Lasst den Tätern endlich ihre Motive

Kaum waren die Schüsse in einem Nachtclub für Homosexuelle in Orlando verhallt, kaum das body-counting abgeschlossen, schon kamen die ersten Hinweise auf eine mögliche ideologisch fundierte Motivlage des Täters. Und prompt konnte man den Eindruck bekommen, in deutschen Redaktionsstuben begannen die Köpfe zu rauchen: Wie sagen wir es den Menschen, ohne mit einem Teil der wahrscheinlichen Wahrheit das Publikum zu verunsichern? Wie lenken wir möglichst effektiv von den sich immer mehr als gegeben herauskristallisierenden Hintergründen der Tat ab?

Das Rezept ist ganz einfach: Man lässt sogenannte Experten zu Wort kommen, die in einem Redeschwall die Hintergründe immer haarscharf am eigentlichen Punkt vorbei, „analysieren“. Und so beschäftigten sich elektronische Medien in Deutschland in erster Linie mit den us-amerikanischen Waffengesetzen oder man schwadronierte lautstark und mit Entsetzen in der Stimme über die „Instrumentalisierung“ des Massakers durch den Präsidentschaftskandidaten Trump. Als würden das deutsche Politiker nicht auch tun.

Ablenken vom eigentlichen Motiv

Ein Ralf Stegner beispielsweise, stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD, kam über vier einleitende Worte zu Orlando gerade noch hinaus, bevor er seinem Hang zur dumpfen Polemik nachgeben musste. Seine erstes Tweet zu Orlando enthält nicht ein Wort des Mitgefühls, keinerlei Anzeichen von Empathie. Sein einziges Ziel: Ablenken von der Intention des Täters, Blick auf den „äußeren Feind“ lenken und einen Zusammenhang zwischen der Bluttat und dem verhassten Präsidentschaftskandidaten Trump herstellen.

Vorsicht und Zurückhaltung sind bei der Beurteilung einer Straftat angemessen und journalistisch. Schält sich jedoch ein Motiv und seine Hintergründe so offensichtlich heraus, wie das bei dem Anschlag in Orlando der Fall ist, dann ist es sogar Pflicht eines Journalisten, die Dinge klar beim Namen zu nennen. Da sollte es ureigenstes Anliegen eines Journalisten sein, es sollte ihm eine Frage der Ehre und der Glaubwürdigkeit sein, wahrhaftig und unumwunden zu berichten oder zu kommentieren. Gerade als Journalist, der die Öffentlichkeit in den Sozialen Netzwerken sucht, dessen Profil eine „quasioffizielle Segnung“ von facebook „verliehen“ bekam, indem die Authentizität des Autors mit einem blauen Punkt garantiert wird, gerade jemand, der erkennbar für eine Zeitung (die Welt) und einen Verlag (Springer) arbeitet und zu sprechen beansprucht. Da gibt es dann kein „privates facebookprofil“ mehr.

Dennoch entblödet Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur bei WeltN24, sich nicht, ein fragwürdiges Posting zu Orlando abzusetzen, das vermeintlich ein Motiv des Attentäters, beziehungsweise den inneren Antrieb herausarbeiten sollte. Er schreibt:

„Drag Queens (sic!) ermorden: was muss den radikalen Verlierern unser freies Leben Angst einjagen.“

Ganz abgesehen, dass bereits mehrfach belegt ist, dass ein großer Teil der Attentäter im Westen eher keine „Verlierer“ im herkömmlichen Sinne sind, so ist die Motivlage mit „Angst“ eher auch nicht reflektiert. Ich habe mich über diese – auf den ersten Blick – oberflächliche und primitiv vereinfachende Erklärung geärgert. Und aus meinem Ärger heraus habe ich Poschardt aufgefordert, klare Worte zu finden.

Mit Enzensberger Nebelkerzen werfen

Poschardt reagierte mit einem maliziösen Hinweis auf den Artikel „Der radikale Verlierer“ aus dem Jahr 2005 von Hans Magnus Enzensberger in der umstrittenen Hamburger Illustrierten „SPIEGEL“. Da wird mit 35.000 Zeichen in sich schlüssig der radikale Verlierer geschildert. Aber kann ich als Journalist eine Kenntnis dieses Textes bei den meisten Lesern voraussetzen, oder muss ich davon ausgehen, dass sie meine Worte so nehmen, wie sie geschrieben stehen – ohne den Bezug sofort zu erkennen? Und war der Mörder von Orlando einer dieser „radikalen Verlierer“, hatte er sich „isoliert“, hatte er „keinen Zugang zum Kollektiv“? Bisher scheinen die Ermittlungsergebnisse genau das Gegenteil zu belegen. Immerhin war dieser Mensch sogar schon dem FBI aufgefallen, weil er eben „Verbindungen in ein Kollektiv“ hatte. Es mag nicht das Kollektiv sein, das einem Poschardt für seine abendlichen Ausflüge ins Berliner Nachtleben vorschwebt, aber es ist ein Kollektiv. Ein Kollektiv, das Überzeugungen vermittelt, Ideologie vertieft und Hass sät. Insofern mag der Täter nach der Enzensbergerschen Definition durchaus ein „radikaler Verlierer“ sein.

Ich habe mich mit dem Versuch mich abzuwimmeln, nicht zufrieden gegeben und ihn weiterhin aufgefordert, klar Stellung zu beziehen. Denn wenn ich mich als Journalist gezwungen sehe, einen 35.000-zeichentext nutzen zu müssen, um kryptisch um die wahre Ursache eines Terroraktes herum zu reden, dann sollte ich nicht Journalist sein. Als er darauf angesprochen und aufgefordert wird, Ross und Reiter zu nennen, zieht er sich blasiert auf sein vermeintliches Herrschaftswissen zurück. Anstatt sich zu erklären, suhlte er sich in seiner vermeintlichen „intellektuellen Überlegenheit“, die er aus seiner kryptischen Zitation ableitet. Enzensberger hat einen eindrucksvollen und schlüssigen Text geschrieben. Der entbindet aber einen Journalisten nicht davon, den Kern der Sache zu benennen. Und der heißt in diesem Fall, im Fall des Terrors in Orlando, im jedem einzelnen Fall der getöteten mehr als 50 homosexuellen Mitmenschen „Hass des Islam gegenüber Homosexuellen“.

Im Islam gibt es offenen Hass gegen Homosexuelle

Es ist auch völlig unerheblich, ob der Vater des Mörders behauptet, die Terrorattacke habe „nichts mit dem Islam zu tun“, sondern sei reiner Hass auf Homosexuelle. Ein solcher „Hass“ entsteht nicht aus dem nichts. Er benötigt eine Grundlage. Er benötigt eine Erziehung, die zu so einem Hass hinführt. Der Vater will sich nach eigenen Angaben in Afghanistan um das Amt des Präsidenten bewerben und er bekennt offen seine Sympathien für die Terrororganisation der Taliban. Offen zur Schau gestellt wird Hass gegen Homosexuelle auch vom vom Islamischen Staat (IS) zu dem sich der feige Mörder bekannte.

Wenn der Islamische Staat offen zu seinem Hass auf Homosexuelle steht und das mit dem Koran begründet, wenn der Mörder sich zum Islamischen Staat bekennt, weshalb schwurbelt Poschardt dann so herum, weshalb verweigert er eine persönliche klare Positionierung und versteckt sich hinter einem Enzensberger? Hat er schlicht Angst davor, Ursache und Wirkung klar und deutlich auszusprechen? Warum lenken andere Medien so unverhohlen von der Motivlage ab und versuchen die Medienkonsumenten im Unklaren zu lassen. Der Mörder hat sich zu seinem Motiv eindeutig bekannt Da bedarf es keiner intellektuellen Verbrämung oder einer herablassenden Ursachenforschung mit soziologischen Erklärungsmustern.

Lasst den Tätern einfach ihre Motive.

Autor: Martin Wind

Überall Rassisten

Anna Diouf beklagt in ihrem Beitrag „Im Herzen blond“ den Alltagsrassismus, der ihr als Kind entgegenschlug und es immer noch tut. Aber ihr Rassismusbegriff ist zu weit gefasst und verstellt den Blick auf echten Rassismus – meint jedenfalls Felix Honekamp, disputata-Autor mit potenziellem Integrationsbedarf.
Sind Sie – wie ich – Katholik? Dann tut es mir leid, dann müssen Sie mit Beleidigungen, wie der, dass Sie Mitglied einer Kinderf…sekte sind, leben. Haben Sie ein konservatives Familienbild? Leider, leider müssen Sie dann damit leben, dass man Sie im Mittelalter verortet, Sie als homophob, eher noch als Nazi bezeichnet. Denn als Katholiken und Konservative gehören Sie zwar mittlerweile einer Minderheit an, die Aussagen sind auch sicher beleidigend gemeint, aber das fällt unter die freie Meinungsäußerung – ob sie einen Wahrheitsgehalt haben oder nicht? Müssen Sie dann erstens beweisen und ist zweitens sowieso egal: Sie stehen auf der falschen Seite!

Wer sich beleidigt fühlt, hat Recht

Was anderes ist es, wenn Sie einer medial geschützten Minderheit angehören – dann dreht sich die Beweislast plötzlich um: Das Gefühl, beleidigt, unangemessen angesprochen oder ungerecht behandelt worden zu sein, reicht. Wer – so könnte man sagen – sich beleidigt fühlt, hat Recht! Und da das im Einzelfall dann doch ein bisschen absurd daherkommt, muss dafür ein Begriff her, den man auch schnell gefunden hat: Mikroaggression! Damit sind winzige übergriffige Äußerungen in der Kommunikation gemeint, eigentlich alltägliche Äußerungen, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen (so definiert es Wikipedia). Ob sie beleidigend gemeint sind, ist nicht entscheidend; wichtiger ist, dass man mit ein bisschen Interpretationsaufwand daraus eine Beleidigung ableiten kann.

