Aus der Finsternis zum Licht

Gesellschaftlich eigentlich notwendige Debatten münden heutzutage oft in Hysterie. Dann zeigt sich wieder, wie erschreckend wenig wir Menschen kulturelle Entwicklungen verinnerlicht haben. Wie oft hören wir auf den Höhepunkten solcher entgleisten Diskussionen: „Das ist aber finsteres Mittelalter“.

Was ist damit gemeint? Oft wird dieses „Argument“ genutzt, um jemanden aus dem Gespräch auszuschließen. Da scheint ja jemand zu sein, der sich „überkommener Methoden“ bedient. Konkreter wird das, wenn die Begriffe „Inquisition“, „Pranger“, „Scheiterhaufen“ oder auch „Scharfrichter“ fallen. Das betrifft uns heutigen selbstverständlich nicht. Wir alle sind friedliebende, konsensorientierte und tolerante Menschen. Per se.

Heute sind wir natürlich zivilisatorisch und menschlich viel weiter als das „finstere Mittelalter“. Wir benötigen keine „Inquisition“, keine geregelten und kodifizierten Verfahrensvorschriften mehr. Ein einmal ausgemachter Übeltäter wird durch bestimmte Triggerbegriffe „markiert“. Dann darf sich jeder ungestraft an ihm abarbeiten. Ob der vermeintliche Übeltäter bei ruhiger Betrachtung tatsächlich einer „Übeltat“ überführt werden kann, ist nachrangig.

Je mehr Widerstand desto schöner für den Mob

Die Hatz dauert so lange, bis das „Edelwild“ zur Strecke gebracht wurde. Dann wird triumphierend noch einmal auf das am Boden liegende „Luder“ eingetreten und verächtlich ausgespuckt, Je mehr Widerstand der Gehetzte zeigt, je länger er widersteht und sich einfach nicht zur Strecke bringen lassen will, umso größer der Lustgewinn des Mobs, das kollektiv befriedigte Aufstöhnen, wenn es endlich vollbracht ist. Und derjenige, der dem Fliehenden den finalen Stoß in den Nacken gab, heftet sich stolz den Skalp an den Gürtel und stakst breitbeinig in den Sonnenuntergang …

Mit den Mitteln einer stringent angewandten „Inquisition“ hätte der gehetzte Mensch zumindest noch eine Chance auf ein geregeltes Verfahren und eventuell auf Entlastung gehabt. Nicht umsonst versuchten „weltliche Gefangene“ aus den Kerkern der öffentlichen und willkürlichen Strafverfolgung zu entkommen und der Inquisition überstellt zu werden. Aber wen interessieren schon solche Fakten, wenn er sein „aufgeklärtes Handeln“ im bergenden Schatten eines geifernden Mobs, eines fulminanten Shitstorms austoben darf? Ganz besonders zu beglückwünschen sind natürlich solche, die entweder als kleine Mitarbeiter in Redaktionsstuben oder gar an den Schaltstellen der Verlage und mit Kontakten zur Macht versehen sind: Deren täglichen Jagden haben beinahe schon sakralen Charakter, werden vor großem Publikum zelebriert und sorgen für ein gerüttet Maß an Selbstbeweihräucherung.

Egal ob schuldig oder nicht, die Karriere wird zerstört

Pranger sind übrigens out. Das war alles „Mittelalter“ und wir sind heute „zivilisiert“. Wir stellen niemanden mehr gefesselt an eine Säule auf den Marktplatz und geben ihn der sozialen Ächtung, dem Spott und Hohn des „gemeinen Volkes“ preis. Wir sind gesittet. Alles andere wäre archaisch. Wir führen niemanden in Halseisen durch die Menge.

Wir nutzen heute Print, Fernsehen, Radio und „Soziale Medien“, verfassen Konjunktivbeiträge die auf Hören-Sagen basieren. Wir lassen dann unter Umkehrung der Unschuldsvermutung und des zwingenden Schuldbeweises den Angeschuldigten öffentlich versuchen, sich von den Anwürfen reinzuwaschen. Zwingend aber ist, dass die Beschuldigten erst mal alle öffentlichen Ämter zumindest ruhen lassen oder gar niederlegen. Am besten ist es, wenn er oder sie eine hoffnungsvolle politische Karriere beenden darf, um sich voll und ganz darauf zu konzentrieren, die Unschuld zu beweisen.

