Denunzieren leicht gemacht – eine Handreichung

Im Moment fliegt wieder viel Aufregung und Empörung durchs Netz. Ich will das nicht abtun oder mich lustig machen – ich bemerke nur, dass ich mich seit einer Weile nur noch selten mit-empöre oder mit-aufrege. Ein wenig gibt mir das zu denken: Bin ich schon so abgeklärt, dass mich alles kalt lässt? Oder gibt es einfach derzeit zu viel Empörendes, und irgendwann fehlt halt die Kraft, sich weiter als HB-Männchen unter der Decke zu halten? Oder ist es die Weisheit des „Alters“, die zur Einsicht führt, dass nicht jede durchs Netz fegende Empörungswelle den Aufwand auch wirklich lohnt?

Heute un-empöre ich mich jedenfalls einmal über eine Broschüre mit dem Namen

„Hetze gegen Flüchtlinge in sozialen Medien – Handlungsempfehlungen“

herausgegeben von einer gewissen „Amadeu Antonio Stiftung“ unter Förderung des Bundesministeriums für Gedöns (würde jedenfalls ein ehemaliger Kanzler sagen)

Seit gestern gibt es so einige Links zu Artikeln und Blogbeiträgen, die sich damit beschäftigten. Ich habe sie nicht gelesen – mir hat einfach über Tag die Zeit dazu gefehlt, und heute Abend habe ich mir gesagt:
„Dann lies doch lieber gleich die Broschüre und schau‘, was du davon hältst.“

Das habe ich nun auch getan.

Mein erster Gedanke war – ja, sorry, hier stehe ich; ich kann nicht anders! – dass ich den Leuten gerne mal eine Reihe Kommas schenken möchte:

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Ganz offensichtlich herrscht daran dort im Schreibbüro ein gewisser Mangel.

Naja, aber nun im Ernst.

Begriffsprobleme

Ich beginne also – ganz unvoreingenommen, denn ei-gent-lich ist eine Broschüre über „rechte Hetze“ im Netz ja mal keine schlechte Idee – mit dem Lesen. Und stutze: Da wird gleich im ersten Satz das Wort „Flüchtlinge“ mit einem „*“ versehen. Ich suche die zugehörige Fußnote. Dort steht:

„*Hinweis: Der Begriff »Flüchtlinge« ist umstritten und aus verschiedenen Gründen problematisch. Wir haben uns aus Zugänglichkeitsgründen für diese Broschüre dennoch dazu entschieden, den Begriff zu verwenden.“

Der Begriff Flüchtling ist „umstritten“? Seit wann denn das? Ist das jetzt schon „rechts“? Oder politisch unkorrekt? Wieso? Ein Mensch, der aus seiner Heimat fliehen muss, ist doch ein Flüchtling. Was soll das? In meiner Familie gab es vor über 70 Jahren auch Flüchtlinge. Darf ich die jetzt auch nicht mehr so nennen? Fängt ja gut an.

Schlechter Start – aber bitte objektiv bleiben. Überlesen wir mal die politisch korrekten „Benutzer_innen“ und machen weiter.

Einleitend

…wird mir erklärt, dass die Broschüre sich mit rechter Hetze im Netz beschäftigt: „rassistische und flüchtlingsfeindliche Aussagen und Kommentare“, und wie man mit ihnen umgeht.

Das ist per se nicht schlecht, auch wenn man sich fragen mag, ob es dazu wirklich eine Anleitungsbroschüre braucht.  Brauche ich – braucht irgendjemand – wirklich die Anleitung, dass und wie man Nazisymbole und -parolen, oder bösartige Flüchtlingsrhetorik, beim jeweiligen Netzwerk melden und schlimmstenfalls zur Anzeige bringen kann?

Naja, sei’s drum.

Hetze erkennen

Ja, wie – echt jetzt? Ihr wollt mir beibringen, wie ich rassistische und/oder fremdenfeindliche Hetze erkenne? Also, ich meine, nicht nur mir, sondern der ganzen Netz-Gemeinde? Also, sozusagen uns Dummerchen, die es ohne euch gar nicht bemerken, wenn sie in eine Horde Nazis geraten sind?