„Wo kommen Sie denn her?“ – Diese Frage war bis vor kurzem noch ein recht unverfänglicher Small-Talk-Einstieg. „Ach, aus Untertupfing, da hatte ich mal einen Onkel zu wohnen …“ Bei den Vertretern der Mikroaggression – also denen, die Mikroaggressionen immer und überall wittern – kann eine solche Frage aber schon eine Falle sein, nämlich dann, wenn Sie sie einem Menschen mit anderer Hautfarbe, Sprache oder Kleidung stellen. Dann unterstellen Sie nämlich vermutlich (!), dass es sich bei diesem Menschen um einen „Andersartigen“ handelt, was gleichzeitig vermutlich (!) eine gewisse Minderwertigkeit insinuiert – so jedenfalls die Theorie.

Wenn der erste Vorwurf entkräftet ist, wird weiter „gedreht“

Auf diese Weise wird derzeit versucht, die Causa Gauland/Boateng, die eigentlich eher eine Causa FAZ ist, doch noch zu einem Diskriminierungsfall umzudeuten: Denn AfD-Vize Alexander Gauland hat angedeutet, dass es sich bei Boateng um ein Beispiel „erfolgreicher Integration“ handele. Dabei ist Boateng Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen – muss sich so jemand bescheinigen lassen, er sei gut integriert? Hat man ihn oder hat er sich integrieren müssen, oder sind es – so könnte man polemisch fragen – nicht eher die völkischen Putinversteher, die nicht in Boatengs Nachbarschaft wohnen wollen, die Integrationsbedarf haben?
Mal abgesehen davon, dass im zugrunde liegenden FAZ-Gespräch die beiden Redakteure selbst den Namen Jerome Boateng als Beispiel der Integration eingeführt haben, was insofern ein Form des verkappten Rassismus dieser Redakteure darstellt: Kann es sein, dass man bei der obigen Argumentation irgendwo falsch abgebogen ist?

Der Begriff der Integration bezieht sich meist auf Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem dann, wenn die kulturellen Unterschiede deutlich zu bemerken sind. Diese Abgrenzung ist ziemlich schwammig, weil man beispielsweise die Frage stellen kann, ob sich die Problematik der Integration bei nach Deutschland einwandernden Schweizern oder Österreichern – unzweifelhaft auch Migranten – genau so stellt wie bei Menschen aus dem afrikanischen oder asiatischen Kulturraum. Genau so kann man die Frage stellen, ob denn der Begriff der „gelungenen Integration“ nicht implizit einen angenommenen vorherigen Mangel bescheinigt: Der Andere, „das Andere“ am Anderen war irgendwie defizitär, darum wurde die Integration erst notwendig.

Integration ist eine Mehr-Generationenaufgabe

Zweifellos stellt aber „das Andere“ Herausforderungen an eine ansonsten in dieser Hinsicht homogene Gemeinschaft. Die Hautfarbe sollte dabei, wenn überhaupt, nur die geringste Rolle spielen, sie gilt aber weithin als Indiz der – zunächst mal wertfreien – Andersartigkeit in Fragen der Sprache, der Religion oder des kulturellen Hintergrunds. Darf man also bei einem Menschen mit dunkler Hautfarbe und einem fremd klingenden Namen nicht vereinfachend davon ausgehen, dass es sich dabei um einen „Fall“ von Migrationshintergrund handelt? Im Großteil der Fälle wird man damit ja richtig liegen: Die Boatengs dieser Welt stammen eben in der Mehrzahl nicht aus dem Schwarzwald.

Dazu kommt, dass es gerade bei Migranten der zweiten und dritten Generation heute zu Problemen kommt, die man von ihren Eltern und Großeltern nicht kannte: Es mag durchaus mit sozialen Verwerfungen zu tun haben, die man den heute jugendlichen Deutschen zugemutet hat, deren Eltern beispielsweise türkischer Abstammung sind, die dazu führen, dass sie sich beispielsweise auf die Herkunft ihrer Vorfahren oder die islamische Religion „rückbesinnen“. Egal was aber der Grund dafür sein mag, deutlich wird dabei aber vor allem eines: Integration ist oft nicht nur eine Ein-Generationen- sondern eine Mehr-Generationen-Aufgabe. Und ich gebe zu: Eine Aufgabe ebenso der Zuziehenden wie der aufnehmenden Gesellschaft – was Stoff für ein ganz eigenes Thema gäbe.

Ein Irrtum in der Sache ist noch keine Beleidigung

Direkt eine Beleidigung oder Zurücksetzung zu unterstellen, nur weil jemand in Kenntnis des Namens und der Hautfarbe eines Fußballspielers auf einen Migrationshintergrund schließt, und aufgrund dessen Status ihn als Beispiel gelungener Integration betrachtet, ist deshalb einfach nicht sachgerecht – eher wohl ein Produkt der Pflege eines Minderheitenstatus; nicht selten von Deutschen im Bemühen, selbst nicht als Rassist zu gelten. Äußerungen wie die von Herrn Gauland oder der beiden FAZ-Redakteure in einen Zusammenhang mit wirklichen rassistischen Formulierungen zu stellen, wenn jemand zum Beispiel tatsächlich einen Menschen anderer Herkunft nicht in seiner Nachbarschaft wohnen haben möchte, führt darum die Absurdität des Konzepts der Mikroaggression vor Augen.

Ich erlebe dabei an mir selbst, dass solche Konzepte ihre Wirkung bereits entfalten: Im Rahmen der Berichterstattung Gauland/Boateng stand ich kürzlich am Kölner Hauptbahnhof neben einem offenbar – aus Hautfarbe und Kleidung geschlossen – schwarzafrikanischen Ehepaar, die sich auf Englisch unterhielten. Kurz habe ich überlegt, zu fragen, was sie denn von der ganzen Geschichte halten. Und es ging tatsächlich die Schere in meinem Kopf los: Ist es nicht ein Affront, sie anzusprechen mit keinem anderen Anlass als ihrer Hautfarbe und ihres fremdländischen Äußeren? Ein „weißes“ Ehepaar hätte ich jedenfalls nicht angesprochen, da sie vermutlich nicht betroffen wären. Was ich sagen will: Zu der natürlichen Hemmung, Menschen am Bahnhof einfach so auf politische Themen anzusprechen, gesellte sich die Hemmung, eine (Mikro) Aggression ausstrahlen zu können. Ich habe sie also nicht angesprochen, und frage mich jetzt, abgesehen von ihrer Meinung zu dem Thema, ob das nicht auch das Ergebnis ihrer Hautfarbe und insofern ebenfalls rassistisch war. Da bräuchte ich selbst ein paar Schleifen im Hirn, bis ich das für normal halten könnte.

Eine Frage kann auch schlicht ein harmloses und erhliches Interesse zeigen

Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es durchaus für den einzelnen Menschen nervig und anstrengend sein kann, wenn er aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner Kleidung oder aufgrund welcher Merkmale auch immer, gefragt wird, wo er denn herkomme, ob er deutsch spreche und wie es ihm hier gefalle. Und es mag auch ärgerlich sein, dass man als in Deutschland Geborener mit eben solchen Merkmalen, dessen „Integration“ bereits vor mindestens einer Generation abgeschlossen war, trotzdem in einen Topf geworfen wird mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen oder deren Integration sich als komplexer herausstellt. Aber kann man aus solchen Fragen nicht auch einfach ein harmloses und ehrliches Interesse herauslesen?

Dahinter direkt eine verdeckte Aggression und einen bösen Willen zu vermuten, eine – bewusste – Beleidigung daraus zu konstruieren, zeigt lediglich, dass es sich beim Konzept der Mikroaggression um einen Auswuchs der Political Correctness handelt, in deren zeitlichem Zusammenhang diese Idee auch entwickelt wurde. Ein offener Austausch über Problematiken der Migration und der Integration wird durch derartige Sprach- und Verhaltensbarrieren beinahe verunmöglicht, weil das Vokabular ausgeht, das nicht zumindest in einem Mindestmaß als beleidigend interpretiert werden kann.

Uns dürfen nicht die Worte fehlen, um Interesse am Andersseienden zu bekunden

Um es noch mal deutlich zu machen: Die Aussage, dass man einen Andersaussehenden nicht in seiner Nähe wohnen haben will, ist Rassismus. Die Frage, was es mit dem Andersaussehen auf sich hat, ist es nicht – nicht mal im Mikromaßstab! Mir ist schon klar, dass ich mich für Vertreter des Mikroaggressionskonzepts damit selbst als fieser Rassist oute, der – unbeleckt einer Ahnung, was es heißt, als Mensch mit anderer Hautfarbe in diesem Land aufzuwachsen – meint beurteilen zu können, wann dieser sich beleidigt oder angegriffen fühlen darf und wann nicht. Mit dieser Einschätzung werde ich wohl leben müssen und mich trotzdem dafür einsetzen, dass uns nicht plötzlich die Worte fehlen, um ein positives Interesse am Anderen, auch am Andersaussehenden, zu bekunden. Ein solches Interesse nicht mehr zum Ausdruck bringen zu können aus Angst, ungewollt zu beleidigen, hindert, den Anderen zu verstehen und fördert – viel mehr als unbedachte Äußerungen – den Rassismus!

Autor: Felix Honekamp

Zum Thema hat sich auch unsere Autorin Anna Diouf mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Im Herzen blond

Im Herzen blond

Was ein unliebsamer Nachbar zur Causa Gauland zu sagen hat.

Ich gehöre ja zu denen, die im Bereich der AfD-Kritik gehörig auf die Bremse treten. Das ist weder politisch korrekt, noch so ganz koscher, noch besonders klug, aber es ergibt sich aus einem natürlichen Argwohn gegenüber einseitiger und skandalsüchtiger Berichterstattung. Als Querdenker in verschiedenen Bereichen habe ich so oft aus eigener Anschauung erlebt, wie falsch, verfälschend, ungenau und/ oder uninformiert Presse berichten kann, dass ich angesichts alarmistischer Machtergreifungsreminiszenzen unbeeindruckt von der AfD gleichbleibend wenig halte, aber nicht aus den Gründen, die offenbar einen Großteil der sich selbst als Intelligenzia definierenden Schicht umtreiben.

