Im Herzen blond

Was ein unliebsamer Nachbar zur Causa Gauland zu sagen hat.

Ich gehöre ja zu denen, die im Bereich der AfD-Kritik gehörig auf die Bremse treten. Das ist weder politisch korrekt, noch so ganz koscher, noch besonders klug, aber es ergibt sich aus einem natürlichen Argwohn gegenüber einseitiger und skandalsüchtiger Berichterstattung. Als Querdenker in verschiedenen Bereichen habe ich so oft aus eigener Anschauung erlebt, wie falsch, verfälschend, ungenau und/ oder uninformiert Presse berichten kann, dass ich angesichts alarmistischer Machtergreifungsreminiszenzen unbeeindruckt von der AfD gleichbleibend wenig halte, aber nicht aus den Gründen, die offenbar einen Großteil der sich selbst als Intelligenzia definierenden Schicht umtreiben.

Am liebsten keine Nachbarn

Dem Aufschrei angesichts der Nachbarschaftsphilosophien des Herrn Gauland kann ich erst einmal nichts abgewinnen. Der Deutsche liebt seinen Nachbarn generell nicht. Der Nachbar, das ist der Mensch, der das Auto am falschen Tag wäscht, die Wäsche am falschen Tag aufhängt, die Hecke nicht ordentlich schneidet und das Laub des Apfelbaums mit voller Absicht regelmäßig über die Grundstücksbegrenzung in den Garten fallen lässt. Pfui. Man könnte also mit Fug und Recht sagen, dass die Leute auch einen Müller als Fußballer toll finden, aber nicht zum Nachbarn haben wollen. Am liebsten hätte man eben gar keinen Nachbarn. Jedem eine Insel.

Abgesehen von dieser zugegeben polemischen Einlassung ist es leider ein Fakt, dass eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Menschen in diesem Land anders aussehende Menschen misstrauisch beäugt und nicht in näheren Kontakt zu ihnen treten will. Diesem zermürbenden Zustand sind Millionen Menschen ab olivfarbener Haut ausgesetzt, und ich kann nur sagen: Das macht keinen Spaß. Aber wenn ein Mensch etwas sagt, das unangenehm aber zutreffend ist, dann sollte man wegen der benannten Tatsache aufschreien und nicht wegen der Benennung derselben.

Gönnerhaft und das bei besten Absichten

Nun aber wurde der Mann in die Ecke getrieben und hat sich dann doch noch als der typische deutsche Philister geoutet, wie ich sie vor allem in meiner Kindheit und Jugend verabscheuen gelernt habe. Gönnerhaft, und das bei besten Absichten. Ein Beispiel gelungener Integration, dieser Boateng.
Seit ich diese Äußerung und vor allem die Kommentare dazu wahrgenommen habe, versuche ich, sie nicht auf mich zu beziehen, und es gelingt nicht. In diesem Sinne muss ich dem Beitrag Felix Honekamps auf Klaus Kelles Blog Denken erwünscht widersprechen. Boateng ist kein Beispiel für gelungene Integration, es sei denn, man würde auch die Erfolgsgeschichte von Fritz Meier, der aus Bielefeld stammt, aber in Augustdorf groß und dort tatsächlich zu einem geschätzten Mitbürger wurde, als Ergebnis gelungener Integration begreifen. Ich würde jedem, der mich als Beispiel gelungener Integration bezeichnen würde, ohne Gewissensbisse eine selbstgebackene Schwarzwälder Kirschtorte in die Fr…, äh, Verzeihung, ins Antlitz werfen. Nun bin ich, als Mitglied einer multi-ethnischen Familie mit langweilig deutscher „Leitkultur“ , sicherlich kein typischer Repräsentant der Kinder von Ausländern in diesem Land, aber gerade im Bereich der Afro-Deutschen ist die Gruppe derer, die mit einem deutschen Elternteil tatsächlich deutscher Abstammung sind, sehr groß, und mit Boateng geht es ja gerade um diese Gruppe.

