„Fear“: Warum Falk Richter zu Recht Angst hat

„Fear“ heißt das Stück, dass von Falk Richter in Berlin auf die Bühne gebracht wurde, und über dessen mangelnde künstlerische Qualitäten einerseits und die darin enthaltene menschenverachtende Hetze gegen alles, was anders denkt als Richter und seine peer-group, andererseits, eigentlich schon alles gesagt ist. Ich selbst habe das Stück nicht gesehen, daher werde ich mich auch nicht zu einer vertieften Kritik versteigen, aber warum ein Theaterstück, in dem dazu aufgefrufen wird, Vertretern konservativer Positionen zwischen die Augen zu schießen, auf einer staatlichen Bühne aufgeführt und staatlich gefördert wird, dazu fehlt mir die Phantasie (nein, eigentlich nicht, aber ich will es nicht wahrhaben).

Eben jene konservative Positionen, personifiziert durch vornehmlich weibliches politisches oder mediales Personal wie Birgit Kelle, Hedwig von Beverfoerde, Bettina Röhl, Erika Steinbach oder Eva Hermann, werden als Zombies dargestellt, die man nur durch das unbarmherzige Töten los wird. Nun wissen wir aus diversen Horrorfilmen, dass Zombies, lebende Tote, in der Tat finstere Gesellen sind, vor denen man Angst haben muss. Insofern scheint der Titel „Fear“, also „Angst“ symptomatisch für die Therapie, die man gegen unerwünschte Positionen einzunehmen vorschlägt:

Das sogenannte juste-milieu hat Angst, und sie kommt dieser Angst langsam nicht mehr anders bei als durch Verunglimpfungen, Hetze und unverholenen Aufrufen zur Gewalt. Ob die Brandanschläge auf Autos und Gebäude von Beatrix von Storch und Hedwig von Beverfoerde in einem nicht nur zeitlichen sondern auch sachlichen Zusammenhang mit dem Gewaltaufruf Falk Richters steht, wird schwer zu klären sein, sie sind aber ein Symptom genau jener Angst.

Wikipedia definiert Angst wie folgt: „Angst ist ein Grundgefühl, welches sich in als bedrohlich empfundenen Situationen als Besorgnis und unlustbetonte Erregung äußert. Auslöser können dabei erwartete Bedrohungen etwa der körperlichen Unversehrtheit, der Selbstachtung oder des Selbstbildes sein. Krankhaft übersteigerte Angst wird als Angststörung bezeichnet.“ (Hervorhebung von mir). Da mag der Hase im Pfeffer liegen: Das entsprechende Milieu war es über Jahrzehnte gewohnt, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen. Umweltschutz war immer gut, die Ablehnung der Atomenergie war ebenso gut wie Antifaschismus, der Kampf gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit. Der Einsatz gegen angenommene und reale Ungerechtigkeiten in der Welt und in Deutschland war irgendwie auch immer gut. Kurz: Man stand auf der Seite des Guten und musste sich in dieser Hinsicht nie rechtfertigen.

Das scheint vorbei zu sein, die Zeiten, in denen man sich in Deutschland am Nasenring durch die Gegend ziehen ließ, weil jemand auf der vermeintlich guten Seite stand, gehen rapide ihrem Ende entgegen. Denn was jetzt passiert ist, dass sich die Vernunft Bahn bricht: Wie schwerwiegend sind eigentlich die Folgen der Atomenergie? An das an die Wand gemalte Schreckgespenst des Atomtods glaubt spätestens seit klar wurde, dass es in Fukushima keine Atomopfer gegeben hat, niemand mehr (abgesehen von der Politik, die aus ihrem in Panik und Wahlkampf gewählten Atomausstieg nicht mehr rauskommt). Niemand tritt in Deutschland ernsthaft für Rassismus ein, aber wenn aus Pipi-Langstrumpf-Büchern der „Negerkönig“ verbannt wird, dann wird es den meisten eben doch zu bunt. Niemand will ernsthaft behaupten, dass es gut wäre, Homosexuelle zu diskriminieren, aber wenn im Rahmen des Gender Mainstreamings für Unisex-Toiletten oder die Etablierung von mehr als 60 Geschlechtern gefochten wird, dann fragen sich die meisten nur noch, was lann Hornscheidt eigentlich zu viel genommen hat. Natürlich ist es gut, sich gegen wirtschaftliche und andere Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, aber wenn das die Freiheit des Einzelnen bedroht erntet man mittlerweile auch kritische Stimmen  – ganz abgesehen davon, dass zunehmend in Zweifel gezogen wird, ob es sich tatsächlich um Ungerechtigkeiten handelt oder nur um Folgen individuellen Handelns. Und zu guter letzt: Natürlich ist es gut, Fremden in Not zu helfen, Menschen die vor Krieg und Verfolgung auf der Flucht sind Sicherheit zu gewähren, aber wer ohne Plan einfach Grenzen öffnen will und jeden, der nach Deutschland einwandern will, kurzerhand zum Flüchtling erklärt, der muss sich neuerdings erklären und mit fundiertem Widerspruch rechnen.

Kein Zweifel, das Selbstbild der Linken und Grünen, die Achtung, die ihren Positionen und Aktionen bislang entgegen gebracht wurde, und aus der sie ihre Selbstachtung bezogen, ist bedroht. Die Angst ist berechtigt, dass man die Deutungshoheit in der Gesellschaft und mittelfristig dann auch in Politik und Medien verlieren wird. Da stellt sich eigentlich nur die Frage, wie man mit der Angst umgeht – welche Strategien man anwendet, um die Angst loszuwerden.

Erfolgversprechend – Angst macht im Wesentlichen, was man nicht kennt – ist dafür die Beschäftigung mit dem, was einem Angst macht: Wer Angst vor Spinnen hat, der kann sich mit den Fähigkeiten, dem filigranen Körperbau und den biologischen Funktionen von Spinnen in der Natur beschäftigen. Analog hieße das wohl, sich mit den Argumenten der politischen Gegner auseinandersetzen, das Richtige aufgreifen und selbst verwerten, auf Schwachstellen hinweisen und den gesellschaftlichen Diskurs so weiter bringen. Das ist natürlich ein rationales Vorgehen, dass je nach erlerntem Umgang mit Angstsituationen nicht jedem offen steht. Man kann auch vor dem Angstmachenden fliehen: So wie man versucht, Stellen zu meiden, an denen einem Spinnen auflauern könnten, kann man generell einfach Diskussionen und Themen vermeiden, an denen man keine Chance mehr sieht, Mehrheiten zu gewinnen. Das hieße aber auch, den anderen das Feld zu überlassen, was demjemigen, der überzeugt ist, das Spinnen „böse“ sind, auch nicht als Option zur Verfügung steht.

