Aus der „Pflicht“ gestohlen …

Weil 2014 ein paar Kinder mehr geboren wurden, hatten sich diesen Sommer Familienministerium und Medien in einem „Baby-Boom“-Jubel geradezu überschlagen. Zumindest in solcher Ausdrucksweise verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auch 2014 die Lücke zwischen Gestorbenen und Lebendgeborenen nicht wirklich nennenswert geschlossen werden konnte. 2014 sind in Deutschland 153.000 Menschen mehr gestorben, als geboren wurden. Unter einem Boom versteh ich etwas anderes. Da vermutet man eigentlich etwas Wachsendes. In Wirklichkeit schrumpfen wir nach wie vor rapide. Eine aktuelle Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes zur Berechnung der Geburtenziffer wird dann auch deutlich zurückhaltender aufgenommen. Der leichte Anstieg der Geburtenziffer je Frau von 1,39 (2011) auf 1,42 (2013) beruht tatsächlich auch nur auf einer Korrektur im Bevölkerungsbestand. Die Frauen haben nur „rein statistisch“ mehr Kinder bekommen.

Irritierend, dass unser Gemeinwesen sich nun seit Jahrzehnten selbst dezimiert. Bereits seit Anfang der Siebzigerjahre kommen je Frau weniger als zwei Kinder auf die Welt. Seit Anfang der Siebzigerjahre sind immer weniger Eltern bereit, die Verantwortung dafür zu tragen, das Leben, das man selbst geschenkt bekommen hat, an künftige Generationen weiterzugeben. Erhebliche Teile der Gesellschaft scheinen sich sukzessive aus der Pflicht zu stehlen.

Kinder-Kriegen gehört zu den „schönen Pflichten“ …

Wird man sich heute einer Pflicht bewusst, unterscheidet man gerne zwischen leidigen und schönen. Zu den leidigen Pflichten zählen Kompost-Rausbringen, Abspülen, Buchhaltung oder Hausaufgaben in Kunst. Bei den schönen Pflichten geht es zum Beispiel darum, ein Bankett zu eröffnen, einen Gewinner benachrichtigen zu dürfen, als Brotzeitholer dran zu sein oder mit dem Hund rausgehen zu müssen, wenn zu Hause dicke Luft herrscht. Für die leidigen Pflichten genügt offenbar schon ein Wort und jeder weiß: genau, das ist öd und nervt – aber hilft ja nichts, erledigt werden muss es doch. Die schönen Pflichten scheinen da komplexer. Außerdem kommen die leidigen Pflichten sehr oft als unausweichliche Wiedergänger daher, meistens sind es wahre Sisyphosarbeiten. Die schönen Pflichten sind rarer, manchmal so gar einzigartig. In diesem Sinne gehört das Kinder-Kriegen jedenfalls zu den schönen Pflichten.

Inzwischen dürfte die Entrüstung bei so manchem Leser hinlänglich hochgekocht sein: Was soll das denn eigentlich heißen, Kinder-Kriegen eine Pflicht? Überhaupt, Pflicht – Gleichschritt und Achtung und Stellung und auf und nieder –, das hatten wir doch endlich überwunden, oder? Das heißt dann jetzt wohl, dass Kinder-Kriegen befohlen wird?! Rührt euch, wegtreten zu Reproduktion.

Flicht man die „Pflicht zum Kinder-Kriegen“ in Gespräche ein, löst das schnell einmal Mutterkreuz-Assoziationen aus – man kann damit problemlos Freundschaften auf eine arge Probe stellen. Krude Denke. Totalitarismus. Unfreiheit. Solche Schubladen werden da leicht für einen aufgemacht. Jedoch, nichts liegt mehr ferner. Wobei zugegebenermaßen, was die Unfreiheit betrifft, ein Körnchen Wahrheit darin steckt. Denn tatsächlich kann auch in einer freien Gesellschaft die Freiheit nicht grenzenlos sein (selbst Reinhard Mey vermutete das erst über den Wolken).

… oder ist es doch eher „Verantwortung übernehmen“?

Pflicht heißt, dass es jemand machen muss, weil es sonst nicht geschieht. Wenn man etwas will, muss sich einer darum kümmern. Der ist dann in der Pflicht. Unaufregender könnte man auch „in der Verantwortung“ sagen, wobei mit solcher Wortwahl auch Verbindlichkeit verloren geht, was ich hier gerade vermeiden wollte. Also Pflicht. Was heißt das fürs Kinder-Kriegen? Wenn man als ein Gemeinwesen fortbestehen will, ergo Kinder bekommen möchte, müssen sich Mitglieder des Gemeinwesens dafür in die Pflicht nehmen lassen.