Am liebsten keine Nachbarn

Dem Aufschrei angesichts der Nachbarschaftsphilosophien des Herrn Gauland kann ich erst einmal nichts abgewinnen. Der Deutsche liebt seinen Nachbarn generell nicht. Der Nachbar, das ist der Mensch, der das Auto am falschen Tag wäscht, die Wäsche am falschen Tag aufhängt, die Hecke nicht ordentlich schneidet und das Laub des Apfelbaums mit voller Absicht regelmäßig über die Grundstücksbegrenzung in den Garten fallen lässt. Pfui. Man könnte also mit Fug und Recht sagen, dass die Leute auch einen Müller als Fußballer toll finden, aber nicht zum Nachbarn haben wollen. Am liebsten hätte man eben gar keinen Nachbarn. Jedem eine Insel.

Abgesehen von dieser zugegeben polemischen Einlassung ist es leider ein Fakt, dass eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Menschen in diesem Land anders aussehende Menschen misstrauisch beäugt und nicht in näheren Kontakt zu ihnen treten will. Diesem zermürbenden Zustand sind Millionen Menschen ab olivfarbener Haut ausgesetzt, und ich kann nur sagen: Das macht keinen Spaß. Aber wenn ein Mensch etwas sagt, das unangenehm aber zutreffend ist, dann sollte man wegen der benannten Tatsache aufschreien und nicht wegen der Benennung derselben.

Gönnerhaft und das bei besten Absichten

Nun aber wurde der Mann in die Ecke getrieben und hat sich dann doch noch als der typische deutsche Philister geoutet, wie ich sie vor allem in meiner Kindheit und Jugend verabscheuen gelernt habe. Gönnerhaft, und das bei besten Absichten. Ein Beispiel gelungener Integration, dieser Boateng.
Seit ich diese Äußerung und vor allem die Kommentare dazu wahrgenommen habe, versuche ich, sie nicht auf mich zu beziehen, und es gelingt nicht. In diesem Sinne muss ich dem Beitrag Felix Honekamps auf Klaus Kelles Blog Denken erwünscht widersprechen. Boateng ist kein Beispiel für gelungene Integration, es sei denn, man würde auch die Erfolgsgeschichte von Fritz Meier, der aus Bielefeld stammt, aber in Augustdorf groß und dort tatsächlich zu einem geschätzten Mitbürger wurde, als Ergebnis gelungener Integration begreifen. Ich würde jedem, der mich als Beispiel gelungener Integration bezeichnen würde, ohne Gewissensbisse eine selbstgebackene Schwarzwälder Kirschtorte in die Fr…, äh, Verzeihung, ins Antlitz werfen. Nun bin ich, als Mitglied einer multi-ethnischen Familie mit langweilig deutscher „Leitkultur“ , sicherlich kein typischer Repräsentant der Kinder von Ausländern in diesem Land, aber gerade im Bereich der Afro-Deutschen ist die Gruppe derer, die mit einem deutschen Elternteil tatsächlich deutscher Abstammung sind, sehr groß, und mit Boateng geht es ja gerade um diese Gruppe.

Ein Mensch, der zwischen Landshut und Kiel geboren wird, und dessen Großeltern zumindest väter- oder mütterlicherseits vielleicht tatsächlich noch zwischen Maas und Memel das Licht der Welt erblickten, der ist nicht integriert, der ist integral. Er ist so biodeutsch, wie eine rote Kartoffel nicht weniger Kartoffel ist durch ihre Färbung. Je nachdem, ob man bei der Besatzung durch die Römer, beim Einfall der Hunnen oder bei der hugenottischen Flüchtlingswelle ansetzt, haben die allermeisten Deutschen einen „Migrationshintergrund“, wenngleich ich davon ausgehe, dass die Bevölkerung des einen oder anderen Dorfes in der Eifel, in Oberbayern oder in Ostfriesland tatsächlich seit der Erschaffung der Menschen genau dort ansässig ist. Migrationshintergrund, das bedeutet praktisch, dass da etwas Fremdes (sprich: Problematisches) ist, das irgendwie „integriert“ (sprich: unschädlich gemacht, nivelliert) werden müsse. Man würde keinen Nachkommen von (weißen) Engländern oder Amerikanern als Mensch mit „Migrahu“ bezeichnen. Die Konnotation ist also eindeutig.

Nationale Idendität wird über das Aussehen definiert

Es ist ein nie versiegender Quell der Demütigung und Entnervung, dass die nationale Identität in Deutschland einzig und allein über das Aussehen definiert wird. Ich werde nie vergessen, wie niemand das Deutschsein einer rothaarigen Südafrikanerin anzweifelte, während mir erst nach wiederholten Hinweisen auf meinen Pass das Deutschsein erlaubt wurde – und auch nur unter der Einschränkung, dass ja meine Wurzeln ganz woanders lägen. Anekdote Nummer zwei: Der Deutschlehrer, bei dem es beinahe unmöglich war, eine „Eins“ zu bekommen, bei dem ich aber fast kontinuierlich eben diese Note erhielt, fragte mich, im Glauben, umsichtig zu sein, mit welchem Begriff er mich denn beschreiben dürfe – schwarz, braun, negrid, welcher Begriff sei nicht verletzend oder diskriminierend. Ich war völlig konsterniert und fragte zurück, wieso als Beschreibung nicht ausreiche, dass ich eine der besten Schülerinnen sei, die er je gehabt habe und ungeschlagen in der Gedichtinterpretation (man verzeihe das jugendliche – Selbstvertrauen). Geschehnisse dieser Art sind Legion. Es ist nicht verwunderlich, dass das Wort Wurzeln zu den meistgehassten in meinem Wortschatz gehört, und ein Gespräch, das mit der Frage nach denselben beginnt, endet regelmäßig in der Sackgasse. Denn mit „Großvater aus Westfalen, Großmutter aus Pommern“ kommt dann auch der gutmenschlichste Self-Made-Ethnologe nicht weiter.

Diesem Problem vorgelagert ist natürlich ein anderes: Was ist am Fremdsein, Ausländersein oder anders Aussehen schlecht? Die stillschweigende Unterstellung, am Ausländer an sich sei etwas defizitär, ist ja das eigentlich Beschämende.
Völlig absurd mutet diese komplexe deutsche Befindlichkeit an, wenn man bedenkt, dass ein großer Teil der Deutschen die gebührende Achtung und Liebe gegenüber dem Vaterland weitgehend vermissen lässt – und nein, „mögen, weil hier alles ordentlich ist und man Geld verdienen kann“, ist keine Vaterlandsliebe, sondern derselbe Grund, der einen Gutteil der derzeitigen Migranten hierher führt. Während Heine durch meine Adern floss, mein Herz in Schillerschem Blankvers pochte, und Volkslieder zu meinem täglich Brot gehörten, musste ich ständig mein Deutschsein beweisen; gegenüber Menschen, die kaum einen tiefergehenden emotionalen Bezug zu ihrer eigenen Heimat haben. Im Nachhinein ist dieser Kampf ein Segen: Wer ihn kämpfen musste, weiß seine Heimat zu schätzen und lässt sich nicht von linker Hysterie anstecken.

Die Bratwurst kann einfach nicht halal sein

Im Grunde ist diese absurde Einstellung Folge einer komplexen, von Schuldgefühlen geprägten Psychose. Wenn alles, was „deutsch“ ist, automatisch schlecht ist und mit dem Makel behaftet, von Nazis instrumentalisiert worden zu sein oder von Neonazis instrumentalisiert werden zu können, dann bleibt nicht mehr viel, worüber man sich identifizieren kann. Heiliges römisches Reich deutscher Nation? Da kommen gleich drei gefährlich braun anmutende Worte drin vor. Volk? Das Nomen zu „völkisch“, also tabu. „Geschichte“? Dazu gehören unzweifelhaft die Jahre 1933-45. In Ansätzen hat dieses notorisch schlechte Gewissen auch die Esskultur bereits erreicht. Eine gescheite Bratwurst kann eben beim besten Willen nicht halal sein, wer weiß, wann auch diese letzte Bastion deutschen Selbstverständnisses fallen wird – beim Bier gibt es ja wenigstens die alkoholfreie Alternative. Da nun alles Deutsche potenziell gefährlich ist, bleiben als legitime Identifikationsgrundlagen nur die wirtschaftliche Situation, sportliche Erfolge und eben das, was man nun einmal weder verstecken noch ändern kann, das eigene Aussehen. Ich habe aufgrund dieses Phänomens meine schwedischen Kommilitonen übrigens immer Premium-Ausländer genannt.

Etwas off-topic aber spannend in diesem Zusammenhang ist, dass diese Eigenart den durchschnittlichen Gutmenschen mindestens ebenso unerträglich macht, wie den durchschnittlichen Rassisten. Die unbelehrbare Arroganz, mit der grün wählende Mittvierziger mit fair gekauftem Seidenschal in neokolonialistischer Manier erklären, was man sei und was nicht, wo man verwurzelt sei und wo nicht, und wo man eigentlich hingehöre, lässt einen sprachlos zurück.

Wie frei sind die „Aufschreier“ von positivem Rassismus?

Mich würde brennend interessieren, wie frei die Aufschreier in der Causa Gauland von dieser deutschen Krankheit sind. Wie viele der Empörten würden wohl in „positivem“ Rassismus gerade neben einem wie Boateng ach so gerne wohnen (gut, abgesehen von der Villa und der fantastischen Wohngegend, diese Argumentation schallt einem nun auch schon von allen Seiten entgegen), und sei es nur, um zu beweisen, dass sie keine Rassisten, Nazis, Rechten, Ultrakonservativen oder was auch immer seien.

