Stoppt die Rituale – Worte alleine genügen nicht!

Fassunglosigkeit. Dieses Gefühl ist mächtiger als die Trauer oder das Mitgefühl. Fassungslosigkeit angesichts der Grausamkeit, der Kaltblütigkeit, der Erbarmungslosigkeit eines Menschen, der beschlossen hat, der Vernichtung und Zerstörung zu dienen. Fassungslosigkeit angesichts der atemberaubenden Schnelligkeit, mit der sich ein fröhliches Fest in ein Massaker verwandelt, im Herzen Europas.

Das Netz ist nicht die reale Welt

Wenn in einem fernen Land ein Attentat geschieht, dann sind sie nicht weit: Die Klagen der pseudo-humanistischen Elite, die meint, weil ein Massenmord in einem westlichen Land mehr Solidaritätsbekundungen auf Facebook und in anderen sozialen Medien hervorrufe, seien die Leben von Nichteuropäern weniger wert. Nun möchte man diese Menschen fragen, ob sie eigentlich in der Realität angekommen sind. Das Netz ist nämlich nicht die reale Welt, auch wenn man das vergessen könnte, wenn man das Haus nur noch verlässt, um Soja-Latte zu trinken und ansonsten das, was Algorithmen vorgeben, als das echte Leben betrachtet.

Im Gegenteil scheinen europäische Leben erschreckend wenig wert zu sein: Sie sind es nicht wert, dass man für sie kämpft, dass man für sie entschlossen gegen Salafismus und Islamismus vorgeht, dass man sich anders für sie einsetzt als mit bloßen Worten des Entsetzens nach einer Gräueltat. Unsere Politiker, unsere Verantwortlichen können ein Leben in Bangladesch oder in Bagdad nicht schützen. Aber es ist auch nicht ihre Aufgabe. Es ist ihre Aufgabe, ihr Volk zu schützen, und alles zu tun, was in ihrer Macht steht, um seinem Wohl zu dienen. Und darüber könnte Sicherheit auch an anderen Orten, an denen Islamisten wüten, wieder einkehren. Vielleicht sollte man angesichts der Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind, von Hybris und Selbstüberschätzung abkommen, und wieder öfter die Formel „so wahr mir Gott helfe“ verwenden – denn angesichts einer Ideologie, deren Anhänger genau eines wollen, nämlich uns ermorden, ist es wohl angebracht, etwas Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Wenn keiner hingeht, aber der Krieg zu Dir kommt

Der erste Schritt allerdings wäre, die Augen zu öffnen und die Realität wahrzunehmen. Ist den Eliten wirklich nicht klar, dass keine Propaganda und keine Augenwischerei sie halten wird, wenn die Bevölkerung irgendwann nicht mehr akzeptieren will, den Blutzoll für Realitätsverweigerung zahlen zu müssen? Kann man es wirklich darauf ankommen lassen, dass am Ende aus besorgten Bürgern zornige Bürger werden, die womöglich selbst in die Hand nehmen werden, was der Staat nicht tun will? Wollen wir dabei zusehen, wie Europa im Hass versinkt? Was tun, wenn keiner hingeht, aber der Krieg zu dir kommt?

Autor: Anna Diouf

Die unheilige Wirkung unreflektierter Buchtreue …

Die meinungsbildende Elite unseres Landes scheint davon auszugehen, dass gewisse unpopuläre Mantras geglaubt werden, wenn man sie nur oft genug wiederholt. „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist eines davon, und je ärger der islamistische Terror wütet, desto mehr muss man darauf bestehen.

In der Auseinandersetzung mit dem Islam fällt auf, dass die deutschen kulturellen Eliten an unheilbarer Egozentrik leiden. Während man unaufhörlich behauptet, sich für ein Miteinander stark zu machen, fehlt die Fähigkeit, die ein Zusammenleben erst möglich macht: Die Fähigkeit, von sich abzusehen und anzuerkennen, dass andere Menschen, andere Weltanschauungen und andere Religionen die Realität völlig anders betrachten und bewerten, als man selbst.

Die Struktur des Islam wird verkannt

Sehr schön äußert sich dieses Phänomen in der immer wieder vorgebrachten Forderung nach mehr Islamunterricht, wie nun wieder vom bayrischen Landesbischof Bedford-Strohm geäußert. Dass islamische Verbände dies fordern, ist einsichtig und ihr gutes Recht. Wer allerdings immer noch glaubt, mehr Islamunterricht führe zu mehr Integration, der glaubt auch daran, dass Shakespeare eigentlich ein Muslim namens Sheik Zubayr war. Aber das ist jetzt nicht das Thema.

Wer solches fordert, der geht von sich, vom Christentum, aus, und versäumt es, die völlig andere, zum Teil gegensätzliche Struktur des Islam anzuerkennen. Auf Kosten der Realität wird die eigene Disposition einem anderen übergestülpt in der Hoffnung, der andere werde zwangsläufig erkennen, dass man selbst das beste und einzige Rezept für die perfekte Welt habe – was „perfekt“ ist, bestimmen dabei natürlich wir. So schwingt sich Bedford-Strohm auch gleich zum Sprecher der islamischen Verbände auf und kann uns sagen, was für einen Islam sich diese in Deutschland wünschen.

Religionsunterricht sollte der staatlichen Ordnung inhaltlich nicht widersprechen

Das System des staatlich geregelten Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen ist für den Katholizismus oder ähnlich hierarchisch und lehramtsorientiert strukturierte Landeskirchen lutherischer oder reformierter Prägung ausgelegt, gerät in puncto Sinnhaftigkeit bereits angesichts der derzeitigen Beliebigkeit des evangelischen Bekenntnisses an seine Grenzen und ist schon bezüglich der freikirchlich organisierten evangelischen Konfessionen nicht mehr anwendbar. Denn es setzt zuerst voraus, dass es klar definierte, für alle Angehörigen der Denomination gültige Glaubenssätze gibt, die vermittelt werden können, und dass es einen klaren Ansprechpartner gibt, der für diese Inhalte verantwortlich zeichnet. Natürlich gibt es in vielen Fragen Nuancen, Kontroversen und Unstimmigkeiten, aber der kleinste gemeinsame Nenner an Glaubensinhalten, die verbindlich sind, sollte so gewichtig sein, und die Anzahl derer, die ihnen zustimmen, sollte so groß sein, dass es sich lohnt, staatlicherseits Lehrer dafür auszubilden und Stundendeputate festzusetzen. Sodann setzt es voraus, dass die Inhalte der (rechts)staatlichen Ordnung unseres Landes zumindest nicht grundsätzlich widersprechen – zum einen, weil sich nicht erschließt, wieso der Staat etwas fördern sollte, was ihm prinzipiell entgegensteht, zum anderen, weil unsere Ordnung nicht nur relativ betrachtet gelungen ist, sondern auch gewisse als universell geltende Prinzipien weitgehend umsetzt. Wäre dem nicht so, wäre unerklärlich, wieso so viele Menschen nach Europa kommen, um genau hier zu leben und von unserer Ordnung zu profitieren.

Keine dieser Voraussetzungen erfüllt der Islam. Es ist unverständlich und unerklärlich, wieso dieser einfache Sachverhalt in die Köpfe der Repräsentanten der Intelligenz nicht vordringt: Es gibt im Islam keine letzte Instanz in Glaubensfragen. Was der Protestantismus versucht, die völlige und absolute Unmittelbarkeit des Ich vor Gott, setzt der Islam vollkommen und gänzlich um. Das heißt konkret, dass, unterstützt von Gelehrten oder eben auch nicht, im Grunde jeder selbst entscheidet, welche Auslegung des Islam die richtige ist. Sie lesen richtig: Nicht, welche er für die richtige Auslegung hält, sondern, welche die richtige ist (Wenn Sie den Unterschied zwischen diesen beiden Aussagen nicht mehr verstehen können, dann sind Sie bereits mit der eingangs erwähnten Krankheit infiziert).

Toleranz ist erklärungsbedürftig

Natürlich gibt es trotzdem allen Muslimen gemeinsame Glaubensvorstellungen. Aber gerade die, die entscheidend sind in der Frage der Akzeptanz unserer Verfassung und unserer Lebensart, sind nicht derart dogmatisch, dass nicht jeder seine eigene Meinung dazu haben könnte: Ist es erlaubt, Andersgläubige umzubringen? Manch einer sagt nein, manch einer sagt ja, manch einer sagt jein, solange es Christen und Juden sind nicht, aber Apostaten auf jeden Fall. Ist es erlaubt, Homosexuelle umzubringen? Manch einer sagt nein, manch einer sagt ja, usw. Ist es erlaubt, seine Frau zu schlagen? Nun, sie kennen die islamischen Antworten auf diese Frage. Das Problem ist nun nicht, dass die einzelnen Gläubigen darauf unterschiedliche Antworten geben, das Problem ist, dass keine dieser Antworten prinzipiell höhere Autorität genießt. Sicher kann man den einen oder anderen Katholiken finden, der meint, er dürfe seine Frau schlagen – aber ihm stellt sich im Lehramt eine Autorität entgegen, die er zu akzeptieren hat; oder er nimmt eben in Kauf, dezidiert gegen seine Religion zu handeln. Aber weder der Moslem, der „nur“ Apostaten töten lassen will, noch der, der alle Andersgläubigen töten will, handelt gegen eine solche Autorität. Eher noch muss der, der Andersgläubige akzeptieren will, darlegen, wie er diese Ansicht mit dem Koran und mit den Hadithen in Einklang bringt, also, wie er als rechtgläubig durchgehen will.

