Das Kreuz mit der Feindesliebe

„Wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen. (…)auf den Hass nicht mit Hass zu antworten, das ist die Herausforderung.“ So Margot Käßmann in einem heiß diskutierten Interview mit der Bild am Sonntag.

Sie hat Recht. Zumindest aus christlich-abendländischer Perspektive sind Gebet und Liebe die Rezepte schlechthin gegen Hass, Gewalt und generell gegen alles Böse. Als Christ ist man zur Feindesliebe explizit und „alternativlos“ aufgefordert und kann sich dem nicht entziehen. Aber auch aus nicht christlicher Perspektive ist diese Haltung nachvollziehbar, denn Hass kann niemals Liebe oder Frieden schaffen, sondern nur wiederum Hass vermehren.

Allerdings hat die Sache gleich mehrere gravierende Haken:

Zum einen ist eine Handlung, die nicht aus Liebe erfolgt, nicht zwangsläufig „hasserfüllt“. Frau Käßmann behauptet indirekt, es gäbe nur diese beiden Optionen. Nun kann man sehr wohl auch Gewalt ausüben, ohne zu „hassen“ – etwa, wenn man sich aus Notwehr einem Menschen widersetzt, gegen den man an sich keinen Hass hegt.

Ein weiterer Schwachpunkt der Argumentation ist die nebulöse Verwendung des Wortes „Liebe“. Was ist denn Liebe?

Liebe kann nicht bedeuten, schädliches Handeln zu dulden

Wenn Liebe hier eine Chiffre für „die Hände in den Schoß legen und abwarten“ sein soll, dann ist der Aufruf, Terroristen zu lieben, schlicht verfehlt. Liebe bedeutet, jemandem mit Wohlwollen zu begegnen und tätig zu seinem Wohlergehen beizutragen. Ist es aber dem Seelenheil, der psychischen Gesundheit oder der persönlichen Entfaltung eines Terroristen förderlich, wenn er Menschen umbringt? Kann Liebe darin bestehen, solches Verhalten nicht zu verhindern? Liebe kann nicht bedeuten, jemanden gewähren zu lassen, wenn das, was er tut, anderen schadet und ihn letztlich selbst ins Verderben führt.

Sodann stellt sich die Frage, wo bei Frau Käßmanns Haltung die Nächstenliebe ihren Platz hat, immerhin neben der Gottesliebe das höchste Gebot: Ist denn nur der Terrorist mein Nächster? Haben wir keine Verantwortung gegenüber unseren Kindern? Welche Liebe erzeigen wir ihnen, wenn wir Terroristen schalten und walten lassen? Welchen Dienst erweisen wir Flüchtlingen, wenn man ihre Peiniger ihr Werk hier vollenden lässt? Was ist mit den tatsächlichen Opfern des Terrors? Haben sie keinen Anspruch auf Hilfe, Wohlwollen, Unterstützung? Wenn wir den Verfolgten und den Opfern von Gewalt die Hilfe versagen, dann versagen wir ihnen die Liebe.

Die Opfer werden ignoriert

Dies scheint Frau Käßmann in Kauf nehmen zu wollen, schließlich ist das die bequemste Variante– denn welche Lobby haben die Opfer von Gewalt und Terror? Es ist weit angenehmer, den Zerschlagenen, den, der ohnehin schon zu Boden getreten wird, zu ignorieren. Niemand blickt gerne ins Angesicht eines Opfers und wird darin mit der eigenen Hilflosigkeit und Verantwortung konfrontiert. Im Kampf gegen den Terror müsste man sich die Hände schmutzig machen, unterlassene Hilfe gegenüber den Leidtragenden wird dagegen nur „indirekt“ wahrgenommen und kann leicht verdrängt werden. Nichts liegt also näher, als mit dem Hinweis auf die Worte Jesu oder auf soziologische Selbstverständlichkeiten die Notleidenden ihrem Schicksal zu überlassen, nichts zu tun und diese Untätigkeit religiös zu verbrämen. Damit gibt man sich auch noch dem guten Gefühl der ethischen Überlegenheit hin, wobei einem selbst natürlich absolut nichts abgefordert wird:

Feindesliebe ist ja letztlich keine kollektive, sondern eine persönliche Haltung. Wären wir selbst die unmittelbaren Opfer der Gewalt, so könnte Frau Käßmann an sich und uns den Anspruch stellen, uns abschlachten zu lassen und den Mord an unseren Verwandten und Freunden zu vergeben. Entgegen aller pathetischen Beschwörungen des europäischen „Wir“ sind wir aber nicht „alle“ getroffen, sondern konkret die, die tatsächlich von Islamisten drangsaliert und ermordet wurden und werden. „Wir“ erfreuen uns (noch) bester Gesundheit und sind lediglich einer diffusen Bedrohung ausgesetzt, nicht aber roher Gewalt. Insofern haben wir gut reden, wenn wir eine völlig abstrakte und wirkungslose „Feindesliebe“ einfordern.

Es ist außerdem fahrlässig, zu unterschlagen, dass der Gewaltverzicht Martyrium bedeutet. Es geht hier also nicht um „make love not war“, als ob die Terroristen, von der Liebe überwältigt, uns verschonen würden. Auf lange Sicht lassen Gewaltverzicht und Liebe das Gute siegen – das Wachstum der Kirche in den ersten Jahrhunderten trotz (oder wegen) schwerster Verfolgung legt beredtes, eindrucksvolles Zeugnis davon ab. Aber uns würde eine solche Haltung Standhaftigkeit und Treue buchstäblich „bis in den Tod“ abverlangen. Während sich „den Feind lieben“ romantisch, ethisch anspruchsvoll, pazifistisch und einfach schön anhört, ist die Aussicht, hingemetzelt zu werden weniger attraktiv, weshalb diese Folge der Gewaltlosigkeit bei Frau Käßmann auch nur am Rande zur Sprache kommt.

Naiver Pazifismus

Wir befinden uns in einer komplexen Situation, die nur noch schwer zu überblicken ist. Wer immer sich ein moralisches Urteil über frühere Generationen erlaubt hat, mag nun selbst nachempfinden, was es bedeutet, zwischen allesamt nicht wünschenswerten Alternativen wählen zu sollen. Schlichter, naiver Pazifismus – oder besser: als Pazifismus getarnter Egoismus – wie ihn Frau Käßmann postuliert, kann aber in keinem Fall das Gebot der Stunde sein.

Autor: Anna Diouf

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