Ich mag die deutsche Nationalmannschaft– weil ich sie als ziemlich getreues Abbild der deutschen Gesellschaft empfinde (Fußball an sich gehört nicht zu meinen Leidenschaften). Da ist von jedem und allem etwas dabei und das ist bunt, schön und erfolgreich. Noch schöner wäre allerdings, wenn zum einen diejenigen, die sich als deutsch bezeichnen, auch schlicht und einfach als das, was sie sind, nämlich deutsch, anerkannt würden, und zum anderen die, die sich nicht als deutsch identifizieren können oder wollen, deshalb nicht automatisch verdächtigt würden, in irgendeiner Form zum Niedergang der Nation beitragen zu wollen – der die Meisten ja leider ohnehin nicht mehr abgewinnen können, als dass sie hier eine materialistische Gesellschaftsordnung und viel Geld vorfinden.

Autor: Anna Diouf

Zum Thema hat sich auch unser Autor Felix Honekamp mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Überall Rassisten

Jede Ente ist eine zuviel …

Seit geraumer Zeit geistert der üble Begriff „Lügenpresse“ durch die Öffentlichkeit, der pauschal alle Medienschaffenden unter Verdacht stellt. Es gibt Menschen, die suchen geradezu danach, Medien nachweisen zu können, dass Sie nicht Fakten berichten, sondern eine tendenziell gefärbte Darstellung der Realität betreiben, Sachverhalte unterschlagen oder Dinge so hindrehen, dass sie in ein vermeintlich gewolltes Weltbild passen. Für richtige Journalisten, die ihr Handwerk sauber betreiben wollen und sich dem Pressecodex verpflichtet fühlen, ist es traurig, dass Kollegen bei solchen unsäglichen und standeswidrigen Versuchen tatsächlich erwischt werden können. Nun hat ein bisher als Qualitätszeitung firmierendes Blatt einen Artikel veröffentlicht, der erst zu einem fulminanten shitstorm gegen den befragten Politiker (AfD-Vize Gauland) führte, dann aber jene beflügeln konnte, die im Vorgehen der Journalisten und der Frankfurter Allgemein Sonntagszeitung (FAS) – gelinde gesagt – einen journalistisch-handwerkliche groben Fehler erkennen wollten und konnten.

Auf facebook habe ich vor dem Hintergrund meiner Erfahrungen als Redakteur einer Wochenzeitung und meiner Tätigkeiten als Pressesprecher ein paar Fragen gestellt, auf die mein geschätzter Kollege Peter Winnemöller antwortete. Wir haben diese Unterhaltung als Interview fortgesetzt:

Frage: „Über wen sagt es mehr aus, wenn man einem Interviewten raten muss, sein Interview in Zukunft komplett mitzuschneiden?“

Peter Winnemöller (PW): „Das bedeutet natürlich bedauerlicherweise den Verlust einer Kultur des Vertrauens, denn eigentlich sollte man davon ausgehen können, dass ein Journalist dem Grunde nach der Wahrheit verpflichtet ist. Wir sind alle Menschen, unsere Natur ist erbsündlich gebrochen – ich als Christ formuliere das jetzt mal so -, darum sind wir stets in Versuchung, die Wahrheit in unsere Richtung zu verbiegen. Das aber ist nicht das Problem. Das Problem liegt darin, sich nicht von dieser Tatsache beeindrucken zu lassen und trotzdem nach der Wahrheit zu suchen, sich ihr aller Versuchungen zum Trotz verpflichtet zu fühlen.“

Dennoch würde ich jedem in kritischer Situation raten, sich ein kleines kostengünstiges Aufnahmegerät zuzulegen. Ich hätte als Journalist nichts nichts dagegen, denn leider muss ich inzwischen ja damit leben, was Kollegen angerichtet haben, die nicht sauber arbeiten, sondern Tendenzberichterstattung betreiben wollen.

Darüber hinaus biete ich immer an, dem Interviewten meine Aufzeichnung zuzusenden. So schafft man Vertrauen selbst bei denen, die man im Kommentar zu kritisieren beabsichtigt oder im Kommentar kritisiert hat.

Frage: „Und was bedeutet es, wenn man einem Menschen raten muss, keine Gespräche mehr „unter drei“ zu führen, das heißt, vertraulich miteinander Informationen auszutauschen und davon ausgehen zu können, dass davon kein Wort in die Berichterstattung einfließen wird?“

PW: „Das führt zu einem schlimmen Verlust einer freien, starken, gut informierten Presse. Niemand wird freiwillig noch „unter drei“ reden, wenn er befürchten muss, Teile des Gespräches (ganz gleich, ob richtig oder falsch zitiert) am nächsten Tag in der Zeitung zu lesen. Es wäre die Aufgabe der Herausgeber und Chefredakteure, auf diese Tugend der Verschwiegenheit unbedingt zu drängen, denn am Ende wird es das Medium sein, das dabei verliert. Und zudem werden ehrliche und anständige Kollegen in Verruf gebracht und in Sippenhaft genommen.

Der Leser verliert am Ende ebenfalls, denn eine gute und seriöse Berichterstattung sowie einen kenntnisreichen Kommentar braucht es unbedingt, will man sich nicht endgültig auch in breiten Schichten ein Informationsprekariat heranziehen.“

Frage: „Wie empfinden sie als erfahrener Journalist die derzeitige Entwicklung in der Medienbranche? Auflagen brechen dramatisch ein, Verlage krebsen finanziell am Limit, Redaktionen werden geschlossen …?“

PW: „Miterleben zu müssen, wie eine ganze Medienlandschaft durch zunächst verweigerten, dann nur scheu aufgenommenen Strukturwandel den Bach herunter geht, ist scheußlich.

Das Internet und die sozialen Medien können und dürfen ein Korrektiv zu klassischen Medien sein. Dem haben sich die Medienschaffenden zu stellen. Dabei aber einer dem Internet und den sozialen Medien innewohnenden Gefahr der Shitstormisierung von verfälschten oder vereinfachten Informationen noch in die Hände zu arbeiten, statt durch unbedingte Seriosität und größtmögliche Aufrichtigkeit einen Gegenpol aufzubauen, ist nicht nur die schlimmste Gefahr für die freien Medien, sondern auch ein Unverschämtheit gegenüber jedem, der den Wunsch hat, sich redlich und umfassend zu informieren.“

Frage: „Als ehemaliger Redakteure einer Wochenzeitung und als Pressesprecher verschiedener Institutionen, kenne ich die Mechanismen und Interessen des Berichterstattens und die Vorgehensweisen und Verlockungen bei der Information Medienschaffender. Was halten Sie von Vorfällen, wie wir Sie beispielsweise in der Berichterstattung zu den vermeintlichen Aussagen eines spanischen Bischofs beobachten mussten oder wie sie sich derzeit in der Berichterstattung zum Fall Gauland auf offener Bühne abspielen?“

PW: „Eines sollte man bedenken: Mit jeder (halben, viertel oder ganzen) Ente auf dem Medienteich wächst nicht nur der Argwohn der Bürger, sondern auch das Potential für unseriöse Portale mit nicht immer ganz klarem Hintergrund.

Und darum frage ich mich schon, ob wir nicht besser eine Qualitätsoffensive von den etablierten Medienhäusern einfordern sollten. Diese aber bitte mit Nachdruck!“

Herr Winnemöller, ich danke Ihnen für das Gespräch und für die offenen Worte!

Die Fragen stellte Martin Wind

Nach der Empörung

Die Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zitiert AfD-Vize Alexander Gauland mit den Worten: „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben.“ Gemeint ist Jérôme Boateng aus Berlin, Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters. Er spielt beim FC Bayern München und gilt bei Kennern des Fußballsports seit Jahren als einer der besten Innenverteidiger der Welt.

Nun ist die Empörung groß: Gauland habe Boateng beleidigt. Ich bin zwar eher der Meinung, Gauland habe mit seiner Aussage vielmehr „die Leute“ beleidigt, indem er ihnen kollektive Fremdenfeindlichkeit unterstellt (soweit ein in Berliner geborener und in der Bundesliga tätiger deutscher Nationalspieler überhaupt als Beispiel für „Fremdheit“ taugt), aber was soll’s. Deutschland ist sich einig, so einig wie selten zuvor: Gauland hat Boateng beleidigt. Und: Deutschland empört sich.

Ketzerische Frage

Man könnte – nachdem man sich 30 Minuten empört hat – eine ketzerische Frage stellen: Hat Gauland Recht? Also dann, wenn man die Aussage so versteht, dass er meinte, es gäbe in Deutschland Menschen, die einen dunkelhäutigen jungen Mann nicht gerne in ihrer Umgebung haben wollten, wenn sie denn die Wahl hätten.

Solche Fragen („Hätten Sie diese Menschen gerne als Nachbarn?“ – Gezeigt werden Bilder von Schwarzafrikanern, orthodoxen Juden, Frauen mit Kopftuch etc.) stellen normalerweise Soziologen, die zum Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit forschen. Im Rahmen einer Allensbach-Studie (2008) wollten Feldforscher genau dies wissen: „Hätten Sie Menschen mit anderer Hautfarbe gerne als Nachbarn?“

Das Ergebnis zeigt zweierlei: Ja, es gibt Menschen, die lieber keine dunkelhäutigen Nachbarn hätten. Und: Es gibt dabei einen großen Unterschied zwischen Kirchgängern und Nicht-Kirchgängern (es handelte sich um eine religionssoziologische Studie). Während bei den Nicht-Kirchgängern sechs von 100 „Leuten“ sagten, „einen Boateng“ hätten sie nicht gerne als Nachbarn, war es bei den Kirchgängern nur einer von 100.

Rund fünf Prozent der Deutschen sind klar fremdenfeindlich

Wenn wir nun unterstellen, dass die Zahl der praktizierenden Christen in Deutschland vielleicht bei sieben Prozent der Bevölkerung liegt, kommt man insgesamt auf ein Potenzial an Fremdenfeindlichkeit von mindestens fünf Prozent. Das bedeutet: Für mindestens vier Millionen Deutsche gilt, was Gauland sagt: „Sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“.