Dieser Sachverhalt scheint Bedford-Strohm und seinen Mitstreitern ebenso undenkbar, wie die Tatsache, dass nicht jeder den Relativismus und die Beliebigkeit lebt und propagiert, die in Teilen der evangelischen Gemeinschaften und katholischen Amtsträgern und der Kirche grassieren. Es gibt Menschen, die stellen Gottes Wort über Menschenwort, und da ist dann lebenswichtig, was dieses Gotteswort angeblich oder tatsächlich besagt. Sich in diese Gedankenwelt hineinzuversetzen würde zu so etwas wie Verständnis führen – vielleicht weigert man sich dagegen, weil in der allgemeinen Diktion „Verständnis“ und „Befürwortung“ mittlerweile deckungsgleich gebraucht werden.

Es gibt zwar nur „einen Islam“ – aber der ist sich uneinig

Nun scheitert also der islamische Bekenntnisunterricht gleichermaßen an der Unwägbarkeit der Inhalte und an dem fehlenden einheitlichen Ansprechpartner. Wer bestimmt in Deutschland, was der „echte“ Islam ist? Schia oder Sunna oder gar Ahmadiyya? Türken oder Araber? Nehmen wir an, ein säkular geprägter sunnitischer „deutscher“ Islam würde in den Schulen gelehrt: Was würde die große Mehrheit derer, die diesen Islam nicht unterstützen, daran hindern, ihre Kinder in der eigenen Gemeinde unterweisen zu lassen? Und welche Wirkung kann dann wohl ein Unterricht haben, der Überzeugungen vermittelt, die man nicht teilt, der von Instanzen konzipiert wurde, die man nicht akzeptiert, gelehrt von weiblichen Lehrkräften, die man nicht respektiert?

Allerdings ist die Forderung nach Islamunterricht nicht die einzige unausgegorene Überlegung. Bedford-Strohms Aussagen suggerieren, für Muslime herrsche in Deutschland keine Religionsfreiheit, bzw. ihre Religionsfreiheit würde eingeschränkt. Nun ist natürlich Religionsunterricht an öffentlichen Schulen keineswegs zwingend notwendig, um Religionsfreiheit zu garantieren, und wenn dieselbe an existenzielle Rechte anderer stößt, etwa das Recht auf Leben oder Unversehrtheit, dann können wie sie ja nun auch kaum für alle Bestandteile des Islam in Anspruch nehmen. Überhaupt scheint es in der Welt des Landesbischofs Millionen integrationswilliger Muslime zu geben, die allein durch die ablehnende Haltung der Nochmehrheitsgesellschaft ausgegrenzt werden. Dass in der Realität werbende Initiativen seitens des Staates oder seitens verschiedener Stiftungen nicht durch besorgte Bürger, sondern durch die Uneinheitlichkeit oder gar die Unwilligkeit der muslimischen Partnerverbände torpediert werden, hat in dieser Gedankenwelt keinen Platz. Übrigens ist die Aussage, man solle nicht Muslime ausgrenzen, sondern die Kräfte fördern, die sich im Islam für unsere vielbeschworenen „Werte“ einsetzen, geradezu lächerlich: Zum einen gibt es im Islam keine „Kräfte“, die sich für unsere Werte einsetzen. Es gibt lediglich Menschen, also Muslime, die das tun. Und eben jene Muslime werden regelmäßig mit Rassismus- und Islamophobievorwürfen bedacht, weil ihre Strategie, das Benennen der Missstände, von der Mainstream-Elite als zu wenig weichspülkompatibel betrachtet wird. Ein interessanter Aspekt ist, dass, wenn man sich die Motive dieser Menschen anschaut, normalerweise nicht der Islam und etwa daraus resultierende positive Kräfte Motivation für das gesellschaftspolitische Engagement sind, sondern der Kontakt mit europäischen Werten oder mit der europäischen Welt und ihren (meist) säkularen Traditionen und Ideologien. Wer diese Muslime fördert, sorgt automatisch dafür, dass die anderen ausgegrenzt werden: Denn deren Ziel ist ja gerade die Vereinnahmung unserer Gesellschaft durch den Islam, und eben nicht Integration des Islam in die Gesellschaft. Anders als die Muslime lässt sich der Islam selbst nur um den Preis der eigenen Identität und Grundwerte „integrieren“. Menschen dagegen kann man davon überzeugen, sich einzubringen und, wo nötig, ihre Einstellungen zu ändern. Die Gesellschaft kann hier werben, fördern, locken, sich einsetzen, aber sie wird wenig Erfolg haben, wenn sie über den Islamunterricht versucht, die Kinder säkular-europäisch zu „indoktrinieren“.

„Islam“ bringt Unheil und Gewalt, indem Menschen sich an die Lehre halten

Ein weiterer Knackpunkt in der Fehlbewertung des Islam ist die Weigerung, die kulturbildenden Aspekte des Christentums in ihrer Fülle und in ihrer überwältigenden positiven Wirkung wahrzunehmen. Wenn „Aufklärung“ die heilige Kuh ist, ein Axiom, ein nicht hinterfragbares Gut, wenn die Frage, was sie gebracht hat, nicht historisch-wissenschaftlich, sondern rein ideologisch beantwortet wird, ungeachtet aller Tatsachen, dann wird einfach der gesamte voraufklärerische christliche Glaube als gewalttätiger Aberglaube diffamiert. Und zwar entgegen dem gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand. Wenn antikatholische Mythen über Hexenverbrennung und Kreuzzüge unbesehen geglaubt und in den Rang von Dogmen erhoben werden, dann fällt der himmelweite Unterschied zwischen Islam und Christentum natürlich nicht mehr weiter auf. Das Christentum hat immer dann Unheil und Gewalt gebracht, wenn aus Unkenntnis oder Ungehorsam gegen seine Lehre und gegen die expliziten oder impliziten Anweisungen des Lehramts gehandelt wurde. Der Islam dagegen bringt Unheil und Gewalt, indem sich die Menschen an die Anweisungen halten, die sie seinen Lehren entnehmen.

Ja, Herr Bedford-Strohm, mehr Islamunterricht. Und zwar am besten organisiert von der EKD. Dann können wir sichergehen, dass sich kein Glaubenssatz in den deutschen Islam einschleicht, der irgendwie kontrovers, anstößig oder nicht mit dem mehrheitsgesellschaftlichen Hedonismus und Materialismus kompatibel wäre. Das wäre dann tatsächlich für Sie und für den Rest der Friede-Freude-Eierkuchen-Elite eine angenehme Religion. Bloß Islam könnte man sie nicht mehr nennen: Aber daran werden sich die Muslime sicher nicht weiter stören.

Autor: Anna Diouf

„Ja ja, nein nein“

Nein heißt nein. Eine erstaunliche Erkenntnis, die jetzt sogar ins Gesetz soll. Da sage noch einer, wir seien kein Volk von Denkern mehr.
Die wichtige Sache, um die es dabei geht, ist der Sex. Eine Sache, bei deren Durchführung es allerdings weniger ums Denken an sich geht. Offensichtlich sind wir auch ein Volk von – nun ja, lassen wir das.

Der Anlass zu dieser geradezu philosophischen Herangehensweise an den Sexualtrieb, ein im wahrsten Sinne des Wortes drängendes Thema, ist das gehäufte Vorkommen von Fällen, in denen die Grenze zwischen Beischlaf und Vergewaltigung oder die zwischen Flirt und Nötigung zu verschwimmen beginnt oder massiv durchbrochen wird. Es sind schlimme Dinge, die da geschehen! Zurück bleiben Verletzungen, die es zu vermeiden gilt. Und die Gesellschaft, die sich mit Händen und Füssen dagegen wehrt, dass ihr irgendjemand ins Sexualleben hineinredet, sucht plötzlich nach gesetzlichen Regelungen. Wie soll das zusammengehen?

Pech für die Opfer

Man kann erst einmal durchaus eine Logik erkennen: ein großer Freiraum braucht eine starke Grenze, die die Freiheit schützt, indem sie die Unfreiwilligkeit aufs Schärfste sanktioniert: alles ist erlaubt, außer Zwang. Die Folge: da man, so ist es Konsens, nicht vorschreiben will, wer mit wem darf, wird eben geregelt, wer hinterher für was bestraft wird. Klingt komisch? Ist es auch, denn dies ist eine Logik, die nicht greift. Angesichts von Vergewaltigungen führt die gute deutsche Gesellschaft abstruse Diskussionen darüber, wie das verhindernde Nein denn formell auszusehen hat. Sagen? Wehren? Reicht ein Gesichtsausdruck? Oder gar ein ungutes Gefühl danach? Nur in den seltensten Fällen produzieren Gerichte etwas Sinnvolles, wenn sie nachträglich entscheiden sollen, was im Rausch der Sinne legitim war. Es ist absurd. Wie soll man in einem Rechtsstaat, in dem der Beklagte im Zweifelsfall freigesprochen wird, etwas verurteilen, für das es nur die Aussagen der Betroffenen gibt? Unser Rechtsverständnis bedeutet hier schlicht Pech für die Opfer, die keinen Beweis vorlegen können. Doch das kann es ja wohl nicht sein. Die ganze Diskussion geht offenbar am Ziel vorbei.

