Alle irgendwie Nazi …

Auf dem Weg in die totale Diskursverweigerung ist das Theaterstück FEAR an der Berliner Schaubühne nur trauriger Höhepunkt. Der Versuch, Gender-Kritik als rechtsradikal zu ächten, anstatt sie argumentativ gekonnt zu zerlegen beweist vor allem eines: Die Angst der Protagonisten vor dem Verlust ihrer Diskurshoheit.
151118autorenkarte_birgitBei allem, was man von dem Theaterstück FEAR von Falk Richter an der Berliner Schaubühne so liest, fehlt nur noch ein zünftiger Scheiterhaufen für das Grande Finale und damit wären wir alle zur Strecke gebracht. Aber wir sind ja nicht Hexen, wir sind stattdessen „Hässlichen Frauen“, was wohl der ursprüngliche Titel des Stücks sein sollte, der dann zugunsten der Angst weichen musste. Denn wer will sich schon allabendlich hässliche Frauen ansehen? Um es vorweg zu schicken, ich habe das Stück nicht gesehen, in dem ich selbst neben anderen Damen auf der Bühne mit ausgestochenen Augen auf einer Pappfigur klebe. Wo ich unter die Erde gebracht werden soll, weil ich ein Zombie sei, der reaktionäres Gedankengut gerade wieder in die Welt trägt. Wo erörtert wird, wie man mich und die anderen am besten wegmacht und klar, Zombies muss man zwischen die Augen schießen, direkt ins Gehirn. Nein ich bin nicht extra nach Berlin gereist um mir dann für 40 Euro Eintritt anzusehen, was Kunst so alles darf. Oder gar Satire.

Aus Gewaltaufrufen wird Kunst oder zur Not Satire

Ja wirklich, nachdem nun bereits zwei Autos angezündet wurden, das der „Zombies“ von Storch und von  Beverfoerde, entblödet sich die Schaubühne nicht, den allabendlichen Gewaltexzess auf der eigenen Bühne als Satire zu bezeichnen.  Ich habe keine Zeit für neue Satire-Formen, denn anders als staatlich alimentierte Schauspieltrüppchen, muss ich meinen Lebensunterhalt mit echter Arbeit verdienen. Ein kompletter Tonmitschnitt, verschiedene Augenzeugenberichte und Theaterkritiken reichen mir aber für die Frage: Was soll an diesem Stück eigentlich innovativ sein? Gender-Kritik als rechtsradikal abzustempeln ist nun wirklich nichts Neues. Da muss der kleine Falk sich schon in einer langen Liste ganz unten eintragen.

Das kriegt doch sogar die Katholische Kirche inzwischen hin. Ja wirklich, in einem Flyer der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle, der „sachlich und konstruktiv“ über Gender aufklären will, schafft es der Rechtspopulismus-Vorwurf an die Kritiker direkt in die erste Zeile. Nicht dass ein Leser auf die Idee kommen sollte, das neutral zu lesen. Und auch dies Pamphlet steht nur ganz kurz über Theater-Satiriker Falk Richter auf der langen Liste. Der Nordic-Council der Antifeminismus unter Strafe stellen will, diverse Bemühungen im EU-Parlament, Gender-Kritik im Zuge der Antidiskriminierungs-Gesetze auf eine Stufe mit Rassismus zu setzen. Meine Lieblingstheologin Jansen vom Gender-Zentrum der EKD, Nachwuchs-Feminist_*In Wizorek, Volker Beckchen, Spiegel-Kolumnisten, um nur einige zu nennen. Alle eint, dass sie argumentativ nicht einmal herleiten können, was sie propagieren. Wozu begründen, wenn man auch einfach behaupten kann?

Stattdessen faselt man vereint von vermeintlichen „Ängsten“ und „Vorurteilen“ bei Gender-Kritikern. Von unserer angeblichen Angst vor der Veränderung des Status Quo, vor unserer eigenen Sexualität, vor allem Fremden, vor allem Neuen. Es ist wohl ein ständiger Affront, dass sich eine breite Masse der Menschen in der angeblich unterdrückenden „Zwangsheteronormativität“ gemütlich eingerichtet hat und gar nicht mitarbeiten will an der eigenen Befreiung aus der selbst verschuldeten sexuellen Unmündigkeit.