Aber welche Strategie wählen Falk Richter und die Fans von „Fear“? Sie gehen auf Angriff: Sie verstehen nicht, darum verunglimpfen sie! Sie haben Angst, darum hetzen sie, behaupten, die anderen seinen böse und schlecht. In ihrer Angst wächst die Unsicherheit, deswegen treten sie umso mehr mit dem Anspruch auf, auch in der Wahl ihrer Mittel immer im Recht zu sein. Und bei all dem steigern sie sich hinein in eine Personifizierung der Gegner als Zombies und die eigene Berechtigung, notfalls auch Gewalt anwenden zu dürfen. Dass es kein gesunder Umgang mit Angst ist, wenn man sich aus Furcht vor Spinnen daran macht, alle Spinnen töten zu wollen, ist wohl unmittelbar einsichtig – aber nur für denjenigen, der keine panische Angst vor Spinnen hat!

Dass Falk Richter und das links-grüne Milieu Angst haben, ist durchaus verständlich. Dass ihre Reaktionen auf diese Angst frappierend nicht nur denen von Phobikern sondern auch denen von tatsächlichen und vermeintlich von ihnen bekämpften Rechtsextremen ähneln, würde sie vermutlich selbst erschrecken (rationale Herangehensweise vorausgesetzt). Was wir aber als Gesellschaft lernen müssen ist, mit den Ängsten dieser Menschen umzugehen: Sie sich einfach in ihrer Angst suhlen zu lassen, erscheint nicht nur nicht erfolgversprechend sondern – siehe die letzten Anschläge Linksradikaler – mindestens so gefährlich, wie das Gewährenlassen echter rechtsextremer Einstellungen. Womöglich hat – auf eine ganz eigenartige Art und Weise – das Stück „Fear“ auch sein Gutes: Es weist auf das gesellschaftliche Problem der Angst in linken und grünen Kreisen hin, an der wir als Gesamtgesellschaft nicht vorbei kommen.

Nachtrag: Und jetzt viel Spaß bei der Beantwortung der Frage, was von alledem ich wirklich ernst gemeint habe, und was hier nur mit Augenzwinkern zu lesen ist.

Autor: Felix Honekamp

Alle irgendwie Nazi …

Auf dem Weg in die totale Diskursverweigerung ist das Theaterstück FEAR an der Berliner Schaubühne nur trauriger Höhepunkt. Der Versuch, Gender-Kritik als rechtsradikal zu ächten, anstatt sie argumentativ gekonnt zu zerlegen beweist vor allem eines: Die Angst der Protagonisten vor dem Verlust ihrer Diskurshoheit.
151118autorenkarte_birgitBei allem, was man von dem Theaterstück FEAR von Falk Richter an der Berliner Schaubühne so liest, fehlt nur noch ein zünftiger Scheiterhaufen für das Grande Finale und damit wären wir alle zur Strecke gebracht. Aber wir sind ja nicht Hexen, wir sind stattdessen „Hässlichen Frauen“, was wohl der ursprüngliche Titel des Stücks sein sollte, der dann zugunsten der Angst weichen musste. Denn wer will sich schon allabendlich hässliche Frauen ansehen? Um es vorweg zu schicken, ich habe das Stück nicht gesehen, in dem ich selbst neben anderen Damen auf der Bühne mit ausgestochenen Augen auf einer Pappfigur klebe. Wo ich unter die Erde gebracht werden soll, weil ich ein Zombie sei, der reaktionäres Gedankengut gerade wieder in die Welt trägt. Wo erörtert wird, wie man mich und die anderen am besten wegmacht und klar, Zombies muss man zwischen die Augen schießen, direkt ins Gehirn. Nein ich bin nicht extra nach Berlin gereist um mir dann für 40 Euro Eintritt anzusehen, was Kunst so alles darf. Oder gar Satire.

Aus Gewaltaufrufen wird Kunst oder zur Not Satire

Ja wirklich, nachdem nun bereits zwei Autos angezündet wurden, das der „Zombies“ von Storch und von  Beverfoerde, entblödet sich die Schaubühne nicht, den allabendlichen Gewaltexzess auf der eigenen Bühne als Satire zu bezeichnen.  Ich habe keine Zeit für neue Satire-Formen, denn anders als staatlich alimentierte Schauspieltrüppchen, muss ich meinen Lebensunterhalt mit echter Arbeit verdienen. Ein kompletter Tonmitschnitt, verschiedene Augenzeugenberichte und Theaterkritiken reichen mir aber für die Frage: Was soll an diesem Stück eigentlich innovativ sein? Gender-Kritik als rechtsradikal abzustempeln ist nun wirklich nichts Neues. Da muss der kleine Falk sich schon in einer langen Liste ganz unten eintragen.

Das kriegt doch sogar die Katholische Kirche inzwischen hin. Ja wirklich, in einem Flyer der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, der „sachlich und konstruktiv“ über Gender aufklären will, schafft es der Rechtspopulismus-Vorwurf an die Kritiker direkt in die erste Zeile. Nicht dass ein Leser auf die Idee kommen sollte, das neutral zu lesen. Und auch dies Pamphlet steht nur ganz kurz über Theater-Satiriker Falk Richter auf der langen Liste. Der Nordic-Council der Antifeminismus unter Strafe stellen will, diverse Bemühungen im EU-Parlament, Gender-Kritik im Zuge der Antidiskriminierungs-Gesetze auf eine Stufe mit Rassismus zu setzen. Meine Lieblingstheologin Jansen vom Gender-Zentrum der EKD, Nachwuchs-Feminist_*In Wizorek, Volker Beckchen, Spiegel-Kolumnisten, um nur einige zu nennen. Alle eint, dass sie argumentativ nicht einmal herleiten können, was sie propagieren. Wozu begründen, wenn man auch einfach behaupten kann?

Stattdessen faselt man vereint von vermeintlichen „Ängsten“ und „Vorurteilen“ bei Gender-Kritikern. Von unserer angeblichen Angst vor der Veränderung des Status Quo, vor unserer eigenen Sexualität, vor allem Fremden, vor allem Neuen. Es ist wohl ein ständiger Affront, dass sich eine breite Masse der Menschen in der angeblich unterdrückenden „Zwangsheteronormativität“ gemütlich eingerichtet hat und gar nicht mitarbeiten will an der eigenen Befreiung aus der selbst verschuldeten sexuellen Unmündigkeit.

Nichts scheint die Queerfront mehr in Aufruhr zu versetzen, als das Beharren von uns „hässlichen Frauen“ auf unserer nichtproblematisierten Weiblichkeit. Als das Beharren auf das weltweite Erfolgsmodell Vater-Mutter-Kind. Als das Beharren auf biologische Fakten.