Vor Jahrzehnten befreite sich unsere Gesellschaft aus der sexuellen Bevormundung. Ihr Argument: man dürfe Liebe nicht verbieten. Doch diese gegenseitige Liebe ist längst nicht mehr Grundlage für Sexualität; schon bald wurde sie reduziert auf das Einverständnis der Partner zum sexuellen Vergnügen. Erlaubt war in den Augen der Gesellschaft, was beiden Spaß macht. Wozu lieben? Der/die hat doch sein/ihr Vergnügen, das reicht. Doch was macht dem Partner Spaß? Was ist erlaubt? Offenbar alles, wozu er/sie nicht nein sagt. Das ist zu wenig? Nun, genau darum scheint es aber zu gehen, denn genau das versuchen wir verzweifelt zu regeln: wie sagt man nein?

Sex ist gesetzlich nicht zu fassen

Dem Sexualtrieb, einem wilden Gaul, der ohnehin oft kaum zu reiten ist, wurden die Zügel abgenommen: zügellose Sexualität. Doch was als Befreiung empfunden wurde, ging nach hinten los. Der Gaul tritt um sich und die Gesellschaft findet sich auf seinem Rücken wieder, im Rodeo. Und so treibt die selbstbezogene Leidenschaft im Bett und anderswo ihre traurigen Blüten.

Noch diskutieren wir darüber, wie man einem ausschlagenden Gaul mit einem entschiedenen Nein gegenübertritt. Noch spricht kaum einer aus, was auf der Hand liegt: Man redet beim Sex vom Nein, aber nicht vom Ja. Die einzig richtige Regel wäre: nur ein ausdrückliches Ja darf die Grundlage sein. Doch damit tut man sich schwer: wie soll man das regeln? Mit einem kleinen Standardvertrag, in dem man vorher kurz gemeinsam die einvernehmlichen Praktiken, Techniken und Hilfsmittel ankreuzt? Mit einer Art Sex-AGB? Und wie dokumentiert man die Einhaltung der Vereinbarung?

Man kann es drehen und wenden, wie man möchte: beim Sex begibt man sich in einen Lebensbereich, der gesetzlich nicht zu fassen ist. In dem die einzige Sicherheit, die man hat, das Vertrauen den Partner/die Partnerin ist. Das Wohl des anderen muss dem eigenen Vergnügen mindestens ebenbürtig sein – eine Haltung, die zwischen Menschen, die sich lieben, selbstverständlich ist. Das Ja muss die Grundlage sein, damit es unnötig wird, ein Nein rechtlich durchzusetzen.

Zügellosigkeit hat mit Freiheit nichts zu tun

Jeder sexuelle Verstoß gegen das Wohl des Partners ist ein Vergehen, jeder gewaltsame Verstoß ein Verbrechen, sei es körperliche oder seelische Gewalt. Selbstverständlich muss es Sanktionen geben, doch in vielen Fällen wird ein Opfer nicht zu seinem Recht kommen – weder die direkten Opfer von Gewalt, noch die Opfer falscher Aussagen. Ein gesetzlicher Schutz, so wichtig er ist, wird niemals ausreichen.

Deshalb ist die Gesellschaft dringend gefragt, den Gaul wieder einzufangen: ein zügelloser Sexualtrieb, der überall und in jeder Form als auslebenswert hofiert und gepriesen wird, hat mit sexueller Freiheit so viel zu tun, wie Fressucht und Übergewicht mit gesunder Ernährung. Es ist erschütternd, dass die Gesellschaft zunehmende Nötigungen und Vergewaltigungen braucht, um anhand der verursachten Verletzungen langsam den Wert und die Tiefe der Sexualität wieder zu entdecken. Und doch ist es ein kleines Hoffnungszeichen.

Für diejenigen, die nicht warten können, bis die nötige Vertrauensbasis da ist, empfiehlt sich mittelfristig, beim One-Night-Stand für eine ausreichende Anzahl von Zeugen zu sorgen und zur Dokumentation wenigstens eine Tonaufnahme mitlaufen zu lassen. So ist man auf der rechtssicheren Seite. Alle anderen sollten überlegen, ob es vielleicht irgendwo eine Orientierung gibt, in der Sexualität, Verbindlichkeit, Liebe und Vertrauen zusammengehören und man mehr auf den Partner schaut, als auf sich selbst.

Autor: Bastian Volkamer

Denunzieren leicht gemacht – eine Handreichung

Im Moment fliegt wieder viel Aufregung und Empörung durchs Netz. Ich will das nicht abtun oder mich lustig machen – ich bemerke nur, dass ich mich seit einer Weile nur noch selten mit-empöre oder mit-aufrege. Ein wenig gibt mir das zu denken: Bin ich schon so abgeklärt, dass mich alles kalt lässt? Oder gibt es einfach derzeit zu viel Empörendes, und irgendwann fehlt halt die Kraft, sich weiter als HB-Männchen unter der Decke zu halten? Oder ist es die Weisheit des „Alters“, die zur Einsicht führt, dass nicht jede durchs Netz fegende Empörungswelle den Aufwand auch wirklich lohnt?

Heute un-empöre ich mich jedenfalls einmal über eine Broschüre mit dem Namen

„Hetze gegen Flüchtlinge in sozialen Medien – Handlungsempfehlungen“

herausgegeben von einer gewissen „Amadeu Antonio Stiftung“ unter Förderung des Bundesministeriums für Gedöns (würde jedenfalls ein ehemaliger Kanzler sagen)

Seit gestern gibt es so einige Links zu Artikeln und Blogbeiträgen, die sich damit beschäftigten. Ich habe sie nicht gelesen – mir hat einfach über Tag die Zeit dazu gefehlt, und heute Abend habe ich mir gesagt:
„Dann lies doch lieber gleich die Broschüre und schau‘, was du davon hältst.“

Das habe ich nun auch getan.

Mein erster Gedanke war – ja, sorry, hier stehe ich; ich kann nicht anders! – dass ich den Leuten gerne mal eine Reihe Kommas schenken möchte:

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Ganz offensichtlich herrscht daran dort im Schreibbüro ein gewisser Mangel.

Naja, aber nun im Ernst.

Begriffsprobleme

Ich beginne also – ganz unvoreingenommen, denn ei-gent-lich ist eine Broschüre über „rechte Hetze“ im Netz ja mal keine schlechte Idee – mit dem Lesen. Und stutze: Da wird gleich im ersten Satz das Wort „Flüchtlinge“ mit einem „*“ versehen. Ich suche die zugehörige Fußnote. Dort steht:

„*Hinweis: Der Begriff »Flüchtlinge« ist umstritten und aus verschiedenen Gründen problematisch. Wir haben uns aus Zugänglichkeitsgründen für diese Broschüre dennoch dazu entschieden, den Begriff zu verwenden.“

Der Begriff Flüchtling ist „umstritten“? Seit wann denn das? Ist das jetzt schon „rechts“? Oder politisch unkorrekt? Wieso? Ein Mensch, der aus seiner Heimat fliehen muss, ist doch ein Flüchtling. Was soll das? In meiner Familie gab es vor über 70 Jahren auch Flüchtlinge. Darf ich die jetzt auch nicht mehr so nennen? Fängt ja gut an.

Schlechter Start – aber bitte objektiv bleiben. Überlesen wir mal die politisch korrekten „Benutzer_innen“ und machen weiter.

Einleitend

…wird mir erklärt, dass die Broschüre sich mit rechter Hetze im Netz beschäftigt: „rassistische und flüchtlingsfeindliche Aussagen und Kommentare“, und wie man mit ihnen umgeht.

Das ist per se nicht schlecht, auch wenn man sich fragen mag, ob es dazu wirklich eine Anleitungsbroschüre braucht.  Brauche ich – braucht irgendjemand – wirklich die Anleitung, dass und wie man Nazisymbole und -parolen, oder bösartige Flüchtlingsrhetorik, beim jeweiligen Netzwerk melden und schlimmstenfalls zur Anzeige bringen kann?

Naja, sei’s drum.

Hetze erkennen

Ja, wie – echt jetzt? Ihr wollt mir beibringen, wie ich rassistische und/oder fremdenfeindliche Hetze erkenne? Also, ich meine, nicht nur mir, sondern der ganzen Netz-Gemeinde? Also, sozusagen uns Dummerchen, die es ohne euch gar nicht bemerken, wenn sie in eine Horde Nazis geraten sind?

So ganz will mir das gerade nicht gefallen. Wieso eigentlich? Hm… ich glaube, weil ich mir/uns durchaus ein gesundes Grundempfinden zutraue, was den Begriff „Hetze“ angeht. Wenn „man“ stattdessen meint, mir durch Aufzählungen erklären zu müssen, was ich bitteschön alles darunter einzustufen und anzuzeigen habe, dann fühle ich mich… manipuliert.

Die aufgezeigten „Erkennungsmerkmale“ rassistischer Hetze beginnen mit dem Punkt

„Gegenüberstellung »Wir« und »Die«“

Weiter ausgeführt wird dieser Punkt nicht.

„Wir“ Nicht-Flüchtlinge vs. „Die“ Flüchtlinge?

Ehrlich jetzt? Das reicht schon, um unter rassistische Hetze zu fallen?

„Ach.“, sagt Loriot. Und wir belassen es dabei.

Um das klarzustellen: Ich behaupte nicht, die gesamte Auflistung sei eine Albernheit. Aber ich behaupte: Um jene Punkte, die tatschlich klar unter „Hetze“ gegen wen auch immer fallen, als solche einzustufen, hätte ich keiner Broschüre bedurft.

