Jede Ente ist eine zuviel …

Seit geraumer Zeit geistert der üble Begriff „Lügenpresse“ durch die Öffentlichkeit, der pauschal alle Medienschaffenden unter Verdacht stellt. Es gibt Menschen, die suchen geradezu danach, Medien nachweisen zu können, dass Sie nicht Fakten berichten, sondern eine tendenziell gefärbte Darstellung der Realität betreiben, Sachverhalte unterschlagen oder Dinge so hindrehen, dass sie in ein vermeintlich gewolltes Weltbild passen. Für richtige Journalisten, die ihr Handwerk sauber betreiben wollen und sich dem Pressecodex verpflichtet fühlen, ist es traurig, dass Kollegen bei solchen unsäglichen und standeswidrigen Versuchen tatsächlich erwischt werden können. Nun hat ein bisher als Qualitätszeitung firmierendes Blatt einen Artikel veröffentlicht, der erst zu einem fulminanten shitstorm gegen den befragten Politiker (AfD-Vize Gauland) führte, dann aber jene beflügeln konnte, die im Vorgehen der Journalisten und der Frankfurter Allgemein Sonntagszeitung (FAS) – gelinde gesagt – einen journalistisch-handwerkliche groben Fehler erkennen wollten und konnten.

Auf facebook habe ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Redakteur einer Wochenzeitung und meiner Tätigkeiten als Pressesprecher ein paar Fragen gestellt, auf die mein geschätzter Kollege Peter Winnemöller antwortete. Wir haben diese Unterhaltung als Interview fortgesetzt:

Frage: „Über wen sagt es mehr aus, wenn man einem Interviewten raten muss, sein Interview in Zukunft komplett mitzuschneiden?“

Peter Winnemöller (PW): „Das bedeutet natürlich bedauerlicherweise den Verlust einer Kultur des Vertrauens, denn eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass ein Journalist dem Grunde nach der Wahrheit verpflichtet ist. Wir sind alle Menschen, unsere Natur ist erbsündlich gebrochen – ich als Christ formuliere das jetzt mal so -, darum sind wir stets in Versuchung, die Wahrheit in unsere Richtung zu verbiegen. Das aber ist nicht das Problem. Das Problem liegt darin, sich nicht von dieser Tatsache beeindrucken zu lassen und trotzdem nach der Wahrheit zu suchen, sich ihr aller Versuchungen zum Trotz verpflichtet zu fühlen.“

Dennoch würde ich jedem in kritischer Situation raten, sich ein kleines kostengünstiges Aufnahmegerät zuzulegen. Ich hätte als Journalist nichts nichts dagegen, denn leider muss ich inzwischen ja damit leben, was Kollegen angerichtet haben, die nicht sauber arbeiten, sondern Tendenzberichterstattung betreiben wollen.

Darüber hinaus biete ich immer an, dem Interviewten meine Aufzeichnung zuzusenden. So schafft man Vertrauen selbst bei denen, die man im Kommentar zu kritisieren beabsichtigt oder im Kommentar kritisiert hat.

Frage: „Und was bedeutet es, wenn man einem Menschen raten muss, keine Gespräche mehr „unter drei“ zu führen, das heißt, vertraulich miteinander Informationen auszutauschen und davon ausgehen zu können, dass davon kein Wort in die Berichterstattung einfließen wird?“

PW: „Das führt zu einem schlimmen Verlust einer freien, starken, gut informierten Presse. Niemand wird freiwillig noch „unter drei“ reden, wenn er befürchten muss, Teile des Gespräches (ganz gleich, ob richtig oder falsch zitiert) am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen. Es wäre die Aufgabe der Herausgeber und Chefredakteure, auf diese Tugend der Verschwiegenheit unbedingt zu drängen, denn am Ende wird es das Medium sein, das dabei verliert. Und zudem werden ehrliche und anständige Kollegen in Verruf gebracht und in Sippenhaft genommen.

Der Leser verliert am Ende ebenfalls, denn eine gute und seriöse Berichterstattung sowie einen kenntnisreichen Kommentar braucht es unbedingt, will man sich nicht endgültig auch in breiten Schichten ein Informationsprekariat heranziehen.“

Frage: „Wie empfinden sie als erfahrener Journalist die derzeitige Entwicklung in der Medienbranche? Auflagen brechen dramatisch ein, Verlage krebsen finanziell am Limit, Redaktionen werden geschlossen …?“

PW: „Miterleben zu müssen, wie eine ganze Medienlandschaft durch zunächst verweigerten, dann nur scheu aufgenommenen Strukturwandel den Bach herunter geht, ist scheußlich.

Das Internet und die sozialen Medien können und dürfen ein Korrektiv zu klassischen Medien sein. Dem haben sich die Medienschaffenden zu stellen. Dabei aber einer dem Internet und den sozialen Medien innewohnenden Gefahr der Shitstormisierung von verfälschten oder vereinfachten Informationen noch in die Hände zu arbeiten, statt durch unbedingte Seriosität und größtmögliche Aufrichtigkeit einen Gegenpol aufzubauen, ist nicht nur die schlimmste Gefahr für die freien Medien, sondern auch ein Unverschämtheit gegenüber jedem, der den Wunsch hat, sich redlich und umfassend zu informieren.“

Frage: „Als ehemaliger Redakteure einer Wochenzeitung und als Pressesprecher verschiedener Institutionen, kenne ich die Mechanismen und Interessen des Berichterstattens und die Vorgehensweisen und Verlockungen bei der Information Medienschaffender. Was halten Sie von Vorfällen, wie wir Sie beispielsweise in der Berichterstattung zu den vermeintlichen Aussagen eines spanischen Bischofs beobachten mussten oder wie sie sich derzeit in der Berichterstattung zum Fall Gauland auf offener Bühne abspielen?“

PW: „Eines sollte man bedenken: Mit jeder (halben, viertel oder ganzen) Ente auf dem Medienteich wächst nicht nur der Argwohn der Bürger, sondern auch das Potential für unseriöse Portale mit nicht immer ganz klarem Hintergrund.

Und darum frage ich mich schon, ob wir nicht besser eine Qualitätsoffensive von den etablierten Medienhäusern einfordern sollten. Diese aber bitte mit Nachdruck!“

Herr Winnemöller, ich danke Ihnen für das Gespräch und für die offenen Worte!

Die Fragen stellte Martin Wind

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