Zweigeschlechtlichkeit sei eine Erfindung der Nationalsozialisten

Aber immer noch wird nicht klar, was genau hat Gender-Kritik mit Nazis zu tun? Meine Vermutung ist ja, dass Falk Richter regelmäßiger Leser des evangelischen  Magazins Chrismon sein muss. Wirklich, es kann nicht anders sein. Dort ist der finale Gender-Kritik-Nazi-Beweis nämlich dokumentiert und wird seither konsequent von evangelischen Betroffenheits-Theologinnen  und queer-veganen Großstadt-Hippsterinnen weitergereicht. Ein gewisser Soziologe Voß gab dort zum Besten, die weitgehend klare biologische Zweiteilung der Geschlechter in Mann und Frau sei eine Theorie der Nazis. Bis in die 1920er Jahre habe man von Geschlechtervielfalt gesprochen. Ja und da fiel es mir auch selbst wie Schuppen von den Augen. Mensch, logisch. Die Herren Nazis waren das mit der Zwangsheteronormativität.

Voß ist auch Biologe, aber kein Theologe, sonst wäre ihm aufgefallen, dass schon in der Bibel das Unheil seinen Lauf nahm. Gleich im Buch Genesis, als Gott gänzlich genderunsensibel und gar nicht queer-vegan den Menschen als Frau und Mann schuf. Gott war der erste Nazi! Wäre Falk Richter konsequent, dann müsste er Gott gemeinsam mit uns „hässlichen Frauen“  mit auf seinen Bühnen-Pranger stellen. Zumindest den christlichen Gott, mit Allah wäre ich da doch ein bisschen vorsichtiger. Aber das weiß der Falk selbst. Deswegen legt er sich ja auch wie all die anderen nur mit vermeintlich einfachen Opfern an und lässt den ganzen Spaß unter den Tisch fallen, den wir an der Gender-Front haben könnten, wenn der Islam endlich zu Deutschland gehört. Stattdessen werden nur die Konterfeis von Beate Zschäpe und Anders Breivik unter uns „hässliche Frauen“ gemischt, damit es noch ein bisschen deutlicher wird. Pfui, alles Nazis. Weg mit denen, alles braune Soße, alle in einen Sack und draufhauen. Ja, das ist mal wirklich eine differenzierte Darstellung der Thematik und argumentativ kaum mehr zu toppen.

Gewalt und Hass zur „Verteidigung“ der Demokratie?

Der Regisseur_In Falk gibt an, sich in seinem Bühnenstück mit dem Hass der anderen auseinander gesetzt zu haben. Persönlich würde mich interessieren, welchen von mir wo geäußerten Satz man auch nur ansatzweise als Hass definieren könnte, da warte ich noch gespannt auf einen Hinweis. Im Interview mit der Berliner Morgenpost sagt er jedenfalls, er habe das Gefühl,  das Stück träfe einen derzeit sehr empfindlichen Nerv und er stellt die Frage: „Wie verteidigen wir die Demokratie und die Freiheit gegen diese neuen rechten anti-demokratischen Strömungen?“

Nun will ich ja nicht kleinlich sein, aber unter die Erde bringen, wegmachen und zwischen die Augen schießen, was auf Falks Bühne die Lösung des Problems der Kelle & Co. Zombies darstellt, ist nicht ganz demokratisch und rechtsstaatlich.  Es ist auch kein Diskurs, an dem ist ja auch Falk Richter nicht interessiert. Er will ja nicht reden, argumentieren, um Lösungen ringen oder gar Meinungen austauschen. Wozu auch, er hat ja die Lösung, die sich schon im alten Rom an Beliebtheit erfreute: Besser man köpft die Überbringer der Nachricht.
Am Ende begrünen die Großstadthippster ihre Bühne mit selbstangebautem Gemüse. „Urban Gardening“ gegen rechts. Und so bleibt dies Theaterstück vor allem eines: Ein Zeitdokument der totalen geistigen Kapitulation. Eine queer-vegane Gruppentherapie, nur ohne Stuhlkreis, stattdessen mit Bühne.

Autorin: Birgit Kelle

Helmut Schmidt †

„Helmut Schmidt wird fehlen“ – das ist die Kurzformel dessen, was in den vergangenen Stunden zu seinem Tod gesagt wurde, von Wegbegleitern und Freunden ebenso wie von Kritikern. Helmut Schmidt gehörte zu denen, die es irgendwie auch nach ihrer aktiven Zeit als Politiker geschafft haben, weiterhin zum „Inventar“ zu gehören.

Für mich selbst gehörten die letzten Jahre seiner Kanzlerschaft zur Zeit meiner beginnenden politischen Bewusstwerdung. Als Jahrgang 1970 habe ich vom Großteil seines Schaffens nicht viel mitbekommen, erst mit dem Scheitern der sozialliberalen Regierung 1982 habe ich ihn und die Politik wirklich wahrgenommen. So kenne ich seinen Einsatz in der Hamburger Sturmflut 1962 nur aus Geschichtsbüchern. Ein Moment, in dem er gezeigt hat, dass es manchmal notwendig ist, das Heft in die Hand zu nehmen. Er war, auch das sagen die, die ihn kennen, ein „Führungstalent“, ein Begriff, den man eigenartigerweise heute selten hört. Der Begriff des „Lotsen“ für Schmidt wird dort seinen Ursprung gehabt haben.

Er sicherte die Wehrhaftigkeit der Demokratie

Der Deutsche Herbst gehörte vermutlich zu den schwierigsten innenpolitischen Situationen, die diese Republik zu bestehen hatte. Sein Prinzip, sich nicht für Terroristen erpressbar zu machen, kostete vielleicht Hans-Martin Schleyer das Leben, hat aber vermutlich noch mehr Leben und in gewisser Weise die Wehrhaftigkeit der Demokratie gesichert. Wer aus dem Abstand von fast vierzig Jahren heute dazu kluge Ratschläge geben möchte, der soll das tun. Meine Sache ist das nicht, ich bin weiterhin beeindruckt von seiner damaligen Einschätzung und ich würde mir wünschen, dass Politiker heute in ähnlicher Situation ebenso reagierten.

Seine Partei stellte er vor eine Zerreisprobe mit seinem Eintreten für den Nato-Doppelbeschluss und die damit einhergehende Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa. Auch hier kann man heute kluge Ratschläge geben, aber egal ob das damals alles die richtigen Entscheidungen waren: Es ist nie zu einer direkten militärischen Auseinandersetzung zwischen der Nato und dem damaligen Warschauer Pakt gekommen. Vor allem aber hat Helmut Schmidt in dieser Zeit zu seinen Überzeugungen gestanden – gelegen oder ungelegen. Das hat ihn die Unterstützung seiner Partei und damit wohl auch die Regierung gekostet. Und auch hier wünschte ich mir Politiker, die in dieser Art für ihre Überzeugungen einstehen.