Wäre nun Alexander Gauland nicht bei der AfD, sondern bei den Grünen, lobte man ihn heute morgen bundesweit dafür, das Thema Rassismus und Fremdenfeindlichkeit so deutlich angesprochen zu haben. Und, Gegenprobe: Hätte Alexander Gauland gesagt, es gäbe in Deutschland niemanden, der etwas gegen „einen Boateng“ als Nachbarn auszusetzen habe, hagelte es heute morgen wohl Kritik seitens jener Soziologen, die es besser wissen. Von der politischen Konkurrenz würde ihm rasch die Verharmlosung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen. Diesmal übrigens völlig zu Recht.

Man kann sich über die AfD empören – vielleicht soll oder muss man es sogar. Aber nicht aus den falschen Gründen und an der falschen Stelle. Das fällt irgendwann auf.

Autor: Josef Bordat

TTIP: Keine Ahnung, aber davon eine Menge

TTIP-Gegner wie -Befürworter gackern über ungelegte Eier. Die eigentliche Herausforderung liegt aber nicht in dem potenziellen Vetragswerk.

Sind Sie für oder gegen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership – Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft)? Oder haben Sie dazu – Gott bewahre – keine Meinung? Das wäre schlecht, denn dann können Sie nicht mitreden. Ist aber im Grunde ganz einfach: Sind Sie gegen amerikanische Chlorhühnchen und für den Erhalt deutscher Arbeitsplätze, dann sind Sie gegen TTIP. Sind Sie für friedenssichernden Handel und für den Erhalt deutscher Arbeitsplätze, dann sind Sie für TTIP. Alles klar? Sie meinen, so einfach sei das alles nicht, und es würde sich schon lohnen, da abzuwägen … und überhaupt seien die von mir genannten Alternativen nicht überschneidungsfrei … dann haben Sie Recht und vermutlich mehr verstanden als die mehr oder weniger aggressiven Für- oder Gegensprecher dieses geplanten und noch in Verhandlung befindlichen Abkommens. Ein Nein oder Ja zu TTIP kann also immer nur bedeuten, bestimmte Verhandlungspositione der EU oder der USA gutzuheißen oder abzulehnen. „Stop TTIP“ ist mithin eine der unsinnigsten Parolen, die es derzeit politisch zu bestaunen gibt – genau so unsinnig allerdings ist das undifferenzierte Go-TTIP der anderen Seite.

Regulierungswut generiert Kosten ohne Wertschöpfung

Freihandel – das wird die Leser meiner Texte nicht verwundern – hat in erster Linie mal meine Zustimmung. Dazu allerdings müssen auch die Bedingungen stimmen. Wen also heute die Sorge um den Mittelstand umtreibt, gegen eine vermeintliche Übermacht amerikanischer Großkonzerne nicht bestehen zu können, dem muss man Recht geben. Denn das letzte, was ein kleines bis mittelständisches Unternehmen in Deutschland derzeit gebrauchen kann ist, nachdem es sich durch den deutschen und europäischen Regulierungswust gekämpft und nicht wertschöpfende Kosten getragen hat, mit einem Unternehmen als Wettbewerber konfrontiert zu sein, das in einem vergleichsweise freien Markt agieren kann. Notwendig für den Freihandel wäre es also, entweder die Ausgangslagen „gleichnamig“ zu machen, oder in einen Wettbewerb der Nationen zu treten, was dann hieße: Auf beiden Märkten überzeugen, warum hohe deutsche und europäische Sozial-, Steuer-, Sicherheits-, Umwelt-, Verbraucherschutz- und regulatorische Kosten für den Kunden am Ende besser sind (von Währungs- und Zinspolitik ganz zu schweigen).

Das allerdings wird schwerfallen und man sitzt allzu schnell dem Missverständnis auf, der Preis einer Leistung errechne sich aus Kosten und erwartetem Gewinn. So stellen sich das jedenfalls die linken Strategen in der Politik das vor: Mehrkosten für irgendeine unsinnige und nicht wertschöpfende Regulatorik wie die Zeiterfassungen zum Mindestlohn können doch auf den Preis aufgeschlagen werden – der Kunde wird es schon bezahlen. Wird er im Zweifel auch (mit abnehmender Tendenz), aber nur, wenn er keine Alternativen hat. Darum sind bei solchen nationalen oder auch regionalen Alleingängen immer auch Folgemaßnahmen zum Schutz der heimischen Unternehmen notwendig – die Interverntionsspirale nimmt seinen Lauf. In Wahrheit bestimmen aber Angebot und Nachfrage den Preis und der bestimmt – abzüglich der Renditevorstellungen – die maximalen Kosten einer Leistung. Das ist keine „Raketentechnik“, wird aber, gerade von Politikern, die nie in der freien Wirtschaft tätig waren, gerne vergessen, verdrängt oder – wohl noch eher – intellektuell nicht durchdrungen.

Schwer zu ertragen: Probleme erkennen zu müssen

Bestrebungen wie TTIP legen diese Problematik erneut offen. Demonstranten gegen TTIP, die einen „ungerechten Wettbewerb“ befürchten, haben insofern durchaus Recht: Wenn europäische Unternehmer und Unternehmen staatlicherseits gegängelt werden, dann ist der Wettbewerb mit einem Unternehmen, dass diesen Regierungseskapaden nicht ausgesetzt ist, tatsächlich nicht „gerecht“. Andererseits sind aber diese Einschränkungen nicht allein auf dem Mist der Politiker gewachsen – die wurden für Vorschläge, die die Arbeitskosten belasten im Zweifel demokratisch gewählt. Insofern wäre TTIP die Gelegenheit, aus einem linken Traum aufzuwachen: Dem Traum, man könne soziale Wohltaten ausgießen, „Verteilungsgerechtigkeit“ herstellen, die Unternehmen mit allerlei scheinbar doch „guten“ Auflagen belasten, ohne dass das Konsequenzen hätte. In einem wirklich freien Markt wären Vereinbarungen wie TTIP gar nicht notwendig: TTIP kann, wenn es denn kommt und wenn es denn dem Namen „Freihandelsabkommen“ gerecht wird, nur eine Reparatur darstellen für einen aktuell zutiefst durch staatliche Eingriffe – von Interessengruppen gefordert – gestörten Markt.

Lasst also Unternehmen unter möglichst freien Bedingungen in Wettbewerb zueinander treten. Die besseren, innovativeren, kundenorientierteren, strategisch besser agierenden werden dann langfristig gewinnen – und die, die verlieren, werden etwas anderes tun. Das bringt nicht nur mehr Wohlstand für alle – weltweit -, sondern sichert auch Arbeitsplätze in verantwortlich agierenden Unternehmen und sorgt für eine bessere Bedienung der Kunden auf allen Ebenen. Daran, und nicht an europäischen Umwelt- und Sozialstandards, muss sich ein potenzielles TTIP-Vertragswerk messen lassen: Sind die Bedingungen für die Wettbewerber in diesem Markt gleich? Idealerweise gleich gut, vermutlich – je nach Durchsetzungskraft der Interessengruppen – aber gleich schlecht. Sollten die TTIP-Bedingungen aber gleich schlecht werden, werden sich insbesondere amerikanische Unternehmen noch mehr auf anderen Märkten wie dem Pazifikraum engagieren. Die Europäer dürfen dann staunend wahrnehmen, wie sie selbst den Entwicklungen hinterherhinken, andere Unternehmen es – gestärkt durch dieses Engagement – selbst mit einem regulierten und überbürokratisierten europäischen Markt aufnehmen können … und wollen wir wetten: Dann schimpfen sie wieder auf die Internationalisierung und kämpfen gegen einen ungerechten Wettbewerb! Und werden vergessen haben, dass sie mit einem vernünftigen Freihandelsabkommen den Schlüssel zum Erfolg in der Hand gehalten, ihn aber nicht umgedreht haben.

Autor: Felix Honekamp

Es wird Zeit für einen „Kampf gegen Extremisten“

Politiker leben und arbeiten exponiert. Sie beziehen Stellung und vertreten Meinung. Diese treffen nicht immer auf Zustimmung. Dagegen kann man argumentieren. Es gibt aber auch Menschen – manche mit schweren psychischen Störungen – die versuchen, Menschen mit anderer Meinung physisch zu vernichten. Dieser Gefahr sind sich Politiker bewusst. Gerade Politiker. Wie schnell es um Leben und Tod gehen kann, haben wir in der Vergangenheit bei Anschlägen auf Frau Henriette ‪‎Reker‬, auf Oskar ‪‎Lafontaine‬ und auf Wolfgang ‪‎Schäuble‬ erleben müssen, die Opfer feiger Anschläge auf Leben und Gesundheit wurden.

Ich bin überzeugt, niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann nachvollziehen, was ein Mensch im Moment eines Anschlages erlebt, fühlt, fürchtet. Stellt sich der Anschlag im Nachhinein als „harmloser“ ‪‎Tortenwurf‬ heraus, so bleiben dennoch mindestens physische Verletzungen, die sich zu Traumata auswachsen können. Die Opfer werden sich schlagartig ihrer Schutzlosigkeit, ihrer Hilflosigkeit und ihrer Verletzlichkeit bewusst. Wie sie damit umgehen (können), vermag niemand vorauszusagen.

Die Angst wird bleiben

Einem Opfer eines solchen Anschlags ist es wahrscheinlich völlig egal, ob es sich letztlich „nur“ um eine Torte handelte, die es ins Gesicht bekam. Die Angst wird bleiben, denn es hätte schlimmer kommen können.

