Dumm gelaufen

Genau die, die sich weigerten, Andersdenkende als Diskussionspartner zu akzeptieren, finden sich in den USA in einer unerwarteten Situation: nicht mehr sie sind gefragt, andere in den Diskurs zu integrieren, sondern sie selbst sind plötzlich die, die integriert werden müssen. Die Mehrheit haben die anderen, und die Frage ist plötzlich nicht mehr: Höre ich denen zu, sondern: Hören die mir zu?

Da macht sich eine gewisse Fassungslosigkeit breit: die lang gepflegte eigene Denkweise funktioniert nur aus der Mehrheit heraus. Die Schmuddelecke, in die man den Gegner stellte, ist plötzlich größer, als der eigene Bereich. Die dort standen, haben das Gestalten übernommen und man erkennt nichts mehr wieder. Ausgrenzung ist riskant. Solange ich über das größere Gebeit verfüge, grenze ich andere aus. Wird mein Gebiet aber kleiner, grenzt der Mechanismus plötzlich mich selbst aus, ohne dass er sich irgendwie ändern würde. Stubenarrest ist eine feine Sache, solange man weiß, wo die Stube ist.

Ein Ruck durch die „Eliten“

Und es wächst die Ahnung, dass das auch bei uns passieren könnte. Dass ein Ruck auch und gerade durch die Eliten gehen muss, wie zu Guttenberg heute bemerkte. Doch welcher Art muss dieser Ruck sein?

Bisher läuft alles auf den alten Gleisen. Man grenzt aus und lebt in der Überzeugung, dass man nicht eine Meinung im Spektrum vertritt, sondern stattdessen das Spektrum definiert, innerhalb dessen Meinungen erlaubt sind. Diesem Bewusstsein entspringen die Lösungsansätze: es kann nur darum gehen, die anderen zurück in die eigene Kartoffel zu holen.

Überzeugt von der eigenen Überlegenheit

Der erforderliche Ruck jedoch muss mit genau diesem Bewusstsein Schluss machen. Demokratie ist, um Mehrheiten zu ringen, nicht, sie aus einer Machtposition heraus zu definieren, indem man vorschreibt, was zu denken erlaubt ist. Doch derzeit haben viele davon nur die Hälfte begriffen. Man hat zwar gemerkt, dass es niemanden überzeugt, wenn man ihn beschimpft, doch das hohe Ross verlässt man dennoch nicht. Andersdenkende nicht mehr als böse zu bezeichnen ist für die, die sich für die Guten halten, noch kein Akzeptieren fremder Meinungen. Es ist ein großzügiger Vorschuss, der erzieherisch wirken soll: vielleicht kommen die ja zurück, wenn man sie nicht beschimpft, sondern das Herz öffnet oder zumindest so tut. Wenn man die richtigen Antworten gäbe, könnte man die Irrenden zurück gewinnen. Es bleibt die Überzeugung der eigenen Überlegenheit: wir sind es, die denen den richtigen Weg weisen müssen. Die dürfen fragen – die Antworten geben wir. Der Mut zum wahren Diskurs fehlt, denn dort müsste ein Tabu fallen: Dass die anderen, die in meinem Weltbild bösen, ihre eigene Meinung entwickeln, mit der ich zu leben habe. Dass ich die Richtungskompetenz wieder loslasse und sie dem demokratischen Prozess anvertraue.

Sonst erwache ich eines Morgens nach der Wahl, und die Richtungskompetenz wurde mir genommen. Und ich muss erkennen, dass ich viel hätte verhindern können, hätte ich sie geteilt. Denn gegen Diktatoren lehnt man sich auf, gleich ob sie durch Gewalt an der Macht sind oder einfach nur einmal die Mehrheit hatten, diese mit moralischer Überlegenheit verwechselten und sich für unangreifbar hielten.

Autor: Sebastian Volkamer

Posted in Gesellschaft, Politik.