Umstritten unter Parteifreunden: Standfestigkeit und Prinzipien

Viele Parteigenossen aus der SPD rühmen den wirtschaftspolitischen Sachverstand Helmut Schmidts, den er auch nach seiner Kanzlerschaft an vielen Stellen beratend weitergegeben habe. Nun ja … er war was das anging Sozialdemokrat, vermutlich keiner der Schlechtesten – De mortuis nil nisi bene dicendum! Aber auch wenn man seine Einschätzungen in diesen Punkten nicht teilt: Er hat Standfestigkeit und Prinzipien bewiesen. Gerade Parteifreunde – wenn man sie denn so nennen will – haben ihm das ab und an auch zum Vorwurf gemacht: Die Verächtlichmachung der Tugenden wie Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit und Standhaftigkeit, wie sie ein späterer SPD-Vorsitzender zum Ausdruck gebracht hat, möchte ich an dieser Stelle nicht wiederholen, sondern vertiefen, dass es eben jene Tugenden sind, die vielen Menschen heute an Politikern fehlen. Sie mögen vorhanden sein, gehen aber zumindest im Tagesgeschäft nicht selten unter.

Helmut Schmidt hat gesagt, er glaube nicht an Gott. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob er bis zu seinem Tod dabei geblieben ist, aber er schätzte die Kirchen für ihren gesellschaftlichen Beitrag, beschäftigte sich viel mit Philosophie und der Frage der Prinzipien und des Guten. Da wird was hängen geblieben sein, sodass es uns gut ansteht, nun für ihn zu beten, der ein langes Leben hier auf dieser Welt gehabt hat, die Geschicke Deutschlands nach dem zweiten Weltkrieg wie wenige andere mitgestaltet hat und nun vor dem Schöpfer steht.

Herr schenke ihm die ewige Ruhe. Und das ewige Licht leuchte ihm!

Autor: Felix Honekamp

Danke, Helmut Schmidt!

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) ist heute Nachmittag im Alter von 96 Jahren gestorben. Bis in die jüngste Zeit hatte sich der „Zeit“-Herausgeber in politische Debatten mit klaren Standpunkten eingeschaltet. Man darf im Zusammenhang mit dem Hamburger den Begriff vom Beispiel an Pflichterfüllung durchaus benutzen. Sein kantiges Auftreten verschaffte Schmidt während der Jahre seiner Kanzlerschaft von 1974 bis 1982 Respekt bis weit in bürgerliche Wählerkreise hinein. „Ein guter Mann, nur leider in der falschen Partei“, so lautete seinerzeit ein weit verbreitetes Bonmot.

Unvergessen bleibt sein beherztes Eingreifen als Hamburger Polizeisenator am 17. Februar 1962, als die Hansestadt von einer gewaltigen Sturmflut heimgesucht wurde. Weil der Krisenstab komplett überfordert ist, reisst Schmidt das Ruder an sich und übernimmt – ohne dass es dafür irgendeine Rechtsvorschrift gegeben hätte – das Kommando über die Hilfsmaßnahmen. Die „Hamburger Morgenpost“ erinnert:

„Schmidt, Offizier im Zweiten Weltkrieg, lässt seine Beziehungen spielen. Er ruft Lauris Norstad an, Nato-Oberbefehlshaber in Europa, und Admiral Bernhard Rogge, Befehlshaber im Wehrbereichskommando I. Die beiden kennen Schmidt gut. Sie wissen: Wenn er sagt, er braucht Hilfe, dann braucht er sie. Schmidt will Hubschrauber, will Boote. Sofort. Er bittet nicht, er befiehlt. Und er bekommt, was er will.“

Unvergessen auch sein Agieren im „Deutschen Herbst“, als die freiheitliche Demokratie durch linksextremistische Terroristen herausgefordert wurde. Kanzler Schmidt entschied den riskanten und letztlich erfolgreichen GSG 9-Einlatz im entführten Lufthansa-Jet in der Gluthitze Mogadischus, wohl ahnend, dass er damit den entführten Arbeitsgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer dem sicheren Tod preisgeben würde.

Auch nach seiner Kanzlerschaft schaltete sich Helmut Schmidt in öffentliche Debatten ein, nicht immer bequem in seinen Anschauungen, aber bis zuletzt in der Bevölkerung hoch geachtet. Und dass er sich bis in hohe Alter nicht verbieten ließ, wann und wo auch immer seine Mentholzigaretten zu rauchen, ist zwar nur eine Randgeschichte, hat mir aber stets imponiert.

Mit Helmut Schmidt verliert Deutschland einen seiner großen Politiker, auf den der Begriff Elder Statesman mehr zutraf als auf jeden anderen. An Gott und den Himmel hat er nach eigenem Bekunden nicht geglaubt, wenngleich er die sozialen Leistungen der Kirche durchaus schätzte. Ich hoffe und wünsche ihm dennoch, dass er nun an einem Ort ist, wo er seinen ewigen Frieden findet, egal, wie er das dann nennt.

 

Autor: Klaus Kelle

Warum Erben gerecht ist

Der »Ankereffekt« ist ein allgegenwärtiger Mechanismus unseres zwischenmenschlichen Miteinanders – die Verzerrung eines Urteils durch willkürliche Informationen im Umfeld einer Entscheidung. Jeder kennt das, etwa vom Flohmarkt: Wer zuerst einen Preis vorschlägt, setzt den Anker, um den herum verhandelt wird. Jede Preisvorstellung wird unweigerlich durch das erste Gebot beeinflusst. Deswegen können gewiefte Händler großzügige Rabatte geben und ziehen einen trotzdem über den Tisch.

Genau das Gleiche passiert laufend in der politischen Auseinandersetzung. So auch bei der anstehenden Reform der Erbschaftsteuer. Das Bundesverfassungsgericht hat am 17.12.2014 den Gesetzgeber verpflichtet, die Begünstigung beim Vererben von Betrieben ordentlicher auszugestalten. Daher wird nun eifrig über die Definition von Betriebsvermögen, Bedürfnisprüfungen und Lohnsummen oder Mitarbeiterzahlen diskutiert.

Familienunternehmen erhalten Arbeitsplätze

Die einen wollen den Firmenerben nur eine Million lassen, der Rest soll in die Hand der Mitarbeiter übergehen (Sahra Wagenknecht, stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion im Bundestag), die anderen wollen bis zu einem Unternehmenswert von 100 Millionen Euro bei stabiler Belegschaft ganz von der Steuer befreien (Nils Schmid, SPD, Minister für Finanzen und Wirtschaft in Baden-Württemberg). Eine Menge Anker(versuche). Der Hauptanker aber ist: Alles dreht sich um mehr oder weniger Begünstigung bei Unternehmensübergaben. Fraglos wichtig, zumal Karlsruhe die besondere Rolle von generationenübergreifenden Familienunternehmen für den Erhalt von Arbeitsplätzen ausdrücklich anerkannt hat. Was aber neben der Konzentration auf den Anker untergeht, ist die grundsätzliche Überlegung, ob eine Erbschaftsteuer überhaupt zu rechtfertigen ist.

