„False Flag“ – Vortäuschen einer vom Gegner begangenen Straftat

Zugegeben. Amtlich ist es noch nicht. Aber sehr wahrscheinlich, laut der Einschätzung der Staatsanwaltschaft und den Aussagen eines Rechtsmediziners.
Ein Politiker täuscht einen Messerangriff auf seine Person vor. Das klingt zu abenteuerlich, um wahr zu sein.
Gut, man ist jung, erst achtzehn Jahre alt (es bestünde also laut Churchill bei genügend Verstand die begründete Hoffnung, dass der Betreffende bereits in 12 Jahren den Sozialismus aufgibt…), man will ein bisschen Action und ein bisschen Öffentlichkeit und fragt sich: Was kann man da machen?  Ein bisschen Unehrlichkeit ist im Politikgeschäft ja nun nicht gerade unüblich – dann erzählt man eben ein paar Märchen: „Da waren Nazis, und die haben mich angegriffen“. Wenn einem tatsächlich nicht genügend Begebenheiten einfallen, die Rechtsradikale diskreditieren (etwa tatsächlich geschehene Mordserien und Messerattacken), dann scheint mir das im Bereich des Möglichen zu liegen. Aber sich selbst verletzen um dem ganzen mehr Wirkung zu verleihen? Polizei und Staat auf Trab bringen, die Öffentlichkeit alarmieren, es in Kauf nehmen, das Freunde, Familie und jeder halbwegs denkende Mensch sich sorgen, ängstigen, mitleiden?

Solche Aktionen fördern den politischen Extremismus

In mir wirft diese Affäre eine einzige Frage auf: Wie kann man nur so – Entschuldigung – strunzdumm sein?
Es scheint, als sei alle Welt bemüht, den Rechtsextremisten in unserem Land und solchen, die am Rechtsextremismus kratzen, einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Flüchtlinge bedanken sich bei völlig enthusiasmierten, des rationalen Denkens unfähigen deutschen Helfern, indem sie in der Silvesternacht stereotype Urängste des vergewaltigenden und brandschatzenden Wilden beschwören und bringen so ihre Sympathiewerte gefährlich ins Wanken.  Ohne einen einzigen Ausländer rufschädigend verprügeln oder ermorden zu müssen, können sich Neonazis und Freunde ins Fäustchen lachen.

Und nun unterstützt ein Linkenpolitiker dankenswerterweise NPD und Konsorten, indem er sich einen Messerangriff ausdenkt. Bei so viel Dummheit kann man nur noch den Kopf schütteln. Gibt es nicht genügend echte rechtsextreme Straftaten und Verbrechen? Muss man die Verschwörungstheoriemaschine anwerfen? Die armen unschuldigen Nazis werden jetzt auch noch beschuldigt, Politiker zu attackieren, naja, die etablierten Parteien, die lügen doch alle, und die Presse erst …

Politikverdrossenheit und Medienskepsis nehmen zu 

Für einen solchen Vorgang gerät mein Wortschatz an seine Grenzen. Ich muss auf Anglizismen zurückgreifen: Lieber Herr Kinzel, Chapeau, Sie haben es geschafft, einen epic fail zu fabrizieren in einem Alter, indem andere noch viel zu idealistisch sind, um es in der Politik zu etwas zu bringen. Dieser Vorfall wird in der derzeitigen angespannten und komplexen Lage sicherlich zu einem Klima des Vertrauens und des Zusammenhalts beitragen. Wenn Sie jetzt noch lernen, wasserdicht zu lügen, steht einer glänzenden Karriere nichts mehr im Wege. Danke, dass Sie bereits in Ihrem zarten Alter alles tun, um Politikverdrossenheit unter Jugendlichen vorzubeugen, danke, dass Sie jede Hoffnung auf nachwachsende Politiker, die ihre Elterngeneration à la Schröder überspringen und bei Adenauer oder meinethalben Schmidt anknüpfen, zu Grabe tragen! Danke!

Auf einem kirchlichen Kongress hörte ich kürzlich ein Gleichnis für die Mühsale und Widerstände im geistlichen Leben: Wenn man im Krieg im Graben sitzt und schießt, und es schießt einer zurück, dann weiß man zumindest, dass man in die richtige Richtung schießt.

Demzufolge ist der abwägende, differenzierende, an der Wahrheit interessierte Mensch, der an der Front für Vernunft und Maß kämpft, in der vorteilhaften Situation, dass ihm aus allen Richtungen Kugeln um die Ohren pfeifen. Na toll.

Autor: Anna Diouf

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