Ein Mensch, der zwischen Landshut und Kiel geboren wird, und dessen Großeltern zumindest väter- oder mütterlicherseits vielleicht tatsächlich noch zwischen Maas und Memel das Licht der Welt erblickten, der ist nicht integriert, der ist integral. Er ist so biodeutsch, wie eine rote Kartoffel nicht weniger Kartoffel ist durch ihre Färbung. Je nachdem, ob man bei der Besatzung durch die Römer, beim Einfall der Hunnen oder bei der hugenottischen Flüchtlingswelle ansetzt, haben die allermeisten Deutschen einen „Migrationshintergrund“, wenngleich ich davon ausgehe, dass die Bevölkerung des einen oder anderen Dorfes in der Eifel, in Oberbayern oder in Ostfriesland tatsächlich seit der Erschaffung der Menschen genau dort ansässig ist. Migrationshintergrund, das bedeutet praktisch, dass da etwas Fremdes (sprich: Problematisches) ist, das irgendwie „integriert“ (sprich: unschädlich gemacht, nivelliert) werden müsse. Man würde keinen Nachkommen von (weißen) Engländern oder Amerikanern als Mensch mit „Migrahu“ bezeichnen. Die Konnotation ist also eindeutig.

Nationale Idendität wird über das Aussehen definiert

Es ist ein nie versiegender Quell der Demütigung und Entnervung, dass die nationale Identität in Deutschland einzig und allein über das Aussehen definiert wird. Ich werde nie vergessen, wie niemand das Deutschsein einer rothaarigen Südafrikanerin anzweifelte, während mir erst nach wiederholten Hinweisen auf meinen Pass das Deutschsein erlaubt wurde – und auch nur unter der Einschränkung, dass ja meine Wurzeln ganz woanders lägen. Anekdote Nummer zwei: Der Deutschlehrer, bei dem es beinahe unmöglich war, eine „Eins“ zu bekommen, bei dem ich aber fast kontinuierlich eben diese Note erhielt, fragte mich, im Glauben, umsichtig zu sein, mit welchem Begriff er mich denn beschreiben dürfe – schwarz, braun, negrid, welcher Begriff sei nicht verletzend oder diskriminierend. Ich war völlig konsterniert und fragte zurück, wieso als Beschreibung nicht ausreiche, dass ich eine der besten Schülerinnen sei, die er je gehabt habe und ungeschlagen in der Gedichtinterpretation (man verzeihe das jugendliche – Selbstvertrauen). Geschehnisse dieser Art sind Legion. Es ist nicht verwunderlich, dass das Wort Wurzeln zu den meistgehassten in meinem Wortschatz gehört, und ein Gespräch, das mit der Frage nach denselben beginnt, endet regelmäßig in der Sackgasse. Denn mit „Großvater aus Westfalen, Großmutter aus Pommern“ kommt dann auch der gutmenschlichste Self-Made-Ethnologe nicht weiter.

Diesem Problem vorgelagert ist natürlich ein anderes: Was ist am Fremdsein, Ausländersein oder anders Aussehen schlecht? Die stillschweigende Unterstellung, am Ausländer an sich sei etwas defizitär, ist ja das eigentlich Beschämende.
Völlig absurd mutet diese komplexe deutsche Befindlichkeit an, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Deutschen die gebührende Achtung und Liebe gegenüber dem Vaterland weitgehend vermissen lässt – und nein, „mögen, weil hier alles ordentlich ist und man Geld verdienen kann“, ist keine Vaterlandsliebe, sondern derselbe Grund, der einen Gutteil der derzeitigen Migranten hierher führt. Während Heine durch meine Adern floss, mein Herz in Schillerschem Blankvers pochte, und Volkslieder zu meinem täglich Brot gehörten, musste ich ständig mein Deutschsein beweisen; gegenüber Menschen, die kaum einen tiefergehenden emotionalen Bezug zu ihrer eigenen Heimat haben. Im Nachhinein ist dieser Kampf ein Segen: Wer ihn kämpfen musste, weiß seine Heimat zu schätzen und lässt sich nicht von linker Hysterie anstecken.