Denn eigentlich ist die individuelle Verfügung über das Eigentum ein seltsamer Besteuerungsgrund. Um das zu vertuschen, wird stets vom Erben und nur selten vom Schenken gesprochen. Ja man deklariert sogar Schenkungen als vorweggenommenes Erbe um. Alle Wortklauberei ändert aber nichts daran, dass in jedem Fall jemand über sein aus versteuerten Einkommen erspartes Eigentum verfügt. In einer freiheitlichen Gesellschaft, die das Eigentum per Grundgesetz schützt, ist es aber doch eigentlich vollkommen irrelevant, ob jemand sein Vermögen in Zukunft selbst weiterspart oder verkonsumiert, oder ob er das jemandem anderen überlässt. Was geht es den Staat an, ob ich meinen Kuchen selber esse oder mit anderen teile?

Eigentlich doch eine schöne Vorstellung, dass man in einer Welt lebt, in der Menschen anderen etwas schenken. Ja, eine schöne Welt, in der man etwas hinterlassen kann.

Gibt es „unverdiente Vermögen“?

Dem entgegnet werden genauso wohlklingende wie leere Phrasen. Zum Beispiel die Behauptung vom »unverdienten Vermögen«. Bitte schön, wem ist eigentlich diese dumme Verleumdung eingefallen? Und warum wird das so maßlos unüberlegt nachgeplappert? In unzähligen Familienbetrieben wird von Angehörigen unentgeltlich mitgearbeitet und alle trifft der notwendige Verzicht in schwierigen betrieblichen Phasen. In unzähligen Familien wird sich um die Pflege der Nachlasser gekümmert. In unzähligen vererbten Immobilien stecken Schweiß und Geld der Erben. Und selbst wenn jemanden ein Vermächtnis wirklich aus heiterem Himmel erreicht: Warum sollten wir ihm in einer freien Gesellschaften sein Glück neiden?

Eine andere Phrase ist die »Chancengleichheit«. Man mimt den Bildungs-Robin-Hood, schürzt die Zweckbindung von Steuern vor und behauptet, dass der Bildungserfolg vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Wie hätte dann aber eine Gesellschaft sich jemals aus einer Krise wider aufrappeln können? In Wirklichkeit ist das Wollen der überragende Faktor. Wissensdurst, Bildungshunger und Streben nach Unabhängigkeit. Tugenden, die maßgeblich vom Elternhaus mitgeprägt werden (können). Eine Mitgift, die keinen Cent kostet.

Man findet, wenn man einmal die Anker in der Erbschaftssteuerdebatte losgelassen hat, auch zahlreiche Gedanken, die für Subsidiarität und Eigenverantwortung von Familien sprechen. Viele werden dann für sich merken, dass sie Erben für gerecht halten – und die Besteuerung nicht.

Autor: Gerd Maas

Vom Autor ist im September 2015 „Warum Erben gerecht ist: Schluss mit der Neiddebatte“ erschienen (Finanzbuch-Verlag, ISBN 978-3-89879-942-3). Der vorstehende Artikel wurde zuerst als Gastbeitrag für die Fuldaer Zeitung veröffentlicht (08.09.15).

Papstbesuch: Ich bin nicht sicher …

Ein Papstbesuch in Deutschland wäre ein Grund zur Freude. Es gibt aber auch ein „aber“.

Der Papst 2016 in Deutschland? Das ist es, was gerade nach einer Audienz von Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), berichtet wird (z.B. hier). Das wäre wirklich toll! Je früher, desto besser, vor allem, damit nicht allzu viel Zeit bleibt, den Besuch medial so vorzubereiten, wie es den Interessengruppen in den Kram passt (wohlgemerkt „den“, nicht „manchen“ Interessengruppen). Denn machen wir uns nichts vor: Ein solcher Besuch ist ungleich weniger kalkulierbar als bisherige Besuche eines Papstes, zuletzt von Papst Benedikt XVI.

Bis 2016 und bis zu einem potenziellen Papstbesuch wird noch ein bisschen Zeit ins Land gehen, in der noch viel passieren kann. Es wird wohl noch ein nachsynodales Schreiben zur Familiensynode geben – von einigen erhofft, von einigen befürchtet, von allen Interessierten mit Spannung erwartet. Das Jubiläumsjahr der Barmherzigkeit beginnt im Dezember und ich bin sicher, der Papst hat sich dafür noch die eine oder andere Überraschung ausgedacht, um die Vorstellungen von Barmherzigkeit an den Grenzen auszutesten. Und in welche Richtungen das gehen wird? Die Vergangenheit hat gezeigt, wie wenig vorhersehbar der Papst ist.

Wie würde der Papst empfangen?

Nehmen wir aber mal die gegenwärtige Stimmung an, dann könnte es schon besonders sein, zu sehen, wie der Papst im Vergleich zu seinem Vorgänger empfangen würde: Ob es wohl wieder eine Einladung in den Bundestag geben würde? Und ob sich dann wieder einige Bundestagsabgeordnete nicht entblöden würden, demonstrativ den Saal zu verlassen? Oder wären es diesmal eher die Linken, die dem Papst zuhören wollten, während sich die Konservativen bemühten, ihn so zu interpretieren, dass es ihren Vorstellungen am nächsten kommt?

Würde es Demonstrationen geben gegen … oder eher für den Papst, jedenfalls dessen Positionen, so wie man sie wahrnimmt und für sich nutzen möchte? Wäre das Interesse überhaupt so hoch wie bei Papst Benedikt, der seine Heimat besucht hat, im Vergleich zum Papst vom anderen Ende der Welt? Was wäre in den Talkshows los: Würde man sich darin überbieten, zwischen sich und die Positionen des Papstes so viel Distanz wie möglich zu bringen, oder würde man versuchen zu verdeutlichen, dass der Papst auf der Seite der eigenen Partei stehe?

Wie würde der Papst sich zu akuten Problemen äußern: zur Flüchtlingskrise, zur Frage des Gender Mainstreaming, zu Familienthemen, zur Entwicklung der katholischen Kirche in Deutschland? Gäbe es ein Donnerwetter für Politik und Kirchenvertreter, die den Glauben hinter sich zu lassen drohen oder eine Seelenmassage für Offenheit und Toleranz? Würde er Gewalt gegen Flüchtlinge, Gewalt gegen Christen und Agressionen gegen katholische Positionen zur Sprache bringen?

Sind dieses Land und seine Menschen in der richtigen Verfassung, den Papst zu empfangen?

