Der letzte Karneval …

Man mag sich ja täuschen, denn als Westfale ist einem der rheinische Karneval so fremd, wie es ein fremder Brauch nur sein kann, dennoch verwundert der Karneval in diesem Jahr.

Manch einem mag der Sturm am Rosenmontag gerade recht gekommen sein. So leicht, hatte man den Eindruck, sind die Umzüge noch nie abgesagt worden.

Narrenfreiheit ist die Freiheit, an den letzten Tagen vor der harten Fastenzeit noch einmal so richtig die sprichwörtliche Sau rauszulassen. Da geben die Herrschenden den Narren die Freiheit, auch das Unbequeme und selbst das Unsinnige frei zu sagen.

Es galt Narrenfreiheit

Das tut manchmal weh. Es tut den Regierenden weh. Helmut Kohl und Helmut Schmidt mußten so oft dran glauben. Der Papst, Kardinäle und Bischöfe waren Ziel des närrischen Spotts. Oft weit jenseits jeder Schamgrenze kommen die Motivwagen der kleinen und großen Karnevalsumzüge daher. Doch nie wurde ein Narr dafür Exkommuniziert, wenn er einen hochrangigen Kirchenvertreter aus Korn nahm. Es gilt Narrenfreiheit. Nie wurde jemand dafür verhaftet, daß er einen Herrschenden – sei es ein Mensch oder ein Trend – aufs Korn nahm. Es gilt Narrenfreiheit. Am Aschermittwoch ist alles vorbei.

In diesem Jahr ist alles anders. Noch bei den grausigen Anschlägen auf die Redaktion von Charlie Hebdo hallte der Ruf durch Europa: Satire darf alles. Und wenn schon Satire alles dürfen darf, um wie viel mehr gilt dies der Narretei.

Dieses Jahr bedrohen Political Corretness und Staatsanwalten die Freiheit

Doch weit gefehlt! Ein Motivwagen, der als Panzer daher kommt und mit der Aufschrift „Ilmtaler Asylabwehr“ beim Faschingsumzug im bayerischen Reichertshausen gezeigt wird, zieht Ermittlungen wegen Volksverhetzung nach sich. Ein Motivwagen, der als „Balkan-Express“ daher kommt und Aufschrift trägt: „Die Plage kommt“. Beschäftigt nun die Staatsanwaltschaft. Für diplomatische Verstimmungen sorgte sogar ein Motivwagen des ausgefallenen Karnevalsumzuges in Düsseldorf. Und weil die Wahrheit etwas länger braucht, wie wir jetzt wissen, werden wir es erwarten können, zu hören, welche Eklats der diesjährige Karneval noch verursacht hat.

Narrenfreiheit ist unangenehm, tut weh und zugegeben, ist oft genug peinlich bis zum Abwinken. Manchmal möchte man es einfach nicht sehen oder hören. Doch es gilt es zu ertragen. Das jedenfalls ist es, was ein karnevalsvermeidender Westfale davon verstanden hat. Am Aschermittwoch ist alles vorbei.

Das Lachen beibt im Halse stecken

Der herrschende Trend hat seinen Humor verloren, wenn er jemals einen hatte. Mag Satire auch alles dürfen, Karneval darf es nicht mehr. So werden wir jetzt erleben, daß gegen Narren ermittelt wird. Narren haben sich womöglich der Volksverhetzung schuldig gemacht. Das macht selbst den Westfalen lachen.

Das Lachen bleibt aber im Halse stecken, denkt man an die Folgen. Wenn Narrenfreiheit nun auch der politischen Korrektheit verpflichtet ist, dann ist sie keine Freiheit mehr. Dann liegen die Narren an Leine. Nur totalitäre Systeme fürchten den Narren, denn der Spiegel ist grausam.

Der unfreie Narr an der Leine verweigert die Narretei und liefert bestenfalls ein paar lustige Artigkeiten, politisch korrekt und systemkonform aufbereitet. Kamelle! Der Zoch ist abgefahren.

War es wirklich der letzte Karneval, den der Rosenmontagssturm weggeweht hat?
Am Aschermittwoch ist alles vorbei! Alles?

Autor: Peter Winnemöller

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