Währenddessen erfährt das geneigte Publikum scheibchenweise alle paar Tage weitere vermeintliche Details – vorzugsweise aus dem Privatleben – der eventuell zu verurteilenden Person. Als Referenzen dienen da ehemalige Mitarbeiter, Kollegen, Mitbewerber, ja offen erkennbare Neider und Feinde. Der öffentlich unter Rechtfertigungsdruck gebrachte muss bei einer so kräftig sprudelnden Quellenlage selbstverständlich nicht auch noch selbst zu Wort kommen. Hat die Meute Blut geleckt, dann beginnt das gemeinsame Verbellen: Fängt einer an zu kläffen, machen alle mit. Und das unabhängig davon, ob sie eine tatsächlich heiße Spur aufgenommen haben oder einfach nur Nachkläffen. Hauptsache Lärm und jagdliches Treiben. Das hält den Adrenalinspiegel so schön hoch. In Redaktionen steigert das die Effizienz, lässt es sich doch durch einfaches „C & P“, Kopieren und Einfügen erreichen. Wer will sich schon mit Arbeit belasten, wenn es gerade am schönsten ist?

Nein, einen Pranger haben wir glücklicherweise nicht mehr!

Und Scheiterhaufen haben wir auch nicht mehr. Und das ist auch gut so. Das war ja auch barbarisch, wenn ein Mensch bei lebendigem Leib zur Freude eines johlenden Mobs durch Feuer vom Leben zum Tod gebracht wurde. Heute machen wir das nicht mehr.

Heute verliert man vielleicht mal einen Job weil man nicht genehme Ansichten zum Besuch einer Verpartnerung homosexueller Mitmenschen hat, man trägt ein falsches T-Shirt und darf dann nicht mehr Bus fahren. Es kann auch sein, dass eine „abweichende Sicht der politischen Lage“ dazu führt dass Autos abgefackelt oder Häuser mit Farbe „verschönert“ werden. Christlich lebenden Mitmenschen flattern eine E-Mails ins Postfach, in der mit Gewalt gegen sie, ihre Angehörigen und Mitbewohner des Hauses gedroht wird. Das sind alles Lappalien und zivilisierte Umgangsformen im Vergleich zum Scheiterhaufen.

Heute werden Schnipsel von Telefonmitschnitten weit gestreut in die Öffentlichkeit gebracht. Da werden Fakten so lange nicht oder nur halb gebracht, bis das Ziel erreicht, der Präsident „verbrannt“ und das Ego des Chefredakteurs vollauf befriedigt ist. Dreizehn Jahre hat es gedauert, bis ein derart von den Medien auf den Scheiterhaufen Gestellter vor einem weltlichen Gericht letzten Endes von allen Vorwürfen frei gesprochen wurde: Die politische Laufbahn war beendet, die Politik des Bundeslandes wurde maßgeblich und unwiderruflich ruiniert, der Mensch erfuhr soziale Ächtung, die Freunde und Bekannten sowie loyale Mitarbeiter mussten aufpassen, öffentlich nicht in „Sippenhaft“ genommen zu werden. Der soziale und berufliche „Tod“ gilt als weitaus humaner und fortschrittlicher, zivilisierter als der physische.

Wir benutzen weder Schwert noch Axt, um uns unserer Köpfe zu entledigen

Wir haben dankenswerterweise auch keine Scharfrichter mehr. Hier wird niemand mehr mit dem Schwert oder der Axt um Kopf und Leben gebracht. Wir gehen manierlich miteinander um. Wir verfassen Bücher und Gesinnungsaufsätze. Da warnen wir vor den Gefahren, die von Andersdenkenden ausgehen. Wir zeigen die Gefahren auf, die von manchen Mitbürgern ausgehen. Unbeleckt von Sach- und Fachwissen benennen wir heute schon Ansätze extremistischer Denke, damit niemand sagen kann, wir hätten nicht gewarnt. So munitionieren wir moderne Hexenjagden auf. Wir liefern die Axt auf Papier, das Schwert zum download oder die gesellschaftliche Vergrämung in den Sozialen Medien. Wir liefern uns finale Bereinigungen der „Freundeslisten“ und beobachten genau, wer sich dem Diktat der Umgangshygiene nicht beugen mag.

Der Ton ist wichtiger als der Inhalt

Wir tragen zum Twitterduell und spammen unliebsame Meinungen mit unserer einzig wahren Erkenntnis zu. Wichtiger als Argumente sind dabei der Tonfall und smilies. Der Inhalt wird zur Nebensache. Wir warten rechtsstaatliche Verfahren nicht mehr ab, wir untersuchen keine Fakten und wägen ab, wir töten nicht mehr durch Stahl und Feuer. Wir schaffen Tatsachen und fordern Konsequenzen selbst da, wo wir nicht mal sicher sein können, ob es die „Vorkommnisse“ in der Realität überhaupt und wenn, ob es sie so gab.

Wir haben das Mittelalter weit hinter uns gelassen, sind der Finsternis entsprungen und freuen uns an unserem hell strahlenden, zivilisierten, aufgeklärten und mitmenschlichen Umgang miteinander.

Autor: Dominik Ventus

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