Den alltäglichen Antisemitismus gebt uns heute …

„Wachmänner erschießen zwei Palästinenser nach Messerattacke“, titelte der Spiegel vor zwei Tagen. Das Opfer des Angriffs ist mittlerweile verstorben und Bilder einer fröhlichen jungen Frau, die jäh aus dem Leben gerissen wurde, zirkulieren im Netz. Sie werfen die Frage auf, ob diese Schlagzeile (und die anderer europäischer Medien) angemessen ist angesichts der Tatsache, dass es sich bei den getöteten Palästinensern um Mörder handelte, die gestoppt werden mussten, nicht um tragische Opfer, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren.

Woher kommt die tendenziöse Berichterstattung, wenn es um Gewalttaten gegen Israel geht? Wie kann es sein, dass die entsetzlichen Gewalttaten der vergangenen Monate, Eltern, die vor den Augen ihrer Kinder erschossen werden, Mütter, die sterben, während sie ihre Kinder verteidigen, nur am Rande vorkommen?

Eine Gesellschaft erzieht ihre Kinder zum blanken Hass

Bei diesen Verbrechen zeigt sich blanker Hass. Ein Hass, der sorgfältig von Generation zu Generation weitergegeben, und der den Kindern frühestmöglich eingeflößt wird, damit sie später umso williger als Mörder und Selbstmordattentäter in den Jihad ziehen. Die tiefsitzende Judenfeindlichkeit ist normal im arabischen Raum: Wer, der einen Freund hat, der den Nahen Osten bereist, kennt nicht eine Erzählung davon, wie jener Freund von einem Taxifahrer, Teppichverkäufer oder Kameltreiber mit „Heil Hitler“ oder „Ah, Germany – Hitler! Gut!“ begrüßt worden wäre, nachdem er ihm als Herkunftsland „Deutschland“ genannt hätte? Diese Haltung wird von Politikern und Terrororganisationen politisch verbrämt und mit dem Deckmäntelchen des Widerstands gegen eine Besatzungsmacht salonfähig gemacht.

Dahinter steckt eine Ideologie, die ein Menschenleben für nichts achtet. Vielleicht schrecken wir davor zurück, dies in aller Deutlichkeit wahrzunehmen, weil wir uns eine derartige Grausamkeit nicht vorstellen können. Wir sind geschockt, wenn eine Mutter im Interview davon spricht, dass sie ihr Kind gerne als Märtyrer sterben sehen würde – ob das im Ernstfall dann stimmt, ist eine andere Frage, aber allein die Äußerung eines solchen Gedankens lässt uns das Blut in den Adern gefrieren. Wir sind hilflos, wenn Kinder in einer Kindersendung davon sprechen, wie sie später einmal Juden erschießen wollen. Wir verstehen diese Art von Hass nicht, wir können ihn nicht nachvollziehen.

Nichts rechtfertigt die mediale Realtivierung des Terrors

Aber wir können es unterlassen, denen, die ihn proklamieren, in die Hände zu spielen, indem wir antisemitische Gewaltakte rein als politisch motiviert betrachten und womöglich mit Israels Siedlungs- und Besatzungspolitik relativieren. Nichts rechtfertigt diese Gewalt, und nichts rechtfertigt eine Schlagzeile, die die tatsächlichen Begebenheiten bis zur Unkenntlichkeit verzerrt.

In die unrühmlichen Beispiele für tendenziöse Berichterstattung reiht sich (mal wieder) der Deutschlandfunk ein. „Fast“ antisemitisch sei die Hamas, und um sich gegenüber der Kritik an diesem absurden Statement zu rechtfertigen, folgt ein reichlich kruder Rückgriff auf Ethnologie: Ein Araber sei schließlich selbst Semit, somit könne man ihn nicht wirklich als Antisemiten bezeichnen – in der Rassenforschung sind wir also wieder ganz vorne mit dabei! Das Lachen vergeht einem nach einem kurzen Blick in die sozialen Netzwerke: Einer der Blogger, der diese verunglückten Äußerungen zum Anlass für beißenden Spott und dafür nahm, die judenfeindliche Grundhaltung der Hamas einmal gründlich zu durchleuchten, wurde prompt Opfer der Facebookzensur – rassistische Hetze betreibt also, wer rassistische Hetze aufdeckt.

