„Fear“: Warum Falk Richter zu Recht Angst hat

„Fear“ heißt das Stück, dass von Falk Richter in Berlin auf die Bühne gebracht wurde, und über dessen mangelnde künstlerische Qualitäten einerseits und die darin enthaltene menschenverachtende Hetze gegen alles, was anders denkt als Richter und seine peer-group, andererseits, eigentlich schon alles gesagt ist. Ich selbst habe das Stück nicht gesehen, daher werde ich mich auch nicht zu einer vertieften Kritik versteigen, aber warum ein Theaterstück, in dem dazu aufgefrufen wird, Vertretern konservativer Positionen zwischen die Augen zu schießen, auf einer staatlichen Bühne aufgeführt und staatlich gefördert wird, dazu fehlt mir die Phantasie (nein, eigentlich nicht, aber ich will es nicht wahrhaben).

Eben jene konservative Positionen, personifiziert durch vornehmlich weibliches politisches oder mediales Personal wie Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde, Bettina Röhl, Erika Steinbach oder Eva Hermann, werden als Zombies dargestellt, die man nur durch das unbarmherzige Töten los wird. Nun wissen wir aus diversen Horrorfilmen, dass Zombies, lebende Tote, in der Tat finstere Gesellen sind, vor denen man Angst haben muss. Insofern scheint der Titel „Fear“, also „Angst“ symptomatisch für die Therapie, die man gegen unerwünschte Positionen einzunehmen vorschlägt:

Das sogenannte juste-milieu hat Angst, und sie kommt dieser Angst langsam nicht mehr anders bei als durch Verunglimpfungen, Hetze und unverholenen Aufrufen zur Gewalt. Ob die Brandanschläge auf Autos und Gebäude von Beatrix von Storch und Hedwig von Beverfoerde in einem nicht nur zeitlichen sondern auch sachlichen Zusammenhang mit dem Gewaltaufruf Falk Richters steht, wird schwer zu klären sein, sie sind aber ein Symptom genau jener Angst.

Wikipedia definiert Angst wie folgt: „Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.“ (Hervorhebung von mir). Da mag der Hase im Pfeffer liegen: Das entsprechende Milieu war es über Jahrzehnte gewohnt, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Umweltschutz war immer gut, die Ablehnung der Atomenergie war ebenso gut wie Antifaschismus, der Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Einsatz gegen angenommene und reale Ungerechtigkeiten in der Welt und in Deutschland war irgendwie auch immer gut. Kurz: Man stand auf der Seite des Guten und musste sich in dieser Hinsicht nie rechtfertigen.

Das scheint vorbei zu sein, die Zeiten, in denen man sich in Deutschland am Nasenring durch die Gegend ziehen ließ, weil jemand auf der vermeintlich guten Seite stand, gehen rapide ihrem Ende entgegen. Denn was jetzt passiert ist, dass sich die Vernunft Bahn bricht: Wie schwerwiegend sind eigentlich die Folgen der Atomenergie? An das an die Wand gemalte Schreckgespenst des Atomtods glaubt spätestens seit klar wurde, dass es in Fukushima keine Atomopfer gegeben hat, niemand mehr (abgesehen von der Politik, die aus ihrem in Panik und Wahlkampf gewählten Atomausstieg nicht mehr rauskommt). Niemand tritt in Deutschland ernsthaft für Rassismus ein, aber wenn aus Pipi-Langstrumpf-Büchern der „Negerkönig“ verbannt wird, dann wird es den meisten eben doch zu bunt. Niemand will ernsthaft behaupten, dass es gut wäre, Homosexuelle zu diskriminieren, aber wenn im Rahmen des Gender Mainstreamings für Unisex-Toiletten oder die Etablierung von mehr als 60 Geschlechtern gefochten wird, dann fragen sich die meisten nur noch, was lann Hornscheidt eigentlich zu viel genommen hat. Natürlich ist es gut, sich gegen wirtschaftliche und andere Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, aber wenn das die Freiheit des Einzelnen bedroht erntet man mittlerweile auch kritische Stimmen  – ganz abgesehen davon, dass zunehmend in Zweifel gezogen wird, ob es sich tatsächlich um Ungerechtigkeiten handelt oder nur um Folgen individuellen Handelns. Und zu guter letzt: Natürlich ist es gut, Fremden in Not zu helfen, Menschen die vor Krieg und Verfolgung auf der Flucht sind Sicherheit zu gewähren, aber wer ohne Plan einfach Grenzen öffnen will und jeden, der nach Deutschland einwandern will, kurzerhand zum Flüchtling erklärt, der muss sich neuerdings erklären und mit fundiertem Widerspruch rechnen.