Weiße, alte Männer

Schön finde ich es ja, nebenbei bemerkt, dass wir auch bei den Alltags-Rassist_innen bei der hübsch politisch-korrekten Schreibweise bleiben. Um es mal altmodisch auszudrücken: *rofl*

Ein Grinsen wird mir durch die Fortsetzung entlockt:

„Es sind laut unserer qualitativen Beobachtung Menschen aller Alters- und Bildungsschichten, beiderlei Geschlechts, auch mit Migrationshintergrund – mit einer leichten Verstärkung bei weißen, älteren Männern.“

Jawohl, grinsen. Und nun haltet mal hübsch die Luft an, alle eventuell hier mitlesenden Blockwarte, denn:

„qualitative Beobachtung“ steht da – ja, wie sah die denn aus? Das wird nirgends erklärt. War es eine offizielle Studie? In welchem Umfeld? Über welchen Zeitraum? Wie viele Beobachter haben denn beobachtet? Und worauf lag ihr Augenmerk? Und auf wem?

„Beobachtung“ mag ja stimmen, aber ob sie auch Qualität hatte, mag ich bezweifeln, denn warum sonst ließe man sie ohne jede Hintergrundinfo?

Und was sagt uns die „Beobachtung“ denn nun wirklich? Sie sagt: ALLE sind Rassisten, bzw. können Rassisten sein. Menschen jeden Alters, jeder Bildungsschicht, jeden Geschlechts, sogar jene, die selber Migrationshintergrund haben, können Rassisten sein. Nur bei den weißen, alten Männern, darunter gibt es noch ein paar Rassisten mehr (Ob das eine im Original US-amerikanische Studie war? Denn den KKK habe ich hier in Deutschland noch nicht reiten sehen.).

Fazit: Wir alle sind verdächtig.

Melden – Anzeigen – Blockieren

Anschließend wird explizit erklärt, wie man mit rassistischer Hetze im Netz umgeht.

Melden – beim sozialen Netzwerk. Gut. Wären wir aber auch selber drauf gekommen.

Strafanzeige stellen – es wird sogar ein Textvorschlag für die Anzeige gegeben.

Dabei wird der anzuzeigende Hetz-Text durch den Platzhalter »Laber Rhabarber, Laber Rhabarber« ersetzt – „Die machen Satire und merken es nicht mal“, denke ich beim Lesen.

Hetzer blockieren – sie also für sich selbst unsichtbar machen.

Äh, ja, genau – prima Idee. Hilft ungefähr so viel wie die Augen zukneifen, kurz bevor mir der Baum auf den Kopf fällt.

Strategien

Ei-gent-lich ja nicht schlecht: Der Rat, Hetze entgegenzutreten, durch Widerspruch und gute Argumente. Es kann nicht schlecht sein, in einer derartigen Broschüre einmal einige gute Fakten zu benennen (oder zu verlinken), die man (echter) rechter Hetze entgegenhalten kann, oder Gesprächstatktiken aufzuzeigen, wie man ihr begegnen kann (so sie sich denn nicht – wie bei linker Hetze inzwischen ja auch üblich – nur noch auf Niederschreien und -prügeln beschränkt).

Gut oder schlecht?

Könnte man also zusammenfassend sagen: Gute Idee – mittelmäßig durchgesetzt?

Nein, kann man nicht.

Warum?

Weil mein Bauchgrummeln leider jedes Lob über diese Broschüre übertönt.

Ich hatte es oben schon einmal geschrieben, und ich sage es hier noch mal: Ich fühle mich manipuliert.

Manipuliert in einer Weise, die mich zum Dauerdenunzianten machen soll.

Manipuliert, hinter jeder Wortwahl erst einmal den „Rechten“, den „Rechtspopulisten“, den „AfD-Anhänger“, den „Hetzer“, den „Dunkelkatholiken“, den „Ausländerhasser“ etc. zu suchen.

Manipuliert, mich selbst zu zensieren, aus Angst, in die „falsche Ecke“ gestellt zu werden, selbst wenn ich eine unwiderlegbare Tatsache ausspreche.

Der Ausdruck „Flüchtling“ hat bereits einen falschen Unterton, jedenfalls in den Ohren der Blockwarte. Jemand, der „Flüchtling“ schreibt, könnte dies mit abfälliger Betonung tun.

Die Benutzung des Wortes „Wirtschaftsflüchtling“ ist dagegen als klar rassistisch und „rechts“ einzustufen. Weil es eben eine Lüge ist, dass manche Menschen nicht vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland fliehen, sondern aus wirtschaftlicher Not.

Nein, halt, stopp: Natürlich ist das keine Lüge – man darf es nur einfach nicht sagen. Das ist ein Unterschied.

Ein Mythos ist dementsprechend auch das Bild des „übergriffigen Fremden“. Gemeint sind jene Flüchtlinge/Asylbewerber, die beim Anblick junger Frauen ihre Finger nicht bei sich behalten können. Die gibt es gar nicht. Das muss den Frauen aus der Kölner Silversternacht mal jemand sagen – ich wette, die wissen das noch gar nicht.

Die Broschüre arbeitet nach dem Prinzip

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“

Das ist heutzutage zum Gesamtprogramm geworden, und wer nicht mitmacht, der darf sich warm anziehen.

Sind das denn nun wirklich alles „Rechte“, „Nazis“, „AfDler“ etc., die von Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen reden, die Worte wie „Wir“ und „Die“ benutzen, oder die Übergriffe auf Frauen anprangern?

Ich kann nur für mich selbst sprechen:

Ein Flüchtling ist ein aus seiner Heimat geflohener Mensch. Punkt. Oder auch: Isso. An dem Wort ist nichts schlechtes oder verletzendes.

Ein Flüchtling, der nicht vor Krieg und Verfolgung geflohen und zu uns gekommen ist, sondern der aus wirtschaftlicher Not sein Land verlassen hat, auch, um sich ein besseres Leben (oder überhaupt ein Leben) aufzubauen, ist ein Wirtschaftsflüchtling.  Auch an diesem Ausdruck ist nichts abfälliges: Es ist eine Unterscheidung, und damit ein Fakt. Punkt.

Und es gibt Flüchtlinge bzw. Asylbewerber, die zu uns fliehen, aber nicht bereit sind, sich an unsere Gesetze zu halten. Sie machen nur einen kleinen Teil aller Flüchtlinge aus, aber es gibt sie. Das ist ein Fakt, der ausgesprochen werden darf, der aber eben nicht meint „ALLE Flüchtlinge sind…“.

Bin ich damit „rechts“? Wer mich kennt, weiß es besser.

Hasse ich Flüchtlinge? Auch hier: Wer mich kennt, weiß es besser.

Wenn es etwas gibt, das ich tatsächlich hasse, dann sind es die in ihre eigene Rechtschaffenheit verliebten Gedankenpolizisten, die jeden Mitmenschen erst einmal unter Generalverdacht stellen, bis ein jeder von uns sich aus einer falsch verstandenen Korrektheit in innerer Selbstzensur langsam zerfleischt und im moralinsauren Einheitsbrei auflöst.

Beängstigend.

Autor: Heike Sander

Die EU ist tot. Es lebe Europa!

Die EU ist tot, es lebe Europa, möchte man angesichts des von den Briten angestrebten EU-Austritts rufen. Vielleicht geht es auch einige Stufen weniger dramatisch, und vielleicht kann man auch einfach erst einmal abwarten, was die Zukunft bringt.

Ganz gleich aber, was konkrete politische oder wirtschaftliche Folgen sein werden, eines ist klar: Die Bürger eines wichtigen EU-Mitgliedsstaates haben deutlich gezeigt, dass sie sich gegen die EU entscheiden können und dürfen, dass es in ihrer Macht steht, dass sie souverän sind. Und damit steht „die EU“, d.h. der bürokratische Apparat, vor der Herausforderung, sich doch einmal wieder mit der eigenen Bevölkerung, und – man glaubt es kaum – mit deren Willen zu beschäftigen.

Das Selbstverständnis der EU ist massiv in Frage gestellt

Zwar wird gerne behauptet, es handle sich bei EU-Gegnern vor allem um die Ängstlichen, aber man sollte mit derlei Behauptungen vorsichtig sein: Ist es nicht auch Angst vor den Folgen, die Menschen trotz der Missstände an der EU festhalten lassen, ja, einen Austritt als undenkbar hinstellen will? Dies ist lediglich eine Frage der Interpretation. Insofern wär es sicher sinnvoller, in beiden Lagern gleichermaßen Angst und Mut, Resignation und Aufbruchsstimmung zu verorten.

Wir sollten uns fragen, ob der Brexit abgesehen von den politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen nicht auch das mittlerweile völlig materialistische Selbstverständnis der EU nachhaltig in Frage stellt.

Linke berauben die EU ihrer Faszination

Wenn ich an etwas glaube, dann kämpfe ich dafür; wenn ich etwas liebe, dann stehe ich dazu, auch in harten Zeiten. Die EU aber stellt sich nicht mehr als etwas dar, das man lieben könnte. Es reicht den Menschen nicht, in Sicherheit und relativem Wohlstand zu leben. Es ist mehr nötig als eine Befriedigung äußerer Bedürfnisse: Wir brauchen Identifikation. Die Europäische Zusammenarbeit sollte über die Wirtschaft funktionieren, aber sie sollte auch eine identitätsstiftende Wirkung entfalten: Über den Gedanken, als Europäer vereint zu sein, sollte ein Wir-Gefühl erzeugt werden, das wiederum die Grundlage eines stabilen Friedens bilden würde. Ironischerweise wurde der europäische Gedanke vorrangig von der politischen Linken seiner integrativen und identitätsstiftenden Kraft beraubt, und zwar vor allem durch ein unvermeidliches Missverständnis: Während man als Wurzel des modernen Europa neben der Antiken Geisteswelt insbesondere das Christentum ansehen kann, das diese Geisteswelt angenommen, modifiziert und überliefert hat, sind die gemeinsamen Werte lediglich ein Ergebnis, eine „Frucht“ dieses Glaubens.