Würde der Papstbesuch wieder ein Riesenevent werden – mit Olympiastadion und allem drum und dran – oder eher ein möglichst klein gehaltener Arbeitsbesuch, bei dem sich der Papst tatsächlich ein Bild von Land und Leuten machen wollen würde? Und mit welchen Autos würde der Papst durch Deutschland fahren: Mercedes oder eher Opel? Oder gar VW? Würde es ein Besuch voller Symbolik werden oder eher eine unprätentiöse Reise eines Mannes, der zufällig weltliches Oberhaupt von mehr als einer Milliarde Katholiken ist?

Und würde man – würde ich! – diesen Besuch nicht auf Schritt und Tritt vergleichen mit denen seines Vorgängers? Was würde ich alles verpassen, nur weil ich den Blick nicht frei habe auf den Mann aus Argentinien, weil in meinem inneren Auge immer der Mann aus Bayern im Weg stünde, wie zum Beispiel mit seiner Ansprache im Bundestag oder seiner Regensburger Rede?

Täte ein Papstbesuch den Deutschen im Allgemeinen, den Katholiken im Speziellen eher gut oder wüssten wir im Moment wenig damit anzufangen? Wäre ein Papstbesuch in Deutschland 2016 eine Bereicherung für den Glauben oder würde er bei vielen Verwirrung stiften, nicht wegen des Papstes selbst sondern wegen des ganzen Drumherum?

Sollten wir uns – sollte ich mir einen Besuch des Papstes in Deutschland für 2016 wünschen? Ich fände es wunderbar, wenn er Deutschland besuchen würde, aber ich bin nicht sicher, ob dieses Land im Moment in der richtigen Verfassung dafür wäre. Vielleicht gerade deshalb …

Autor: Felix Honekamp

Sterbehilfe: Aktiv und passiv

Es gibt einen Unterschied zwischen “töten” und “sterben lassen”. Auch, wenn es in der Konsequenz (langfristig) dasselbe ist, ob man einen 35jährigen Mann erschießt oder eben 50 oder 60 Jahren wartet, bis er “von selbst” stirbt, beurteilen wir “erschießen” und “warten” moralisch und rechtlich unterschiedlich. Das ist trivial, man muss es sich aber für die Sterbehilfedebatte noch einmal so klar vor Augen führen.

Denn: Worum geht es in der aktuellen deutschen Debatte? Es geht um die aktive Form der Sterbehilfe, um ein Eingreifen mit dem Ziel der Tötung eines Menschen (in Deutschland verboten, auch dann, wenn es dem Wunsch des Patienten entspräche). Es geht nicht um die passive Form der Sterbehilfe, um ein Nicht- oder Nicht mehr-Eingreifen unter Inkaufnahme eines Sterbens, das früher eintritt als in dem Fall, in dem man “alles” versucht, was menschlich und technisch möglich ist (in Deutschland erlaubt, soweit vom Patienten willentlich verfügt).

Der Mensch ist mehr als Biologie

Man kann tatsächlich der Ansicht sein, dass die passive Form der Sterbehilfe (Sterben lassen auf Verlangen) erlaubt, die aktive Form der Sterbehilfe (Töten auf Verlangen) hingegen verboten sein sollte, weil die gezielte Beendigung menschlichen Lebens ebenso gegen die Würde des Menschen verstößt wie eine Lebensverlängerung um “jeden” Preis. Gerade in einer hochtechnisierten Medizin ist es möglich, biologische Funktionen durch technische zu “ersetzen” und so das “Leben” erheblich zu verlängern. Der Mensch aber ist mehr als seine Biologie.

Der Philosoph Robert Spaemann meint dazu in seinem Aufsatz Es gibt kein gutes Töten (1997): “Die Medizin kann nicht mehr dem Prinzip folgen, jederzeit jedes menschliche Leben so lange zu erhalten, wie das technisch möglich ist. Sie kann es nicht aus Gründen der Menschenwürde, zu der auch das menschenwürdige Sterbenlassen gehört.” Das bedeutet konkret: “Das ärztliche Berufsethos muß angesichts der ständig wachsenden Möglichkeiten der Medizin Kriterien der Normalität entwickeln, Kriterien für das, was wir jedem Menschen, und gerade den kranken und alten, an Zuwendung, an Pflege, an medizinischer Grundversorgung schulden, und für das, was statt dessen abhängig gemacht werden muß von Alter, Heilungsaussicht und persönlichen Umständen.”

Den moraltheoretischen Hintergrund der Differenzierung von “töten” und “sterben lassen” bildet der prinzipielle Unterschied zwischen “handeln” und “unterlassen”. Auch dazu gibt Robert Spaemann den entscheidenden Hinweis: “Der Wert jedes menschlichen Lebens ist zwar inkommensurabel, daher das unbedingte Tötungsverbot. Es gibt aber in moralischer Hinsicht einen Unterschied zwischen Handlungsgeboten und Unterlassungsgeboten. Nur Unterlassungsgebote können unbedingt sein, Handlungsgebote nie. Handlungsgebote unterliegen immer einer Abwägung der Gesamtsituation, und dazu gehören auch die zur Verfügung stehenden Mittel.”

Es kommt nicht nur auf die Folgen an

Ironischerweise bestärkt die Aufhebung der Differenz nicht den Vorrang der Unterlassung, sondern sie erhöht den Druck zu handeln: “Wer jeden Verzicht auf den Einsatz der äußeren Mittel als Tötung durch Unterlassen brandmarkt, der bereitet – und zwar oft absichtlich – den Weg für das aktive Umbringen.” Motto: Wenn das eine geht, warum dann nicht auch das andere – wenn es doch auf dasselbe hinausläuft? Dass es aber darauf – auf die Folgen allein – nicht ankommt (zumindest nicht in der Ethik und idealerweise dann auch nicht im Recht), muss man heute wieder stärker betonen.

Schließlich appelliert Spaemann, den Tod bewusst ins Leben zu holen: “Die Hospizbewegung, nicht die Euthanasiebewegung ist die menschenwürdige Antwort auf unsere Situation. Wo Sterben nicht als Teil des Lebens verstanden und kultiviert wird, da beginnt die Zivilisation des Todes.” Oder, um es mit Bundespräsident a. D. Horst Köhler zu sagen: Der Mensch sollte an der Hand, nicht durch die Hand der Angehörigen sterben. Das macht die Würde seines Lebens im Sterben aus.

Autor: Josef Bordat

Ist die Kirche homophob? Oder zumindest der Vatikan?

