein Hinweis auf die Zahnlosigkeit im Kampf gegen islamischen Terror ausreichen: Weil „der Feind“ seit über hundert Jahren eine verzerrte Darstellung der Kirche ist, weil „der Täter“ das kolonialistisch, imperialistisch und nationalistisch geprägte Europa ist, während die muslimischen Völker unterdrückt und benachteiligt sind, weigert man sich bis heute krampfhaft, den Völkermord an den Christen im Nahen Osten ohne Relativierungen als solchen anzuerkennen, und widmet sich dem Kampf gegen Islamophobie: Das ist, als ob Steinmeier morgen die Parole ausgeben würde, dass Frankreich der Erbfeind sei: Es ist hochgradig anachronistisch, und zugleich verlogen, da selbst die Historie in nicht hinnehmbarer Weise „passend gemacht“ werden muss, um solche Frontlinien überhaupt zu kreieren.

Eine zweite Enthüllung, die die Reaktionen auf die US-Wahl bieten, ist die des grenzenlosen Opportunismus unserer lupenreinen Demokraten. Wer ist schon vollkommen frei von dem linkselitären antiamerikanischen Reflex? Obgleich ja Stereotype immer pfui sind, wird bei westlichen Völkern normalerweise eine Ausnahme gemacht: Übergewichtig, bigott, gewalttätig und dumm, so stellt sich uns „der Amerikaner“ dar – so er weiß und männlich ist und aus dem Mittleren Westen, versteht sich. Es muss Dummheit gewesen sein, so zu wählen, kein denkender Mensch würde so etwas tun – offenbar haben die, die leidenschaftlich für die Demokratie und gegen die AfD kämpfen, kein Problem damit, die Mehrheit der Amerikaner der Dummheit und der Unfähigkeit zur Reflexion zu bezeichnen – und sie ignorieren natürlich, dass Trump nicht Präsident geworden wäre, wenn ihn nicht auch Frauen, Schwarze und Latinos gewählt hätten. Sind wir für die Herrschaft des Volkes, dann doch für die des real existierenden, oder muss das Volk erst durch eine Umerziehungsmaschinerie gegangen sein, bis es reif dazu ist, seine Meinung abzugeben? Ich kann mir durchaus vorstellen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung im Grunde unfähig oder unwillig zu mündiger politischer Betätigung ist. Aber kann ich gleichzeitig Demokrat sein und die verachten, die zum Volk ebenso dazugehören wie ich? Wiederum treffen wir hier auf erstaunliche Phantasielosigkeit. Dass man Trump wählt, weil man mit Clintons Programm nicht einverstanden ist, dass man mit Clintons Programm nicht einverstanden ist, aber dennoch ein denkender, intelligenter- oder gar „guter“- Mensch: Undenkbar.

Virtuelles wird zur Realität

Das dritte Problem, das die US-Wahl und ihr „aftermath“ in den sozialen Medien offenbart, ist ein besonders Gravierendes: Wenn wir die kommenden Jahre voller komplexer Entwicklungen und Entscheidungen als Volks- und Weltgemeinschaft überstehen wollen, dann müssen wir Diskursfähigkeit wiedergewinnen. Die meisten von uns stammen noch aus der Welt vor Facebook und Twitter. Wir haben nicht verinnerlicht, dass Prozesse, die nicht in der realen Welt stattfinden, Einfluss auf die reale Welt haben. Wir haben die realistische Dimension der „Matrix“ noch nicht erkannt: Ein Hype, eine Hysterie, die keine andere Grundlage haben als ausreichend zahlreiche Retweets, können sich in reale Vorgänge verwandeln, die aus dem Internet in die Welt hinausreichen. Hysterische und überzogene Reaktionen im Netz sind nicht harmlos und unbedeutend, sie lösen bei echten Menschen echte Reaktionen aus. Darum ist es unerlässlich, dass man die Filterbubble auflöst, in der sich die persönliche Meinungsbildung vollzieht. Das blocken der Meinung, die mir nicht passt, die Entfreundung des Menschen, der AfD wählt oder nicht vegan isst oder Putin für schlecht hält, sorgt dafür, dass konkrete Menschen viel, sehr viel Zeit damit verbringen, sich von Menschen mit derselben Meinung sagen zu lassen, dass das, was sie denken, genau und einzig richtig ist.

Das ist eine Entwicklung, die die Entfremdung von der Realität unfassbar beschleunigt. Ich kann nicht zählen, wie viele meiner Freunde irrationale und dümmliche Memes gepostet haben, die Trump als zweiten Hitler darstellen und völlig hirnrissige historische Analogien konstruieren. Man könnte sagen: Alles nicht ganz ernst zu nehmen, ist doch nur eine spontane emotionale Reaktion. Dem ist nicht so. Jeder „share“ eines solchen Posts festigt in denen, die ihn lesen, die Meinung, dass die dort ausgedrückten Sachverhalte der Realität entsprechen würden. Und so wird aus einem reichen, schrägen, unberechenbaren US-Präsidenten, von dem wir nicht wissen, was er tun wird, postwendend ein Monster. Und wer die schlichte Tatsache auszusprechen wagt, dass man es eben einfach noch nicht weiß, wird zum Sexismus-Befürworter, Schwarzenhasser und Trump-Unterstützer. Diese Vereinfachung und Radikalisierung betrifft alle politischen Lager und Überzeugungen. Sie hat auch damit zu tun, dass der eigene Heroismus größer wird, je mächtiger der „Feind“ ist, dem ich mich entgegenstelle. Je übermächtiger also „die Bösen“ dargestellt werden, desto besser kann ich mich fühlen, wenn ich mutig auf Facebook ein vor Pathos triefendes Manifest verfasse – ehrlicherweise muss man sagen, dass die links geprägten da wohl noch aus einem kommunistisch geprägten Pathosfundus schöpfend eindeutig die vergnüglicheren heroischen Großtaten vollbringen, jedenfalls hatte ich das dringende Bedürfnis, mich mit Chips und Gin Tonic zurückzulehnen, um mich an den zahlreichen Freiheitshelden zu berauschen, die meine Timline derzeit übersäen, die ansonsten aber stets genervt und weise belächelnd auf mein fachfremdes politisches Engagement geblickt haben.

Echter und wahrhaftiger Diskurs notwendig

Dieses Phänomen ist natürlich uralt. Wir finden es schon bei Assyrern und Israeliten, die Feindeszahlen in ihren Kriegsberichten unmäßig erhöhen, um selbst besser dazustehen. Bloß hatte man damals eben noch keine modernen Kommunikationsmittel, und derartige Fakes hatten deutlich weniger Relevanz, außer eben für das Selbstbewusstsein eines vergöttlichten Herrschers. Heute gibt es keine babylonischen Könige mehr, und wir können uns eine derartige Haltung nicht leisten. Wir müssen ihr durch echten Diskurs entgegentreten. Wir können uns in den nächsten Jahren nicht einer vereinfachenden und grob verzerrenden elektronischen Welt hingeben, die uns im echten Leben in unserer Urteilsfähigkeit und in unserem kritischen Denken behindert.

Autor: Anna Diouf

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