Die Lüge, der Bischof, die Frauen

Nach Ansicht des Erzbischofs von Toledo, Braulio Rodriguez Plaza, sind Frauen selbst schuld, wenn sie von ihren Männern körperlich misshandelt werden. Häusliche Gewalt habe ihren Ursprung darin, dass Frauen ihren Männern nicht gehorchten oder gar um eine Scheidung bäten.“
(„Humanistischer Pressedient“)

Ich bin empört. Entsetzt. Sind wir nicht gerade froh darüber, dass das christliche Menschenbild Mann und Frau als gleichwertige Geschöpfe Gottes, als sein Ebenbild, betrachtet? Dass die Beziehung zwischen Mann und Frau gedacht ist als Abbild der Liebe Gottes? Geprägt von Liebe, Respekt, etc. etc.? Und jetzt das: Ein spanischer Erzbischof soll angeblich häusliche Gewalt in dem Augenblick gerechtfertigt haben, in dem das deutschsprachige Europa und angrenzende skandinavische Länder in der Silvesternacht von frauenverachtenden, gewalttätigen und sexuell übergriffigen Männerhorden heimgesucht wurde? Natürlich stößt dies nicht nur mir übel auf. Einige Medien berichten bereits entrüstet über den veremeintlich „rückwärtsgewandten“ und „frauenhassenden“ Bischof.

Verdacht: Es soll von Misständen im eigenen Land abgelenkt werden

Dieses verdächtig „passende“ Timing sollte einen stutzig machen. Die Predigt zum Fest der Heiligen Familie am 27. Dezember 2015 ist im Wortlaut auf den Seiten der Erzdiözese Toledo nachzulesen und hier von mir übersetzt. Es lohnt sich, die gesamte Predigt zu lesen. Sie erläutert die wichtige Aufgabe, die Gott der Familie als Kern der Gesellschaft zugedacht hat, und welche unschätzbare Rolle menschliche Qualitäten wie Liebe, Respekt, Achtung, Freiheit und Rücksichtnahme dabei spielen, eine lebenslange Ehe stabil und lebendig zu erhalten. Nicht gerade ein günstiger Ausgangspunkt, um Prügel und Mord zu rechtfertigen.

Erzbischof Rodriguez Plaza spricht aber auch über die Schwierigkeiten, über das Scheitern. Und jetzt kommt der Teil, den weder El País noch deutsche Nachrichtenagenturen verstehen wollten (oder konnten), denn nun spricht er über eine geistliche Ebene. Zum einen bedauert er, dass viele Menschen heiraten, ohne die Voraussetzungen zu erfüllen, die zu einer gelingende Ehe beitragen. Zur aus diesem Unvermögen resultierenden Gewalt gegen Frauen sagt er, es sei gut, dass es Gesetze gebe, um Frauen zu schützen. Er würdigt das. Es sei „wundervoll“, dass Frauen, die bedroht würden, dies äußern würden, und dass man sie durch bessere Schutzmaßnahmen vor Gewalt schützen könne. Aber: Diese Gesetze verändern nicht die Herzen der Täter.

Grundanliegen der Kirche

Der Bischof spricht hier über das Grundanliegen und die wichtigste Aufgabe der Kirche. Über die Barmherzigkeit und über das Seelenheil. Ihm ist daran gelegen, nicht nur ein Gesetz zu haben, das Täter straft, sondern etwas, das das Herz des Täters von innen verwandelt. Utopisch, spinnert, überfließend vor Gottvertrauen, typisch katholisch eben. Aber eines sicher nicht: Frauenfeindlich!

Weiterhin beschreibt der Erzbischof von Toledo die Gründe, die zu Gewalt gegen Frauen führen. Er rechtfertigt sie mit keinem Wort, sondern kennzeichnet sie eindeutig als unrechtmäßig: Mangel an Respekt gegenüber der Frau, Aggression gegen sie, weil sie nicht gehorcht; und natürlich nennt er das südländische Phänomen des Männlichkeitswahns, den „Machismo“. Dieser seien die Gründe, warum Frauen attackiert würden, etwa, wenn sie die Scheidung einreichen.

Die Falschdarstellung

Die Berichterstattung beschränkt sich nun nicht auf perfide Falschdarstellung. Sie schreckt auch vor der glatten Lüge nicht zurück und erfindet einfach als wörtliche(!) Zitate gekennzeichnete Phrasen wie diese: „Frauen können verhindern, dass sie geschlagen werden, indem sie einfach das tun, was die Männer von ihnen verlangen.“

Ich schreibe einen Finderlohn aus: Derjenige, der diesen Satz in der Predigt findet, bekommt, ist es ein Mann, eine Flasche Vino de Jerez. Kann man trinken und die leere Flasche anschließend der Frau über den Kopf ziehen. Die Frau kriegt einen Verbandskasten.

Scherz beiseite: Es ist beunruhigend, dass es Wortsinnjongleure gibt, die es schaffen, aus Worten wie Machismo, die gar keine positive Konnotation zulassen, eine Rechtfertigung von häuslicher Gewalt zu konstruieren. Die Meldungen diesbezüglich sind in etwa so sinnvoll, als würde ich über den Angriff auf einen Kongolesen berichten und schreiben, dass er angegriffen wurde, weil er schwarz war, und Nazis keine Schwarzen mögen, und am nächsten Tag zitiert man mich mit den Worten „Es ist okay, wenn Nazis Schwarze verprügeln, sie mögen halt keine Schwarzen, die Schwarzen sollen sich halt weiß anmalen, wenn sie nicht angegriffen werden wollen“. Klingt absurd? Richtig. Das ist absurd.

Die Fehler der Medienschaffenden

Und ich frage mich: Wie viele Falschmeldungen dieser Art gibt es noch? Ich habe das Glück, die Predigt im Original lesen zu können. Aber ich kann kein Arabisch, kein Schwedisch, kein Kisuaheli. Wie kann ich prüfen, ob Medienvertreter wiedergeben, was gesagt wurde, oder einfach das schreiben, was ihre Vorurteile, ihre Zu- und Abneigung ihnen eingibt? Am Ende dieses Artikels hat sich meine emotionale Ausgangslage also nicht verbessert: Ich bin immer noch empört und entsetzt. Bloß das Objekt der Fassungslosigkeit hat sich geändert – es ist mal wieder die Presse.

Es würde manchen Leuten nur allzu gut in den Kram passen: Die frauenfeindliche Kirche macht gemeinsame Sache mit frauenfeindlichen Muslimen. Jetzt müssen wir noch einen extremen Rabbi finden, der etwas Despektierliches über Frauen sagt, und man hat den Lieblingsfeind – die katholische Kirche – eingereiht in die patriarchalen, hierarchischen, illiberalen und repressiven „abrahamitischen“ Religionen. Wir dürfen uns so etwas nicht bieten lassen. Und Mitarbeiter kirchlicher Medien sollte es ein Überstündchen wert sein, zu recherchieren, wenn ihre Oberhirten solcher Aussagen beschuldigt werden.

Autor: Anna Diouf

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