Das ist noch eher banal, weil ja schwer zu leugnen ist, dass Kinder vor dem Gebären gezeugt werden müssen. Kniffelig wird es erst, bei den beiden Fragen, die sich unmittelbar daraus ergeben: Muss man Kinder bekommen/gebären/zeugen wollen? Und: Wer genau sollte sich da verpflichtet fühlen?

Für beide Fragen möchte ich Immanuel Kant in den Zeugenstand rufen. Erstens: Muss man wollen? Kants kategorischer Imperativ lautet, stets nach der Maxime zu handeln, die man auch als eine allgemeingültige Regel akzeptieren würde. Nachdem Schwangerschaft und Geburt heute größtenteils von uns bestimmt werden können, sollte man sich also auch dahingehend nicht nur über seine Handlungen, sondern ebenso über seine Handlungsmaximen Gedanken machen. Man könnte dabei natürlich für Laissez-Faire plädieren, jeder soll nach seiner Facon glücklich werden, mit oder ohne Kinder. Das darf auch ruhig als allgemeine Regel gelten, könnte man sagen. Und genau da ist man dann Schelm. Denn natürlich soll diese Regel ganz allgemein erst jetzt und in der Zukunft gelten, nicht aber für die Vergangenheit. In dieser Regel versteht man sich ganz selbstverständlich nur als Subjekt, nicht als Objekt. Glück gehabt, dass nicht schon die Elterngeneration auf solche Ideen gekommen ist, denn dann würde es ja heute einige Millionen Staatsbürger weniger geben und wer weiß, ob man dann unter den Geborenen gewesen wäre.

Einer von uns wäre „auf der Strecke“ geblieben

Freilich ist dieses Gedankenspiel mit der Vergangenheit nicht ganz fair, denn tatsächlich gab es damals deutlich weniger Möglichkeiten das Kinder-Kriegen zu vermeiden. Aber nehmen wir einmal an, wir wären unsere eigene künftige Generation. Gäbe es uns dann? Ich wurde 1966 unehelich von einem Luftikus, den ich bis heute nicht kenne, gezeugt, meine Frau entsprang ein Jahr später der Liebe einer 20-jährigen Bedienung mit einem kaum älteren Studenten. Nach den heutigen Handlungsmaximen wäre wohl mindestens einer von uns beiden auf der Strecke geblieben. Ich lebe gerne und liebe meine Frau, welche andere Richtschnur als, wenn möglich, wieder Leben zu schenken, könnte einem da einfallen?

Zweitens: Wer muss? Die Antwort vorweg: Jeder, der kann. Für Kant hat Pflicht nichts mit Untertänigkeit zu tun. Pflicht ist Selbstverpflichtung. Der mündige Bürger verpflichtet sich aufgrund vernünftiger Erwägungen über die gesellschaftliche Notwendigkeit selbst zum Handeln oder Unterlassen. Nachdem unmöglich alles reglementierbar ist, kann überhaupt nur so ein Gemeinwesen funktionieren. Und es funktioniert eben auch nur, wenn sich alle halbwegs daran halten. Bei der Steuerpflicht respektive der Steuerhinterziehung leuchtet das unmittelbar ein. Beim Kinder-Kriegen ist es nichts anderes, weil – zumindest bisher – jedes menschliche Gemeinwesen unmittelbar auf einen Generationenvertrag baut. Das braucht man nun nicht unbedingt als eine kategorische, absolute Pflicht jedermanns zum Kinder-Kriegen verstehen. Aber doch als ein gewichtiges moralisches Argument. Kant versteht den nötigen Gemeinsinn als ein Beurteilungsvermögen, „welches in seiner Reflexion auf die Vorstellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht nimmt“. Man soll es im Kopf haben, dass man müsste. Dann braucht es im inneren Zwiespalt schon schwerwiegendere Gegenargumente als individuelle Selbstverwirklichung.

Machen Sie sich Gedanken darüber

Wenn Sie also für heute schon alle leidigen Pflichten erledigt haben, sollten Sie sich einmal über die schönen Pflichten Gedanken machen. Denn das dürfte wohl der entscheidende Aspekt bei der ganzen Sache sein: Dass man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen, statt die Dinge einfach laufen zu lassen oder gar die Gedanken zu verdrängen, nur weil es keine einfachen Überlegungen sind. Und weil man fürchtet, dass man sich vielleicht, recht bedacht, selbst in die Pflicht nehmen müsste.

Autor: Gerd Maas

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