Das ist kein Scherz, das ist auch keine Form einer demokratischen Auseinandersetzung um Ideen und Programme. Das ist blanker Terror. Es ist an unseren Politikern und an unseren Gerichten, hier endlich konsequente Abschreckung zu praktizieren: Wer den politischen Mitbewerber – wie auch immer – physisch bedroht oder gar angreift, sollte meines Erachtens konsequent wie ein Verbrecher behandelt werden, der eine schwerer Körperverletzung versucht oder begangen hat. Das beginnt schon im Kleinen. Und daher ist es auch so verwerflich, dass beispielsweise Heiko ‪‎Maas‬ Aktionen der Antifa gut heißt und als Ausdruck „demokratischen Widerstands“ feiert oder Manuela ‪Schwesig‬ die gewaltschwangeren Randalen der Linksterroristen als „aufgeblasene Probleme“ verniedlicht. Das sind Menschen, die die Fundamente unserer demokratischen Kultur abschaffen wollen, wenn sie Andersdenkende zum Verstummen bringen (siehe Artikel im Neuen Deutschland von dieser Woche!). Wer die Auftritte der sogenannten Antifaschisten beobachtet, der wird nicht umhin kommen, deren absoluten Gewalt- und Vernichtungswillen konstatieren zu müssen.

Antifa ist kein geborener Verbündeter demokratischer Parteien

Politische Kundgebungen wie „Demo für alle“ oder auch der Schweigemarsch der Lebensschützer sind derzeit noch durchführbar, weil ein riesiges Aufgebot der Polizei solche Veranstaltungen vor den Schlägertrupps der sogenannten Antifaschisten schützt. Wann werden ‪#‎LINKE‬, ‪#‎GRÜNE‬, ‪#‎SPD‬, Maas, Schwesig, ‪‎Stegner‬ und Konsorten endlich verstehen, dass die sogenannten ‪Antifa‬ keine geborenen Verbündeten demokratischer Parteien sein dürfen?

Wann werden Maas und Konsorten endlich verstehen, dass der „Kampf gegen Rechts“ eine einseitige Verharmlosung extremistischer Gewalt in der Bundesrepublik Deutschland darstellen? Wann wird Bundesministern und allen aktiven Politikern endlich deutlich, dass der Kampf um die Demokratie ein wehrhafter und konsequenter „Kampf gegen undemokratische Extremisten“ werden muss?

Kampf gegen jede Form undemokratischen Extremismus´

Es bleibt der Appell: Vergesst endlich Eure ideologischen Scheuklappen, Euer spießig-piefiges Lagerdenken, Euren Schulterschluss mit vermeintlichen Verbündeten und beginnt Euch überzeugend für Toleranz und Demokratie einzusetzen. Geht endlich parteiübergreifend gegen jede echte Bedrohung der Demokratie vor und belasst es nicht bei der symbolhaften Abwehr gegen politische Mitbewerber innerhalb des demokratischen Spektrums. Tut etwas gegen die Politikverdrossenheit, gegen die Resignation der Bürger.

Potentielle künftige Opfer solcher feigen und erbärmlichen Attacken auf unser demokratisches Gefüge werden es Euch danken. Derzeit gibt es aber noch keinerlei Grund für „Dank“.

Ach so – ich vergaß: Es gibt auch Politiker, die sich über ihre Rhetorik zu Scharfmachern – um den Begriff  „Schreibtischtäter“ zu vermeiden – aufschwingen.

Autor: Martin Wind

Wie man Wasser in Eis verwandelt

Der Katholikentag steht ins Haus. Ab kommenden Mittwoch, dem 25. Mai, treffen sich in Leipzig für vier Tage Menschen aus der Kirche, aus Vereinen, Verbänden und Gruppen, aus anderen Konfessionen und Religionen, Interessenvertreter und Amtsträger, um gemeinsam über Politik, Gesellschaft, Religion und Glauben zu reden. Veranstaltet wird dieses Treffen vom „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ („ZDK“), einer von der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) anerkannten Laienorganisation aus den Strukturen und Verbänden der Kirche.

Ein solches Treffen wirft medial natürlich seine Schatten voraus. Der Präsident des „Zentralkomitees“, Thomas Sternberg, wurde vom Deutschlandfunk zur Bedeutung des „ZDK“, zu Kirche, Theologie, kirchlicher Lehre und zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen befragt, die Programmpunkte des Treffen sein werden. Die Antworten des Komitee-Funktionärs werfen zum Teil Fragen auf, die man als praktizierender, gläubiger Christ von der katholischen Basis und als politisch vielseitig interessierter Mensch gerne noch beantwortet sähe. Im Folgenden werden einige Passagen seiner Ausführungen weiterführenden Fragen gegenübergestellt:

Sternberg: „… Soweit ich sehe ist hier keine Position wirklich ausgegrenzt oder ausgeschaltet worden, es sei denn, es sind wirklich eindeutig menschenfeindliche Parolen, die auf einem Katholikentag so nichts zu suchen haben. …“

Was ist mit der Anwesenheit von „donum vitae“? Ein Verein, der sich nach dem Ausstieg kirchlicher Beratungsstellen aus der staatliche geförderten Schwangerenberatung gegründet hat, um das päpstliche Verbot der Beteiligung am sogenannten „Beratungsschein“ – der zwingenden Voraussetzung zur straffreien Tötung ungeborener Kinder – zu umgehen. Vertritt „donum vitae“ so nicht auch durch sein Handeln „menschenfeindliche Parolen/Positionen“?

Was ist mit „pax christi“? Ein Verein, der rhetorisch kaum verhohlen gegen den Staat Israel hetzt und eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus jüdischen Siedlungen aus den sogenannten besetzten Gebieten fordert. Welche Gedanken drängen sich da dem geschichtsbewussten Christen auf?

Sternberg: „… Wenn Sie wieder lesen, was heute an Unfug auf den Zeitungen steht, dass sie (Frauke Petry) Probleme hat überhaupt mit dem Kopftuch in diesem Land. Ich frag mich, wie man in den bayerischen Dörfern mit den alten Frauen nächstens umgeht. …“

Die „alten Frauen“ in Bayern tragen heute eher keine Kopftücher mehr. Wenn sie das tun, dann meistens aus (noch gelebter) Tradition und individuellem Modeempfinden oder aus Praktikabilitätsgründen. Es ist bisher in Deutschland auch kein Fall bekannt, in dem Frauen ethnisch deutscher Herkunft von nahen Angehörigen genötigt, ja gezwungen wurden Kopftuch zu tragen. Soweit bekannt, hat in den vergangenen sechzig Jahren niemand den Frauen der oben beschrieben Gruppe Gewalt angedroht, sollten sie es wagen, kein Kopftuch zu tragen. Es ist ebenso kein Fall belegt, in dem eine Frau aus der oben skizzierten Gruppe ermordet wurde, weil sie kein Kopftuch trug und deshalb die „Ehre der Familie“ wieder hergestellt werden musste. Warum benutzt er also einen so hinkenden Vergleich? Was will er damit bewirken? Soll die Diskussion banalisiert und zurückgedrängt oder gar lächerlich gemacht werden?

Sternberg: „… Wir hatten am 29. April in Münster den bundesweiten Tag der Diakonin. Da wurden die Frauenverbände immer schräg angesehen, dass sie hier mit einer solchen Vehemenz auf den Diakonat der Frau pochen. Und zwei Wochen später verkündet der Papst vor Ordensfrauen in Rom, dass er genau das jetzt etwas intensiver prüfen werde. …“

Hat Sternberg den Originaltext oder eine fundierte Übersetzung gelesen? Wenn nicht, so sei ihm das dringend ans Herz gelegt. Selbst Frau Florin weist ihn ja immerhin darauf hin, dass seine Interpretation ein wenig hoch gegriffen ist.

Sternberg: „… Es geht mir eher darum, dass Christen deutlich machen, was sie trägt in ihrem sozialen Dienst. Und dass erst die Frage kommt, was sie trägt, und dann erst über Gott gesprochen wird und nicht primär, wie das in einigen Sekten üblich ist, zunächst einmal über Gott und über den Glauben gesprochen wird. Bei den Christen steht der Dienst an erster Stelle. …“

Wie kommt er auf diese interessante Theorie? Steht an erster Stelle auch für Christen nicht der Gottesdienst. Dieser manifestiert sich auch im Dienst am Nächsten. Aber ohne den Bezug zu Gott verliert der „Dienst am Nächsten“ seine transzendente Rückbindung und somit auch seinen „Sinn“?

Sternberg: „… Wenn ich Kritik habe, dann die, dass ich die Hoffnung habe, dass diese wunderbaren Ankündigungen, die er (Papst Franziskus) macht und diese Bewegung, auch in Strukturen umgesetzt wird. (…) Das muss jetzt auch Niederschlag finden, das gilt für eine ganze Reihe weiterer Dinge, ich habe die große Hoffnung, dass er uns erhalten bleibt und dass es uns auch gelingt diese Bewegung in Strukturen umzusetzen.“

Mit solchen Funktionären ist es nicht erstaunlich, dass viele Strukturen der Kirche wie bleierne Bunkerfundamente wirken. „Bewegung in Strukturen umzusetzen“,  ist das nicht wie Wasser in Eis zu verwandeln?

Autor: Martin Wind

Mehr Freiheit statt Papiergeld

„Das Ende des Papiergeldzeitalters“ ist für jeden Verteidiger der Freiheit und Fan Roland Baaders eine Pflichtinvestition.

Wollte man der Zitaten- und Aphorismensammlung „Das Ende des Papiergeldzeitalters“ einen Vorwurf machen, dann höchstens den Titel des Buches. Denn der mag den einen oder anderen Leser abschrecken, der sich nicht durch ein wirtschaftswissenschaftliches Werk arbeiten möchte, Sorge hat, den „österreichischen“ Geldtheorien nicht folgen zu können – schon gar nicht in der Form der auf das Wesentliche zusammendampfenden Zitate. All diejenigen kann ich aber beruhigen: Das von Rahim Taghizadegan im Schweizer Verlag Johannes Müller herausgegebene Buch entspricht viel mehr dem Anspruch des Untertitels, ein „Brevier der Freiheit“ zu sein, einer Freiheit wie Roland Baader sie Zeit seines Schaffens vertreten hat.

