„Ja, wenn es doch so geschrieben steht!“

So steht es geschrieben:

„In einer katholischen Kita in Mainz wurden Kinder über Wochen hinweg gequält – von anderen Kindern.
Sie schlugen Altersgenossen oder Jüngere, zwangen sie, sich zu entblößen oder steckten ihnen Gegenstände in den Po.“

(Deutschlandfunk, 15.06.2015)

„Skandal in einer Mainzer Kita: Kinder wurden gezwungen, in die Puppenecke zu pinkeln. Sie wurden gedemütigt, geschlagen und sexuell missbraucht – von anderen Kindern. Wie konnte es soweit kommen?“
(Welt-online, 15.06.2015)

„“Wir sind nicht nur angesichts des Ausmaßes und der Vielzahl der Fälle, sondern auch im Hinblick auf jeden Einzelfall tief betroffen“, schrieb der Mainzer Generalvikar, Prälat Dietmar Giebelmann, am Donnerstag den Eltern der Kindertagesstätte in Mainz-Weisenau. Die Mitarbeiter hätten Berichte der Eltern über Übergriffe nicht ernst genommen. Aufgrund von Elterngesprächen gebe es für die Vorfälle keine andere plausible Erklärung als „schwere und schwerste Aufsichtspflichtverletzungen“.“
(Rheinische Post/RP-online, 11.06.2015)

„Nach deren Schilderung hatten viele Eltern in den vergangenen Wochen zum Teil massive Verhaltensänderungen bei ihren Kindern beobachtet. „Meine jüngere Tochter traut sich auch zuhause nicht mehr alleine auf die Toilette. Meine ältere Tochter hat von zuhause Spielzeug in die Kita mitgenommen, das andere von ihr erpresst haben. Sie hat mir gesagt, sie werde umgebracht, wenn sie das nicht tut“, berichtet eine Mutter, die sich nun auch Vorwürfe macht, dass sie nicht erkannt hat, was dahinter steckte. Ihre Kinder sind mittlerweile in kinderpsychologischer Behandlung.“
(Main-Spitze/ Rhein-Main-Presse, 10.06.2015)

Medienkonsumenten wissen nach der Lektüre dieser Texte, was geschehen ist. Es steht so geschrieben. Da gibt es in Terminologie und Duktus keine Fragen mehr, da wird Realität dargestellt. Ganz leise blitzt hier und da auf, dass der Wissensstand auf Aussagen von Eltern beruht, die berichtet haben, dass solche Dinge geschehen sein könnten. Nirgends wird problematisiert, dass es noch keine Ermittlungsergebnisse gibt. Ermittlungsergebnisse einer unabhängigen und neutralen Instanz, die in unserem Rechtsstaat sowohl das Recht aber auch die Pflicht zur Ermittlung hat.

Nirgends blitzt der Zweifel auf

Und nirgends wird erwähnt, dass es auch aufgrund des Mangels an Ermittlungen eigentlich noch keinerlei abschließende Feststellungen oder gar Urteile gibt oder Tatsachenbehauptungen geben dürfte. Dennoch wird in der medialen Aufarbeitung und seitens des Generalvikars der Diözese Mainz, Prälat Dietmar Giebelmann, so getan, als stünden die Fakten unumstößlich fest. Ja der Generalvikar geht sogar soweit, dass er aufgrund der geschilderten Verdachtsberichte allen Mitarbeitern der KiTa fristlos kündigt. Er stellt sie nicht nur frei, bis die Vorwürfe geklärt sind. Er kündigt, sofort und fristlos. Das hat den Zug zum Tribunal und zum Standrecht.

Nun, rund fünf Monate und einige Ermittlungsstunden seitens Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft später, kommt es zu einer eigentlich eklatanten Wendung in diesem Fall:

„Den sogenannten Kita-Skandal von Mainz-Weisenau hat es nach Informationen dieser Zeitung so nicht gegeben. Weder die Befragungen der Kindergartenkinder durch speziell geschulte Polizeibeamte noch psychologische Gutachten haben die Vorwürfe erhärtet, wonach es in der katholischen Kindertagesstätte Maria Königin monatelang unter Kindern zu sexuellen Übergriffen und Gewalt gekommen sein soll.“
(Allgemeine Zeitung, Rhein-Main-Presse, 24.11.2015)

