Lasst den Tätern endlich ihre Motive

Kaum waren die Schüsse in einem Nachtclub für Homosexuelle in Orlando verhallt, kaum das body-counting abgeschlossen, schon kamen die ersten Hinweise auf eine mögliche ideologisch fundierte Motivlage des Täters. Und prompt konnte man den Eindruck bekommen, in deutschen Redaktionsstuben begannen die Köpfe zu rauchen: Wie sagen wir es den Menschen, ohne mit einem Teil der wahrscheinlichen Wahrheit das Publikum zu verunsichern? Wie lenken wir möglichst effektiv von den sich immer mehr als gegeben herauskristallisierenden Hintergründen der Tat ab?

Das Rezept ist ganz einfach: Man lässt sogenannte Experten zu Wort kommen, die in einem Redeschwall die Hintergründe immer haarscharf am eigentlichen Punkt vorbei, „analysieren“. Und so beschäftigten sich elektronische Medien in Deutschland in erster Linie mit den us-amerikanischen Waffengesetzen oder man schwadronierte lautstark und mit Entsetzen in der Stimme über die „Instrumentalisierung“ des Massakers durch den Präsidentschaftskandidaten Trump. Als würden das deutsche Politiker nicht auch tun.

Ablenken vom eigentlichen Motiv

Ein Ralf Stegner beispielsweise, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, kam über vier einleitende Worte zu Orlando gerade noch hinaus, bevor er seinem Hang zur dumpfen Polemik nachgeben musste. Seine erstes Tweet zu Orlando enthält nicht ein Wort des Mitgefühls, keinerlei Anzeichen von Empathie. Sein einziges Ziel: Ablenken von der Intention des Täters, Blick auf den „äußeren Feind“ lenken und einen Zusammenhang zwischen der Bluttat und dem verhassten Präsidentschaftskandidaten Trump herstellen.

Vorsicht und Zurückhaltung sind bei der Beurteilung einer Straftat angemessen und journalistisch. Schält sich jedoch ein Motiv und seine Hintergründe so offensichtlich heraus, wie das bei dem Anschlag in Orlando der Fall ist, dann ist es sogar Pflicht eines Journalisten, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Da sollte es ureigenstes Anliegen eines Journalisten sein, es sollte ihm eine Frage der Ehre und der Glaubwürdigkeit sein, wahrhaftig und unumwunden zu berichten oder zu kommentieren. Gerade als Journalist, der die Öffentlichkeit in den Sozialen Netzwerken sucht, dessen Profil eine „quasioffizielle Segnung“ von facebook „verliehen“ bekam, indem die Authentizität des Autors mit einem blauen Punkt garantiert wird, gerade jemand, der erkennbar für eine Zeitung (die Welt) und einen Verlag (Springer) arbeitet und zu sprechen beansprucht. Da gibt es dann kein „privates facebookprofil“ mehr.

Dennoch entblödet Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur bei WeltN24, sich nicht, ein fragwürdiges Posting zu Orlando abzusetzen, das vermeintlich ein Motiv des Attentäters, beziehungsweise den inneren Antrieb herausarbeiten sollte. Er schreibt:

„Drag Queens (sic!) ermorden: was muss den radikalen Verlierern unser freies Leben Angst einjagen.“

Ganz abgesehen, dass bereits mehrfach belegt ist, dass ein großer Teil der Attentäter im Westen eher keine „Verlierer“ im herkömmlichen Sinne sind, so ist die Motivlage mit „Angst“ eher auch nicht reflektiert. Ich habe mich über diese – auf den ersten Blick – oberflächliche und primitiv vereinfachende Erklärung geärgert. Und aus meinem Ärger heraus habe ich Poschardt aufgefordert, klare Worte zu finden.

