Lasst es bitte Fußball bleiben

Ein wahrscheinlich fruchtloser Appell. Jeder, der gemeint haben sollte, die Menschheit habe sich innerhalb der vergangenen Jahrhunderte irgendwie weiterentwickelt, wird hier eines besseren belehrt: Ehre, Wohlfahrt und Wohlergehen eines Landes hängen an Mannschaften, die alles geben, damit ihre Landsleute stolz sein und neues Selbstbewusstsein aus einem Sieg generieren können.

Nun mag das im Falle sehr armer und gebeutelter Länder nachvollziehbar sein. Wenn man einem tristen Alltag die Stirn bieten muss, dann ist es ein Lichtblick, sich 90 Minuten lang wie ein Held fühlen zu dürfen. Allerdings haben sehr arme und gebeutelte Länder im modernen Fußballbetrieb ohnehin kaum Chancen. Auch im Falle historisch rückfälliger Nationen scheint es logisch, geradezu stilsicher, ein Fußballspiel zum Anlass politischer Statements zu nehmen und anschließend prügelnd und randalierend durch die Straßen der gastgebenden Stadt zu ziehen (oder andersherum). Nicht schön, aber was sollte man anderes erwarten.

Dümmliche Kommentare im Internet

Für einen nationalgefühlbefreiten Durchschnittsdeutschen sollte derart hinterwäldlerisches Gehabe und Getue allerdings kein Thema sein, oder? Wir lieben den Sport um des Sports willen, und müssen ihm keine politische oder gar transzendente Bedeutung zumessen! Traumsequenz Ende, back to reality:

Nach dem ersten Spiel der Nationalmannschaft im Rahmen dieser Europameisterschaft quollen die sozialen Netzwerke über vor nicht besonders intelligenten, man könnte auch sagen „ziemlich dümmlichen“ Kommentaren: „Mustafi 1: AfD 0“ war da zu lesen, oder auch, dass ja nun die Armutseinwanderung nachweislich rehabilitiert und jede Opposition dagegen delegitimiert sei. Um nur zwei der schöneren Beispiele zu nennen. Zahllos waren pseudopointierte Aussagen, deren grobe Stoßrichtung durchgehend war, dass in irgendeiner Weise dieses erste Spiel der AfD geschadet und sie Lügen getsraft habe. Warum und wieso, das bleibt im Nebel der ideologischen Verblendung der Verfasser solcher Aussagen verborgen.

Dümmliche Formulierungen in den Medien

Auch in den Fernsehkommentaren nahm die Herkunft der jeweiligen Spieler einen unnötig großen Raum ein. Vielleicht macht es ja auch Spaß, sich Wendungen zu überlegen, die nach allen Seiten hin abgesichert sind und dann doch irgendwie nicht inflationär klingen, wie etwa die schon poetisch anmutende Benennung Mustafis als „Sohn albanischer Eltern“. Werden wir nun in jedem Spiel ausufernd darüber informiert, welcher Herkunft der jeweilige Akteur anteilig ist? Wo setzen wir den Nichtariernachweis zeitlich an? Beim Einfall der Hunnen oder doch lieber schon vor der Varusschlacht? Je früher wir mit der ethnischen Einordnung beginnen, desto multikultureller können wir unsere Mannschaft positionieren!

Nebenbei bemerkt: Ich bezweifle, dass die Trademark „Die Mannschaft“ in erster Linie politisch gemeint ist. Viel plausibler ist, dass man eben aus Marketinggründen einen prägnanten, griffigen Namen brauchte, wie es sie auch für andere Nationalmannschaften gibt. Wenn man allerdings der Streichung des Wortes „national“ eine tiefere Bedeutung beimessen will, dann sollte doch auffallen, dass, während alle anderen ganz bescheiden einfach nur ihr Land vertreten, die Deutschen mal wieder alles an sich reißen: Sie stehen nicht für ihr Land, sondern für „die Mannschaft“ an sich, für den Fußball schlechthin. Sollten also die Deutschen tatsächlich an einem national bedingten Größenwahn leiden, dann würde es hier evident.

Dümmliche historische Einordnungen

Das zweite Spiel erwies sich in seiner medialen Verarbeitung nur deshalb als weniger dramatisch, weil kein Tor fiel, man also keinem Menschen mit Migrationshintergrund irgendwie einen Anteil an deutscher Glorie zumessen konnte (aber man konnte natürlich wenigstens Lewandowski über den Klee loben). Allerdings wurde man von politisch Sensiblen natürlich auf die angebliche Brisanz eines Matches zwischen Polen und Deutschland hingewiesen, und zwar keineswegs nur scherzhaft, was natürlich auch vorkommt und unvermeidlich ist, sondern auch ganz und gar ernstgemeint. Vielleicht sollte man den Autoren solcher Posts ein Update bezüglich der historischen Entwicklung empfehlen.

Deutschland meint, in allen möglichen Weltrettungsangelegenheiten mit gutem Vorbild vorangehen zu müssen. Tut es in diesem Fall: Rettet den Fußball vor ideologischen Höhenflügen. Kicken ist etwas Wunderbares, aber es wird nicht den ersehnten Weltfrieden bringen. Zumal man angesichts des korrupten Apparats, der den internationalen Fußball organisiert, nur von Heuchelei oder grenzenloser Naivität sprechen kann.

Unheilbarer Chauvinismus bei linken Weltverbesserern

Ironischerweise ist das Ergebnis der herkunftsgesteuerten Lobhudelei ohnehin das Gegenteil des Erstrebten: Wenn ich da draußen auf dem Platz meine Mannschaft sehen will, eine starke Gruppe, die zu Identifikation einladen soll, dann ist es nicht hilfreich, alle naselang darauf hinzuweisen, dass die zugehörigen Personen ja gar nicht wirklich und komplett zugehörig seien. Anstatt die deutsche Mannschaft und Deutschland spielen zu sehen, sieht der Zuschauer den Türken, den Albaner, den Polen. So funktionieren Identifikation und Zusammengehörigkeitsgefühl nicht. Und nicht jede alltägliche Lebensäußerung des Deutschen (wie etwa Fußballschauen) sollte als Gelegenheit zur Volkserziehung genutzt werden. Das führt irgendwann zu Überdruss, natürlich völlig unbemerkt von Funktionären und Projektleitern, die alles und jeden politisieren wollen, und zwar nur in eine Richtung. Was uns einmal mehr die unvermeidliche Beobachtung aufdrängt, dass Urgrund linker Weltverbesserungsstrategien ein unheilbarer Chauvinismus ist. Und was dieser Chauvinismus am allerwenigsten verträgt ist, wenn er angesichts eines 90-minütigen existenziellen Dramas in die Gefilde der Bedeutungslosigkeit verwiesen wird. Gönnen wir ihm und uns den Urlaub: Es ist ein Spiel.

Autor: Anna Diouf

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