Kein Zweifel, das Selbstbild der Linken und Grünen, die Achtung, die ihren Positionen und Aktionen bislang entgegen gebracht wurde, und aus der sie ihre Selbstachtung bezogen, ist bedroht. Die Angst ist berechtigt, dass man die Deutungshoheit in der Gesellschaft und mittelfristig dann auch in Politik und Medien verlieren wird. Da stellt sich eigentlich nur die Frage, wie man mit der Angst umgeht – welche Strategien man anwendet, um die Angst loszuwerden.

Erfolgversprechend – Angst macht im Wesentlichen, was man nicht kennt – ist dafür die Beschäftigung mit dem, was einem Angst macht: Wer Angst vor Spinnen hat, der kann sich mit den Fähigkeiten, dem filigranen Körperbau und den biologischen Funktionen von Spinnen in der Natur beschäftigen. Analog hieße das wohl, sich mit den Argumenten der politischen Gegner auseinandersetzen, das Richtige aufgreifen und selbst verwerten, auf Schwachstellen hinweisen und den gesellschaftlichen Diskurs so weiter bringen. Das ist natürlich ein rationales Vorgehen, dass je nach erlerntem Umgang mit Angstsituationen nicht jedem offen steht. Man kann auch vor dem Angstmachenden fliehen: So wie man versucht, Stellen zu meiden, an denen einem Spinnen auflauern könnten, kann man generell einfach Diskussionen und Themen vermeiden, an denen man keine Chance mehr sieht, Mehrheiten zu gewinnen. Das hieße aber auch, den anderen das Feld zu überlassen, was demjemigen, der überzeugt ist, das Spinnen „böse“ sind, auch nicht als Option zur Verfügung steht.

Aber welche Strategie wählen Falk Richter und die Fans von „Fear“? Sie gehen auf Angriff: Sie verstehen nicht, darum verunglimpfen sie! Sie haben Angst, darum hetzen sie, behaupten, die anderen seinen böse und schlecht. In ihrer Angst wächst die Unsicherheit, deswegen treten sie umso mehr mit dem Anspruch auf, auch in der Wahl ihrer Mittel immer im Recht zu sein. Und bei all dem steigern sie sich hinein in eine Personifizierung der Gegner als Zombies und die eigene Berechtigung, notfalls auch Gewalt anwenden zu dürfen. Dass es kein gesunder Umgang mit Angst ist, wenn man sich aus Furcht vor Spinnen daran macht, alle Spinnen töten zu wollen, ist wohl unmittelbar einsichtig – aber nur für denjenigen, der keine panische Angst vor Spinnen hat!

Dass Falk Richter und das links-grüne Milieu Angst haben, ist durchaus verständlich. Dass ihre Reaktionen auf diese Angst frappierend nicht nur denen von Phobikern sondern auch denen von tatsächlichen und vermeintlich von ihnen bekämpften Rechtsextremen ähneln, würde sie vermutlich selbst erschrecken (rationale Herangehensweise vorausgesetzt). Was wir aber als Gesellschaft lernen müssen ist, mit den Ängsten dieser Menschen umzugehen: Sie sich einfach in ihrer Angst suhlen zu lassen, erscheint nicht nur nicht erfolgversprechend sondern – siehe die letzten Anschläge Linksradikaler – mindestens so gefährlich, wie das Gewährenlassen echter rechtsextremer Einstellungen. Womöglich hat – auf eine ganz eigenartige Art und Weise – das Stück „Fear“ auch sein Gutes: Es weist auf das gesellschaftliche Problem der Angst in linken und grünen Kreisen hin, an der wir als Gesamtgesellschaft nicht vorbei kommen.

Nachtrag: Und jetzt viel Spaß bei der Beantwortung der Frage, was von alledem ich wirklich ernst gemeint habe, und was hier nur mit Augenzwinkern zu lesen ist.

Autor: Felix Honekamp

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