Mit Enzensberger Nebelkerzen werfen

Poschardt reagierte mit einem maliziösen Hinweis auf den Artikel „Der radikale Verlierer“ aus dem Jahr 2005 von Hans Magnus Enzensberger in der umstrittenen Hamburger Illustrierten „SPIEGEL“. Da wird mit 35.000 Zeichen in sich schlüssig der radikale Verlierer geschildert. Aber kann ich als Journalist eine Kenntnis dieses Textes bei den meisten Lesern voraussetzen, oder muss ich davon ausgehen, dass sie meine Worte so nehmen, wie sie geschrieben stehen – ohne den Bezug sofort zu erkennen? Und war der Mörder von Orlando einer dieser „radikalen Verlierer“, hatte er sich „isoliert“, hatte er „keinen Zugang zum Kollektiv“? Bisher scheinen die Ermittlungsergebnisse genau das Gegenteil zu belegen. Immerhin war dieser Mensch sogar schon dem FBI aufgefallen, weil er eben „Verbindungen in ein Kollektiv“ hatte. Es mag nicht das Kollektiv sein, das einem Poschardt für seine abendlichen Ausflüge ins Berliner Nachtleben vorschwebt, aber es ist ein Kollektiv. Ein Kollektiv, das Überzeugungen vermittelt, Ideologie vertieft und Hass sät. Insofern mag der Täter nach der Enzensbergerschen Definition durchaus ein „radikaler Verlierer“ sein.

Ich habe mich mit dem Versuch mich abzuwimmeln, nicht zufrieden gegeben und ihn weiterhin aufgefordert, klar Stellung zu beziehen. Denn wenn ich mich als Journalist gezwungen sehe, einen 35.000-zeichentext nutzen zu müssen, um kryptisch um die wahre Ursache eines Terroraktes herum zu reden, dann sollte ich nicht Journalist sein. Als er darauf angesprochen und aufgefordert wird, Ross und Reiter zu nennen, zieht er sich blasiert auf sein vermeintliches Herrschaftswissen zurück. Anstatt sich zu erklären, suhlte er sich in seiner vermeintlichen „intellektuellen Überlegenheit“, die er aus seiner kryptischen Zitation ableitet. Enzensberger hat einen eindrucksvollen und schlüssigen Text geschrieben. Der entbindet aber einen Journalisten nicht davon, den Kern der Sache zu benennen. Und der heißt in diesem Fall, im Fall des Terrors in Orlando, im jedem einzelnen Fall der getöteten mehr als 50 homosexuellen Mitmenschen „Hass des Islam gegenüber Homosexuellen“.

Im Islam gibt es offenen Hass gegen Homosexuelle

Es ist auch völlig unerheblich, ob der Vater des Mörders behauptet, die Terrorattacke habe „nichts mit dem Islam zu tun“, sondern sei reiner Hass auf Homosexuelle. Ein solcher „Hass“ entsteht nicht aus dem nichts. Er benötigt eine Grundlage. Er benötigt eine Erziehung, die zu so einem Hass hinführt. Der Vater will sich nach eigenen Angaben in Afghanistan um das Amt des Präsidenten bewerben und er bekennt offen seine Sympathien für die Terrororganisation der Taliban. Offen zur Schau gestellt wird Hass gegen Homosexuelle auch vom vom Islamischen Staat (IS) zu dem sich der feige Mörder bekannte.

Wenn der Islamische Staat offen zu seinem Hass auf Homosexuelle steht und das mit dem Koran begründet, wenn der Mörder sich zum Islamischen Staat bekennt, weshalb schwurbelt Poschardt dann so herum, weshalb verweigert er eine persönliche klare Positionierung und versteckt sich hinter einem Enzensberger? Hat er schlicht Angst davor, Ursache und Wirkung klar und deutlich auszusprechen? Warum lenken andere Medien so unverhohlen von der Motivlage ab und versuchen die Medienkonsumenten im Unklaren zu lassen. Der Mörder hat sich zu seinem Motiv eindeutig bekannt Da bedarf es keiner intellektuellen Verbrämung oder einer herablassenden Ursachenforschung mit soziologischen Erklärungsmustern.

Lasst den Tätern einfach ihre Motive.

Autor: Martin Wind

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