Überall Rassisten

Anna Diouf beklagt in ihrem Beitrag „Im Herzen blond“ den Alltagsrassismus, der ihr als Kind entgegenschlug und es immer noch tut. Aber ihr Rassismusbegriff ist zu weit gefasst und verstellt den Blick auf echten Rassismus – meint jedenfalls Felix Honekamp, disputata-Autor mit potenziellem Integrationsbedarf.
Sind Sie – wie ich – Katholik? Dann tut es mir leid, dann müssen Sie mit Beleidigungen, wie der, dass Sie Mitglied einer Kinderf…sekte sind, leben. Haben Sie ein konservatives Familienbild? Leider, leider müssen Sie dann damit leben, dass man Sie im Mittelalter verortet, Sie als homophob, eher noch als Nazi bezeichnet. Denn als Katholiken und Konservative gehören Sie zwar mittlerweile einer Minderheit an, die Aussagen sind auch sicher beleidigend gemeint, aber das fällt unter die freie Meinungsäußerung – ob sie einen Wahrheitsgehalt haben oder nicht? Müssen Sie dann erstens beweisen und ist zweitens sowieso egal: Sie stehen auf der falschen Seite!

Wer sich beleidigt fühlt, hat Recht

Was anderes ist es, wenn Sie einer medial geschützten Minderheit angehören – dann dreht sich die Beweislast plötzlich um: Das Gefühl, beleidigt, unangemessen angesprochen oder ungerecht behandelt worden zu sein, reicht. Wer – so könnte man sagen – sich beleidigt fühlt, hat Recht! Und da das im Einzelfall dann doch ein bisschen absurd daherkommt, muss dafür ein Begriff her, den man auch schnell gefunden hat: Mikroaggression! Damit sind winzige übergriffige Äußerungen in der Kommunikation gemeint, eigentlich alltägliche Äußerungen, die an die andere Person abwertende Botschaften senden, welche sich auf deren Gruppenzugehörigkeit beziehen (so definiert es Wikipedia). Ob sie beleidigend gemeint sind, ist nicht entscheidend; wichtiger ist, dass man mit ein bisschen Interpretationsaufwand daraus eine Beleidigung ableiten kann.

„Wo kommen Sie denn her?“ – Diese Frage war bis vor kurzem noch ein recht unverfänglicher Small-Talk-Einstieg. „Ach, aus Untertupfing, da hatte ich mal einen Onkel zu wohnen …“ Bei den Vertretern der Mikroaggression – also denen, die Mikroaggressionen immer und überall wittern – kann eine solche Frage aber schon eine Falle sein, nämlich dann, wenn Sie sie einem Menschen mit anderer Hautfarbe, Sprache oder Kleidung stellen. Dann unterstellen Sie nämlich vermutlich (!), dass es sich bei diesem Menschen um einen „Andersartigen“ handelt, was gleichzeitig vermutlich (!) eine gewisse Minderwertigkeit insinuiert – so jedenfalls die Theorie.

Wenn der erste Vorwurf entkräftet ist, wird weiter „gedreht“

Auf diese Weise wird derzeit versucht, die Causa Gauland/Boateng, die eigentlich eher eine Causa FAZ ist, doch noch zu einem Diskriminierungsfall umzudeuten: Denn AfD-Vize Alexander Gauland hat angedeutet, dass es sich bei Boateng um ein Beispiel „erfolgreicher Integration“ handele. Dabei ist Boateng Sohn einer deutschen Mutter und eines ghanaischen Vaters, in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen – muss sich so jemand bescheinigen lassen, er sei gut integriert? Hat man ihn oder hat er sich integrieren müssen, oder sind es – so könnte man polemisch fragen – nicht eher die völkischen Putinversteher, die nicht in Boatengs Nachbarschaft wohnen wollen, die Integrationsbedarf haben?
Mal abgesehen davon, dass im zugrunde liegenden FAZ-Gespräch die beiden Redakteure selbst den Namen Jerome Boateng als Beispiel der Integration eingeführt haben, was insofern ein Form des verkappten Rassismus dieser Redakteure darstellt: Kann es sein, dass man bei der obigen Argumentation irgendwo falsch abgebogen ist?