Die Freiheit eines Christen

Leider habe ich Roland Baader, der im Januar 2012 nach langer Krankheit verstarb, nie persönlich kennengelernt. So bin ich erst durch die im libertären Magazin „eigentümlich frei“ veröffentlichten diversen Nachrufe auf ihn aufmerksam geworden und war in der Folge über sein Werk „Die belogene Generation“ – gerichtet eigentlich an Leser, die mindestens zwanzig Jahre jünger sind als ich – mit einem Freiheitsbegriff konfrontiert, der meine Sicht auf die Welt deutlich verändert hat. Diese Nachrufe beschreiben ihn nicht nur als freiheitsliebend sondern auch als gläubigen Christenmenschen, auch wenn er an den Kirchen in Deutschland wenig Erfreuliches gefunden hat. Sympathisch muss er gewesen sein, aber auch teilweise resigniert angesichts der Tatsache, dass nicht nur in Deutschland der Mehrzahl der Menschen das Gefühl für Freiheit vollends abhanden gekommen zu sein scheint.

Aus seinen umfangreichen Werken hat Rahim Taghizadegan, selbst wie Baader Privatgelehrter alter Schule, eine Sammlung von Kernsätzen vorgelegt, die einen Streifzug durch all die Themen liefern, die mit der Freiheit zu tun haben, oder – mehr noch – in denen Freiheit bedroht oder fast unwiederbringlich niedergeschlagen wurde. Nach einer kurzen Einführung in Leben und Werk Baaders startet das Buch denn auch mit einem bekannten Abschnitt, überschrieben mit „Mein Traum“, nachzulesen auch bei der eigentümlich frei, in dem Baader deutlich macht, was ihn umtreibt: Es ist fast ein kleines Manifest, dass er mit den Worten beschließt:

„Was ich brauche, das sind: Freunde, Familie und rechtschaffene Christenmenschen, in guten und in schlechten Zeiten; und ich bin Freund, Familienglied und Christ, auch dann, wenn es anderen schlecht geht; aber dazu brauche ich keine Funktionäre und Schmarotzer, keine bezahlten Schergen und staatsversorgte Wohltäter. Dazu brauch ich nur die mir Nahestehenden und den Herrgott. Hier stehe ich. Gott helfe mir! Ich kann nicht anders!“

Das ist exakt das, was jeden freiheitsliebenden Menschen einen Schlag in die Magengegend verpasst, wenn er sieht, in welchen Lebensbereichen, auch in solchen Themen die ihn vermeintlich nur indirekt betreffen, eben keine Freiheit mehr herrscht. Besonders wesentlich wird diese Einschätzung vor allem vor dem Hintergrund des Niedergangs des Sozialismus Ende der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, mit dem man diese große freiheitsraubende Ideologie bereits am Ende gesehen hat. Aber nichts da: Die sozialistischen Gesellschaftsingenieure sind heute stärker denn je, haben andere Instrumentarien gefunden, die Freiheit auf eine Art einzuschränken, dass viele sogar bereit sind, für diese „Errungenschaft“ zu danken. Darum müsste man den Büchern Baaders – aus meiner Sicht besonders denen, die sich um gesellschaftliche Freiheit drehen – eine blaue und eine rote „Pille“ beilegen, wie sie Morpheus in „Die Matrix“ dem Hacker Neo anbietet: „Nimm die blaue Pille — die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst was du auch immer glauben willst. Nimm die rote Pille — du bleibst hier im Wunderland und ich werde dir zeigen wie tief das Kaninchenloch reicht.“ Wer Baaders Bücher liest, hat sich für die rote Pille entschieden und sieht fortan – jedenfalls besser als vorher – die Matrix der Kontrolle und Unfreiheit, die ihn umgibt: Mehr oder weniger technikfrei, aber mit Unterstützung von Politik, Medien, Interessengruppen und – leider auch – Teilen der Kirchen.

Es stehen keine unwichtigen Sätze in diesem Buch

Zitate aus diesem Brevier auszuwählen fällt schwer: Es stehen schlicht keine unwichtigen Sätze in diesem Buch, die man guten Gewissens auslassen könnte. Trotzdem wird jeder Leser seine Schwerpunkte finden, auch anhand der von Taghizadegan vorgenommenen inhaltlichen Gliederung (die bisweilen zu Wiederholungen führt, was der Klarheit durchaus dient, ab und zu aber irritieren mag). Von unterschiedlichen Formen der gesellschaftlichen Staatsgläubigkeit über die nicht anders als sozialistisch zu benennende Geldpolitik, über staatliche Einmischungen in Bildungs- und Gesundheitspolitik bis hin zu den Politikern selbst reichen die Beschreibungen Baaders zu den „Feinden der Freiheit“. Dem setzt er fünf Aspekte einer freien Ordnung entgegen, von denen besonders die letzte in einem katholischen Blog Aufmerksamkeit erregen muss: Freiheit, Recht & Gerechtigkeit, Wettbewerb & Freihandel, Geld & Gold und – last but not least – Religion.

Dieser letzte Abschnitt beginnt mit einem fulminanten Plädoyer für die durch den Glauben an Gott geforderte Freiheit eines jeden Menschen – und die Gefährdung dieser Freiheit durch die Ablösung Gottes durch den Staat oder ein anderes Kollektiv. Darum hier in voller Länger das Zitat aus dem Jahr 1988:

„Mit der Verneinung der Herrschaft Gottes hat man vermeintlich jeglichen Herrschaftsanspruch abgeschüttelt. Folglich versteht das sich „selbstbestimmende“ Individuum seine von ihm eingerichtete Staatsform als permanenten Prozess der Abschaffung von Herrschaft. Es berührt uns nur scheinbar seltsam und widersprüchlich, dass das Zeitalter der totalen „Emanzipation“ zusammenfällt mit der Ägide der Verherrlichung des Kollektivs, denn der Mensch, der seine subjektive Individualität in Wahrheit nur in der Beziehung zu Gott gewinnen und erfahren kann, muss – einmal von Gott getrennt – zur Überzeugung gelangen, dass er kein subjektiv maßgebliches Wesen mehr ist, sondern seine Bedeutung nur noch als Bestandteil des Kollektivs erfahren kann. Also verherrlicht er dieses Kollektiv und „befreit“ sich gleichzeitig als Ersatzhandlung von untergeordneten Schein-Herrschaftsstrukturen der ihm verbliebenen Restbindungen „Ehe“, „Familie“, „Schule“, „Nation“, die in Wirklichkeit nur Ordnungs- und Orientierungsstrukturen (und keine Herrschaftsstrukturen) sind.“

Dieser Überzeugung ist Baader treu geblieben, wie aus einem – ebenfalls etwas längeren, aber lesenswerten – Zitat aus dem Vorwort zu Robert Grözingers „Jesus, der Kapitalist“ von 2012 hervorgeht. Darin geht es nicht nur generell um das „Kollektiv“ sondern die thematischen und persönlichen Gottessubstitute, die den Menschen erneut unterwerfen und ihn seiner Freiheit berauben (die ihm von Gott geschenkt ist):

„Solange man glaubte, nur Gott könne irgendwann eine neue Erde und einen neuen Menschen erschaffen, hielt sich der Wahn in Grenzen. Als man aber begann, zu glauben, der Mensch könne kraft seiner Vernunft dieses Werk selber oder sogar noch besser (und früher) vollbringen, wurde der Wahn grenzenlos. Man betete jetzt die selbsternannten Götter der Vernunft an: Robespierre, Lenin, Stalin, Hitler, Mao, Ho-Chi-Minh, Pol Pot, Kim-Il-Sung, Che Guevara und Konsorten. Und auf ihr Geheiß oder in ihrem Namen rottete man jeden aus, der dem neuen Diesseitsparadies der Vernunft-Religion aufgrund seines veralteten „Menschseins“ entgegenstand. Dieser Wahn ist keineswegs zu Ende. In jüngerer Zeit ist er (noch) in weniger martialischen Gewändern unterwegs, aber der Gesinnungsabsolutismus wächst in den politisch korrekten Strömungen wie dem „Europäischen Werte“-Dogmatismus, dem Öko-Fundamentalismus, dem Multikulturalismus, der Gleichstellungsmanie, der Klima-Hysterie und dem Gender-Mainstreaming-Delirium (um nur einige zu nennen). In ihrer Gesamtheit deuten die Erscheinungen darauf hin, dass die Menschheit auch jetzt wieder den Weg in den Totalitarismus – zurück ins irdische und vermeintliche Paradies antreten will.“

Ist „Das Ende des Papiergeld-Zeitalters“ also im Kern ein pessimistisches Buch? Viel Anlass zu Optimismus ist in der Tat für die Sache der Freiheit nicht angebracht. Und doch scheint durch die Zeilen immer wieder die Hoffnung auf, dass die Kritiken und Appelle nicht in den Wind geschrieben sind. Wenn man so will ist es das Vermächtnis Roland Baaders an jeden Freiheitsliebenden, diese Überzeugungen fortzusetzen, für sie zu kämpfen und nicht aufzugeben.

Von allzu viel Hoffnung zeugt es nicht, aber so bleibt am Ende auch eine wesentliche Überzeugung, die auch der teilen kann, der optimistisch in die Zukunft der Freiheitlichkeit schaut:

„Hat jemand, der unablässig für die Freiheit eintritt, überhaupt noch eine Erfolgsaussicht? Eigentlich nur eine: die Selbstachtung nicht zu verlieren.“

Ohne mich an diesem Vermächtnis vergreifen zu wollen, möchte ich den letzten Satz trotzdem leicht korrigieren: Hat also jemand, der unablässig für die Freiheit eintritt, überhaupt noch eine Erfolgsaussicht? Mindestens eine: die Selbstachtung nicht zu verlieren.

