Integration

Als Jugendliche war ich standardmäßig antiamerikanisch, so, wie es in meinem sozialen Umfeld allgemein üblich war.
Zu den Dingen, die meinen – zugegeben sehr oberflächlichen- Antiamerikanismus  beförderten, gehörte das stereotype Bild, das uns in der Schule von der amerikanischen Gesellschaft vermittelt wurde. Sie sei hedonistisch und rassistisch, sie fördere Gettoisierung und es fände kein interkultureller Austausch zwischen den ethnischen Gruppen statt. Das jedenfalls war das, was hängen blieb.

Ich war immer Stolz darauf, dass wir solche Probleme nicht hatten. Bei uns lebten Türken und Deutsche friedlich und einander bereichernd Tür an Tür. Miteinander statt nebeneinander. Ab und zu wurde mal die Sache mit dem Kopftuch und dem türkischen Mädchen und ihrem deutschen Freund thematisiert, aber das hatte dann ein Happy End und selbst der südostanatolische Vater war glücklich; Ehrenmord war nicht vorgesehen im Bildungsplan des Landes NRW. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich, ob mir dieses Zerrbild eigentlich wirklich so vermittelt wurde, oder ob ich es im Nachhinein konstruiert habe – nein, mir fallen genügend konkrete Bilder ein, Schulaufgaben und Texte, die diese Vorstellung festigten.

Vor unseren Augen kracht eine Konstuktion rasant ein

Sie muss natürlich schon damals völlig utopisch gewesen sein. Wir erleben gerade, wie vor unseren Augen eine Konstruktion derart rasant einkracht, dass uns schwindelig wird. Die Parallelwelten kannten wir schon, die Schariapolizei hat uns empört, aber irgendwie war das doch alles noch kontrollierbar, es waren immer Einzelfälle. Und, wichtigstes Mantra seit Erfindung des Yogi-Tees: Mit dem Islam hat das alles nichts zu tun.

Nun wacht man auf in einer Medienlandschaft, die, so unehrlich wie eh und je, nach konsequenter Dienstbarkeit gegenüber der Staatsmacht nun versucht, das sinkende Schiff rechtzeitig zu verlassen und dabei wenigstens nicht gänzlich das Gesicht zu verlieren. Ich erlebe derzeit zwei Phänomene: Meinungsbilder, die versuchen, Reste der Realitätsverweigerung zu retten und Berichterstattung, die sich in voyeuristischer Empörung und in Skandalgeschrei ergeht. Vielleicht bin ich zu pessimistisch, aber ich sehe darin denselben Opportunismus. Er buckelt nun eben vor der kollektiven Fassungslosigkeit anstatt vor der Kanzlerin. Aufrichtige Selbstkritik konnte ich bisher noch nicht feststellen.

Pseudokolonialistisch anmutende Anwandlungen

Allerdings ist das größte Problem nicht unsere Medienlandschaft. Sollen sie dramatisieren, sollen die sozialen Netzwerke heißlaufen, entscheidend ist, immer noch, was im echten Leben passiert. Im echten Leben sind wir mit echten Menschen, Immigranten, Einwanderern, Flüchtlingen konfrontiert, und die müssen nun integriert werden. Ich sage nicht „müssen sich nun integrieren“. Ich sage: Sie müssen integriert werden. Natürlich ist es wichtig, auf die Verantwortung des Einzelnen hinzuweisen. Ich wehre mich gegen pseudokolonialistisch anmutende Anwandlungen, die davon ausgehen, der Fremde, womöglich Wilde, Ungebildete, könne nicht anders, als seiner Prägung entsprechend zu handeln. Sicher ist das stete Hinterfragen und Reflektieren des eigenen Handelns eine sehr europäische Eigenschaft, die mit der großen Verantwortung einhergeht, die im Christentum dem eigenen Gewissen zugemessen wird. Aber ich kann wohl erwarten, dass jeder vernünftige Mensch zwischen richtig und falsch unterscheiden kann, und dass kaum einer der Silvestergrabscher tatsächlich unfähig dazu wäre, einzusehen, dass das, was er getan hat, falsch war (wenn er auch durchaus kulturelle Sichtweisen als rechtfertigenden Deckmantel benutzen kann).