Wenn der Fahrer eines roten Autos mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt und daraufhin von der Polizei einen Bußgeldbescheid bekommt, dann deshalb, weil er mit seinem Auto zu schnell fuhr. Und nicht, weil das Auto rot ist. Es ist zwar richtig, dass das Auto rot ist und dass der Fahrer des roten Autos mit einem roten Auto zu schnell fuhr, aber er wird wegen überhöhter Geschwindigkeit belangt, nicht wegen der Autofarbe. Die Schlagzeile “Unmittelbar nach Fahrt durchs Stadtgebiet: Polizei bestraft Fahrer eines roten Autos” wäre also – wohlwollend ausgedrückt – grob irreführend, weil man als Leser annehmen müsste, die Autofarbe habe irgendetwas mit der Straferteilung zu tun. Hat sie aber nicht. Cum hoc ergo propter hoc? Das ist hier die Frage, die man sich stellen muss, wenn man sachangemessen über die Raserei berichten will. Oder auch nicht. Man kann auch einfach denjenigen Sachverhalt aus dem Gesamtkontext reißen, der die meisten empörten Kommentare verspricht. Über Kausalität braucht man dann nicht mehr lange nachzudenken. Hauptsache das cum zieht. Und: propter – ach, wen interessiert’s?!

Folglich heißt es in Deutschlands führendem Nachrichtenportal: Unmittelbar nach Coming-Out: Vatikan feuert schwulen Geistlichen. Und weiter: “Ein hochrangiger Geistlicher aus dem Vatikan hat sich zu seiner Homosexualität bekannt. Die katholische Kirche reagierte prompt und feuerte den 43-jährigen Polen.” Ja, das tut er, der böse Vatikan: feuern. Aber nicht, weil der gute Geistliche schwul ist oder sich zu seiner Homosexualität bekannt hat, sondern weil er nicht zölibatär lebt. Dies zu tun hat er, der gute Geistliche, aber versprochen, als er in den Dienst der Katholischen Kirche eintrat. Er hat also sein Versprechen gebrochen – auf seine Art, die nur eine mögliche ist und auf die es auch weiterhin gar nicht ankommt. Entscheidend ist: Er hat sich nicht an eine Regel gehalten, die man bescheuert finden darf, an die er sich aber – wenn er katholischer Priester sein will – zu halten hat: ohne Partner zu leben. Er, der gute Geistliche, wusste von der Regel, hat versprochen sie zu halten, hat (lange) vorgetäuscht, sie auch wirklich zu halten, hat sie aber nicht gehalten, hält sie nicht und will sie auch künftig nicht halten. Deshalb – und nur deshalb – wird er gefeuert. Er musste damit rechnen. So, wie auch der Fahrer eines moosgrünen Autos mit einem Bußgeldbescheid rechnen muss, wenn er mit 130 km/h durch eine geschlossene Ortschaft fährt. Auch silber-metallic bewahrt nicht vor dem Knöllchen.

Konzept: homophobe Katholiken

Ob er, der gute Geistliche, darauf besonders stolz sein sollte, seinen Arbeitgeber getäuscht zu haben, ob er das (einzige) Opfer in der Sache ist und der böse Vatikan der (einzige) Täter, ist die eine Frage, die man stellen kann. Nur cum oder schon propter – das ist die andere Frage, die man stellen muss. Es ist dies aber keine Frage, die man beantworten kann, wie es einem gerade opportun erscheint. Zum Beispiel, wenn man die Farbe rot nicht ausstehen kann. Oder den Vatikan gerne als das sähe, was er nicht ist: homophob. Oder, wenn man will, dass die geneigte Leserschaft denkt: “Ich wusste es: Die Polizei hat was gegen rote Autos!” An den Kommentaren gemessen, hat Tagesschau.de das Kampfziel in Sachen Desinformation für den Monat Oktober schon erreicht: Die Amtsenthebung wird als “Akt des homophoben Vatikan-Regimes” missverstanden, das Konzept des “homophoben Katholiken” konditioniert den Diskurs; der eigentliche Kausalzusammenhang spielt keine Rolle. Nicht auszudenken, wenn demnächst ein Priester sein Versprechen wegen einer Frau bricht! Dann wäre die Kirche am Ende auch noch heterophob! – Was? In einem solchen Fall wird gar nicht berichtet? Stimmt auch wieder.

 

Autor: Josef Bordat

Deutschlands freundliches Gesicht

Deutschland ist ein schönes, erstrebenswertes Land. Ein Land, das in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigt und dessen politische Führung dazu steht. So sehr unsere Bevölkerung auch mit sich ringt und diskutiert: unsere Offenheit wird in der Welt gesehen und gelobt. Ich bin stolz auf diese Offenheit. Darauf, dass wir nicht vergessen haben, wieviel wir selbst anderen verdanken. Doch gerade weil ich damit einverstanden bin, besorgt es mich zu sehen, wie immer wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird.

Zu oft wird vergessen, dass Freundlichkeit freundlich beantwortet werden muss, sonst hat sie kein langes Leben. Ein unfreundliches Deutschland aber wünscht sich niemand. Wir haben aus der Geschichte gelernt, dass es uns gut ansteht, zu helfen. Wir sollten darüber nicht vergessen zu lernen, dass Situationen kippen und Schlimmes hervorbringen können: auch das lehrt unsere Geschichte. Ein Mindestmaß an politischer Vorsicht mit uns selbst ist angebracht.

Daher halte ich es für fatal, wenn Politiker Mietern ihrer Gemeinde die Wohnung kündigen, um dort Flüchtlinge unterzubringen. Noch deutlicher kann man nicht sagen, dass die eigene Bevölkerung nicht mehr zur Aufgabe gehört, die man im Amtseid beschwor. Ebenso fatal ist es, wenn Frauen und Kinder sich in manchen Flüchtlingsheimen nachts nicht auf die Toilette trauen, aus Angst, vergewaltigt zu werden. Viele Frauen fragen sich, ob auch sie demnächst Angst haben müssen. Es ist fatal, wenn die Massenschlägereien zwischen Neuankömmlingen noch mehr Aufwand für uns zur Folge hat, für die Schläger jedoch meist nichts.

Wann, fragt sich mancher, wird endlich klar gemacht, was bei uns geht und was nicht. Wann wird klar, dass man sich auf mehr als auf Unterstützung einlässt, wenn man zu uns kommt. Wann wird das Bild, dass sich die Zuwanderer von uns machen, endlich vollständig: dass Deutschland erstrebenswert ist und dass man sich dort zu benehmen hat? Wer es als sein Recht ansieht, andere zu bedrohen, zu vergewaltigen oder an der Mitsprache zu hindern, ist hier falsch. Wie kann sich jemand auf die Herkunft aus einem unsicheren Drittland berufen, wenn er genau diese Unsicherheit selbst verbreitet? Er schadet uns und allen, die nach ihm zu uns kommen wollen, denn er hat ihr Gesicht für uns geprägt. Das aber trägt zu einer allgemeinen Vorverurteilung bei, die bei uns niemals wieder siegen darf!

Stimmungen dieser Art sind politisch ernst zu nehmen. Nicht der Umfrageergebnisse wegen, sondern weil diese Stimmungen Kraft haben und uns prägen können, wie wir es nicht wollen. Zu oft wird vergessen, dass es bei Sorgen erst einmal darum geht, dass sie existieren, nicht, ob sie berechtigt bzw. opportun sind.