Nichts scheint die Queerfront mehr in Aufruhr zu versetzen, als das Beharren von uns „hässlichen Frauen“ auf unserer nichtproblematisierten Weiblichkeit. Als das Beharren auf das weltweite Erfolgsmodell Vater-Mutter-Kind. Als das Beharren auf biologische Fakten.

Zweigeschlechtlichkeit sei eine Erfindung der Nationalsozialisten

Aber immer noch wird nicht klar, was genau hat Gender-Kritik mit Nazis zu tun? Meine Vermutung ist ja, dass Falk Richter regelmäßiger Leser des evangelischen  Magazins Chrismon sein muss. Wirklich, es kann nicht anders sein. Dort ist der finale Gender-Kritik-Nazi-Beweis nämlich dokumentiert und wird seither konsequent von evangelischen Betroffenheits-Theologinnen  und queer-veganen Großstadt-Hippsterinnen weitergereicht. Ein gewisser Soziologe Voß gab dort zum Besten, die weitgehend klare biologische Zweiteilung der Geschlechter in Mann und Frau sei eine Theorie der Nazis. Bis in die 1920er Jahre habe man von Geschlechtervielfalt gesprochen. Ja und da fiel es mir auch selbst wie Schuppen von den Augen. Mensch, logisch. Die Herren Nazis waren das mit der Zwangsheteronormativität.

Voß ist auch Biologe, aber kein Theologe, sonst wäre ihm aufgefallen, dass schon in der Bibel das Unheil seinen Lauf nahm. Gleich im Buch Genesis, als Gott gänzlich genderunsensibel und gar nicht queer-vegan den Menschen als Frau und Mann schuf. Gott war der erste Nazi! Wäre Falk Richter konsequent, dann müsste er Gott gemeinsam mit uns „hässlichen Frauen“  mit auf seinen Bühnen-Pranger stellen. Zumindest den christlichen Gott, mit Allah wäre ich da doch ein bisschen vorsichtiger. Aber das weiß der Falk selbst. Deswegen legt er sich ja auch wie all die anderen nur mit vermeintlich einfachen Opfern an und lässt den ganzen Spaß unter den Tisch fallen, den wir an der Gender-Front haben könnten, wenn der Islam endlich zu Deutschland gehört. Stattdessen werden nur die Konterfeis von Beate Zschäpe und Anders Breivik unter uns „hässliche Frauen“ gemischt, damit es noch ein bisschen deutlicher wird. Pfui, alles Nazis. Weg mit denen, alles braune Soße, alle in einen Sack und draufhauen. Ja, das ist mal wirklich eine differenzierte Darstellung der Thematik und argumentativ kaum mehr zu toppen.

Gewalt und Hass zur „Verteidigung“ der Demokratie?

Der Regisseur_In Falk gibt an, sich in seinem Bühnenstück mit dem Hass der anderen auseinander gesetzt zu haben. Persönlich würde mich interessieren, welchen von mir wo geäußerten Satz man auch nur ansatzweise als Hass definieren könnte, da warte ich noch gespannt auf einen Hinweis. Im Interview mit der Berliner Morgenpost sagt er jedenfalls, er habe das Gefühl,  das Stück träfe einen derzeit sehr empfindlichen Nerv und er stellt die Frage: „Wie verteidigen wir die Demokratie und die Freiheit gegen diese neuen rechten anti-demokratischen Strömungen?“

Nun will ich ja nicht kleinlich sein, aber unter die Erde bringen, wegmachen und zwischen die Augen schießen, was auf Falks Bühne die Lösung des Problems der Kelle & Co. Zombies darstellt, ist nicht ganz demokratisch und rechtsstaatlich.  Es ist auch kein Diskurs, an dem ist ja auch Falk Richter nicht interessiert. Er will ja nicht reden, argumentieren, um Lösungen ringen oder gar Meinungen austauschen. Wozu auch, er hat ja die Lösung, die sich schon im alten Rom an Beliebtheit erfreute: Besser man köpft die Überbringer der Nachricht.
Am Ende begrünen die Großstadthippster ihre Bühne mit selbstangebautem Gemüse. „Urban Gardening“ gegen rechts. Und so bleibt dies Theaterstück vor allem eines: Ein Zeitdokument der totalen geistigen Kapitulation. Eine queer-vegane Gruppentherapie, nur ohne Stuhlkreis, stattdessen mit Bühne.

Autorin: Birgit Kelle

Posted in Feuilleton, Gesellschaft, Politik.