Als man begann, das Christentum für obsolet zu halten, deklarierte man kurzerhand die Werte zum Fundament um und ging davon aus, man könne den Baum auch ohne Wurzeln am Leben erhalten. Ohne diese aber stirbt er ab und bringt eben keine Frucht mehr. Genau das erleben wir nicht erst seit heute in der EU: Der Wertekanon ist bis zur Unkenntlichkeit diffus und beliebig und erweist sich im besten Falle als naiv, im schlimmsten Falle schlicht als heuchlerisch angesichts einer verlogenen Außenpolitik und angesichts der himmelschreienden Dekadenz in Bezug auf die drängenden ethischen Fragen der Zeit. Dennoch wird eben dieser Wertekanon weiterhin beschworen, selbst noch angesichts der lecken Boote der Schlepper, die das Mittelmeer zum Massengrab machen; denn was bliebe einer säkularisierten, materialistischen Gesellschaft anderes übrig?

Die Angst vor den Nachahmern eines *EXIT

Hier herrscht eine folgenschwere Blindheit, die nicht mehr in der Lage ist, zu erkennen, dass die Substanz vernichtet worden ist, zugunsten einer Hülle, die man kaum noch als Feigenblatt bezeichnen kann. Es ist nur folgerichtig, dass die ungläubigen Stimmen vor allem aus dem linken Lager kommen: Zwischen Europäischer Union und Europa kann hier nicht differenziert werden. „Europa“ enthält lauter Konzepte, die die Linke ablehnt, beginnend bei christlichem Menschenbild und Naturrecht, über Nationalgefühl und Patriotismus bis hin zu vielfältigen Gesellschaftsordnungen, die dem Ideal der Egalité zum Teil völlig entgegengesetzt sind. Der alte europäische Gedanke (man könnte auch „Abendland“ sagen, wenn man sich traut) wurde daher durch die EU ersetzt; und diese wurde mit einem romantischen Weltbürgertum und mit „Werten“ assoziiert, die der Linken am Herzen liegen. So ist es nicht verwunderlich, dass, da es für diese Denkrichtung kein Europa außerhalb der EU geben kann, man die Briten ins Nichts entschwinden sieht. Und es beschleicht wohl manchen die Angst, andere könnten folgen: Womöglich fahren noch andere über den durchschnittlichen Horizont eines links-grünen Fantasten und fallen von der EU-Erdscheibe herunter ins Nirgendwo. Das Entsetzen weiter Teile des linken Lagers angesichts eines solch schicksalsverachtenden Pioniergeistes ist verständlich.

Es zeigt sich aber, dass Genderideologie, Ökowahn, political correctness und die vorgebliche Einebnung von Unterschieden keinesfalls ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl generieren können und den ideellen Hunger nicht stillen. Ohne inneren, tragfähigen Zusammenhalt aber können auch äußere Krisen nicht gemeistert werden. Nun können wir eine jahrzehntelange Entwicklung entgegen der ursprünglichen Grundausrichtung der Europäischen Union nicht einfach rückgängig machen. Es stellt sich daher die Frage, ob es denn die EU ist, die so unabdingbar, so unvermeidlich, so wesentlich für das Wohlergehen der europäischen Völker und der Welt ist. Wenn die Werte, die Ideen und die Wurzeln, die die EU begründet haben, inhaltlich nicht mehr vorhanden sind, wieso sollen wir sie innerhalb des Systems suchen? Es ist sicher lohnend, die Reform eines solch großartigen, ehrgeizigen und einzigartigen Projekts zu versuchen, aber kann man es als alternativlos darstellen? Nun, man hat es versucht, die Briten haben sich nicht davon überzeugen lassen.

Europa bleibt – auch wenn die EU vergeht

Großbritannien kann aus der Europäischen Union austreten, aber nicht aus Europa. Europa ist und bleibt mehr als ein Wirtschaftsraum, mehr, viel mehr als eine „Wertegemeinschaft“. Die EU kann, unter großer Anstrengung und unter gemeinsamem Engagement, die Inhalte wiederbeleben, die sie groß und unverzichtbar gemacht haben, und jeder von uns ist gefragt, an dieser Aufgabe mitzuwirken. Aber wir können und sollen uns nicht darauf verlassen, dass die, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, diese Aufgabe überhaupt begriffen haben. Darum sollte man sich zurückbesinnen, nicht auf die Union, einen Zusammenschluss, der zusammenkommen und sich auflösen kann, sondern auf Europa, einen einzigartigen Kulturraum, der über Konflikte, Kriege und Selbstzerfleischung hinweg unauflösbar verbunden ist: Ein Zusammenschluss, der sich über Jahrhunderte als solcher entwickelt und erwiesen hat, einer, der sicher nicht so handfest und fassbar ist wie ein gemeinsamer Wirtschaftsraum und fehlende Grenzkontrollen, der aber deshalb nicht weniger konkret und nicht weniger wirklich ist.

Im Augenblick erscheint die EU wie ein Musterbeispiel eines stürzenden Giganten. Von drei Säulen sind zwei als nicht mehr tragfähig entlarvt: Die wirtschaftliche Zusammenarbeit erwies sich mit der Finanzkrise, die politische mit der Ukrainekrise als Farce. Es kommt sicher nicht von ungefähr, dass ausgerechnet jetzt mit dem Islamismus und dem politischen Islam die Ideologie droht, die seit über einem Jahrtausend immer wieder der Prüfstein für die dritte Säule, die ideelle Grundlage und das europäische Selbstverständnis, war. Wenn diese Säule ebenfalls stürzt, dann kann nur eine Rückkehr zum ursprünglichen, wahren europäischen Gedanken die Stabilität bieten, die ein krisengeschütteltes und terrorgebeuteltes Europa braucht. Dann geht es um mehr als Stabilität, Wirtschaftskraft oder einheitliche Strukturen. Dann geht es ums Ganze.

Autor: Anna Diouf

Statistik und ihre Tücken

Ablehnung tut weh. Eine übliche Bewältigungsstrategie ist es, den der uns abgewiesen hat, nachträglich zu diskreditieren – die Arbeitsstelle war gar nicht so erstrebenswert, dieses oder jenes, das man haben wollte, ist überhaupt nicht so wichtig wie zuerst gedacht, und der Mensch, mit dem man anbandeln wollte ist gar nicht so schön und begehrenswert, wenn man es recht bedenkt. Diese Methode zur Aufarbeitung von Ablehnung scheinen nun EU-Bürger gegenüber Großbritannien anzuwenden. Offenbar sind die Briten so unintelligent, dass es uns nicht weiter stören muss, wenn sie sich in ihrer Dummheit aus unserem gemeinsamen Erfolgsprojekt verabschieden. Mit Eifer haben sich Medien landauf landab die Schlagzeile der Washington Post zu eigen gemacht, die aufgrund eines Google-Tweets mit der Meldung auftrumpfte, die Briten hätten nach dem Brexit schlagartig angefangen, zu googeln, was die EU überhaupt sei. Was als Schlagzeile begann lässt sich wunderbar via Memes verbreiten und so kann man sich auf seinem Social-Media-Account vor Anspielungen auf die unwissenden Briten kaum retten, so man das zweifelhafte Privileg hat, einen linksdominierten Freundeskreis zu haben. Mehr Arroganz geht nicht.

Die Behauptung ist selbstverständlich unwahr. Obwohl die Frage „Was passiert, wenn wir die EU verlassen“ tatsächlich nach dem Brexit häufiger angefragt wurde, sind die absoluten Zahlen diesbezüglich schlicht unbedeutend, weil verschwindend gering. Die gigantisch klingenden „250%“ Anstieg laut Google ergeben in absoluten Zahlen nicht einmal 1000 Anfragen. Ganz abgesehen davon, dass es, selbst wenn man sich vor dem Referendum informiert hat, wohl nachvollziehbar ist, wenn man nach der Bekanntgabe des Ergebnisses online auf die Suche nach Äußerungen dazu geht.
Wie man es dreht und wendet, man kann den Briten nicht unterstellen, sie hätten sich keine Gedanken gemacht, nur, weil das Ergebnis, zu dem sie gekommen sind, nicht das ist, zu dem der durchschnittliche von German Angst geplagte Deutsche gekommen wäre. Ganz unabhängig davon, ob der Brexit die richtige Entscheidung war (was man seriöserweise schlicht und einfach nicht weiß), er ist eine mutige Entscheidung. Es ist es zweifelhaft, ob Deutsche überhaupt noch das Rückgrat hätten, gegen massive Einflussnahme der Wirtschaft und gegen das Votum ihrer Führer*innengestalten eine eigene Meinung zu vertreten, die von dem abweicht, was von oben vorgegeben wird. Zwar werden die Stammtischgespräche beim Hefeweizen nicht weniger EU-kritisch ausfallen, als die beim Ale, aber ob man hier den Mumm dazu hätte, wider Mutti Merkel einfach mal einen anderen Weg auszuprobieren, wenn mehr vom bekannten Rezept keine Lösungen verspricht, scheint unwahrscheinlich. Da ist es tröstlich, statt der eigenen phlegmatischen Feigheit und Resignation die angebliche Dummheit des anderen zu verspotten.

Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen

Der billige Versuch, das Selbstbestimmungsrecht und die demokratische Verfasstheit Großbritanniens ins Lächerliche zu ziehen, spricht Bände über den Zustand der Demokratie in Rest-Europa. Ebenso deutlich sprechen die düsteren Untergangsfantasien, die man am Horizont heraufdräuen sieht, bevor es genauere Informationen zum Ablauf des Ausstiegs gibt und lange bevor man belastbare Aussagen zu Wohl und Wehe des Landes machen kann. Natürlich wird das Pfund ins Bodenlose fallen, und weil es eine Wirtschaftskrise war, in der das Land steckte, bevor es in die EU eintrat, wird es natürlich zwangsläufig wieder in eine Wirtschaftkrise zurückfallen – die Sternstunde der Logik, nicht wahr? Ausländer werden um ihr Leben fürchten müssen, Europa wird Großbritannien wirtschaftlich abstrafen (davor hat das die Begründerin des Commonwealth und das Mutterland der unangefochtenen Welt- und Wirtschaftssprache Nr. 1 sicherlich entsetzliche Angst…), usw. Meine Damen und Herren, schauen Sie sich die Schweiz an. Dort gibt es nur Kühe, Ovomaltine und Berge (und Schwarzgeldkonten), und trotzdem geht es den Menschen prächtig. Aber nein. Ein erfolgreiches Groß- oder Kleinbritannien würde zu Verunsicherung führen, weshalb wir die negativen Folgen auch nicht primär den Briten, sondern den Kontinentaleuropäern möglichst plastisch deutlich machen, damit sie sich nicht etwa animiert fühlen von soviel Souveränität und Initiative.

Die Diskreditierung der Entscheidung der Briten findet also auf allen Ebenen statt. Die unrühmlichste weil dämlichste ließ sich ebenfalls vor allem im Netz beobachten, allerdings konnte man auch ihre Demaskierung genüsslich mitverfolgen: Um auch dem letzten EU-Kritiker deutlich zu machen, wohin der Weg führt, nämlich ganz gleich ob in die Glückseligkeit oder ins Verderben, keinesfalls raus aus der EU, wurde kolportiert, der Brexit sei gegen die Stimmen der Jungen durchgesetzt worden. Das Motto: Die verbitterten, ewiggestrigen Alten haben der Jugend die Zukunft verbaut. Die zweifache Hybris dieser Aussage lässt einen dann doch sprachlos zurück: Zum einen ghören wirklich Chuzpe und ein gehöriges Maß an Realitätsverweigerung dazu, wenn man behaupten will, die Zukunft liege zwangsläufig und einzig in der EU. Das kommt auf sehr viel mehr Faktoren an als auf eine rückwärtsgewandte EU-Romantik, die aus 70 Jahren Frieden einen alleinigen Verdienst der EU macht, während es rings um sie herum knallt, und zwar durchaus nicht zu knapp mit Hilfe von Waffen, die Mitgliedstaaten dieser EU an die Kombattanten liefern. Der zweite Punkt ist nicht nur größenwahnsinnig, sondern auch unanständig, undankbar und idiotisch: Seit wann ist die Entscheidung der Alten zwangsläufig schlecht? Kann es nicht zumindest theoretisch sein, dass sich bei Entscheidungen, die Weitblick erfordern, am Ende die Perspektive des Alters und der Erfahrung als hilfreich und rettend erweist? Was macht die Generationen derer, die keinen Krieg und keine Nachkriegszeit erlebt haben, die keine verwüsteten Städte aufgebaut oder ihren Müttern dabei zugeschaut haben, so verdammt sicher, dass sie es besser wissen? Allein schon diese Selbstgewissheit lässt einen davor schaudern, dass diese Generation politische Verantwortung übernehmen soll.

Unlautere Manipulationen

Abgesehen davon erwies sich die „Anschuldigung“ spätestens dann als hanebüchen, als sich herausstellte, dass die Wahlbeteiligung der Jungen signifikant unter der der älteren Briten lag. Im Klartext: Die angeblich in ihrem Glück (EU-Mitgliedschaft) von sozialneidischen Grannies blockierte Generation hat sich für das Referendum schlicht nicht genügend interessiert, um überhaupt zu den Wahlurnen zu gehen.

Dies ist der klassische Fall von „Glaube nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“. Zahlen allein reichen nicht, man sollte sie auch zu deuten wissen. All diese unlauteren Manipulationen sind letztlich der hilflose Versuch, sich die Welt so zu bauen, wie sie einem gefällt. Am Ende zählt die Realität. So ungewohnt und ungeheuerlich es klingt, irgendwann werden die konkreten Zahlen zu wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung tatsächlich vorliegen. Wobei selbst diese Zahlen die Realität nur unvollkommen wiedergeben werden. Keiner der medialen Versuche, Großbritanniens Entscheidung als falsch zu geißeln, kann derzeit seriös sein. Man sollte jetzt erst einmal akzeptieren, dass die Briten sich auf einem anderen Weg wissen wollen, als ihn die EU unter Juncker und Merkel beschritten hat. Das ist ihr gutes Recht. Wer hier Häme zeigt oder meint, die Briten für dumm erklären zu müssen, um mit diesem Verlust klarzukommen, der offenbart lediglich einen europäischen Minderwertigkeitskomplex, der nicht gerade für die Resilienz und die Zukunftsfähigkeit der Europäischen Union spricht.

Autor: Anna Diouf

Der Brexit ist beschlossen. Was passiert nun?

Hofreiter fordert im Fernsehen mehr Demokratie und mehr Geld für Krisenländer. Beatrix von Storch hat „vor Freude geweint“. Merkel muss weg oder endlich richtig ran, die Linken fordern mehr links, die Konservativen mehr Konservativismus – eben jeder mehr von dem, was er immer schon wollte. Jetzt erst recht.
So bleiben alle in ihren Strukturen kleben. Jeder sieht sich bestätigt. Jeder sagt, Europa müsse zusammenrücken, und meint damit, die anderen müssten näher zu ihm rücken. Niemand hat den Schuss gehört, denn jeder ist überzeugt, dass nur die anderen ihn hören mussten.

Was jetzt passiert

Jetzt gehen sie also raus, die Briten. Ab sofort läuft ein großer Teil der Abstimmungen ohne sie. Was wird passieren? Keiner weiß es, doch eines fällt auf: Dass nämlich nahezu ausschließlich vom Geld und von der Wirtschaft die Rede ist, wenn über die Folgen gesprochen wird. Das Geld steht an erster Stelle. Und weil Europa von seiner Einheit lebt, Deutschland allen voran, wird man es den Briten richtig schwer machen. Man wird dafür sorgen, dass sie es spüren bis an den Rand des Tragbaren, und dass sie es schnell spüren, denn was sollte besseren Schutz vor weiteren Abspaltungen bieten, als diese eine, wenn sie wirtschaftlich misslingt?
Die Loslösung Englands vom restlichen Europa wird tiefer, als man jetzt glaubt. England kann dabei viel größere Probleme bekommen, als geplant, bis hin zu Spaltungstendenzen.
Wirtschaftlich dürfte das daneben gehen, sozial dürfte es ebenfalls sehr schwer werden für das Vereinigte Königreich. Es wird vielen Menschen dort materiell schlechter gehen. Also ein Fehlschuss?

Ein Fehler?

Ein klarer Fehlschuss, ja, wenn man das als Maßstab nimmt. Doch ist das der Maßstab? Es ist eines der größten Probleme Europas: dass die Vision eines friedlichen und geeinten Kontinents durch die Vision eines reichen Kontinents ersetzt wurde und die Vision von Menschlichkeit durch die Vision von Bürgerlichkeit. Die Aufbauphase eines zerstörten Europas ist im Suchen nach Wohlstand versickert. Übrig bleibt eine trübe Pfütze von „Gib mir genug Geld und ansonsten meine Ruhe“.
Europa ist im politischen Kleinkrieg nicht mehr visionsfähig. Ohne gemeinsame Vision brechen Nationalismen auf. Nicht, weil plötzlich alle braun denken, sondern weil sie schwarzsehen. Europa ist ein steiniger Weg. Wozu sollte man ihn gehen, wenn man kein Ziel hat? Ohne Licht am Ende des Tunnels in Form eines gemeinsamen Ziels jenseits des Wohlstands bleiben nur die Stolpersteine. Doch wozu ständig stolpern, wenn es nichts bringt? Den Krieg hat kaum einer noch erlebt, der Frieden als Vision hat nahezu ausgedient. Egal, wohin man schaut: jeder, der den Frieden beschwört, fordert zugleich harte Worte, klare Kanten, will etliches endlich einmal sagen dürfen und andere Tendenzen sanktionieren. Frieden nach den eigenen Vorstellungen. Und so bleibt als Vision nur die, Europa zu verlassen. Diese Vision trug in Großbritannien den Sieg davon.

Oder die Rettung?

Es wird sich zeigen, ob der Preis, den Britannien wird zahlen müssen, lohnt. Doch wenn Europa weiterhin agiert, wie es agiert, wenn es sich weiterhin weigert, die Herausforderungen der Zeit als Vision anzunehmen und kämpferisch anzugehen, wenn Europa sich weiterhin zersplittert, weil jeder besser weiß, wie man mit Geld umgeht, dann war es für die Briten vielleicht der unbequeme Entschluss, ins Rettungsboot zu springen. Dort ist es eng und unbequem und man hat wenig Vorräte. Aber man entkommt dem sinkenden Schiff.