Ein solches Thema ist schwer zu behandeln. Ich tue es nicht, um einer Stoppt-die-Flüchtlinge-vor-unseren-Grenzen-Mentalität das Wort zu reden – im Gegenteil. Es geht darum, unserem freundlichen Gesicht den nötigen Charakter zu geben. Es sollte das Gesicht eines Freundes mit Niveau und Lebensart sein, der weiß, was er will, und es von seinen Mitmenschen erwartet. Nicht das Gesicht eines grinsenden und zu allem nickenden Trottels, der irgendwann wieder den rechten Arm hebt, weil er vor sich selbst erschrickt.

Autor: Bastian Volkamer

Heimat – Christliche Willkommenskultur

Ich weiß nicht, wann die ARD sich entschlossen hat, eine Themenwoche zum Begriff der „Heimat“ zu veranstalten. Mit Sicherheit stand jedoch von Beginn an im Raum, diese möge zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit stattfinden, anlässlich der deutschen Heimatsuche, die im Sommer 1989 begann, als Flüchtlinge aus der DDR über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik kamen. Jetzt kommen wieder Menschen über Ungarn und Österreich zu uns, die auf der Flucht sind, vor Krieg, Verfolgung und Armut, vor allem aber vor der Perspektivlosigkeit daheim. Das ist die Klammer, die Vergangenheit und Gegenwart zusammenhält.

Heimat ist der Inbegriff für Geborgenheit, Sicherheit und Gewissheit – und damit so etwas wie das Gegenteil von Perspektivlosigkeit. Heimat steht für die Verwurzelung im wohldefinierten lebensweltlichen Kontext, für familiäre und freundschaftliche Beziehungen und für ein bekanntes soziales wie kulturelles Umfeld. Wie dramatisch ist es, einen solchen Ort wie die Heimat aufgeben zu müssen – freiwillig tut das niemand, der noch einen Funken an Hoffnung hat. Ist auch der erloschen – nichts wie weg!

Der christliche Glaube vermittelt ein Heimatgefühl

Eine christliche Willkommenskultur für Flüchtlinge öffnet ihnen die Tore, ausgehend von einem Heimatbegriff, der von einem geschlossenen, räumlichen Verständnis zu einer Haltung der Offenheit wird, die ein Konzept von Heimat als Gefühl ermöglicht, als Ahnung eines Eu-Topos, der nicht an einen Topos gebunden ist, der aber auch keine Utopie bleibt. Es ist eine Haltung, in der es oberstes Prinzip ist, geistige Beheimatung zu schaffen – soweit dies nur irgend möglich ist. Es ist mithin eine Haltung des christlichen Glaubens, die möglichst vielen Menschen das Gefühl zu vermitteln versucht, eine Heimat zu haben – auch jenseits der Heimat.

Kann das gelingen? Das gilt natürlich vor allem im Umgang mit diejenigen Migranten, die bereits in unserem Glauben verwurzelt sind, zum Teil viel tiefer als wir selbst. Das gilt für die Opfer der Christenverfolgung, für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien, aus Ägypten und aus dem Irak. Hier ist die geistige Heimat ja grundsätzlich die gleiche, wir können – mal abgesehen von Sprachbarrieren – unmittelbar in Beziehung treten: Gemeinsam Gottesdienst feiern, zusammen beten. Das schafft Nähe, das schafft Vertrautheit, das schafft Ausgangspunkte für weitere Schritte.

Analoges ließe sich über muslimische Migranten und Moschee-Gemeinden sagen: Diese sind bevorzugte Anlaufstellen für jene. Nur ist es eben so, dass die Verzahnung der islamischen Strukturen mit dem gesellschaftlichen Leben nicht so gegeben ist wie bei der Kirche. Zum Sonntagsgottesdienst kommen auch Kommunalpolitiker und lokale Unternehmer, mit denen gleich Kontakte entstehen, die über die Ebene des praktizierten Glaubens hinausgehen und weitreichende Integration ermöglichen. Bei Muslimen besteht ganz im Gegenteil die Gefahr weiterer Segregation, insoweit sie dazu neigen, sich in die bestehende Parallelgesellschaft zu integrieren und damit den Graben zur Mehrheitsgesellschaft zu vertiefen.

Es gibt eine Bringschuld der Neuankömmlinge

Das muss eine christliche Willkommenskultur verhindern. Bloß: Wie? Fest steht: Ohne die Unterstützung geteilten Glaubens müssen in Sachen „geistige Beheimatung“ viel kleinere Brötchen gebacken werden. Hier geht es zunächst um die Anerkennung von Grundregeln des Zusammenlebens – das ist eine nicht verhandelbare Bringschuld der Neuankömmlinge. Sie kann auch der Muslima, dem Muslim nicht erlassen werden, auch, wenn diese Regeln ihr und ihm fremd sind, weil sie sich einer aus dem christlichen Glauben gewonnenen Moral verdanken. Diese Genesis darf die unbedingte Geltung des Regelwerks nicht schwächen.

Das christliche Menschenbild ist nun einmal biblisch, hält aber universale Ideen vor (Würde, Freiheit, Gleichberechtigung), die nicht abgelehnt werden dürfen, bloß weil sie dem biblisch-christlichen Menschenbild entstammen und sich historisch aus dem Beitrag des Christentums zu Recht und Politik entwickelt haben. Wer damit nicht klar kommt, kann nicht hier bleiben. Er muss gehen. Schon aus Eigeninteresse: Denn unsere Heimat kann ja dann für ihn kein Eu-Topos, kein guter Ort sein.

Wenn das geklärt ist, kann es auch im Umgang mit einem Menschen muslimischen Glaubens geistige Beheimatung geben – durch offenen und konstruktiven Austausch. Geistige Heimat findet der Mensch zwar zunächst einmal dort, wo er mit Anderen Ideen und Konzepte teilt und sich mit ihnen in der Sache einig ist, aber auch dort, wo er eingeladen ist, daran mitzuwirken, dass man sich einig wird oder einig zu werden versucht. Wenn das von beiden Seiten in ehrlicher und offener Weise geschieht, können auch Unterschiede im religiösen Glauben überwunden werden.

Stattfinden kann der Dialog aber nur in den engen Grenzen einer beiderseitigen Anerkennung der Bedeutung dieser Unterschiede einerseits und der Verfahrensregeln andererseits. Aufgabe einer christlichen Willkommenskultur ist es dabei, vorbehaltlos auf den einzelnen Flüchtling zuzugehen, auch, wenn dieser einen anderen Glauben hat, zugleich aber die Anerkennung von Grundregeln einzufordern. Nicht auf der Sachebene, sondern auf der Metaebene braucht es eine gemeinsame Heimat, getragen von Gewaltlosigkeit, Gleichberechtigung und Gesprächsorientierung.

Autor: Josef Bordat