Gallionsfiguren versagen im Talkgeschäft

Vollverschleiert, als menschliches Wesen nur an den Händen, den Augen und an der Stimme erkennbar, hat eine schweizerische Muslima an einer deutschen Talkshow teilgenommen. Man könnte sagen, das gehöre nun mal in einer aufgeklärten und toleranten Gesellschaft zum guten Ton, dass man alle zu Wort kommen lasse. Die Moderatorin der Sendung – Anne Will – hat das auch einem der Mitdiskutanten rüde mitgeteilt, als dieser sich gegen die Propaganda der vollverschleierten Muslima verwahrte: „Es gehört auch zu unserem Werteverständnis, dass wir uns mit den Meinungen anderer auseinandersetzen“, kujonierte Will den israelisch-arabischen Psychologen Ahmad Mansour. Mansour, bekannt als ausgewiesener Fachmann für Islam und Radikalisierung, lebt wegen seiner Islamkritik in ständiger Gefährdung und erhält von radikalen Muslimen Todesdrohungen.

Überhaupt war der gesamte Verlauf der Sendung interessant. Immer wieder konnte die sogenannte Frauenbeauftrage des „Islamischen Zentralrats der Schweiz“ (IZRS) – einer ähnlich suspekten Organisation wie der sogenannte „Zentralrat der Muslime“ in Deutschland – ihre fundamentalistischen Vorstellungen des Korans verbreiten. Flankendeckung erhielt sie dabei von Anne Will, die ihr deutliche Kritik vom Leibe hielt. Doch das ist weniger der Knackpunkt meiner Überlegungen. Wichtiger scheint mir die Frage, weshalb diese Propagandistin in eigener Sache überhaupt in einer Talkshow des zwangsbeitragsfinanzierten, öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten durfte.

Einladungen an „extreme“ Gruppierungen

Wir erinnern uns an die heftigen Diskussionen um die Einladung von Politikern der als extremistisch zwangsverorteten Parteien in Deutschland. Diese Scheu der Medien den Vertretern ungenehmer Überzeugungen eine „Plattform zu bieten“ gipfelte sogar darin, dass man nach Landtagswahlen selbst gewählte Politiker nicht zu den sogenannten Elefantenrunden lud, so sie den „falschen Parteien“ angehörten. Verlierer aber, die nicht mehr in den Landtag einzogen, durften hingegen noch einen Abgesang auf ihre bisherige Tätigkeit halten.

Es ist immer eine schwierige Abwägung, welche Wirkung der Auftritt Andersdenkender in den Medien haben kann: Auf der einen Seite kann das Volk sich unmittelbar selbst informieren und den Menschen beim Verbreiten Ihrer Gedanken zuhören. Auf der anderen Seite besteht so selbstverständlich die Gefahr, dass eben auch extremes Gedankengut verbreitet wird. Hier stellt sich allerdings auch die Frage, was denn nun schon „extrem“ oder gar „extremistisch“ ist! Die Diskussionen zu dieser Verortung laufen meines Empfindens in unserer Gesellschaft derzeit aus dem Ruder. Es besteht die Gefahr einer hysterischen Dämonisierung aller als Extremisten, die den derzeitigen Kurs der Bundesregierung in Frage stellen und nicht mehr mittragen wollen.

Auch abweichende Meinungen zulassen

Der Gefahr einer einseitigen Radikalisierung oder einer einseitigen Darstellung extremistischer Positionen, könnten die Gestalter der Talkshows durch eine parteilich ausgewogene Besetzung Ihrer Gesprächsrunden begegnen. Allerdings konnte man in den vergangenen zehn Jahren kaum je den Eindruck bekommen, dass eine wirklich ausgewogene Besetzung der Studiorunden angestrebt wurden. Meistens sind die Vertreter der medial am beliebtesten Meinung in der Mehrheit und erhalten so mehr Rede- und Sendezeit, als die Vertreter der abweichenden Meinungen.

Wichtig aber ist, dass die Randständigen und Extremen überhaupt zu Wort kommen dürfen und können! Das ist Teil unserer demokratischen Verfasstheit und gehört zu einem aufgeklärten Diskurs in einer toleranten Gesellschaft. Insofern war der oberlehrerhafte Einwurf Wills an Herrn Mansour selbstverständlich leider doch gerechtfertigt. Vor dem Hintergrund der Debatte um den Ausschluss demokratischer Parteien vom Talkshow-Zirkus aber eine erstaunliche Einlassung. Erklären kann man sich diese Debatte zur Ausgrenzung unerwünschter Meinungen eventuell noch mit der Angst, den Argumenten der Debattenteilnehmern nicht gewachsen zu sein.