Aktueller Judenhass wird getarnt

Vom Holocaustgedenken übersättigt und sich ergehend in Reueromantik, haben wir dem nationalsozialistischen Antisemitismus eine Sonderstellung zugebilligt, die die Gefahr birgt, aktuellen Judenhass nicht mehr als solchen wahrzunehmen. Das ist gefährlich:

„Jude“ ist bereits seit geraumer Zeit ein Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen und mittlerweile sind Juden selbst in Deutschland nicht mehr sicher, wenn sie ihre Religion durch äußere Zeichen bekunden. Als mich vor Jahren eine Israelin fragte, ob sie ihre Kette mit dem Davidstern nicht lieber verstecken sollte, winkte ich ab und sagte, das müsse sie nun wirklich nicht tun. Ich war sogar ein bisschen Stolz darauf, dass Antisemitismus in Deutschland (oberflächlich betrachtet) keinen Raum hat. Mittlerweile würde ich ihr in bestimmten Gebieten Berlins wohl doch dazu raten.

Antisemitismus ist inakzeptabel …

Es ist zugegeben sehr viel einfacher, sich in Kollektivschuld zu baden, als dem von Einwanderern eingeschleppten Antisemitismus konsequent einen Riegel vorzuschieben. Ersteres täuscht nämlich Demut, Selbstreflexion und Hochherzigkeit vor, letzteres ist schnöde Maßregelung und macht den Eindruck, man fühle sich kulturell überlegen, da man eine kulturelle Haltung als inakzeptabel identifiziert und ächtet.

Daher lässt man dies lieber gleich und versucht, den Fehler im System zu finden: Die gewalttätigen Araber in Frankreich, die Juden überfallen, ermorden und vergewaltigen, sind Opfer des Systems, das ihnen keine Chance gibt. Für die Jugendlichen in Deutschland mit arabischem Migrationshintergrund haben wir einfach immer noch nicht genug Präventionsprogramme – wenn ich mich an meine Schulzeit erinnere, so verging ab der dritten Klasse kein Schuljahr ohne Lektüre oder Themenkomplex zum Thema Holocaust. Wenn das als Prävention nicht ausreicht, wie tief sitzt dann der Hass? Wenn auf einer Demonstration „Juda verrecke“ geschrien wird, dann ist das Israelkritik. Und wenn ein Brandanschlag auf eine Synagoge erfolgt, dann ist kein antisemitischer Hintergrund zu erkennen. Natürlich nicht. Denn zu Antisemitismus sind in Deutschland per definitionem lediglich glatzköpfige Springerstiefelträger in der Lage.

… auch wenn er sich hinter „Israelkritk“ versteckt

Unter den standhaft wegschauenden Augen von Gesellschaft, Politik und Medien hat man es gestattet, dass diese importierte Judenfeindlichkeit Fuß fasst, Wurzeln schlägt bis in die zweite und dritte Generation und sich ausbreitet. Das mit „den Anfängen wehren“ ist also schon zu spät. Natürlich stellt sich die Frage, ob und wie man ganze Generationen zwangstherapieren kann. Zumindest aber können wir uns dem Problem stellen. Wir können deutlich machen, dass wir verfälschende und unverhältnismäßige „Israelkritik“ nicht tolerieren. Wir müssen die Wehrhaftigkeit unserer Rechtsordnung unter Beweis stellen, wenn Menschen meinen, sie könnten hier Synagogen anzünden.

Unsere Erinnerungskultur ist von Wehleidigkeit und Egoismus geprägt, und das ist ihre Schwäche: Denn eigentlich sollte es uns nicht nur darum gehen, dass Deutsche nicht mehr zu Tätern werden, sondern auch darum, dass Juden nicht mehr zu Opfern werden. Wenn wir dabei stehenbleiben, das Grauen von damals zu konservieren, wird von der echten Betroffenheit in ein paar Generationen nur Heuchelei übrigbleiben. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was Großväter verbrochen haben, aber wir sind verantwortlich dafür, dass sich heute in Deutschland alle Menschen sicher fühlen können.

Autor: Anna Diouf

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