Deutschland schwelgt

Deutschland schwelgt. Endlich darf frei gesprochen werden. Jetzt kommen – es wird höchste Zeit – die an den Pranger, die freie Rede nicht wollten und jahrelang die Meinung vorgaben, logen und vertuschten. Jetzt wird klar, wo die Probleme wirklich liegen. Deutschland spaltet sich und schwelgt in Feindbildern und Emotionen.
Es ist gleich, ob es nun die gefährlichen Ausländer an sich oder nur bestimmte Muslims sind, ob es ewiggestrige Christen sind oder Feministen. Es ist egal, ob die Gesellschaft sich outet und zu ihrer Wut bekennt oder ob sie kollektiv ihren Ödipuskomplex auslebt und die vormals geliebte Mutti erledigt. Die Hauptsache scheint zu sein, endlich, endlich mal so richtig auf den Putz zu hauen. Und über die Wichtigkeit des Themas zu vergessen, zwischen Meinung und Person zu unterscheiden: plötzlich sind Andersdenkende persönliche Gegner. Nicht Haltungen werden bekämpft, sondern Menschen. Die Feindbilder haben Gestalt bekommen, die Aggression steigt. Herrlich! Deutschland schwelgt und jeder ist im Recht.

Nie haben mir unsere Politiker so gut gefallen, wie sie es jetzt tun. Worthülsen? Vielleicht. Aber bisher ziehen sie meistens an einem Strang. Ihre (sicher meist hilflosen und oft nervigen) Versuche gehen in die einzig richtige Richtung: Deeskalation. Im Gegensatz zu vielen, die sagen, sie könnten niemanden mehr wählen, könnte ich im Moment fast jeden wählen: die Fähigkeit der Politiker, sich auf die Sache zu beschränken und um ihrer willen auch gute Vorlagen auszulassen, übersteigt meine Erwartungen um Längen!

Einen Standpunkt zu finden ist schwer

Natürlich habe auch ich eine Meinung. Es ist wichtig, eine zu haben, wenn es derart ans Eingemachte geht. Ich finde zum Beispiel die Äußerungen Augsteins auf Twitter zutiefst widerlich. Auch von anderen Personen wünschte ich, ihre Gedanken erschienen derzeit nicht auf der Bildfläche. Doch insgesamt bin ich mir unsicher.

Ich weiß nicht, wie man Flüchtlinge von Terroristen unterscheiden soll, Friedfertige von Krawallmachern, Bedürftige von Schmarotzern. Ich weiß nicht, wie man schwerst traumatisierte Menschen integriert, die seit Jahren im Krieg lebten, von brutalen Milizen unterdrückt, und die sich hier fremd und ohne Halt fühlen. Ich weiß nicht, wie man verhindern soll, dass 1.000.000 Fremde Parallelgesellschaften bilden oder wie man Jungs, die sich chauvinistisch als überlegen betrachten und nichts anderes je kennen gelernt haben, beibringen soll, dass sie es nicht sind. Ich weiß aber auch nicht, wie man die Grenzen dicht machen könnte, um unsere „christlichen Wurzeln“ zu verteidigen, oder wie man noch ohne schlechtes Gewissen in der Leichengrube Mittelmeer baden soll. Oder wie es besser sein soll, wenn nicht wir unsere Grenzen dicht machen, sondern jemand anders weiter im Süden das für uns tut. Jemand, der im Umgang mit den Kurden brutal ist und nun Geld von uns dafür bekommt, andere Fremde abzuwehren, damit wir es nicht tun müssen.

Reflexartiges, unüberlegtes Handeln

Ja, die Probleme machen mir Sorgen. Schaffen wir das? Wir müssen, denn die Situation ist, wie sie ist. Wir werden nicht gefragt.
An dieser Stelle kommen inzwischen reflexartig zwei Gedanken hoch: Ja, ich wurde nicht gefragt, und: hätte man mich gefragt, ich hätte es schon lange besser gewusst. Schuld sind die anderen. Die eigene Rechtfertigung beginnt, die eigentlichen Probleme aus dem Bewusstsein zu verdrängen.

Daher ist im Moment meine größte Sorge eine Gesellschaft, die Probleme nicht angeht, sondern sich auf Schuldzuweisungen beschränkt. Die sich auf allen Seiten immer tiefer in ihre Abneigungen verrennt. Und so hauen Rechte auf die Ausländer, Linke auf die Rechten, konservative auf die Linken und Intellektuelle auf die Emotionalen, die ihrerseits auf alles Mögliche hauen, das sich dann natürlich wehrt. Deutschland wird langsam aber sicher gewaltbereit, und jeder glaubt, er wehrt sich nur.

Große Teile der Gesellschaft vergessen völlig die Probleme, so high sind sie von ihrer Meinung. Deutschland schwelgt in Emotionen und wird sich, so beginne ich zu fürchten, kräftig den Magen daran verderben.

Autor: Bastian Volkamer

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