Die unheilige Wirkung unreflektierter Buchtreue …

Die meinungsbildende Elite unseres Landes scheint davon auszugehen, dass gewisse unpopuläre Mantras geglaubt werden, wenn man sie nur oft genug wiederholt. „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eines davon, und je ärger der islamistische Terror wütet, desto mehr muss man darauf bestehen.

In der Auseinandersetzung mit dem Islam fällt auf, dass die deutschen kulturellen Eliten an unheilbarer Egozentrik leiden. Während man unaufhörlich behauptet, sich für ein Miteinander stark zu machen, fehlt die Fähigkeit, die ein Zusammenleben erst möglich macht: Die Fähigkeit, von sich abzusehen und anzuerkennen, dass andere Menschen, andere Weltanschauungen und andere Religionen die Realität völlig anders betrachten und bewerten, als man selbst.

Die Struktur des Islam wird verkannt

Sehr schön äußert sich dieses Phänomen in der immer wieder vorgebrachten Forderung nach mehr Islamunterricht, wie nun wieder vom bayrischen Landesbischof Bedford-Strohm geäußert. Dass islamische Verbände dies fordern, ist einsichtig und ihr gutes Recht. Wer allerdings immer noch glaubt, mehr Islamunterricht führe zu mehr Integration, der glaubt auch daran, dass Shakespeare eigentlich ein Muslim namens Sheik Zubayr war. Aber das ist jetzt nicht das Thema.

Wer solches fordert, der geht von sich, vom Christentum, aus, und versäumt es, die völlig andere, zum Teil gegensätzliche Struktur des Islam anzuerkennen. Auf Kosten der Realität wird die eigene Disposition einem anderen übergestülpt in der Hoffnung, der andere werde zwangsläufig erkennen, dass man selbst das beste und einzige Rezept für die perfekte Welt habe – was „perfekt“ ist, bestimmen dabei natürlich wir. So schwingt sich Bedford-Strohm auch gleich zum Sprecher der islamischen Verbände auf und kann uns sagen, was für einen Islam sich diese in Deutschland wünschen.

Religionsunterricht sollte der staatlichen Ordnung inhaltlich nicht widersprechen

Das System des staatlich geregelten Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ist für den Katholizismus oder ähnlich hierarchisch und lehramtsorientiert strukturierte Landeskirchen lutherischer oder reformierter Prägung ausgelegt, gerät in puncto Sinnhaftigkeit bereits angesichts der derzeitigen Beliebigkeit des evangelischen Bekenntnisses an seine Grenzen und ist schon bezüglich der freikirchlich organisierten evangelischen Konfessionen nicht mehr anwendbar. Denn es setzt zuerst voraus, dass es klar definierte, für alle Angehörigen der Denomination gültige Glaubenssätze gibt, die vermittelt werden können, und dass es einen klaren Ansprechpartner gibt, der für diese Inhalte verantwortlich zeichnet. Natürlich gibt es in vielen Fragen Nuancen, Kontroversen und Unstimmigkeiten, aber der kleinste gemeinsame Nenner an Glaubensinhalten, die verbindlich sind, sollte so gewichtig sein, und die Anzahl derer, die ihnen zustimmen, sollte so groß sein, dass es sich lohnt, staatlicherseits Lehrer dafür auszubilden und Stundendeputate festzusetzen. Sodann setzt es voraus, dass die Inhalte der (rechts)staatlichen Ordnung unseres Landes zumindest nicht grundsätzlich widersprechen – zum einen, weil sich nicht erschließt, wieso der Staat etwas fördern sollte, was ihm prinzipiell entgegensteht, zum anderen, weil unsere Ordnung nicht nur relativ betrachtet gelungen ist, sondern auch gewisse als universell geltende Prinzipien weitgehend umsetzt. Wäre dem nicht so, wäre unerklärlich, wieso so viele Menschen nach Europa kommen, um genau hier zu leben und von unserer Ordnung zu profitieren.

Keine dieser Voraussetzungen erfüllt der Islam. Es ist unverständlich und unerklärlich, wieso dieser einfache Sachverhalt in die Köpfe der Repräsentanten der Intelligenz nicht vordringt: Es gibt im Islam keine letzte Instanz in Glaubensfragen. Was der Protestantismus versucht, die völlige und absolute Unmittelbarkeit des Ich vor Gott, setzt der Islam vollkommen und gänzlich um. Das heißt konkret, dass, unterstützt von Gelehrten oder eben auch nicht, im Grunde jeder selbst entscheidet, welche Auslegung des Islam die richtige ist. Sie lesen richtig: Nicht, welche er für die richtige Auslegung hält, sondern, welche die richtige ist (Wenn Sie den Unterschied zwischen diesen beiden Aussagen nicht mehr verstehen können, dann sind Sie bereits mit der eingangs erwähnten Krankheit infiziert).

