Bedrängte Christen alleingelassen

Asche haben sie sich auf´s Haupt gestreut, gemeinsam „mea culpa“ bekannt – obwohl sie nicht mal persönlich gefehlt hatten. Sie haben bedauert und getrauert, sie waren beschämt und sie haben versprochen: „Nie wieder!“ Bischöfe der katholischen Kirche und Amtsträger evangelischer Gemeinschaften hatten in den vergangenen siebzig Jahren genug Zeit und Gelegenheit, sich der Fehler ihrer jeweiligen Organisationen und Strukturen in der Geschichte bewusst zu werden, diese „aufzuarbeiten“, Lehren zu ziehen und klüger zu werden. Doch haben sie die Zeit gut genutzt, haben sie aus den Fehlern und Schwächen ihrer Amtsvorgänger wirklich etwas gelernt?

Nun – angesichts des derzeitigen Umgangs der Leitungsgremien der katholischen Kirche und seitens der evangelischen Gemeinschaften mit Verfolgungen und Drangsal, denen christliche Flüchtlinge in bundesdeutschen Erstaufnahmelagern ausgesetzt sind, beschleicht einem das traurige Gefühl, dass all´ die hehren Sprüche zur Vergangenheit eben auch nur hehr und nur Fensterreden aber keineswegs ehrlich waren. „Wehret den Anfängen!“ galt offenbar nur als Anklage gegen die Altvorderen oder wandte sich gegen abstrakte Bedrohungsszenarien im politischen Alltag der Nachkriegsrepublik.

Das geschichtsvergessene Versagen der Funktionsträger und Gremien

Heute – vor die große Herausforderung gestellt, erneut gegen religiöse Bedrohung vorzugehen und Unterdrückten beizustehen – versagen die oben angeführten Gremien auf beschämende Weise. Das heißt nicht, dass nicht viele Einzelinitiativen, unermüdliche Hilfsbereitschaft, lokale Unterstützungen und Minderungen des Leids aus den Gemeinden heraus geleistet würden. Selbst die großen Hilfsorganisationen der Kirche, wie beispielsweise die „Caritas“ und die evangelische „Diakonie“ zeigen sich flexibel und versuchen, den nach Deutschland eingereisten Menschen beizustehen. Aus diesem Kreis der Helfenden von der Basis kamen schon früh die ersten Berichte von dem, was Christen in Lagern widerfährt. Bereits 2014 waren die Hinweise und die belegten Tatvorgänge so zahlreich und so glaubhaft, dass selbst die überregionale „Welt“ im August unter dem Titel „Christen spüren auch in Deutschland den Hass“ einen ausführlichen Bericht mit mehr als 12.000 Zeichen zum Thema veröffentlichte. Seither ist das Problem in der regionalen und überregionalen Tagespresse ständig mit größeren Berichten oder kleineren Meldungen „präsent“.

Immer wieder haben Christen von der Basis deshalb die Amtsträger zu mehr Einsatz für die christlichen Glaubensgeschwister aufgefordert, man hat gebeten, gedrängt, gefleht und geflucht, denn irgendwie schienen die Amtsträger das Problem nicht sonderlich ernst zu nehmen. Von politischer Seite konnte auch keine Hilfe erwartet werden, da dort der erbetene Schutz für die Verfolgten, zur Diskriminierung der Verfolger umgedeutet wurde.

Bischöfe liefern christliche Opfer den Tätern aus

Noch im April 2016 haben sich laut eines Berichts von rbb|24 in Berlin der evangelische Bischof Dröge und der katholische Erzbischof Heiner Koch, trotz der überall verfügbaren Meldungen und trotz bedrückender Details, gegen eine getrennte Unterbringung oder eine gesonderte Behandlung für bedrängte Christen in Flüchtlingsheimen ausgesprochen. „Es kann kein Weg sein, vor etwaigem (sic!) intoleranten (sic!) Verhalten gegenüber Christen zu kapitulieren, indem man eigene Unterkünfte nur für sie einrichtet“, so Erzbischof Koch. Nicht genug, dass der Erzbischof die Taten verharmlosend als „intolerantes Verhalten“ relativiert, er stellt auch noch deren bisheriges Geschehen in Frage. Mit dem Begriff „etwaig“ verweist er auf eventuell künftig eintretende, aber nicht zwingend geschehende Ereignisse. Die Opfer der Übergriffe gegen Christen werden sich verzweifelt fragen, was denn für den Herrn Erzbischof wohl „ein Weg“ sein könnte, der keine Kapitulation vor Intoleranz und Unterdrückung gegenüber Christen wäre.