Die Bratwurst kann einfach nicht halal sein

Im Grunde ist diese absurde Einstellung Folge einer komplexen, von Schuldgefühlen geprägten Psychose. Wenn alles, was „deutsch“ ist, automatisch schlecht ist und mit dem Makel behaftet, von Nazis instrumentalisiert worden zu sein oder von Neonazis instrumentalisiert werden zu können, dann bleibt nicht mehr viel, worüber man sich identifizieren kann. Heiliges römisches Reich deutscher Nation? Da kommen gleich drei gefährlich braun anmutende Worte drin vor. Volk? Das Nomen zu „völkisch“, also tabu. „Geschichte“? Dazu gehören unzweifelhaft die Jahre 1933-45. In Ansätzen hat dieses notorisch schlechte Gewissen auch die Esskultur bereits erreicht. Eine gescheite Bratwurst kann eben beim besten Willen nicht halal sein, wer weiß, wann auch diese letzte Bastion deutschen Selbstverständnisses fallen wird – beim Bier gibt es ja wenigstens die alkoholfreie Alternative. Da nun alles Deutsche potenziell gefährlich ist, bleiben als legitime Identifikationsgrundlagen nur die wirtschaftliche Situation, sportliche Erfolge und eben das, was man nun einmal weder verstecken noch ändern kann, das eigene Aussehen. Ich habe aufgrund dieses Phänomens meine schwedischen Kommilitonen übrigens immer Premium-Ausländer genannt.

Etwas off-topic aber spannend in diesem Zusammenhang ist, dass diese Eigenart den durchschnittlichen Gutmenschen mindestens ebenso unerträglich macht, wie den durchschnittlichen Rassisten. Die unbelehrbare Arroganz, mit der grün wählende Mittvierziger mit fair gekauftem Seidenschal in neokolonialistischer Manier erklären, was man sei und was nicht, wo man verwurzelt sei und wo nicht, und wo man eigentlich hingehöre, lässt einen sprachlos zurück.

Wie frei sind die „Aufschreier“ von positivem Rassismus?

Mich würde brennend interessieren, wie frei die Aufschreier in der Causa Gauland von dieser deutschen Krankheit sind. Wie viele der Empörten würden wohl in „positivem“ Rassismus gerade neben einem wie Boateng ach so gerne wohnen (gut, abgesehen von der Villa und der fantastischen Wohngegend, diese Argumentation schallt einem nun auch schon von allen Seiten entgegen), und sei es nur, um zu beweisen, dass sie keine Rassisten, Nazis, Rechten, Ultrakonservativen oder was auch immer seien.

Ich mag die deutsche Nationalmannschaft– weil ich sie als ziemlich getreues Abbild der deutschen Gesellschaft empfinde (Fußball an sich gehört nicht zu meinen Leidenschaften). Da ist von jedem und allem etwas dabei und das ist bunt, schön und erfolgreich. Noch schöner wäre allerdings, wenn zum einen diejenigen, die sich als deutsch bezeichnen, auch schlicht und einfach als das, was sie sind, nämlich deutsch, anerkannt würden, und zum anderen die, die sich nicht als deutsch identifizieren können oder wollen, deshalb nicht automatisch verdächtigt würden, in irgendeiner Form zum Niedergang der Nation beitragen zu wollen – der die Meisten ja leider ohnehin nicht mehr abgewinnen können, als dass sie hier eine materialistische Gesellschaftsordnung und viel Geld vorfinden.

Autor: Anna Diouf

Zum Thema hat sich auch unser Autor Felix Honekamp mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Überall Rassisten

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