Toleranz ist erklärungsbedürftig

Natürlich gibt es trotzdem allen Muslimen gemeinsame Glaubensvorstellungen. Aber gerade die, die entscheidend sind in der Frage der Akzeptanz unserer Verfassung und unserer Lebensart, sind nicht derart dogmatisch, dass nicht jeder seine eigene Meinung dazu haben könnte: Ist es erlaubt, Andersgläubige umzubringen? Manch einer sagt nein, manch einer sagt ja, manch einer sagt jein, solange es Christen und Juden sind nicht, aber Apostaten auf jeden Fall. Ist es erlaubt, Homosexuelle umzubringen? Manch einer sagt nein, manch einer sagt ja, usw. Ist es erlaubt, seine Frau zu schlagen? Nun, sie kennen die islamischen Antworten auf diese Frage. Das Problem ist nun nicht, dass die einzelnen Gläubigen darauf unterschiedliche Antworten geben, das Problem ist, dass keine dieser Antworten prinzipiell höhere Autorität genießt. Sicher kann man den einen oder anderen Katholiken finden, der meint, er dürfe seine Frau schlagen – aber ihm stellt sich im Lehramt eine Autorität entgegen, die er zu akzeptieren hat; oder er nimmt eben in Kauf, dezidiert gegen seine Religion zu handeln. Aber weder der Moslem, der „nur“ Apostaten töten lassen will, noch der, der alle Andersgläubigen töten will, handelt gegen eine solche Autorität. Eher noch muss der, der Andersgläubige akzeptieren will, darlegen, wie er diese Ansicht mit dem Koran und mit den Hadithen in Einklang bringt, also, wie er als rechtgläubig durchgehen will.

Dieser Sachverhalt scheint Bedford-Strohm und seinen Mitstreitern ebenso undenkbar, wie die Tatsache, dass nicht jeder den Relativismus und die Beliebigkeit lebt und propagiert, die in Teilen der evangelischen Gemeinschaften und katholischen Amtsträgern und der Kirche grassieren. Es gibt Menschen, die stellen Gottes Wort über Menschenwort, und da ist dann lebenswichtig, was dieses Gotteswort angeblich oder tatsächlich besagt. Sich in diese Gedankenwelt hineinzuversetzen würde zu so etwas wie Verständnis führen – vielleicht weigert man sich dagegen, weil in der allgemeinen Diktion „Verständnis“ und „Befürwortung“ mittlerweile deckungsgleich gebraucht werden.

Es gibt zwar nur „einen Islam“ – aber der ist sich uneinig

Nun scheitert also der islamische Bekenntnisunterricht gleichermaßen an der Unwägbarkeit der Inhalte und an dem fehlenden einheitlichen Ansprechpartner. Wer bestimmt in Deutschland, was der „echte“ Islam ist? Schia oder Sunna oder gar Ahmadiyya? Türken oder Araber? Nehmen wir an, ein säkular geprägter sunnitischer „deutscher“ Islam würde in den Schulen gelehrt: Was würde die große Mehrheit derer, die diesen Islam nicht unterstützen, daran hindern, ihre Kinder in der eigenen Gemeinde unterweisen zu lassen? Und welche Wirkung kann dann wohl ein Unterricht haben, der Überzeugungen vermittelt, die man nicht teilt, der von Instanzen konzipiert wurde, die man nicht akzeptiert, gelehrt von weiblichen Lehrkräften, die man nicht respektiert?