So ganz will mir das gerade nicht gefallen. Wieso eigentlich? Hm… ich glaube, weil ich mir/uns durchaus ein gesundes Grundempfinden zutraue, was den Begriff „Hetze“ angeht. Wenn „man“ stattdessen meint, mir durch Aufzählungen erklären zu müssen, was ich bitteschön alles darunter einzustufen und anzuzeigen habe, dann fühle ich mich… manipuliert.

Die aufgezeigten „Erkennungsmerkmale“ rassistischer Hetze beginnen mit dem Punkt

„Gegenüberstellung »Wir« und »Die«“

Weiter ausgeführt wird dieser Punkt nicht.

„Wir“ Nicht-Flüchtlinge vs. „Die“ Flüchtlinge?

Ehrlich jetzt? Das reicht schon, um unter rassistische Hetze zu fallen?

„Ach.“, sagt Loriot. Und wir belassen es dabei.

Um das klarzustellen: Ich behaupte nicht, die gesamte Auflistung sei eine Albernheit. Aber ich behaupte: Um jene Punkte, die tatschlich klar unter „Hetze“ gegen wen auch immer fallen, als solche einzustufen, hätte ich keiner Broschüre bedurft.

Weiße, alte Männer

Schön finde ich es ja, nebenbei bemerkt, dass wir auch bei den Alltags-Rassist_innen bei der hübsch politisch-korrekten Schreibweise bleiben. Um es mal altmodisch auszudrücken: *rofl*

Ein Grinsen wird mir durch die Fortsetzung entlockt:

„Es sind laut unserer qualitativen Beobachtung Menschen aller Alters- und Bildungsschichten, beiderlei Geschlechts, auch mit Migrationshintergrund – mit einer leichten Verstärkung bei weißen, älteren Männern.“

Jawohl, grinsen. Und nun haltet mal hübsch die Luft an, alle eventuell hier mitlesenden Blockwarte, denn:

„qualitative Beobachtung“ steht da – ja, wie sah die denn aus? Das wird nirgends erklärt. War es eine offizielle Studie? In welchem Umfeld? Über welchen Zeitraum? Wie viele Beobachter haben denn beobachtet? Und worauf lag ihr Augenmerk? Und auf wem?

„Beobachtung“ mag ja stimmen, aber ob sie auch Qualität hatte, mag ich bezweifeln, denn warum sonst ließe man sie ohne jede Hintergrundinfo?

Und was sagt uns die „Beobachtung“ denn nun wirklich? Sie sagt: ALLE sind Rassisten, bzw. können Rassisten sein. Menschen jeden Alters, jeder Bildungsschicht, jeden Geschlechts, sogar jene, die selber Migrationshintergrund haben, können Rassisten sein. Nur bei den weißen, alten Männern, darunter gibt es noch ein paar Rassisten mehr (Ob das eine im Original US-amerikanische Studie war? Denn den KKK habe ich hier in Deutschland noch nicht reiten sehen.).

Fazit: Wir alle sind verdächtig.

Melden – Anzeigen – Blockieren

Anschließend wird explizit erklärt, wie man mit rassistischer Hetze im Netz umgeht.

Melden – beim sozialen Netzwerk. Gut. Wären wir aber auch selber drauf gekommen.

Strafanzeige stellen – es wird sogar ein Textvorschlag für die Anzeige gegeben.

Dabei wird der anzuzeigende Hetz-Text durch den Platzhalter »Laber Rhabarber, Laber Rhabarber« ersetzt – „Die machen Satire und merken es nicht mal“, denke ich beim Lesen.

Hetzer blockieren – sie also für sich selbst unsichtbar machen.

Äh, ja, genau – prima Idee. Hilft ungefähr so viel wie die Augen zukneifen, kurz bevor mir der Baum auf den Kopf fällt.

Strategien

Ei-gent-lich ja nicht schlecht: Der Rat, Hetze entgegenzutreten, durch Widerspruch und gute Argumente. Es kann nicht schlecht sein, in einer derartigen Broschüre einmal einige gute Fakten zu benennen (oder zu verlinken), die man (echter) rechter Hetze entgegenhalten kann, oder Gesprächstatktiken aufzuzeigen, wie man ihr begegnen kann (so sie sich denn nicht – wie bei linker Hetze inzwischen ja auch üblich – nur noch auf Niederschreien und -prügeln beschränkt).