Der Begriff der Integration bezieht sich meist auf Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem dann, wenn die kulturellen Unterschiede deutlich zu bemerken sind. Diese Abgrenzung ist ziemlich schwammig, weil man beispielsweise die Frage stellen kann, ob sich die Problematik der Integration bei nach Deutschland einwandernden Schweizern oder Österreichern – unzweifelhaft auch Migranten – genau so stellt wie bei Menschen aus dem afrikanischen oder asiatischen Kulturraum. Genau so kann man die Frage stellen, ob denn der Begriff der „gelungenen Integration“ nicht implizit einen angenommenen vorherigen Mangel bescheinigt: Der Andere, „das Andere“ am Anderen war irgendwie defizitär, darum wurde die Integration erst notwendig.

Integration ist eine Mehr-Generationenaufgabe

Zweifellos stellt aber „das Andere“ Herausforderungen an eine ansonsten in dieser Hinsicht homogene Gemeinschaft. Die Hautfarbe sollte dabei, wenn überhaupt, nur die geringste Rolle spielen, sie gilt aber weithin als Indiz der – zunächst mal wertfreien – Andersartigkeit in Fragen der Sprache, der Religion oder des kulturellen Hintergrunds. Darf man also bei einem Menschen mit dunkler Hautfarbe und einem fremd klingenden Namen nicht vereinfachend davon ausgehen, dass es sich dabei um einen „Fall“ von Migrationshintergrund handelt? Im Großteil der Fälle wird man damit ja richtig liegen: Die Boatengs dieser Welt stammen eben in der Mehrzahl nicht aus dem Schwarzwald.

Dazu kommt, dass es gerade bei Migranten der zweiten und dritten Generation heute zu Problemen kommt, die man von ihren Eltern und Großeltern nicht kannte: Es mag durchaus mit sozialen Verwerfungen zu tun haben, die man den heute jugendlichen Deutschen zugemutet hat, deren Eltern beispielsweise türkischer Abstammung sind, die dazu führen, dass sie sich beispielsweise auf die Herkunft ihrer Vorfahren oder die islamische Religion „rückbesinnen“. Egal was aber der Grund dafür sein mag, deutlich wird dabei aber vor allem eines: Integration ist oft nicht nur eine Ein-Generationen- sondern eine Mehr-Generationen-Aufgabe. Und ich gebe zu: Eine Aufgabe ebenso der Zuziehenden wie der aufnehmenden Gesellschaft – was Stoff für ein ganz eigenes Thema gäbe.

Ein Irrtum in der Sache ist noch keine Beleidigung

Direkt eine Beleidigung oder Zurücksetzung zu unterstellen, nur weil jemand in Kenntnis des Namens und der Hautfarbe eines Fußballspielers auf einen Migrationshintergrund schließt, und aufgrund dessen Status ihn als Beispiel gelungener Integration betrachtet, ist deshalb einfach nicht sachgerecht – eher wohl ein Produkt der Pflege eines Minderheitenstatus; nicht selten von Deutschen im Bemühen, selbst nicht als Rassist zu gelten. Äußerungen wie die von Herrn Gauland oder der beiden FAZ-Redakteure in einen Zusammenhang mit wirklichen rassistischen Formulierungen zu stellen, wenn jemand zum Beispiel tatsächlich einen Menschen anderer Herkunft nicht in seiner Nachbarschaft wohnen haben möchte, führt darum die Absurdität des Konzepts der Mikroaggression vor Augen.

