Heimat – Christliche Willkommenskultur

Ich weiß nicht, wann die ARD sich entschlossen hat, eine Themenwoche zum Begriff der „Heimat“ zu veranstalten. Mit Sicherheit stand jedoch von Beginn an im Raum, diese möge zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit stattfinden, anlässlich der deutschen Heimatsuche, die im Sommer 1989 begann, als Flüchtlinge aus der DDR über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik kamen. Jetzt kommen wieder Menschen über Ungarn und Österreich zu uns, die auf der Flucht sind, vor Krieg, Verfolgung und Armut, vor allem aber vor der Perspektivlosigkeit daheim. Das ist die Klammer, die Vergangenheit und Gegenwart zusammenhält.

Heimat ist der Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit – und damit so etwas wie das Gegenteil von Perspektivlosigkeit. Heimat steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld. Wie dramatisch ist es, einen solchen Ort wie die Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das niemand, der noch einen Funken an Hoffnung hat. Ist auch der erloschen – nichts wie weg!

Der christliche Glaube vermittelt ein Heimatgefühl

Eine christliche Willkommenskultur für Flüchtlinge öffnet ihnen die Tore, ausgehend von einem Heimatbegriff, der von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung der Offenheit wird, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-Topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Es ist eine Haltung, in der es oberstes Prinzip ist, geistige Beheimatung zu schaffen – soweit dies nur irgend möglich ist. Es ist mithin eine Haltung des christlichen Glaubens, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben – auch jenseits der Heimat.

Kann das gelingen? Das gilt natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, zum Teil viel tiefer als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte.

Analoges ließe sich über muslimische Migranten und Moschee-Gemeinden sagen: Diese sind bevorzugte Anlaufstellen für jene. Nur ist es eben so, dass die Verzahnung der islamischen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben nicht so gegeben ist wie bei der Kirche. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen gleich Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Bei Muslimen besteht ganz im Gegenteil die Gefahr weiterer Segregation, insoweit sie dazu neigen, sich in die bestehende Parallelgesellschaft zu integrieren und damit den Graben zur Mehrheitsgesellschaft zu vertiefen.

Es gibt eine Bringschuld der Neuankömmlinge

Das muss eine christliche Willkommenskultur verhindern. Bloß: Wie? Fest steht: Ohne die Unterstützung geteilten Glaubens müssen in Sachen „geistige Beheimatung“ viel kleinere Brötchen gebacken werden. Hier geht es zunächst um die Anerkennung von Grundregeln des Zusammenlebens – das ist eine nicht verhandelbare Bringschuld der Neuankömmlinge. Sie kann auch der Muslima, dem Muslim nicht erlassen werden, auch, wenn diese Regeln ihr und ihm fremd sind, weil sie sich einer aus dem christlichen Glauben gewonnenen Moral verdanken. Diese Genesis darf die unbedingte Geltung des Regelwerks nicht schwächen.

Das christliche Menschenbild ist nun einmal biblisch, hält aber universale Ideen vor (Würde, Freiheit, Gleichberechtigung), die nicht abgelehnt werden dürfen, bloß weil sie dem biblisch-christlichen Menschenbild entstammen und sich historisch aus dem Beitrag des Christentums zu Recht und Politik entwickelt haben. Wer damit nicht klar kommt, kann nicht hier bleiben. Er muss gehen. Schon aus Eigeninteresse: Denn unsere Heimat kann ja dann für ihn kein Eu-Topos, kein guter Ort sein.

Wenn das geklärt ist, kann es auch im Umgang mit einem Menschen muslimischen Glaubens geistige Beheimatung geben – durch offenen und konstruktiven Austausch. Geistige Heimat findet der Mensch zwar zunächst einmal dort, wo er mit Anderen Ideen und Konzepte teilt und sich mit ihnen in der Sache einig ist, aber auch dort, wo er eingeladen ist, daran mitzuwirken, dass man sich einig wird oder einig zu werden versucht. Wenn das von beiden Seiten in ehrlicher und offener Weise geschieht, können auch Unterschiede im religiösen Glauben überwunden werden.

Stattfinden kann der Dialog aber nur in den engen Grenzen einer beiderseitigen Anerkennung der Bedeutung dieser Unterschiede einerseits und der Verfahrensregeln andererseits. Aufgabe einer christlichen Willkommenskultur ist es dabei, vorbehaltlos auf den einzelnen Flüchtling zuzugehen, auch, wenn dieser einen anderen Glauben hat, zugleich aber die Anerkennung von Grundregeln einzufordern. Nicht auf der Sachebene, sondern auf der Metaebene braucht es eine gemeinsame Heimat, getragen von Gewaltlosigkeit, Gleichberechtigung und Gesprächsorientierung.

Autor: Josef Bordat

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