Nun gehören aber zur Integration zwei.  Ich frage mich, wie es, abgesehen von der real existierenden Fehlpolitik, zu einer solchen Parallelgesellschaft kommen konnte. Und ich frage mich: In was für eine Gesellschaft hätten sich denn diese Menschen integrieren sollen? Sind die Flüchtlinge integrationswillig und –fähig, das ist eine Frage. Ist unsere Kultur integrationswürdig, das ist die andere, für uns eigentlich wichtigere. Denn man kann ja bekanntlich nur sich selbst ändern, nicht andere.

Kann ich erwarten, dass Menschen sich in unsere Gesellschaft integrieren

Kann ich allen Ernstes erwarten, dass sich ein Mensch in eine Gesellschaft integriert, die so hedonistisch und sinnentleert ist, dass Ungeborene aus Bequemlichkeit getötet werden? In eine Gesellschaft, die ihre jungen Generationen in den burn out und in die Depression treibt, und als Linderung der Symptome mit Glück vielleicht noch in einen Yogakurs?

Ich finde nicht.

Wir wissen, trotz der Flut an angeblicher Information, sehr wenig. Vor uns türmt sich langsam ein Berg an Vertuschung und Verdrängung auf, aber was wissen wir denn tatsächlich über die Täter, über ihre Motivation? Wir sollten uns eher darauf konzentrieren, was wir verändern können, was wir wiederbeleben können, um dem massenhaften Zustrom von Menschen eine kulturelle Basis entgegenzusetzen, die stabil und belastbar ist.
Das Gegenteil versuchen unsere linken Freunde nun zu postulieren: Das Recht einer Frau, auch völlig nackt unbehelligt zu bleiben, gilt plötzlich als Gradmesser einer freiheitlichen europäischen Gesellschaft.

Unser Bild von Männlichkeit beinhaltet die Tugend der Ritterlichkeit

Ja. Das soll sie machen können. Aber nicht, weil unsere Gesellschaft tabulose Nacktheit als Wert sieht und akzeptiert, sondern, weil unser Bild von Männlichkeit die Tugend der Ritterlichkeit beinhaltet.

Zwar wird die ideale Reaktion des idealen europäischen Mannes, nämlich, mit seinem Schwert seine Daunenjacke zu zerteilen, und ihr die Hälfte abzugeben, im Alltag aufgrund repressiver Waffengesetze schwer umsetzbar sein, aber sicher gibt es ein Äquivalent.

Nationales Selbstbewußtsein ist eine Voraussetzung für innerern Frieden

Silvester 2015 erschüttert unser Selbstbild. Im besten Fall macht es uns darauf aufmerksam, dass Welcome-Teddybären, die häufig nur der Selbstbestätigung dienen, keine Basis sind, auf der man Zusammenleben aufbaut. Man hat sich der Illusion hingegeben, man könne die Flüchtlinge für das eigene Wohlbefinden missbrauchen und dabei eine win-win-Situation herstellen: Essen und Frieden gegen ein nationales Wohlfühl-Kuschel-Selbstbewusstsein. Die Rechnung geht nicht auf. Nationales Selbstbewusstsein ist eine Voraussetzung für inneren Frieden. Eigenliebe ist die Voraussetzung, um den Nächsten lieben zu können und Respekt vor sich selbst die Basis dafür, von anderen respektiert zu werden. Das sind doch Gemeinplätze! Ich wage es mal zu sagen – Vielleicht wurde hier nicht in erster Linie eine Gesellschaft angegriffen. Vielleicht wurde hier einer Gesellschaft der Spiegel vorgehalten. „Wir respektieren euch nicht, weil ihr Heuchler seid und keinen Respekt einfordern könnt.“ Bitter.

Autor: Anna Diouf

Posted in Christ in der Welt, Feuilleton, Gesellschaft, Politik.