Ich erlebe dabei an mir selbst, dass solche Konzepte ihre Wirkung bereits entfalten: Im Rahmen der Berichterstattung Gauland/Boateng stand ich kürzlich am Kölner Hauptbahnhof neben einem offenbar – aus Hautfarbe und Kleidung geschlossen – schwarzafrikanischen Ehepaar, die sich auf Englisch unterhielten. Kurz habe ich überlegt, zu fragen, was sie denn von der ganzen Geschichte halten. Und es ging tatsächlich die Schere in meinem Kopf los: Ist es nicht ein Affront, sie anzusprechen mit keinem anderen Anlass als ihrer Hautfarbe und ihres fremdländischen Äußeren? Ein „weißes“ Ehepaar hätte ich jedenfalls nicht angesprochen, da sie vermutlich nicht betroffen wären. Was ich sagen will: Zu der natürlichen Hemmung, Menschen am Bahnhof einfach so auf politische Themen anzusprechen, gesellte sich die Hemmung, eine (Mikro) Aggression ausstrahlen zu können. Ich habe sie also nicht angesprochen, und frage mich jetzt, abgesehen von ihrer Meinung zu dem Thema, ob das nicht auch das Ergebnis ihrer Hautfarbe und insofern ebenfalls rassistisch war. Da bräuchte ich selbst ein paar Schleifen im Hirn, bis ich das für normal halten könnte.

Eine Frage kann auch schlicht ein harmloses und erhliches Interesse zeigen

Ich will damit nicht in Abrede stellen, dass es durchaus für den einzelnen Menschen nervig und anstrengend sein kann, wenn er aufgrund seiner Hautfarbe oder seiner Kleidung oder aufgrund welcher Merkmale auch immer, gefragt wird, wo er denn herkomme, ob er deutsch spreche und wie es ihm hier gefalle. Und es mag auch ärgerlich sein, dass man als in Deutschland Geborener mit eben solchen Merkmalen, dessen „Integration“ bereits vor mindestens einer Generation abgeschlossen war, trotzdem in einen Topf geworfen wird mit Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis stammen oder deren Integration sich als komplexer herausstellt. Aber kann man aus solchen Fragen nicht auch einfach ein harmloses und ehrliches Interesse herauslesen?

Dahinter direkt eine verdeckte Aggression und einen bösen Willen zu vermuten, eine – bewusste – Beleidigung daraus zu konstruieren, zeigt lediglich, dass es sich beim Konzept der Mikroaggression um einen Auswuchs der Political Correctness handelt, in deren zeitlichem Zusammenhang diese Idee auch entwickelt wurde. Ein offener Austausch über Problematiken der Migration und der Integration wird durch derartige Sprach- und Verhaltensbarrieren beinahe verunmöglicht, weil das Vokabular ausgeht, das nicht zumindest in einem Mindestmaß als beleidigend interpretiert werden kann.

Uns dürfen nicht die Worte fehlen, um Interesse am Andersseienden zu bekunden

Um es noch mal deutlich zu machen: Die Aussage, dass man einen Andersaussehenden nicht in seiner Nähe wohnen haben will, ist Rassismus. Die Frage, was es mit dem Andersaussehen auf sich hat, ist es nicht – nicht mal im Mikromaßstab! Mir ist schon klar, dass ich mich für Vertreter des Mikroaggressionskonzepts damit selbst als fieser Rassist oute, der – unbeleckt einer Ahnung, was es heißt, als Mensch mit anderer Hautfarbe in diesem Land aufzuwachsen – meint beurteilen zu können, wann dieser sich beleidigt oder angegriffen fühlen darf und wann nicht. Mit dieser Einschätzung werde ich wohl leben müssen und mich trotzdem dafür einsetzen, dass uns nicht plötzlich die Worte fehlen, um ein positives Interesse am Anderen, auch am Andersaussehenden, zu bekunden. Ein solches Interesse nicht mehr zum Ausdruck bringen zu können aus Angst, ungewollt zu beleidigen, hindert, den Anderen zu verstehen und fördert – viel mehr als unbedachte Äußerungen – den Rassismus!

Autor: Felix Honekamp

Zum Thema hat sich auch unsere Autorin Anna Diouf mit einem eigenen Beitrag zu Wort gemeldet:

Im Herzen blond

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