Helmut Schmidt †

„Helmut Schmidt wird fehlen“ – das ist die Kurzformel dessen, was in den vergangenen Stunden zu seinem Tod gesagt wurde, von Wegbegleitern und Freunden ebenso wie von Kritikern. Helmut Schmidt gehörte zu denen, die es irgendwie auch nach ihrer aktiven Zeit als Politiker geschafft haben, weiterhin zum „Inventar“ zu gehören.

Für mich selbst gehörten die letzten Jahre seiner Kanzlerschaft zur Zeit meiner beginnenden politischen Bewusstwerdung. Als Jahrgang 1970 habe ich vom Großteil seines Schaffens nicht viel mitbekommen, erst mit dem Scheitern der sozialliberalen Regierung 1982 habe ich ihn und die Politik wirklich wahrgenommen. So kenne ich seinen Einsatz in der Hamburger Sturmflut 1962 nur aus Geschichtsbüchern. Ein Moment, in dem er gezeigt hat, dass es manchmal notwendig ist, das Heft in die Hand zu nehmen. Er war, auch das sagen die, die ihn kennen, ein „Führungstalent“, ein Begriff, den man eigenartigerweise heute selten hört. Der Begriff des „Lotsen“ für Schmidt wird dort seinen Ursprung gehabt haben.

Er sicherte die Wehrhaftigkeit der Demokratie

Der Deutsche Herbst gehörte vermutlich zu den schwierigsten innenpolitischen Situationen, die diese Republik zu bestehen hatte. Sein Prinzip, sich nicht für Terroristen erpressbar zu machen, kostete vielleicht Hans-Martin Schleyer das Leben, hat aber vermutlich noch mehr Leben und in gewisser Weise die Wehrhaftigkeit der Demokratie gesichert. Wer aus dem Abstand von fast vierzig Jahren heute dazu kluge Ratschläge geben möchte, der soll das tun. Meine Sache ist das nicht, ich bin weiterhin beeindruckt von seiner damaligen Einschätzung und ich würde mir wünschen, dass Politiker heute in ähnlicher Situation ebenso reagierten.

Seine Partei stellte er vor eine Zerreisprobe mit seinem Eintreten für den Nato-Doppelbeschluss und die damit einhergehende Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa. Auch hier kann man heute kluge Ratschläge geben, aber egal ob das damals alles die richtigen Entscheidungen waren: Es ist nie zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung zwischen der Nato und dem damaligen Warschauer Pakt gekommen. Vor allem aber hat Helmut Schmidt in dieser Zeit zu seinen Überzeugungen gestanden – gelegen oder ungelegen. Das hat ihn die Unterstützung seiner Partei und damit wohl auch die Regierung gekostet. Und auch hier wünschte ich mir Politiker, die in dieser Art für ihre Überzeugungen einstehen.

Umstritten unter Parteifreunden: Standfestigkeit und Prinzipien

Viele Parteigenossen aus der SPD rühmen den wirtschaftspolitischen Sachverstand Helmut Schmidts, den er auch nach seiner Kanzlerschaft an vielen Stellen beratend weitergegeben habe. Nun ja … er war was das anging Sozialdemokrat, vermutlich keiner der Schlechtesten – De mortuis nil nisi bene dicendum! Aber auch wenn man seine Einschätzungen in diesen Punkten nicht teilt: Er hat Standfestigkeit und Prinzipien bewiesen. Gerade Parteifreunde – wenn man sie denn so nennen will – haben ihm das ab und an auch zum Vorwurf gemacht: Die Verächtlichmachung der Tugenden wie Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit und Standhaftigkeit, wie sie ein späterer SPD-Vorsitzender zum Ausdruck gebracht hat, möchte ich an dieser Stelle nicht wiederholen, sondern vertiefen, dass es eben jene Tugenden sind, die vielen Menschen heute an Politikern fehlen. Sie mögen vorhanden sein, gehen aber zumindest im Tagesgeschäft nicht selten unter.

Helmut Schmidt hat gesagt, er glaube nicht an Gott. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob er bis zu seinem Tod dabei geblieben ist, aber er schätzte die Kirchen für ihren gesellschaftlichen Beitrag, beschäftigte sich viel mit Philosophie und der Frage der Prinzipien und des Guten. Da wird was hängen geblieben sein, sodass es uns gut ansteht, nun für ihn zu beten, der ein langes Leben hier auf dieser Welt gehabt hat, die Geschicke Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg wie wenige andere mitgestaltet hat und nun vor dem Schöpfer steht.

Herr schenke ihm die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihm!

Autor: Felix Honekamp

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