Beinahe wundert man sich, dass man ruhig bleiben kann, angesichts der trockenen Mitteilung der Zeitung. Wenn man sich erinnert, mit welchem Aufwand der „Skandal“ landauf, landab von beinahe allen Medien thematisiert wurde, wie die Betonung der „Katholizität“ der Einrichtung beinahe schon zm Qualitätsmerkmal des „Missbrauchs“ wurde, wie mit Personal dieser Einrichtung – mit Sicherheit auch mit Blick auf die zu erwartende Berichterstattung – vorverurteilend umgegangen wurde, so hat die Art der jetzigen Berichterstattung etwas ernüchterndes. Man reibt sich verwundert die Augen und freut sich: So geht das also auch. Es ist demnach möglich in Deutschland, dass über bestimmte Dinge eine fachgerechte und sachliche Berichterstattung abgeliefert wird. Da gibt es keine Verurteilung, da wird nicht spekuliert und da wird keine Ferndiagnose durch „Experten“ wiedergekäut.

Bleibt jetzt zu hoffen, dass diese trockene Meldung in allen Medien im Bundesgebiet mindestens ebenso weit und breit ihren Niederschlag findet, wie die damalige, skandalisierende Berichterstattung. Aber die Erfahrung lehrt, dass sich dieser fromme Wunsch leider nicht erfüllen wird. Und so werden die entlassenen Mitarbeiter der Einrichtung wohl bis an das Ende ihrer Tage auf rehabilitierende Berichte oder gar Entschuldigungen für das gnadenlose Anprangern warten müssen. Vielleicht zeigt ja der Generalvikar des Bistums Mainz, Prälat Dietmar Giebelmann, Größe. Vielleicht bittet er ja um Verzeihung, stellt die öffentlich fristlos Entlassenen zumindest wieder ins alte Vertragsverhältnis ein und verkündet seine Bitte um Verzeihung sowie diesen Versuch seiner Wiedergutmachung ebenso per Pressemitteilung, wie er das mit dem Rauswurf der vermeintlichen Täter gemacht hatte. Seine erste Reaktion lässt allerdings nicht darauf schließen, dass er auch hier wieder ohne Abschlußbericht schnell handeln will. Schade.

In Zukunft muss sich etwas ändern

Und Medien sowie Kirche sollten sich erneut die Frage stellen, ob man nicht zu weit gegangen ist. Man sollte sich die Gewissensfrage stellen, ob man nicht langsam aus solchen Vorkommnissen lernen kann: Eigentlich gehört es ja zum journalistischen Handwerk, dass man bis zum handfesten Beweis immer nur davon schreibt oder redet, daß es sich um bisher nicht belegte Anschuldigungen handelt. Jeder Terrorist wird in Deutschland so lange als „mutmaßlicher Terrorist“ erwähnt, bis er vor einem ordentlichen Gericht verurteilt wurde. Jeder Mörder ist, selbst wenn er auf frischer Tat ertappt wird, ein „mutmaßlicher Mörder“. Bis zu seiner Verurteilung.

Und in der Kirche sollte sich die hysterische Angst vor der medialen Öffentlichkeit legen. Klar ist, dass man in der Vergangenheit bei Missbrauchstaten oft falsch gehandelt hat. Aber muss das dazu führen, dass das heute wieder passiert, nur mit anderem Vorzeichen? Es würde allen Beteiligten gut zu Gesichte stehen, wenn sie künftig kühlen  Kopf bewahren und erst die Ergebnisse neutraler Ermittlungen abwarten würden, bevor sie – zwar öffentlichkeitswirksam, aber letztlich ungerechte – Konsequenzen ziehen. Dabei müssen alle Menschen im Blick behalten werden, die von den Vorfällen aber auch den Maßnahmen betroffen sein könnten. Es wäre nicht das erste Mal, dass Beschuldigte sich aufgrund der schieren Gewalt der öffentlichen Aufregung und der Reaktionen ihres Umfeldes in die Enge getrieben sehen und unüberlegt einen „letzten Ausweg“ nehmen. Dann will niemand mehr in der Haut der Schnellschützen stecken, die doch so eloquent und öffentlich bejubelt „durchgegriffen“ haben.

Auch hier zeigt sich: Es ist gut, dass wir unseren Rechtsstaat haben, dass wir die Gewaltenteilung haben, dass wir geregelte Verfahrensabläufe haben. Und es ist gut, dass es in Deutschland die Unschuldsvermutung gibt und zu geben hat, bis ein Urteil gesprochen ist. Das sollten wir uns alle, Gesellschaft, Medien und Verantwortliche, wieder mal ins Bewusstsein rufen.

Autor: Dominik Ventus

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