Ist die Kirche homophob? Oder zumindest der Vatikan?

Wenn der Fahrer eines roten Autos mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt und daraufhin von der Polizei einen Bußgeldbescheid bekommt, dann deshalb, weil er mit seinem Auto zu schnell fuhr. Und nicht, weil das Auto rot ist. Es ist zwar richtig, dass das Auto rot ist und dass der Fahrer des roten Autos mit einem roten Auto zu schnell fuhr, aber er wird wegen überhöhter Geschwindigkeit belangt, nicht wegen der Autofarbe. Die Schlagzeile “Unmittelbar nach Fahrt durchs Stadtgebiet: Polizei bestraft Fahrer eines roten Autos” wäre also – wohlwollend ausgedrückt – grob irreführend, weil man als Leser annehmen müsste, die Autofarbe habe irgendetwas mit der Straferteilung zu tun. Hat sie aber nicht. Cum hoc ergo propter hoc? Das ist hier die Frage, die man sich stellen muss, wenn man sachangemessen über die Raserei berichten will. Oder auch nicht. Man kann auch einfach denjenigen Sachverhalt aus dem Gesamtkontext reißen, der die meisten empörten Kommentare verspricht. Über Kausalität braucht man dann nicht mehr lange nachzudenken. Hauptsache das cum zieht. Und: propter – ach, wen interessiert’s?!

Folglich heißt es in Deutschlands führendem Nachrichtenportal: Unmittelbar nach Coming-Out: Vatikan feuert schwulen Geistlichen. Und weiter: “Ein hochrangiger Geistlicher aus dem Vatikan hat sich zu seiner Homosexualität bekannt. Die katholische Kirche reagierte prompt und feuerte den 43-jährigen Polen.” Ja, das tut er, der böse Vatikan: feuern. Aber nicht, weil der gute Geistliche schwul ist oder sich zu seiner Homosexualität bekannt hat, sondern weil er nicht zölibatär lebt. Dies zu tun hat er, der gute Geistliche, aber versprochen, als er in den Dienst der Katholischen Kirche eintrat. Er hat also sein Versprechen gebrochen – auf seine Art, die nur eine mögliche ist und auf die es auch weiterhin gar nicht ankommt. Entscheidend ist: Er hat sich nicht an eine Regel gehalten, die man bescheuert finden darf, an die er sich aber – wenn er katholischer Priester sein will – zu halten hat: ohne Partner zu leben. Er, der gute Geistliche, wusste von der Regel, hat versprochen sie zu halten, hat (lange) vorgetäuscht, sie auch wirklich zu halten, hat sie aber nicht gehalten, hält sie nicht und will sie auch künftig nicht halten. Deshalb – und nur deshalb – wird er gefeuert. Er musste damit rechnen. So, wie auch der Fahrer eines moosgrünen Autos mit einem Bußgeldbescheid rechnen muss, wenn er mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt. Auch silber-metallic bewahrt nicht vor dem Knöllchen.

Konzept: homophobe Katholiken

Ob er, der gute Geistliche, darauf besonders stolz sein sollte, seinen Arbeitgeber getäuscht zu haben, ob er das (einzige) Opfer in der Sache ist und der böse Vatikan der (einzige) Täter, ist die eine Frage, die man stellen kann. Nur cum oder schon propter – das ist die andere Frage, die man stellen muss. Es ist dies aber keine Frage, die man beantworten kann, wie es einem gerade opportun erscheint. Zum Beispiel, wenn man die Farbe rot nicht ausstehen kann. Oder den Vatikan gerne als das sähe, was er nicht ist: homophob. Oder, wenn man will, dass die geneigte Leserschaft denkt: “Ich wusste es: Die Polizei hat was gegen rote Autos!” An den Kommentaren gemessen, hat Tagesschau.de das Kampfziel in Sachen Desinformation für den Monat Oktober schon erreicht: Die Amtsenthebung wird als “Akt des homophoben Vatikan-Regimes” missverstanden, das Konzept des “homophoben Katholiken” konditioniert den Diskurs; der eigentliche Kausalzusammenhang spielt keine Rolle. Nicht auszudenken, wenn demnächst ein Priester sein Versprechen wegen einer Frau bricht! Dann wäre die Kirche am Ende auch noch heterophob! – Was? In einem solchen Fall wird gar nicht berichtet? Stimmt auch wieder.

 

Autor: Josef Bordat

Posted in Christ in der Welt, Gesellschaft.

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