Das peinliche Versagen der Moderatoren

Manche Medienschaffenden und eventuell auch Fernsehzuschauer werden sich wahrscheinlich noch an das fulminante Untergang Erich Böhmes in der Talkrunde „Talk in Berlin“ erinnern, der angetreten war, Jörg Haider, Parteichef der Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), „zu entzaubern“. Da traf die journalistische Hybris, über alles besser Bescheid zu wissen, auf einen ausgewiesenen politischen Kenner, der argumentativ hervorragend aufgestellt war. Und solche Niederlagen selbstsicherer Talkshow-Moderator_Innen durften wir in der jüngeren Vergangenheit durchaus auch andernorts erleben.

Und so entsteht häufig der Eindruck, dass viele Medienschaffenden gerne alles von der freien Meinungsäußerung ausschließen würden, was dem stillschweigende „Gentlemen’s Agreement“, dieser augenzwinkernden Kumpanei zwischen Politik und Talkshow-Zirkus zuwiderlaufen könnte: Man sondert die kaum noch voneinander unterscheidbaren Positionierungen ab, geht kaum aufeinander ein und eine tiefergehende argumentative Auseinandersetzung scheuen wir, denn damit überfordern wir ja das „tumbe Volk“. Auf eine solche Sendung kann man sich ohne größere Anstrengung vorbereiten, indem man am Morgen die „Welt“, die „FAZ“, die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ und zur Not noch die umstrittene Illustrierte aus dem Hafenviertel von HH durchblättert (SPIEGEL).

Personengebundene Talkrunden abschaffen

Kommen aber die Vollverschleierten, dann muss man, um sie zu demaskieren und die ungeschminkte Wahrheit hinter dem Schleier zu erkunden, thematisch sattelfest und belesen sein. Das gleiche gilt, wenn man sich traut, politisch Anderstickende einzuladen, die weit über den eigenen Horizont hinausdenken: Da muss man tatsächlich wissen, wovon die reden und wie die argumentieren, um eine solche Sendung bestehen zu können. Und das fordere ich von den Sendungsmachern: Arbeitet Euch in die Thematik ein! Findet gute Argumente. Lasst politische, religiöse, wirtschaftliche, gesellschaftliche und künstlerische Exoten durchaus auch zu Wort kommen. Aber begegnet ihnen nicht hilflos.

Die Angst vor den Randständigen, vor den Extremen, den Minderheiten, den schrillen und lauten ist verständlich. Sie – diese „Angst“ – muss in einer pluralen Gesellschaft zumindest von Medienschaffenden, von Redakteuren, Journalisten oder auch einfach nur von Moderator_Innen tatsächlich „unterdrückt“ werden, denn auch diese Gruppierungen gehören zu unserer Gesellschaft. Nun stellt sich aber die Frage, ob einzelne Gallionsfiguren des Talkshow-Zirkus dem breiten Spektrum gesellschafltichen Diskurses tatsächlich inhaltlich gewachsen sind. Meiner Meinung nach überfordert das einzelne Moderator_Innen erheblich. Und auch das ist verständlich: Nicht jeder Mensch kann souverän über den Islam, Freihandelsabkommen, politische Entwicklungen in der Türkei oder auch die Rohstoffverteilung in der Antarktis sowie die Interessen der Umweltverbände an einer Klimaerwärmung nachdenken und dazu sachgerecht argumentieren. Das ist schlicht zuviel.

Echte Fachleute sollen moderieren

Und so bleibt eigentlich nur ein Fazit: Wenn wir den gesellschaftlichen Diskurs in seiner ganzen Breite in unserem Talkshow-Zirkus dargestellt haben wollen, dann sollten diese nicht nur von jeweils einer Person, einer Gallionsfigur moderiert werden. Eine Sendung nach einer Persönlichkeit zu benennen, gibt dem Moderator zwar das trügerische Gefühl einer Unersetzlichkeit. Es ist aber nicht förderlich für das Vorankommen der Willensbildung der Zuschauer. Setzt sie alle ab, die Wills, die Illners, die Maischbergers und die Jauchs. Lasst die Fachleute ran an die Themen, dann kommen solche Rohrkrepierer wie die Willsche Moderation mit der fundamentalistischen Muslima auch eher seltener vor. Einer Antonia Rados hätte eine „Frauenbeauftragte des Islamischen Zentralrats der Schweiz“ nicht so auf der Nase herumtanzen können.

Und dann werden alle Befürchtungen und Überlegungen, ob man „so jemandem eine Plattform bieten“ dürfe, obsolet. Man muss so jemandem Plattform bieten, damit die Chance zur Selbstentzauberung besteht. Zum Entsetzen vieler Islam-Apologeten ist nämlich genau das in der Will Sendung auch passiert. Und auch Politiker haben sich medial schon schön selbst entmystifiziert. Nur Mut, Ihr Medienschaffenden. Nur Mut!

Autor: Martin Wind

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