Autor: Bastian Volkamer

Lasst es bitte Fußball bleiben

Ein wahrscheinlich fruchtloser Appell. Jeder, der gemeint haben sollte, die Menschheit habe sich innerhalb der vergangenen Jahrhunderte irgendwie weiterentwickelt, wird hier eines besseren belehrt: Ehre, Wohlfahrt und Wohlergehen eines Landes hängen an Mannschaften, die alles geben, damit ihre Landsleute stolz sein und neues Selbstbewusstsein aus einem Sieg generieren können.

Nun mag das im Falle sehr armer und gebeutelter Länder nachvollziehbar sein. Wenn man einem tristen Alltag die Stirn bieten muss, dann ist es ein Lichtblick, sich 90 Minuten lang wie ein Held fühlen zu dürfen. Allerdings haben sehr arme und gebeutelte Länder im modernen Fußballbetrieb ohnehin kaum Chancen. Auch im Falle historisch rückfälliger Nationen scheint es logisch, geradezu stilsicher, ein Fußballspiel zum Anlass politischer Statements zu nehmen und anschließend prügelnd und randalierend durch die Straßen der gastgebenden Stadt zu ziehen (oder andersherum). Nicht schön, aber was sollte man anderes erwarten.

Dümmliche Kommentare im Internet

Für einen nationalgefühlbefreiten Durchschnittsdeutschen sollte derart hinterwäldlerisches Gehabe und Getue allerdings kein Thema sein, oder? Wir lieben den Sport um des Sports willen, und müssen ihm keine politische oder gar transzendente Bedeutung zumessen! Traumsequenz Ende, back to reality:

Nach dem ersten Spiel der Nationalmannschaft im Rahmen dieser Europameisterschaft quollen die sozialen Netzwerke über vor nicht besonders intelligenten, man könnte auch sagen „ziemlich dümmlichen“ Kommentaren: „Mustafi 1: AfD 0“ war da zu lesen, oder auch, dass ja nun die Armutseinwanderung nachweislich rehabilitiert und jede Opposition dagegen delegitimiert sei. Um nur zwei der schöneren Beispiele zu nennen. Zahllos waren pseudopointierte Aussagen, deren grobe Stoßrichtung durchgehend war, dass in irgendeiner Weise dieses erste Spiel der AfD geschadet und sie Lügen getsraft habe. Warum und wieso, das bleibt im Nebel der ideologischen Verblendung der Verfasser solcher Aussagen verborgen.

Dümmliche Formulierungen in den Medien

Auch in den Fernsehkommentaren nahm die Herkunft der jeweiligen Spieler einen unnötig großen Raum ein. Vielleicht macht es ja auch Spaß, sich Wendungen zu überlegen, die nach allen Seiten hin abgesichert sind und dann doch irgendwie nicht inflationär klingen, wie etwa die schon poetisch anmutende Benennung Mustafis als „Sohn albanischer Eltern“. Werden wir nun in jedem Spiel ausufernd darüber informiert, welcher Herkunft der jeweilige Akteur anteilig ist? Wo setzen wir den Nichtariernachweis zeitlich an? Beim Einfall der Hunnen oder doch lieber schon vor der Varusschlacht? Je früher wir mit der ethnischen Einordnung beginnen, desto multikultureller können wir unsere Mannschaft positionieren!

Nebenbei bemerkt: Ich bezweifle, dass die Trademark „Die Mannschaft“ in erster Linie politisch gemeint ist. Viel plausibler ist, dass man eben aus Marketinggründen einen prägnanten, griffigen Namen brauchte, wie es sie auch für andere Nationalmannschaften gibt. Wenn man allerdings der Streichung des Wortes „national“ eine tiefere Bedeutung beimessen will, dann sollte doch auffallen, dass, während alle anderen ganz bescheiden einfach nur ihr Land vertreten, die Deutschen mal wieder alles an sich reißen: Sie stehen nicht für ihr Land, sondern für „die Mannschaft“ an sich, für den Fußball schlechthin. Sollten also die Deutschen tatsächlich an einem national bedingten Größenwahn leiden, dann würde es hier evident.

Dümmliche historische Einordnungen

Das zweite Spiel erwies sich in seiner medialen Verarbeitung nur deshalb als weniger dramatisch, weil kein Tor fiel, man also keinem Menschen mit Migrationshintergrund irgendwie einen Anteil an deutscher Glorie zumessen konnte (aber man konnte natürlich wenigstens Lewandowski über den Klee loben). Allerdings wurde man von politisch Sensiblen natürlich auf die angebliche Brisanz eines Matches zwischen Polen und Deutschland hingewiesen, und zwar keineswegs nur scherzhaft, was natürlich auch vorkommt und unvermeidlich ist, sondern auch ganz und gar ernstgemeint. Vielleicht sollte man den Autoren solcher Posts ein Update bezüglich der historischen Entwicklung empfehlen.

Deutschland meint, in allen möglichen Weltrettungsangelegenheiten mit gutem Vorbild vorangehen zu müssen. Tut es in diesem Fall: Rettet den Fußball vor ideologischen Höhenflügen. Kicken ist etwas Wunderbares, aber es wird nicht den ersehnten Weltfrieden bringen. Zumal man angesichts des korrupten Apparats, der den internationalen Fußball organisiert, nur von Heuchelei oder grenzenloser Naivität sprechen kann.

Unheilbarer Chauvinismus bei linken Weltverbesserern

Ironischerweise ist das Ergebnis der herkunftsgesteuerten Lobhudelei ohnehin das Gegenteil des Erstrebten: Wenn ich da draußen auf dem Platz meine Mannschaft sehen will, eine starke Gruppe, die zu Identifikation einladen soll, dann ist es nicht hilfreich, alle naselang darauf hinzuweisen, dass die zugehörigen Personen ja gar nicht wirklich und komplett zugehörig seien. Anstatt die deutsche Mannschaft und Deutschland spielen zu sehen, sieht der Zuschauer den Türken, den Albaner, den Polen. So funktionieren Identifikation und Zusammengehörigkeitsgefühl nicht. Und nicht jede alltägliche Lebensäußerung des Deutschen (wie etwa Fußballschauen) sollte als Gelegenheit zur Volkserziehung genutzt werden. Das führt irgendwann zu Überdruss, natürlich völlig unbemerkt von Funktionären und Projektleitern, die alles und jeden politisieren wollen, und zwar nur in eine Richtung. Was uns einmal mehr die unvermeidliche Beobachtung aufdrängt, dass Urgrund linker Weltverbesserungsstrategien ein unheilbarer Chauvinismus ist. Und was dieser Chauvinismus am allerwenigsten verträgt ist, wenn er angesichts eines 90-minütigen existenziellen Dramas in die Gefilde der Bedeutungslosigkeit verwiesen wird. Gönnen wir ihm und uns den Urlaub: Es ist ein Spiel.

Autor: Anna Diouf

Rechtsextremismus selbstgestrickt

Als ich gestern die Startseite von SPIEGEL ONLINE öffnete, sprang mir folgende Schlagzeile ins Auge: „Studie zu Rechtsextremismus: Deutschlands hässliche Fratze“. Beim Öffnen von Facebook sehe ich dann auch gleich eine Infografik der „Tagesschau“ mit dem Titel „Rechtsextreme Einstellungen“ und darunter Prozentzahlen von 58,5, 41,4 und 40,1 Prozent. Was ist los, fragt man sich alarmiert. Sind plötzlich große Teile der Bevölkerung rechtsextrem? Befürworten sie eine autoritäre Diktatur? Halten sie andere Ethnien und Rassen für minderwertig? Halten sie Hitler für einen großen Staatsmann, der nur ein paar bedauerliche Fehler gemacht hat? Wollen sie alle Ausländer aus Deutschland rausschmeißen? Denn das sind ja die Einstellungen, die normalerweise mit Rechtsextremismus assoziiert werden oder bis vor wenigen Jahre wurden.

Aber dann schaut man sich die Aussagen mit den erschreckenden Zustimmungswerten doch mal genauer an: „Sinti und Roma neigen zur Kriminalität“, „Muslimen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“ und „Es ist ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen“. Aha!

Lässt die Kriminalstatistik eine solche Behauptung zu?

Die erste Aussage ist eine Tatsachenbehauptung, über die man sicher trefflich streiten kann, da in der Kriminalitätsstatistik Sinti und Roma nicht gesondert aufgeführt werden. Es gibt aber Anhaltspunkte in den Statistiken, die dafür sprechen, dass es sich tatsächliche so verhält, wie es immerhin 58,5 Prozent der Befragten empfinden. Alleine von 2007 bis 2011 hatte sich laut Kriminalitätsstatistik die Zahl rumänischer und bulgarischer Tatverdächtiger fast verdoppelt. Das ist genau die Zeit, in der sehr viele Sinti und Roma aus eben diesen Ländern kamen. Erst vor kurzem machte der Neuköllner Esoterikladen „Regenbogenlicht“ bundesweit Schlagzeilen, weil die Besitzerin ein Schild anbrachte, auf dem sie Roma den Zutritt verbot, „aufgrund der täglichen Diebstähle […] einer auf Raub und Betrug spezialisierten Bevölkerungsgruppe“. Nachbarn bestätigten eilends angereisten Reportern die Probleme mit kriminellen Roma. Eine Nachbarin sagte: „Man muss sich schon sehr dagegen wehren, beklaut zu werden.“

Man kann die Pauschalisierung in der obigen Aussage zurecht kritisieren. Das Anbringen eines Schildes an einem Geschäft, das einer bestimmten Bevölkerungsgruppe den Zutritt verwehrt, ist inakzeptabel. Aber „rechtsextrem“ sind wohl weder die sonst linksaktive Ladenbesitzerin, noch die unter der Kriminalität leidenden Anwohner, noch die Menschen, die aufgrund eigener Erfahrungen, Berichte oder Medienartikel in einer Befragung einer solchen Aussage zustimmen. Nicht alles, was problematisch ist, ist „rechtsextrem“.