Autor: Felix Honekamp

 Roland Baaders (Hrsg.: Rahim Taghizadegan) „Das Ende des Papiergeld-Zeitalters: Ein Brevier der Freiheit“ ist im März im Verlag Johannes Müller erschienen und auch als eBook erhältlich:

Bedrängte Christen alleingelassen

Asche haben sie sich auf´s Haupt gestreut, gemeinsam „mea culpa“ bekannt – obwohl sie nicht mal persönlich gefehlt hatten. Sie haben bedauert und getrauert, sie waren beschämt und sie haben versprochen: „Nie wieder!“ Bischöfe der katholischen Kirche und Amtsträger evangelischer Gemeinschaften hatten in den vergangenen siebzig Jahren genug Zeit und Gelegenheit, sich der Fehler ihrer jeweiligen Organisationen und Strukturen in der Geschichte bewusst zu werden, diese „aufzuarbeiten“, Lehren zu ziehen und klüger zu werden. Doch haben sie die Zeit gut genutzt, haben sie aus den Fehlern und Schwächen ihrer Amtsvorgänger wirklich etwas gelernt?

Nun – angesichts des derzeitigen Umgangs der Leitungsgremien der katholischen Kirche und seitens der evangelischen Gemeinschaften mit Verfolgungen und Drangsal, denen christliche Flüchtlinge in bundesdeutschen Erstaufnahmelagern ausgesetzt sind, beschleicht einem das traurige Gefühl, dass all´ die hehren Sprüche zur Vergangenheit eben auch nur hehr und nur Fensterreden aber keineswegs ehrlich waren. „Wehret den Anfängen!“ galt offenbar nur als Anklage gegen die Altvorderen oder wandte sich gegen abstrakte Bedrohungsszenarien im politischen Alltag der Nachkriegsrepublik.

Das geschichtsvergessene Versagen der Funktionsträger und Gremien

Heute – vor die große Herausforderung gestellt, erneut gegen religiöse Bedrohung vorzugehen und Unterdrückten beizustehen – versagen die oben angeführten Gremien auf beschämende Weise. Das heißt nicht, dass nicht viele Einzelinitiativen, unermüdliche Hilfsbereitschaft, lokale Unterstützungen und Minderungen des Leids aus den Gemeinden heraus geleistet würden. Selbst die großen Hilfsorganisationen der Kirche, wie beispielsweise die „Caritas“ und die evangelische „Diakonie“ zeigen sich flexibel und versuchen, den nach Deutschland eingereisten Menschen beizustehen. Aus diesem Kreis der Helfenden von der Basis kamen schon früh die ersten Berichte von dem, was Christen in Lagern widerfährt. Bereits 2014 waren die Hinweise und die belegten Tatvorgänge so zahlreich und so glaubhaft, dass selbst die überregionale „Welt“ im August unter dem Titel „Christen spüren auch in Deutschland den Hass“ einen ausführlichen Bericht mit mehr als 12.000 Zeichen zum Thema veröffentlichte. Seither ist das Problem in der regionalen und überregionalen Tagespresse ständig mit größeren Berichten oder kleineren Meldungen „präsent“.

Immer wieder haben Christen von der Basis deshalb die Amtsträger zu mehr Einsatz für die christlichen Glaubensgeschwister aufgefordert, man hat gebeten, gedrängt, gefleht und geflucht, denn irgendwie schienen die Amtsträger das Problem nicht sonderlich ernst zu nehmen. Von politischer Seite konnte auch keine Hilfe erwartet werden, da dort der erbetene Schutz für die Verfolgten, zur Diskriminierung der Verfolger umgedeutet wurde.

Bischöfe liefern christliche Opfer den Tätern aus

Noch im April 2016 haben sich laut eines Berichts von rbb|24 in Berlin der evangelische Bischof Dröge und der katholische Erzbischof Heiner Koch, trotz der überall verfügbaren Meldungen und trotz bedrückender Details, gegen eine getrennte Unterbringung oder eine gesonderte Behandlung für bedrängte Christen in Flüchtlingsheimen ausgesprochen. „Es kann kein Weg sein, vor etwaigem (sic!) intoleranten (sic!) Verhalten gegenüber Christen zu kapitulieren, indem man eigene Unterkünfte nur für sie einrichtet“, so Erzbischof Koch. Nicht genug, dass der Erzbischof die Taten verharmlosend als „intolerantes Verhalten“ relativiert, er stellt auch noch deren bisheriges Geschehen in Frage. Mit dem Begriff „etwaig“ verweist er auf eventuell künftig eintretende, aber nicht zwingend geschehende Ereignisse. Die Opfer der Übergriffe gegen Christen werden sich verzweifelt fragen, was denn für den Herrn Erzbischof wohl „ein Weg“ sein könnte, der keine Kapitulation vor Intoleranz und Unterdrückung gegenüber Christen wäre.

Der Erzbischof muss sich auch die Frage gefallen lassen, wie er so selbstbewusst seine christlichen Mitmenschen ihren Peinigern in den Flüchtlingsheimen überlassen kann, nur um nicht vor den Aggressoren zu kapitulieren. Die Opfer der Aggressionen wurden nicht gefragt, ob sie Subjekte dieser heroischen Widerstandsbewegung sein wollen. Menschen als Mittel pädagogischer Maßnahmen zu missbrauchen, kann wohl kaum als probates Instrument einer gelingenden Integration gefeiert werden. Kein Aggressor wird religiöse Toleranz dadurch lernen, dass er mit seinem Opfer zusammen leben „muss“.

Wo sind die Hirten, die ihre Schafe vor den Wölfen verteidigen?

Als nicht betroffener und dennoch durchaus empathischer Christ Mitteleuropas fragt man sich, was da in Bischöfen vorgeht, die ihre Glaubensgeschwister auf der Flucht und in großer Not derart alleine lassen. Eigentlich haben wir gelernt, dass ein Hirte seine Schafe verteidigt, wenn die Wölfe sie bedrohen. Und eigentlich haben wir gelernt, dass ein Hirte auch dem Schäfer der benachbarten Herde zu Hilfe eilt, wenn die Wölfe oder der Bär dessen Herde angreifen. Jetzt drängt sich der Eindruck auf, dass die Hirten sich von den Hilferufenden wegdrehen und lediglich die eigene, unruhig grummelnden Herden zu beruhigen versuchen. Ein Amtsträger, der so auf seine Herde wirkt, muss sich nicht wundern, wenn bei den Gläubigen Vertrauen und Achtung in seine Person schwinden. Ein solches Verhalten der Bischöfe ist der beste Weg, um sich die Autorität von Amt und Person selbst zu demontieren.

Was treibt Bischöfe eigentlich zu solchen unerklärlichen Erklärungen und Verhaltensweisen. Was treibt sie da um? Bischöfe sind eigentlich Gott, der Kirche, der Theologie und den Gläubigen verpflichtet. Sie haben sich nicht vor der Öffentlichkeit, den Medien oder dem Staat zu rechtfertigen. Sie sind kein Teil einer staatlichen Toleranzpolitik, die suggerieren will, dass Hilfe für Opfer eine Diskriminierung der Täter darstellen würde. Wenn Bischöfe sich endlich wieder von vermeintlich relevanten medialen und öffentlichen Erwartungen befreiten, würde das zumindest einen Teil ihrer Stärke und Wirksamkeit ausmachen. Das würde auch dem Staat den Rücken im Umgang mit solchen Verbrechern stärken. Dann könnte man jenen, die ihre archaischen Vorstellungen vom Umgang mit Christen, Frauen und Kindern hier so austoben möchten, wie sie das in ihren Herkunftskultur gelernt haben, verdeutlichen, dass sie damit ihren Bewerber-, Flüchtlings- oder Asylantenstatus unwiderruflich verlieren. Da muss es unmissverständlich heißen: In unserer Kultur werden sie durch ein solches Verhalten automatisch zum Täter. Unser Staat sollte sich mit Rückhalt aus der Bevölkerung und seitens aller gesellschaftlichen Kräfte erlauben, alle darauf hinzuweisen, dass sie eine Abschiebung ohne Rückfahrtschein gewinnen, wenn sie sich unzivilisiert benehmen.

Bischöfe sollten ihren Einfluss nutzen, um wirksamen Schutz einzufordern

Jesus hat uns Christen gesagt: „Ihr seid das Salz der Erde“. Er hat uns nicht mitgegeben, dass wir der weiche und süße Weckmann der Öffentlichkeit und der Political Correctness sein sollen, der beinahe allen schmeckt. Mit politisch fein austarierten Statements, die niemandem weh tun, aber auch keinem helfen, werden Bischöfe ihrer großen Verantwortung nicht gerecht. Da ist dann auch konziliante Konfrontation gefragt und das Einfordern unbequemer Lösungen. Man sollte von Bischöfen erwarten können, dass sie die Erstaufnahmelager besuchen, dass sie Behörden Dampf unter dem Hintern machen und Redaktionen sensibilisieren. Das muss so lange geschehen, bis deutlich wird, dass unsere christlichen Brüder und Schwestern in unserem Land, in das sie geflohen sind, leider wieder von denen gepeinigt werden, vor denen sie hierher geflohen sind. Wenn das dann schmerzhaft ins Bewusstsein der Politik gedrungen ist und daraus endlich wirksamer Schutz für Christen erwächst, dann haben die Bischöfe einen Teil ihres Auftrages befriedigend erfüllt und werden ihrer Verantwortung gerecht.

Ein kleiner Anfang scheint zumindest mal gemacht: Die Bischofskonferenz kommt angesichts der Meldungen in der Tagespresse um eine Reaktion nicht mehr herum. Die Katholische Nachrichtenagentur (KNA) meldet, die Bischofskonferenz habe erkannt, dass die Situation der christlichen Flüchtlinge in Flüchtlingseinrichtungen es erforderlich mache, „die generellen Konzepte für den Betrieb dieser Einrichtungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen“.

Autor: Martin Wind