Die EU ist tot. Es lebe Europa!

Die EU ist tot, es lebe Europa, möchte man angesichts des von den Briten angestrebten EU-Austritts rufen. Vielleicht geht es auch einige Stufen weniger dramatisch, und vielleicht kann man auch einfach erst einmal abwarten, was die Zukunft bringt.

Ganz gleich aber, was konkrete politische oder wirtschaftliche Folgen sein werden, eines ist klar: Die Bürger eines wichtigen EU-Mitgliedsstaates haben deutlich gezeigt, dass sie sich gegen die EU entscheiden können und dürfen, dass es in ihrer Macht steht, dass sie souverän sind. Und damit steht „die EU“, d.h. der bürokratische Apparat, vor der Herausforderung, sich doch einmal wieder mit der eigenen Bevölkerung, und – man glaubt es kaum – mit deren Willen zu beschäftigen.

Das Selbstverständnis der EU ist massiv in Frage gestellt

Zwar wird gerne behauptet, es handle sich bei EU-Gegnern vor allem um die Ängstlichen, aber man sollte mit derlei Behauptungen vorsichtig sein: Ist es nicht auch Angst vor den Folgen, die Menschen trotz der Missstände an der EU festhalten lassen, ja, einen Austritt als undenkbar hinstellen will? Dies ist lediglich eine Frage der Interpretation. Insofern wär es sicher sinnvoller, in beiden Lagern gleichermaßen Angst und Mut, Resignation und Aufbruchsstimmung zu verorten.

Wir sollten uns fragen, ob der Brexit abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen nicht auch das mittlerweile völlig materialistische Selbstverständnis der EU nachhaltig in Frage stellt.

Linke berauben die EU ihrer Faszination

Wenn ich an etwas glaube, dann kämpfe ich dafür; wenn ich etwas liebe, dann stehe ich dazu, auch in harten Zeiten. Die EU aber stellt sich nicht mehr als etwas dar, das man lieben könnte. Es reicht den Menschen nicht, in Sicherheit und relativem Wohlstand zu leben. Es ist mehr nötig als eine Befriedigung äußerer Bedürfnisse: Wir brauchen Identifikation. Die Europäische Zusammenarbeit sollte über die Wirtschaft funktionieren, aber sie sollte auch eine identitätsstiftende Wirkung entfalten: Über den Gedanken, als Europäer vereint zu sein, sollte ein Wir-Gefühl erzeugt werden, das wiederum die Grundlage eines stabilen Friedens bilden würde. Ironischerweise wurde der europäische Gedanke vorrangig von der politischen Linken seiner integrativen und identitätsstiftenden Kraft beraubt, und zwar vor allem durch ein unvermeidliches Missverständnis: Während man als Wurzel des modernen Europa neben der Antiken Geisteswelt insbesondere das Christentum ansehen kann, das diese Geisteswelt angenommen, modifiziert und überliefert hat, sind die gemeinsamen Werte lediglich ein Ergebnis, eine „Frucht“ dieses Glaubens.

Als man begann, das Christentum für obsolet zu halten, deklarierte man kurzerhand die Werte zum Fundament um und ging davon aus, man könne den Baum auch ohne Wurzeln am Leben erhalten. Ohne diese aber stirbt er ab und bringt eben keine Frucht mehr. Genau das erleben wir nicht erst seit heute in der EU: Der Wertekanon ist bis zur Unkenntlichkeit diffus und beliebig und erweist sich im besten Falle als naiv, im schlimmsten Falle schlicht als heuchlerisch angesichts einer verlogenen Außenpolitik und angesichts der himmelschreienden Dekadenz in Bezug auf die drängenden ethischen Fragen der Zeit. Dennoch wird eben dieser Wertekanon weiterhin beschworen, selbst noch angesichts der lecken Boote der Schlepper, die das Mittelmeer zum Massengrab machen; denn was bliebe einer säkularisierten, materialistischen Gesellschaft anderes übrig?