Gut oder schlecht?

Könnte man also zusammenfassend sagen: Gute Idee – mittelmäßig durchgesetzt?

Nein, kann man nicht.

Warum?

Weil mein Bauchgrummeln leider jedes Lob über diese Broschüre übertönt.

Ich hatte es oben schon einmal geschrieben, und ich sage es hier noch mal: Ich fühle mich manipuliert.

Manipuliert in einer Weise, die mich zum Dauerdenunzianten machen soll.

Manipuliert, hinter jeder Wortwahl erst einmal den „Rechten“, den „Rechtspopulisten“, den „AfD-Anhänger“, den „Hetzer“, den „Dunkelkatholiken“, den „Ausländerhasser“ etc. zu suchen.

Manipuliert, mich selbst zu zensieren, aus Angst, in die „falsche Ecke“ gestellt zu werden, selbst wenn ich eine unwiderlegbare Tatsache ausspreche.

Der Ausdruck „Flüchtling“ hat bereits einen falschen Unterton, jedenfalls in den Ohren der Blockwarte. Jemand, der „Flüchtling“ schreibt, könnte dies mit abfälliger Betonung tun.

Die Benutzung des Wortes „Wirtschaftsflüchtling“ ist dagegen als klar rassistisch und „rechts“ einzustufen. Weil es eben eine Lüge ist, dass manche Menschen nicht vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland fliehen, sondern aus wirtschaftlicher Not.

Nein, halt, stopp: Natürlich ist das keine Lüge – man darf es nur einfach nicht sagen. Das ist ein Unterschied.

Ein Mythos ist dementsprechend auch das Bild des „übergriffigen Fremden“. Gemeint sind jene Flüchtlinge/Asylbewerber, die beim Anblick junger Frauen ihre Finger nicht bei sich behalten können. Die gibt es gar nicht. Das muss den Frauen aus der Kölner Silversternacht mal jemand sagen – ich wette, die wissen das noch gar nicht.

Die Broschüre arbeitet nach dem Prinzip

„Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“

Das ist heutzutage zum Gesamtprogramm geworden, und wer nicht mitmacht, der darf sich warm anziehen.

Sind das denn nun wirklich alles „Rechte“, „Nazis“, „AfDler“ etc., die von Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen reden, die Worte wie „Wir“ und „Die“ benutzen, oder die Übergriffe auf Frauen anprangern?

Ich kann nur für mich selbst sprechen:

Ein Flüchtling ist ein aus seiner Heimat geflohener Mensch. Punkt. Oder auch: Isso. An dem Wort ist nichts schlechtes oder verletzendes.

Ein Flüchtling, der nicht vor Krieg und Verfolgung geflohen und zu uns gekommen ist, sondern der aus wirtschaftlicher Not sein Land verlassen hat, auch, um sich ein besseres Leben (oder überhaupt ein Leben) aufzubauen, ist ein Wirtschaftsflüchtling.  Auch an diesem Ausdruck ist nichts abfälliges: Es ist eine Unterscheidung, und damit ein Fakt. Punkt.

Und es gibt Flüchtlinge bzw. Asylbewerber, die zu uns fliehen, aber nicht bereit sind, sich an unsere Gesetze zu halten. Sie machen nur einen kleinen Teil aller Flüchtlinge aus, aber es gibt sie. Das ist ein Fakt, der ausgesprochen werden darf, der aber eben nicht meint „ALLE Flüchtlinge sind…“.

Bin ich damit „rechts“? Wer mich kennt, weiß es besser.

Hasse ich Flüchtlinge? Auch hier: Wer mich kennt, weiß es besser.

Wenn es etwas gibt, das ich tatsächlich hasse, dann sind es die in ihre eigene Rechtschaffenheit verliebten Gedankenpolizisten, die jeden Mitmenschen erst einmal unter Generalverdacht stellen, bis ein jeder von uns sich aus einer falsch verstandenen Korrektheit in innerer Selbstzensur langsam zerfleischt und im moralinsauren Einheitsbrei auflöst.

Beängstigend.

Autor: Heike Sander

Posted in Feuilleton, Gesellschaft, Politik.