Allerdings ist die Forderung nach Islamunterricht nicht die einzige unausgegorene Überlegung. Bedford-Strohms Aussagen suggerieren, für Muslime herrsche in Deutschland keine Religionsfreiheit, bzw. ihre Religionsfreiheit würde eingeschränkt. Nun ist natürlich Religionsunterricht an öffentlichen Schulen keineswegs zwingend notwendig, um Religionsfreiheit zu garantieren, und wenn dieselbe an existenzielle Rechte anderer stößt, etwa das Recht auf Leben oder Unversehrtheit, dann können wie sie ja nun auch kaum für alle Bestandteile des Islam in Anspruch nehmen. Überhaupt scheint es in der Welt des Landesbischofs Millionen integrationswilliger Muslime zu geben, die allein durch die ablehnende Haltung der Nochmehrheitsgesellschaft ausgegrenzt werden. Dass in der Realität werbende Initiativen seitens des Staates oder seitens verschiedener Stiftungen nicht durch besorgte Bürger, sondern durch die Uneinheitlichkeit oder gar die Unwilligkeit der muslimischen Partnerverbände torpediert werden, hat in dieser Gedankenwelt keinen Platz. Übrigens ist die Aussage, man solle nicht Muslime ausgrenzen, sondern die Kräfte fördern, die sich im Islam für unsere vielbeschworenen „Werte“ einsetzen, geradezu lächerlich: Zum einen gibt es im Islam keine „Kräfte“, die sich für unsere Werte einsetzen. Es gibt lediglich Menschen, also Muslime, die das tun. Und eben jene Muslime werden regelmäßig mit Rassismus- und Islamophobievorwürfen bedacht, weil ihre Strategie, das Benennen der Missstände, von der Mainstream-Elite als zu wenig weichspülkompatibel betrachtet wird. Ein interessanter Aspekt ist, dass, wenn man sich die Motive dieser Menschen anschaut, normalerweise nicht der Islam und etwa daraus resultierende positive Kräfte Motivation für das gesellschaftspolitische Engagement sind, sondern der Kontakt mit europäischen Werten oder mit der europäischen Welt und ihren (meist) säkularen Traditionen und Ideologien. Wer diese Muslime fördert, sorgt automatisch dafür, dass die anderen ausgegrenzt werden: Denn deren Ziel ist ja gerade die Vereinnahmung unserer Gesellschaft durch den Islam, und eben nicht Integration des Islam in die Gesellschaft. Anders als die Muslime lässt sich der Islam selbst nur um den Preis der eigenen Identität und Grundwerte „integrieren“. Menschen dagegen kann man davon überzeugen, sich einzubringen und, wo nötig, ihre Einstellungen zu ändern. Die Gesellschaft kann hier werben, fördern, locken, sich einsetzen, aber sie wird wenig Erfolg haben, wenn sie über den Islamunterricht versucht, die Kinder säkular-europäisch zu „indoktrinieren“.

„Islam“ bringt Unheil und Gewalt, indem Menschen sich an die Lehre halten

Ein weiterer Knackpunkt in der Fehlbewertung des Islam ist die Weigerung, die kulturbildenden Aspekte des Christentums in ihrer Fülle und in ihrer überwältigenden positiven Wirkung wahrzunehmen. Wenn „Aufklärung“ die heilige Kuh ist, ein Axiom, ein nicht hinterfragbares Gut, wenn die Frage, was sie gebracht hat, nicht historisch-wissenschaftlich, sondern rein ideologisch beantwortet wird, ungeachtet aller Tatsachen, dann wird einfach der gesamte voraufklärerische christliche Glaube als gewalttätiger Aberglaube diffamiert. Und zwar entgegen dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand. Wenn antikatholische Mythen über Hexenverbrennung und Kreuzzüge unbesehen geglaubt und in den Rang von Dogmen erhoben werden, dann fällt der himmelweite Unterschied zwischen Islam und Christentum natürlich nicht mehr weiter auf. Das Christentum hat immer dann Unheil und Gewalt gebracht, wenn aus Unkenntnis oder Ungehorsam gegen seine Lehre und gegen die expliziten oder impliziten Anweisungen des Lehramts gehandelt wurde. Der Islam dagegen bringt Unheil und Gewalt, indem sich die Menschen an die Anweisungen halten, die sie seinen Lehren entnehmen.

Ja, Herr Bedford-Strohm, mehr Islamunterricht. Und zwar am besten organisiert von der EKD. Dann können wir sichergehen, dass sich kein Glaubenssatz in den deutschen Islam einschleicht, der irgendwie kontrovers, anstößig oder nicht mit dem mehrheitsgesellschaftlichen Hedonismus und Materialismus kompatibel wäre. Das wäre dann tatsächlich für Sie und für den Rest der Friede-Freude-Eierkuchen-Elite eine angenehme Religion. Bloß Islam könnte man sie nicht mehr nennen: Aber daran werden sich die Muslime sicher nicht weiter stören.

Autor: Anna Diouf

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