Die Angst vor den Nachahmern eines *EXIT

Hier herrscht eine folgenschwere Blindheit, die nicht mehr in der Lage ist, zu erkennen, dass die Substanz vernichtet worden ist, zugunsten einer Hülle, die man kaum noch als Feigenblatt bezeichnen kann. Es ist nur folgerichtig, dass die ungläubigen Stimmen vor allem aus dem linken Lager kommen: Zwischen Europäischer Union und Europa kann hier nicht differenziert werden. „Europa“ enthält lauter Konzepte, die die Linke ablehnt, beginnend bei christlichem Menschenbild und Naturrecht, über Nationalgefühl und Patriotismus bis hin zu vielfältigen Gesellschaftsordnungen, die dem Ideal der Egalité zum Teil völlig entgegengesetzt sind. Der alte europäische Gedanke (man könnte auch „Abendland“ sagen, wenn man sich traut) wurde daher durch die EU ersetzt; und diese wurde mit einem romantischen Weltbürgertum und mit „Werten“ assoziiert, die der Linken am Herzen liegen. So ist es nicht verwunderlich, dass, da es für diese Denkrichtung kein Europa außerhalb der EU geben kann, man die Briten ins Nichts entschwinden sieht. Und es beschleicht wohl manchen die Angst, andere könnten folgen: Womöglich fahren noch andere über den durchschnittlichen Horizont eines links-grünen Fantasten und fallen von der EU-Erdscheibe herunter ins Nirgendwo. Das Entsetzen weiter Teile des linken Lagers angesichts eines solch schicksalsverachtenden Pioniergeistes ist verständlich.

Es zeigt sich aber, dass Genderideologie, Ökowahn, political correctness und die vorgebliche Einebnung von Unterschieden keinesfalls ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl generieren können und den ideellen Hunger nicht stillen. Ohne inneren, tragfähigen Zusammenhalt aber können auch äußere Krisen nicht gemeistert werden. Nun können wir eine jahrzehntelange Entwicklung entgegen der ursprünglichen Grundausrichtung der Europäischen Union nicht einfach rückgängig machen. Es stellt sich daher die Frage, ob es denn die EU ist, die so unabdingbar, so unvermeidlich, so wesentlich für das Wohlergehen der europäischen Völker und der Welt ist. Wenn die Werte, die Ideen und die Wurzeln, die die EU begründet haben, inhaltlich nicht mehr vorhanden sind, wieso sollen wir sie innerhalb des Systems suchen? Es ist sicher lohnend, die Reform eines solch großartigen, ehrgeizigen und einzigartigen Projekts zu versuchen, aber kann man es als alternativlos darstellen? Nun, man hat es versucht, die Briten haben sich nicht davon überzeugen lassen.

Europa bleibt – auch wenn die EU vergeht

Großbritannien kann aus der Europäischen Union austreten, aber nicht aus Europa. Europa ist und bleibt mehr als ein Wirtschaftsraum, mehr, viel mehr als eine „Wertegemeinschaft“. Die EU kann, unter großer Anstrengung und unter gemeinsamem Engagement, die Inhalte wiederbeleben, die sie groß und unverzichtbar gemacht haben, und jeder von uns ist gefragt, an dieser Aufgabe mitzuwirken. Aber wir können und sollen uns nicht darauf verlassen, dass die, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, diese Aufgabe überhaupt begriffen haben. Darum sollte man sich zurückbesinnen, nicht auf die Union, einen Zusammenschluss, der zusammenkommen und sich auflösen kann, sondern auf Europa, einen einzigartigen Kulturraum, der über Konflikte, Kriege und Selbstzerfleischung hinweg unauflösbar verbunden ist: Ein Zusammenschluss, der sich über Jahrhunderte als solcher entwickelt und erwiesen hat, einer, der sicher nicht so handfest und fassbar ist wie ein gemeinsamer Wirtschaftsraum und fehlende Grenzkontrollen, der aber deshalb nicht weniger konkret und nicht weniger wirklich ist.

Im Augenblick erscheint die EU wie ein Musterbeispiel eines stürzenden Giganten. Von drei Säulen sind zwei als nicht mehr tragfähig entlarvt: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit erwies sich mit der Finanzkrise, die politische mit der Ukrainekrise als Farce. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass ausgerechnet jetzt mit dem Islamismus und dem politischen Islam die Ideologie droht, die seit über einem Jahrtausend immer wieder der Prüfstein für die dritte Säule, die ideelle Grundlage und das europäische Selbstverständnis, war. Wenn diese Säule ebenfalls stürzt, dann kann nur eine Rückkehr zum ursprünglichen, wahren europäischen Gedanken die Stabilität bieten, die ein krisengeschütteltes und terrorgebeuteltes Europa braucht. Dann geht es um mehr als Stabilität, Wirtschaftskraft oder einheitliche Strukturen. Dann geht es ums Ganze.

Autor: Anna Diouf

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