Völlig anders läge der Fall, wenn die Befragten einer Aussage zugestimmt hätten, die Sinti und Roma seien ein minderwertiges Volk oder eine minderwertige Rasse. Oder wenn spezielle Sanktionen oder „Alle Sinti und Roma raus!“ gefordert würde. Das wäre eindeutig rechtsextrem, die Aussage oben ist es nicht.

Islam und Nazis verfolgen gemeinsame Interessen

Die zweite Aussage ist nun tatsächlich eine politische Forderung. Eine, wie man zugeben muss, recht radikale – aber ist sie denn auch „rechtsextrem“ einzuordnen? Ich würde sagen: Nein. Ich würde sogar noch weiter gehen, ich würde diese Aussage nicht einmal als „rechts“ einordnen. Es hat sich in den vergangenen Jahren eingebürgert, Kritik am oder Ablehnung des Islam als „rechts“ einzuordnen. Es gibt dafür jedoch keine oder nur sehr schlechte Argumente. Natürlich ist das Rechts-links-Schema an sich schon problematisch, aber an dieser Einordnung ist alles problematisch. Der „Scharia-Islam“ selbst ist laut dem Althistoriker Prof. Egon Flaig der „gefährlichste Rechtsextremismus der Welt“, und es gibt leider (noch) keinen Islam ohne Scharia. Selbstverständlich sind nicht alle Muslime gleich auch Verfechter der Scharia. Allerdings kommen bei einer massenhaften islamischen Einwanderung zwangsläufig auch immer mehr Scharia-Befürworter ins Land. Ja, wie sich inzwischen bewahrheitet hat, schlimmer noch: Es kommen auch muslimische Terroristen, die ihr mörderisches Handwerk aus dem Koran und mit der Scharia begründen.

Dass die Scharia mittlerweile selbst in deutsche Gerichtssäle eingedrungen ist, beklagen viele Juristen, die ganz und gar nicht des Rechtsextremismus verdächtig sind. Überhaupt sind orthodoxe islamische Wertvorstellungen und Gesetze fast aller islamisch geprägten Länder so ziemlich allem diametral entgegengesetzt, was links und liberal ist: vom Frauenbild über die Ablehnung der Homosexualität und rigiden Strafforderungen bis hin zu „reaktionärer“ Religiosität. Interessanterweise stehen Christen, mit ihren toleranten Ansichten zu einigen dieser Themen, weit mehr im Fokus öffentlicher Kritik, als der Scharia-Islam. So ist es auch kein Wunder, dass gerade Nationalsozialisten dem Islam besonders wohlgesonnen waren.

Bewunderung für den Islam aus dem rechtsextremen Lager

Selbst in der Nachkriegszeit sind beinahe schon traditionell die glühendsten Verteidiger des Islam und die Lobredner der arabisch-islamischen Kultur und ihrer angeblichen Bedeutung auch für Europa, rechtsextrem ausgerichtet. Als ein Beispiel diene hier die neopagane Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke („Allahs Sonne über dem Abendland. Unser arabisches Erbe“, 1960), die ein Stipendium des SS-Ahnenerbes erhielt und nach dem Krieg ständige Mitarbeiterin im rechtsextremen Thule-Seminar war. Für sie waren das germanische Heidentum und der kriegerische Islam dem Christentum vorzuziehen, das sie als „artfremd“ und „orientalistisch“ bzw. „jüdisch“ ablehnte. Die Forderung, Muslimen die Einwanderung nach Deutschland zu untersagen, ist also sicherlich radikal und rechtsstaatlich bedenklich, aber nicht „rechtsextrem“.

Bliebe die dritte Aussage: Und die hat nun mit der politischen Einstellung der ihr zustimmenden Personen gar nichts zu tun. Ob man es hübsch oder eklig findet, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen, das ist schlicht und ergreifend eine Geschmacksfrage. Manche finden im öffentlichen Raum küssende Pärchen an sich ekelhaft, manche Leute mit Bierflaschen und Kippen, manche versiffte Jogginghosenträger, manche geschniegelte Yuppies. Die Zustimmung zu dieser Aussage impliziert keinerlei politische Forderung, ja nicht einmal eine objektive Abwertung von Homosexuellen, sondern eine rein subjektive Empfindung. Man kann die Leute spießig nennen oder prüde oder was auch immer, aber „rechtsextrem“? Sicherlich nicht.

Medial forciert: Eine Spaltung der Gesellschaft

Was ist nun das Fazit? Mit diesen zweifelhaften Befunden des „Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung“ der Universität Leipzig und ihrer unkritischen Übernahme und Skandalisierung in den Medien wird die in den vergangenen Jahren erschreckend vorangetriebene Spaltung unserer Gesellschaft weiter verstärkt. Diejenigen, die zu der Hälfte gehören, die diesen Aussagen nicht zustimmen, werden weiter in Alarmstimmung gegen die vermeintliche „rechte Gefahr“ aus der „Mitte der Gesellschaft“ versetzt, und im Glauben bestärkt, dass der aggressive Kampf gegen sie eine gute und notwendige Sache und in diesem Kampf alles erlaubt ist, da es ja gegen „Rechtsextremismus“ geht, der bekanntlich das schlimmste Übel überhaupt darstellt. Die Hälfte aber, die diesen Aussagen zustimmt, wird sich in ihren Ansichten über die „Meinungsdiktatur“, in der man für das Aussprechen von eigenen Empfindungen und Ängsten oder „der Wahrheit“ als Extremist abgestempelt und bekämpft wird, bzw. „umerzogen“ werden soll, bestätigt fühlen. Eine sachliche Diskussion wird dadurch noch schwieriger werden als ohnehin schon. Die „Tagesschau“ und SPIEGEL ONLINE tun damit genau das, was sie anderen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit selbst vorwerfen: unnötig Öl ins Feuer gießen.

Autor: Marco Kunz

Unser Gastautor Marco Kunz wurde 1974 in Weilburg an der Lahn geboren. Er lebt in Berlin und arbeitet als persönlicher Assistent für behinderte Menschen und betätigt sich als Schriftsteller. Zuletzt erschienen von ihm der Gedichtband „Gezeitenrhythmus in HD“ und der Roman „Rain Dogs„.

Mit aller Gewalt: erfolgreich selbst ausgrenzen

Eine kleine gesellschaftliche Minderheit fordert seit Jahrzehnten die Inklusion in die Mehrheitsgesellschaft. Den Mitgliedern dieser Minderheit wurde und wird oft übel mitgespielt. Immerhin hat sich in den vergangenen Jahrzehnten einiges im Sinne eines toleranten Umgangs mit dieser Minderheit getan. Und das ist auch gut so!

Nun wurden mehr als 100 Angehörige dieser Minderheit zu Opfern eines feigen Terroranschlags: 50 wurden mit einem Sturmgewehr niedergemäht, ermordet. Mindestens weitere 50 Menschen wurden schwer verletzt. Noch ist nicht sicher, ob alle Verletzten ihre Verwundungen überleben werden.

Ein Anschlag auf alle

Der zivilisierte Teil der Mehrheitsgesellschaft reagiert mit Entsetzen, mit Abscheu, Erschütterung und Mitgefühl. Tenor: Das ist ein Anschlag auf uns alle, die Minderheit gehört zu uns, stehen wir zusammen, bieten wir dem Terror – (auch wenn wir derzeit noch nicht ganz so offen darüber reden wollen, woher der Terror kommt) – die Stirn! Auch das ist gut so.

Und jetzt wird es interessant.

Anstatt diese Zeichen der Mehrheitsgesellschaft (als mehr will ich das ja nicht mal deuten) der Zusammengehörigkeit, der Annahme, der Toleranz und des Respekts, der Menschenwürde und des Mitgefühls freudig zur Kenntnis zu nehmen und zu versuchen, diese positiven Signale in den Alltag zu übernehmen und darauf konstruktiv aufzubauen, kommen nun einzelne Schreiber aus der Szene und hauen den Gutwilligen und Mitempfindenden ein Scheunentor vor der Nase zu.

Chance vertan

Unter so kruden Schlagzeilen wie „Warum Orlando kein Angriff auf die offene Gesellschaft war“ (Süddeutsche) oder auch „Es ist nicht eure Welt, die hier zerschossen wurde“ ( Welt) tun diese Menschen alles, um die Minderheit mit allen Mitteln gegen die Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen. Ja, sie versteigen sich sogar zu so aberwitzigen Thesen, dass das alltägliche Leben in zivilisierten Ländern für Mitglieder der Minderheit schrecklicher sei, als nun dieser eine Terrorakt. Sie lehnen ab, sie stoßen zurück, sie verharmlosen den Terror und bauschen die alltägliche zwischenmenschliche Ablehnung auf, sie relativieren und negieren und ja – sie klagen sogar an.

Bei solchen Reaktionen aus der Szene oder von „gutmeinenden“ und solidarischen Journalisten muss sich die Minderheit nicht wundern, wenn sich selbst die Gutwilligsten irgendwann entnervt abdrehen.

*undab*

Autor: Martin Wind