Keep calm and carry on

Im Bereich Bildung und Erziehung redet alle Welt davon: Medienkompetenz. Medienkompetenz, das ist eine Schlüsselqualifikation im Zeitalter der digitalen Kommunikation, wird uns unablässig zugerufen. Und es ist eine Fähigkeit, die man derzeit in weiten Teilen der Gesellschaft vermisst.

Unser Umgang mit den Medien in den komplexen Fragen, die uns derzeit bewegen, ist alles andere als vorbildlich. Flüchtlingskrise, Köln, Russland, Syrien: Informationen erreichen uns schnell und scheinbar unmittelbar. Dieser oder jener Freund eines Freundes postet ein emotionales Statement, einen Blog- oder Zeitungsartikel. Und im Grunde sind wir doch alle noch mediale Fossilien. Eine Floskel wie „schwarz auf weiß“ offenbart es: Was gedruckt ist, das wird erst einmal für wahr gehalten, vor allem dann, wenn es unserer Meinung ohnehin entspricht. Lügenpresse, das sind schließlich immer die anderen! Noch mehr vertrauen wir auf das, was uns Bilder vermitteln – obwohl Retuschieren und Fälschen seit jeher zu Propagandazwecken eingesetzt wird.

Mit der Wahrheit wird Schindluder getrieben

Es ist unfassbar verantwortungslos, wenn über die sozialen Netzwerke mit der Wahrhaftigkeit Schindluder getrieben wird. Denn diese wirken ja gerade durch die behauptete Unmittelbarkeit und Authentizität der Beiträge, durch einen Vertrauensvorschuss, der dadurch entsteht, dass man Namen und Aussehen kennt, und womöglich Geburtsort, Beruf, Lieblingsessen etc. Wer diese Disposition ausnutzt und Anschuldigungen erfindet, macht sich der geistigen Brandstiftung schuldig, denn was einmal im world wide web gelandet ist, lässt sich aus den Hirnen kaum mehr löschen.

Nun muss es aber gar keine absichtliche Verfälschung von Nachrichten sein: Man kommt bei der Nachrichtenflut, die uns täglich erreicht, schlicht nicht hinterher mit der Verifizierung der Inhalte und lässt sich von der schieren Menge an Information unter Druck setzen, schnell zu reagieren, anstatt abzuwarten, was die nächsten Recherchen bringen könnten.

Während das Hinterfragen von Information keineswegs intuitiv abläuft, funktioniert unser Tetzlaffscher Reflex, sich generell über alles aufzuregen, was man so mitbekommt, noch wunderbar. Oft scheint dabei der Wahrheitsgehalt desto nebensächlicher, je mehr die dargebotenen „Fakten“ der eigenen Meinung entsprechen.

Verantwortung ist furchtbar anstrengend

Die neuen Medien überlassen dem Rezipienten von Information sehr viel Verantwortung. Diese Verantwortung ist furchtbar anstrengend. Sie beinhaltet, dass man nachdenkt, bevor man die Eingabetaste drückt, nachdenkt, bevor man sich empört, nachdenkt, bevor man diesen oder jenen als Schuldigen betrachtet und sich ein Feindbild zurechtzimmert. Das kann aber auch zu einer positiven Herangehensweise an dieses Problem animieren – denn Nachdenken ist doch grundsätzlich erst einmal etwas Gutes!

Zu dieser Verantwortung gehört auch, dass man ein „gelassenes“ Verhältnis zur Falschmeldung entwickelt. Man kann eine Meldung nicht mehr benutzen, um sein Weltbild zu betonieren, oder man wird schnell feststellen, auf Sand gebaut zu haben: Sie kann sich morgen schon als falsch erweisen, oder auch in einer Stunde. Das sollte drei Konsequenzen haben: Einen kühlen Kopf bei der Bewertung von medialen Beiträgen, weniger Hemmungen, wenn man Fehlinformation weiterverbreitet hat, dieses schlicht und einfach zu bekennen und den Fehler geradezurücken, und nicht zuletzt die konsequente Anwendung der Unschuldsvermutung, wenn es um Anschuldigungen geht.

Fronten, die auf heißer Luft basieren

In einer Gesellschaft, in der Medien und soziale Netzwerke zunehmend Realität generieren, müssen alle ihrer Verantwortung gemäß handeln, ganz gleich, ob uns diese Entwicklung gefällt oder nicht. Wir müssen uns öfter des Konjunktivs bedienen und häufiger bei unserer Meinungsbildung einschränkend zu bedenken geben, dass die postulierte Meinung nur insofern gilt, als dass die kolportierten Informationen auch tatsächlich stimmen. Das klingt nicht gerade verlockend. Aber war die Vorstellung, Nachrichten würden uns in erster Linie Fakten liefern, nicht immer wenigstens zum Teil illusorisch? Wir erfassen von der Realität ja ohnehin nur das, was wir wahrnehmen, und diese Wahrnehmung kann sehr unterschiedlich sein. Diese Erkenntnis könnte Anlass zu mehr Empathie und weniger Empörungskult geben.

Abgesehen davon brauchen wir unsere Energie, um Probleme in der echten Welt (die tatsächlich immer noch parallel zu Internet und Fernsehen existiert) zu lösen. Wir können es uns nicht leisten, den sozialen Frieden und die innere Sicherheit durch Illusionen und Lügen zu gefährden und durch festgefahrene Fronten, die auf nichts als heißer Luft basieren.

Autor: Anna Diouf

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