Der Erzbischof muss sich auch die Frage gefallen lassen, wie er so selbstbewusst seine christlichen Mitmenschen ihren Peinigern in den Flüchtlingsheimen überlassen kann, nur um nicht vor den Aggressoren zu kapitulieren. Die Opfer der Aggressionen wurden nicht gefragt, ob sie Subjekte dieser heroischen Widerstandsbewegung sein wollen. Menschen als Mittel pädagogischer Maßnahmen zu missbrauchen, kann wohl kaum als probates Instrument einer gelingenden Integration gefeiert werden. Kein Aggressor wird religiöse Toleranz dadurch lernen, dass er mit seinem Opfer zusammen leben „muss“.

Wo sind die Hirten, die ihre Schafe vor den Wölfen verteidigen?

Als nicht betroffener und dennoch durchaus empathischer Christ Mitteleuropas fragt man sich, was da in Bischöfen vorgeht, die ihre Glaubensgeschwister auf der Flucht und in großer Not derart alleine lassen. Eigentlich haben wir gelernt, dass ein Hirte seine Schafe verteidigt, wenn die Wölfe sie bedrohen. Und eigentlich haben wir gelernt, dass ein Hirte auch dem Schäfer der benachbarten Herde zu Hilfe eilt, wenn die Wölfe oder der Bär dessen Herde angreifen. Jetzt drängt sich der Eindruck auf, dass die Hirten sich von den Hilferufenden wegdrehen und lediglich die eigene, unruhig grummelnden Herden zu beruhigen versuchen. Ein Amtsträger, der so auf seine Herde wirkt, muss sich nicht wundern, wenn bei den Gläubigen Vertrauen und Achtung in seine Person schwinden. Ein solches Verhalten der Bischöfe ist der beste Weg, um sich die Autorität von Amt und Person selbst zu demontieren.

Was treibt Bischöfe eigentlich zu solchen unerklärlichen Erklärungen und Verhaltensweisen. Was treibt sie da um? Bischöfe sind eigentlich Gott, der Kirche, der Theologie und den Gläubigen verpflichtet. Sie haben sich nicht vor der Öffentlichkeit, den Medien oder dem Staat zu rechtfertigen. Sie sind kein Teil einer staatlichen Toleranzpolitik, die suggerieren will, dass Hilfe für Opfer eine Diskriminierung der Täter darstellen würde. Wenn Bischöfe sich endlich wieder von vermeintlich relevanten medialen und öffentlichen Erwartungen befreiten, würde das zumindest einen Teil ihrer Stärke und Wirksamkeit ausmachen. Das würde auch dem Staat den Rücken im Umgang mit solchen Verbrechern stärken. Dann könnte man jenen, die ihre archaischen Vorstellungen vom Umgang mit Christen, Frauen und Kindern hier so austoben möchten, wie sie das in ihren Herkunftskultur gelernt haben, verdeutlichen, dass sie damit ihren Bewerber-, Flüchtlings- oder Asylantenstatus unwiderruflich verlieren. Da muss es unmissverständlich heißen: In unserer Kultur werden sie durch ein solches Verhalten automatisch zum Täter. Unser Staat sollte sich mit Rückhalt aus der Bevölkerung und seitens aller gesellschaftlichen Kräfte erlauben, alle darauf hinzuweisen, dass sie eine Abschiebung ohne Rückfahrtschein gewinnen, wenn sie sich unzivilisiert benehmen.

Bischöfe sollten ihren Einfluss nutzen, um wirksamen Schutz einzufordern

Jesus hat uns Christen gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde“. Er hat uns nicht mitgegeben, dass wir der weiche und süße Weckmann der Öffentlichkeit und der Political Correctness sein sollen, der beinahe allen schmeckt. Mit politisch fein austarierten Statements, die niemandem weh tun, aber auch keinem helfen, werden Bischöfe ihrer großen Verantwortung nicht gerecht. Da ist dann auch konziliante Konfrontation gefragt und das Einfordern unbequemer Lösungen. Man sollte von Bischöfen erwarten können, dass sie die Erstaufnahmelager besuchen, dass sie Behörden Dampf unter dem Hintern machen und Redaktionen sensibilisieren. Das muss so lange geschehen, bis deutlich wird, dass unsere christlichen Brüder und Schwestern in unserem Land, in das sie geflohen sind, leider wieder von denen gepeinigt werden, vor denen sie hierher geflohen sind. Wenn das dann schmerzhaft ins Bewusstsein der Politik gedrungen ist und daraus endlich wirksamer Schutz für Christen erwächst, dann haben die Bischöfe einen Teil ihres Auftrages befriedigend erfüllt und werden ihrer Verantwortung gerecht.

Ein kleiner Anfang scheint zumindest mal gemacht: Die Bischofskonferenz kommt angesichts der Meldungen in der Tagespresse um eine Reaktion nicht mehr herum. Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) meldet, die Bischofskonferenz habe erkannt, dass die Situation der christlichen Flüchtlinge in Flüchtlingseinrichtungen es erforderlich mache, „die generellen Konzepte für den Betrieb dieser Einrichtungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen“.

Autor: Martin Wind

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